Ehrenwerte Familien

1. March 2015 - 0:00 | von Bernhard Bartsch

LP-Länderporträt 1, März-Juni 2015, S. 56-59

Kategorie: Politische Kultur, Japan

Einst war der Schulterschluss der Eliten Teil des Modells, mit dem Japan zur Wirtschaftsmacht aufstieg. Doch was für die ökonomische Aufholjagd der Nachkriegszeit ein Erfolgsrezept war, erweist sich heute als Bremsklotz für ein Land, das seine Wirtschaft umstrukturieren und soziale Interessen neu austarieren muss.

Shinzo Abe erzählt gerne von seinem Großvater. Nobusuke Kishi, der Vater seiner Mutter, war eine schillernde Persönlichkeit, der nicht nur seinen Enkel prägte, sondern auch seine Zeit. In den zwanziger Jahren reiste Kishi als junger Beamter nach Weimar, um von Deutschlands industrieller Modernisierung zu lernen. In den Dreißigern organisierte er für die japanischen Besatzungskräfte in der Mandschurei den Abbau chinesischer Rohstoffe. In den Vierzigern diente er im japanischen Kabinett als Wirtschaftsminister. Nach Kriegsende wurde Kishi drei Jahre als mutmaßlicher Kriegsverbrecher eingesperrt, dann aber ohne Anklage freigelassen, sodass er seine Laufbahn fortsetzen konnte. 1957 wurde er Premierminister und kämpfte während seiner dreieinhalb Jahre langen Amtszeit für die Änderung der Friedensverfassung und für Japans Wiederaufrüstung. Dass sein Enkel Shinzo Abe heute die gleichen Ziele verfolgt, gilt vielen als Zeichen, dass der Regierungschef eine alte Familiengeschichte zu Ende bringen will.

Warum auch nicht? Viele von Abes Amtsvorgängern leiteten ihre politische Rolle aus ihrem Stammbaum ab. Die vergangenen sechs Vorsitzenden von Abes Liberaldemokratischer Partei (LDP), die in Japan seit 1955 mit nur zwei kurzen Unterbrechungen regiert, waren Nachkommen mächtiger Politiker. Von den sieben Premiers, die Japan seit 2001 – meist kurz und erfolglos – regiert haben, waren fünf die Nachfahren von Regierungsmitgliedern. Die beiden Ausnahmen gehörten zur oppositionellen Demokratischen Partei Japans (DPJ), die zwischen 2009 und 2012 an der Macht war und in dieser Zeit allein drei Premiers verbrauchte.

  • Junichiro Koizumi (LDP), Premier von 2001 bis 2006, erlangte seine Position als Politiker dritter Generation. Sein Großvater war Postminister (und Bandenführer der Yakuza, der japanischen Mafia), sein Vater Generaldirektor im Verteidigungsministerium. 2009 vererbte Koizumi seinen Parlamentssitz seinem Sohn, ein in der LDP übliches Verfahren.
  • Shinzo Abe versuchte sich 2007 ein erstes Mal als Premier, musste ein Jahr später aber angesichts katastrophaler Umfragewerte zurücktreten. Später begründete Abe seinen Rücktritt mit einer stressbedingten Darmkrankheit, die ihn gezwungen habe, Sitzungen ständig für Toilettengänge zu unterbrechen.
  • Yasuo Fukuda (LDP, 2007–2008) war der Sohn eines Premierministers.
  • Taro Aso (LDP, 2008–2009) war der Enkel eines früheren Regierungschefs und der Schwiegersohn eines anderen.
  • Yukio Hatoyama, der 2009 die Demokraten zum Sieg führte, war selbst ein LDP-Gewächs. Sein Großvater war Premier, sein Vater Außenminister. Hatoyama hielt sich knapp neun Monate im Amt. Ihm folgten zwei Quereinsteiger:
  • Naoto Kan (DPJ, 2010–2011), Jurist, begann seine Karriere als politischer Aktivist, der sich für einen stärkeren Sozialstaat einsetzte. Die chaotische Reaktion der Regierung auf die Fukushima-Katastrophe beendete seine Karriere.
  • Yoshihko Noda (DPJ, 2011–2012), Sohn eines Soldaten, finanzierte sich sein Wirtschaftsstudium als Gas-Ableser und wurde als einer von wenigen Elitenaußenseitern am privaten „Matsushita Institut für Regierung und Management“ aufgenommen, einer Kaderschmiede für viele Spitzenpolitiker.
  • 2012 kamen die Liberaldemokraten unter dem dank neuer Medikamente von seiner Darmkrankheit kurierten Shinzo Abe wieder an die Macht.

