Fallstricke der Erinnerung

In Litauens Hauptstadt sind die Spuren des Totalitarismus noch gegenwärtig

2. March 2018 - 0:00 | von Marko Martin

Internationale Politik 2, März-April 2018, S. 128 - 129

Kategorie: Politische Kultur, Litauen

„In Wilna entweicht die Zeit durch die Tür“, schrieb der russische Dichter Joseph Brodsky, ehe er vom Sowjetregime ins amerikanische Exil gedrängt wurde. Tatsächlich spiegeln sich im einst polnischen Wilna, seit nunmehr einem Jahrhundert unter dem Namen Vilnius die Hauptstadt Litauens, historische Erinnerung und Vergesslichkeit auf geradezu einmalige Weise.

Henning Kettel

Dies betrifft vor allem den Umgang mit zwei Formen des Totalitarismus: Im Juni 1940 marschierte im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes die Rote Armee ein, das Land wurde zur „Litauischen Sowjetrepublik“ und die stalinistischen Massendeportationen begannen. Diese endeten ein Jahr später mit dem Einmarsch der Deutschen, die deshalb von zahlreichen Litauern anfangs als Befreier begrüßt wurden – wobei sich Unzählige den neuen Herren als willige Helfer bei der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung andienten. Innerhalb weniger Monate waren bereits Zehntausende litauischer Juden ermordet; 1943 hatten die deutschen Besatzer schließlich auch das Ghetto von Wilna gewaltsam aufgelöst. Dessen Geschichte wurde durch Joshua Sobols Drama „Ghetto“ späterhin weltberühmt, doch scheint es, dass diese historischen Verknüpfungen im Gedächtnis der heutigen Stadt keine besondere Rolle spielen.

Dabei ist das gegenwärtige Vilnius alles andere als ein Ort mürrischer Selbstbezogenheit. Von auswärtigen Besuchern gern als „Baby-Prag“ bezeichnet, erinnert das Geflecht aus gewundenen, idyllischen Gassen, Hügeln, Brücken und berückenden Kirchen tatsächlich ein wenig an die Moldau-Metropole. Glücklicherweise aber fehlen betrunkene Massentouristen in der liebevoll restaurierten Altstadt, die längst wieder ein europäisches Schmuckstück geworden ist. Gewiss ist es nicht dem seit März 1990 nun wieder unabhängigen Litauen anzulasten, dass an das einst stadtprägende jüdische Viertel fast nichts mehr erinnert. Nach der Vertreibung der Nazis waren die Sowjets zurückgekehrt und hatten prompt alle Restbauten des Ghettos einschließlich der Synagogen gesprengt; später folgte die Einebnung der jüdischen Friedhöfe. Und wieder begannen die Deportationen nach Sibirien oder an das nördliche Eismeer.

An die während des Transports Verhungerten oder danach in unwirtlichem Klima Zugrundegegangenen erinnert heute eine Dauerausstellung im wuchtigen ehemaligen KGB-Gebäude am Gedimino-Boulevard, das zuvor bereits als Gestapo-Zentrale gedient hatte. Wer durch die im Original erhaltenen Verhörräume läuft und die zahlreichen Opfer- und Täter-Biografien liest, bekommt eine Ahnung von diesem schrecklichen Verbrechen. Dennoch ist es irritierend, dass das Haus den Namen „Genozid-Museum“ trägt. Wäre der 100. Jahrestag der Staatsgründung nicht ein guter Anlass für öffentliche Debatten, die jenseits von kaltherziger Relativierung an die Tatsache erinnern, dass man als so genannter „bürgerlicher Litauer“ aus sowjetischer Verbannung mitunter zurückkehren konnte, als litauischer Jude unter den Nazis dagegen nicht die geringste Überlebenschance hatte? Im Museum ist dem Holocaust ein einziger Raum gewidmet, der den Massenmord korrekt beschreibt, die einheimische Mittäterschaft allerdings eher verklausuliert.

Im einstigen jüdischen Viertel werden inzwischen wieder Gottesdienste in einer Synagoge gefeiert. Auch gibt es ein opulentes, vom Staat gefördertes „Museum der Toleranz“, das an die Tradition der jüdischen Aufklärung erinnert. Mit nur ganz geringen Finanzmitteln ausgestattet ist hingegen das auf einem kleinen Hügel gelegene „Holocaust-Museum“; nur zwei litauische Schulklassen haben es im vergangenen Jahr besucht.

Ins ehemalige KGB-Haus strömen derweil ungleich mehr Besucher – was zum Teil verständlich ist angesichts der Tatsache, dass es in nahezu jeder litauischen Familie Deportierte gab und das traumatische Geschehen bis zur erneuten Unabhängigkeit 1990 nur flüsternd im Privaten thematisiert werden durfte. Und dennoch. Gerade die überall in Vilnius zu spürende Freundlichkeit sowie entschiedene Pro-EU- und NATO-Gestimmtheit werfen die Frage auf, ob es nicht an der Zeit wäre, eine gesellschaftliche Debatte über solcherart geteiltes Gedenken zu beginnen.

Es gibt vielleicht schon hoffnungsvolle Zeichen: Die Treppen, die vom Ufer des Vilnia-Flusses hoch in die Altstadt führen, sind nach Czeslaw Milosz benannt, dem 1911 in der Stadt geborenen polnischen Literaturnobelpreisträger. Der Autor des „Verführten Denkens“ war ein luzider Analytiker des roten und braunen Totalitarismus. In seinen Gedichten und Essays hatte er immer wieder die Shoa thematisiert und der alten Frage: „Kain, wo ist Dein Bruder Abel?“ universelle Bedeutung zugesprochen. Es ist ermutigend, dass man in Vilnius auf ihn genauso stolz ist wie auf dessen 1937 in Klaipeda geborenen litauischen Dichterfreund Tomas Venclova, auch er vom kommunistischen Regime ins Exil getrieben, auch er ein ironischer Nicht-Nationalist –und ebenfalls ein Bewunderer dieses vertrackt-einmaligen Vilnius. Genug ­Potenzial für die Zukunft.

Marko Martin lebt, sofern nicht auf Reisen, als Schriftsteller in Berlin. Soeben ist seine Monographie „Nelson Mandela“ ­erschienen (Reclam).

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