Dass politische Systeme ihr Spitzenpersonal aus Familiendynastien beziehen, ist nicht ungewöhnlich, auch nicht in Demokratien. Doch in wenigen demokratischen Staaten sind die familiären Netzwerke so einflussreich wie in Japan, und in kaum einem anderen Land tragen Politiker ihr Machterbe so selbstbewusst vor sich her. Laut einer Studie der privaten Tokyo Foundation waren 2009 rund 40 Prozent der liberaldemokratischen Parlamentarier Nachkommen von Politikern. Bei den oppositionellen Demokraten waren es immerhin noch 20 Prozent. Im US-Kongress lag der Wert nur bei 5 Prozent.

Einst war der Schulterschluss der Eliten Teil des Erfolgsmodells, mit dem Japan nach der desaströsen Niederlage im Zweiten Weltkrieg schnell wieder zur regionalen Wirtschaftsmacht aufstieg. Ihre einzige Ideologie war der ökonomische Fortschritt, und in vielen einflussreichen Familien bedingten sich politische und wirtschaftliche Macht gegenseitig. In Tokio hielt das Superministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) die Fäden für den Wiederaufbau in der Hand. Wichtige Entscheidungen wurden zwischen den Clans ausgehandelt, von der Förderung neuer Branchen wie der Elektro- oder Computertechnik über den Bau großer Infrastrukturprojekte wie dem Schnellzug Shinkansen bis zur lange Zeit protektionistischen Handelspolitik. Vertrauen und Verlässlichkeit waren dabei effektiver als starre Gesetzes- und Regelwerke.

Auch die Konzerne waren patriarchalisch organisiert. Treue war Trumpf: Arbeiter opferten ihren Arbeitgebern den größten Teil ihres Lebens und konnten sich im Gegenzug darauf verlassen, dass ihre Konzernführung in erster Linie dem Wohl der Belegschaft diente. Damit konnten japanische Unternehmen besser, schneller, flexibler und preiswerter produzieren als westliche Konkurrenten. „Developmental State“ nannte der amerikanische Politologe Chalmers Johnson das japanische System, das bald zum Vorbild für Schwellenländer wie Südkorea, Taiwan und Singapur wurde.


Inzucht der Ideen und Interessen

Doch in Japans Erfolgsmodell steckte auch der Keim seines Endes. Das System des vertrauten Miteinanders förderte nicht nur schnelle, sondern auch schlampige und ineffiziente Entscheidungen: Banker vergaben Kredite, weil menschlich alles stimmte, auch wenn unternehmerisch vieles im Argen lag. Die Unternehmen wirtschafteten auf Pump. Ende der achtziger Jahre war das Spiel plötzlich aus. Japan rutschte in eine Immobilien- und Bankenkrise. Um Banken und Konzerne vor der Pleite zu bewahren, unterstützte die Regierung sie mit gigantischen Summen. War Japan zu Beginn der Krise fast schuldenfrei, ist der Schuldenberg inzwischen auf das Doppelte des BIP gestiegen.

Die wirtschaftliche Krise war auch eine politische. 1993 verlor die LDP erstmals die Macht. Reformstimmung lag in der Luft. Doch die Hoffnung verflog schnell. Auch ohne Mehrheit im Parlament dominierten die Liberaldemokraten das politische Geschehen. Schließlich saßen in der gesamten Bürokratie LDP-Getreue. Nach nur einem Jahr waren die Liberaldemokraten wieder an der Regierung. Doch die alte Durchschlagskraft war dahin. Die Strukturen, die für eine ökonomische Aufholjagd gut funktioniert hatten, erwiesen sich als schlecht geeignet für ein Land, das seine Wirtschaft umstrukturieren und soziale Interessen neu austarieren muss. Einem ersten verlorenen Jahrzehnt folgte ein zweites.

Die Unzufriedenheit mit der Regierung wuchs. Die Öffentlichkeit begann, sich über sogenannte „botchan“-Politiker zu echauffieren, die ihren Parlamentssitz nur ihren Vätern verdankten. Politologen bemängelten, dass das System eine Inzucht der Ideen und Interessen fördere, die Japan um seine Reformfähigkeit bringe und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstöre. Das Wort von der „Nagatacho-Logik“ machte die Runde, benannt nach Tokios Regierungsviertel, das seinen eigenen Gesetzen folgt. Auch damit steht Japan nicht allein: In den USA wird ebenfalls gegen Washington gewettert und in Deutschland gegen Berlin. Doch in Japan erscheint der Kitt des Systems noch fester. So sind mehr als die Hälfte der Präfekturgouverneure ehemalige Angestellte von Tokioter Ministerien. Ihre Karriere verdankten sie oft der guten Zusammenarbeit mit Unternehmen, die sie dann in der Heimatpräfektur unterstützen.

Als sich 2009 die zweite Abwahl der Liberaldemokraten abzeichnete, versuchten diese, sich im letzten Moment doch noch erneuerungsfähig zu zeigen. Da die DPJ im Wahlkampf angekündigt hatte, in ihren Reihen keine Vererbung von Parlamentssitzen mehr zu dulden, nahm auch die LDP ein solches Versprechen in ihr Programm auf. Die LDP verlor trotzdem (auch, weil sie weiterhin in vielen Wahlkreisen Ämtererben aufgestellt hatte). Doch der politische Wechsel war abermals nicht von Dauer, und als die Liberaldemokraten 2012 erneut in den Wahlkampf zogen, hatten sie die Anti-Erbklausel wieder aus dem Programm gestrichen. Man werde „nur schreiben, was wir auch halten können“, erklärte Spitzenkandidat Shinzo Abe.

Gut zwei Jahre und eine weitere Wahl später ist Abe der erste Ministerpräsident seit Koizumi, der sich immerhin zwei Jahre im Amt hat halten können. Auf seine Familie ist er stolz wie eh und je. Präsident Obama schenkte er einen Golfschläger, den sein Großvater bei einem Spiel mit Präsident Eisenhower benutzt hatte. Als er für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio warb, erzählte er den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees, wie Kishi 1964 an der Ausrichtung der ersten Olympiade in Tokio beteiligt gewesen sei. Mit einer absoluten Mehrheit im Parlament ausgestattet, will er nun das große Projekt seines Großvaters vollenden, Japan wieder zu einem Land zu machen, das in der Welt selbstbewusst auftreten kann – mit einer eigenen Armee, die nicht nur der Selbstverteidigung dienen darf.

Ein politischer Vorfahre, den Abe nicht so gerne erwähnt, ist sein Großonkel Eisaku Sato. Der jüngere Bruder seines Großvaters Nobusuke Kishi war ebenfalls Premierminister (1964–1972). Doch anders als sein Bruder war Sato kein Verfechter der Wiederaufrüstung. Stattdessen setzte er sich auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges für die Nichtverbreitung von Atomwaffen ein, wofür er 1974 als erster Asiate den Friedensnobelpreis erhielt.

Mit Stolz erwähnen wird Shinzo Abe seinen Onkel wohl frühestens Ende 2019, vorausgesetzt, er ist dann noch im Amt. Dann hätte er Sato als am längsten dienender Premier überholt. Doch bevor es dazu kommt, warten womöglich noch einige andere Erben mächtiger Männer auf ihren Platz in den Geschichtsbüchern.


Bernhard Bartsch ist Senior Project Manager im Programm „Deutschland und Asien“ der Bertelsmann Stiftung. Zuvor lebte er zehn Jahre als Ostasien-Korrespondent in Peking.
 

 
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