Gefährlicher Nachbar

Der „Islamische Staat“ sitzt an Israels Grenzen

1. March 2015 - 0:00 | von Silke Mertins

Internationale Politik 2, März/April 2015, S. 105-109

Kategorie: Terrorismus, Sicherheitspolitik, Israel

In Syrien und im Sinai hat sich die Terrormiliz IS festgesetzt. Das bedeutet für den jüdischen Staat ein ganz neues Bedrohungsszenario. Doch viele Sicherheitsexperten hängen weiter den altbekannten Feinden nach. Denn derzeit ist Israels Vernichtung nicht oberste Priorität für den „Islamischen Staat“ (IS). Noch nicht.

Auf den Golanhöhen weht ein rauer Wind. Die beiden kanadischen Blauhelmsoldaten auf dem Berg Bental reiben sich die Hände und laufen im Schützengraben immer wieder ein paar Schritte auf und ab, um sich aufzuwärmen. Viele Jahre ist die Beobachtermission der Vereinten Nationen auf dem von Israel annektierten Golan einer der langweiligsten Jobs der Welt gewesen. Vor ihnen ragt der Hermon in den Himmel, mit über 2800 Metern der höchste Gipfel. Die sich südlich erstreckende Grenze zu Syrien war völlig ruhig.

Damit ist es inzwischen vorbei. In jüngster Zeit bekommen die Blauhelme tatsächlich eine Menge zu sehen. Direkt vor ihren Augen auf syrischer Seite liefern sich die Truppen des Diktators Baschar al-Assad, unterstützt von iranischen Eliteeinheiten, beinahe täglich schwere Gefechte mit der extremistischen Al-Nusra-Front – dem Al-Kaida-Ableger in Syrien. Immer wieder landen dabei auch Geschosse auf israelischer Seite, teils beabsichtigt, teils versehentlich. Erst im Januar hat Israel deshalb syrische Stellungen jenseits der Grenze angegriffen.

Die UN-Soldaten auf der syrischen Seite wurden nach Angriffen und Entführungen der Al-Nusra bereits vergangenes Jahr abgezogen. Eine Pufferzone durch die Blauhelme existiert dort nicht mehr.
„Wir sehen sehr oft Rauch aufsteigen, wir hören die Schüsse und den Gefechtslärm“, sagt einer der beiden Kanadier. Es klinge ziemlich nah. Durch ein fest montiertes Fernrohr wie auf einer Aussichtsplattform können die Blauhelme sich die Lage auch im Detail ansehen. Für die Berichte.

Die Israelis beobachten das Geschehen jenseits der Grenze allerdings mindestens so aufmerksam wie die Vereinten Nationen. Bisher hat sich der jüdische Staat weitestgehend herausgehalten aus den Aufständen und Bürgerkriegen in der arabischen Welt. Einiges hat sich, zumindest vorübergehend, sogar zu Israels Vorteil entwickelt. So konzentriert sich die Hisbollah längst nicht mehr so auf Israel wie noch vor zwei Jahren. Sie ist inzwischen viel zu sehr in den syrischen Bürgerkrieg verwickelt, um noch Zeit für ausgedehnte Angriffe auf das „zionistische Gebilde“ zu haben. Für mehr als Grenzscharmützel wie im Januar fehlen der Miliz die Kapazitäten. Und Hisbollah-Kommandanten, die in Syrien kämpfen, sagen offen, Israel sei momentan nicht mehr Nummer eins im Ranking der ärgsten Feinde. Das seien nun die sunnitischen Dschihadisten. Erstmals sind durch den IS schiitische Heiligtümer in Syrien und im Irak bedroht. Die zu verteidigen, hat oberste Priorität.


Nur eine Frage der Zeit

Doch auch für Israel hat sich die strategische Lage verändert. Denn im Norden wie im Süden ist der „Islamische Staat“ ein neuer Nachbar geworden. Auf der Sinai-Halbinsel hat sich die aktivste Dschihadisten-Gruppe, Ansar Bayt al-Maqdis, im vergangenen November zum IS bekannt. In einer Audiobotschaft verkündete ein Sprecher der Gruppe den Entschluss und schwor dem IS-Terrorchef Abu Bakr al-Bagdadi die Treue. Gleichzeitig wurde der Kampf gegen den jüdischen Staat als wichtigstes Ziel beschrieben. Der Sinai ist ein sicherheitspolitisches Vakuum. Der ägyptische Staat übt kaum Kontrolle und Einfluss aus. Das riesige Wüstengebiet, das während der israelischen Besatzungszeit und auch noch lange danach ein beliebtes Urlaubsziel der Israelis war, gilt heute als die Achillesferse Ägyptens.

Nördlich von Israel, in Syrien und im Irak, ist der „Islamische Staat“ bereits auf einem erschreckend großen Gebiet Realität geworden. Dass die Terrormiliz die Stadt Kobane an der türkischen Grenze nicht halten konnte, ändert nichts an der grundsätzlichen Bedrohungslage. Nahe Israel hält zwar bisher „nur“ die Al-Kaida-nahe Nusra-Front die Stellung. Doch da sich der IS als Konkurrenz zu Al-Kaida versteht, hat er sich zur Aufgabe gemacht, der Nusra-Front Territorium abzujagen und an ihre Stelle zu treten. Bis Bagdadis Truppen auch an israelischen Grenze stehen, ist deshalb letztlich nur eine Frage der Zeit und der Prioritätensetzung.

Was Israelis erschreckt, sind vor allem die Popularität der IS-Terrormi- liz unter jungen Muslimen im Westen und das enorme Kommunikationsgeschick der skrupellosen Dschihadisten. „Die Nutzung sozialer Medien und Videos als Propagandawerkzeug ist das Cleverste seit Leni Riefenstahl“, sagt Emmanuel Nahshon, Sprecher des israelischen Außenministeriums. Gelänge es dem IS, den syrischen Staat zu übernehmen, wäre das ein „katastrophaler Moment“, warnt auch Eran Lerman vom Nationalen Sicherheitsrat in Israel. „Deswegen beobachtet Israel jede Bewegung. Wir sind in Alarmbereitschaft, auch wenn im Moment nichts Konkretes vorliegt.“

Noch konzentriert sich der IS darauf, andere Muslime zu massakrieren und den Islam „zu reinigen“. Vor allem die Schiiten sind dabei im Visier des IS. Nahshon vergleicht das grausame Gebaren des IS mit den Kreuzzügen. „Das Christentum war in dem Alter genauso verrückt.“

Doch die gnadenlose Verfolgung von Minderheiten wie Jesiden und Christen im Irak zeigt bereits, dass es um mehr geht als den Kampf unter Muslimen um den „wahren Islam“. Der IS will langfristig expandieren. Die „Staatsgründung“ der Terrormiliz im Irak und in Syrien ist erst der Anfang eines angestrebten Eroberungsfeldzugs. Dass das Territorium Israels ebenfalls zu den beanspruchten Gebieten gehört, lässt sich schon an dem Namen ablesen, der vor „IS“ im Umlauf war: ISIL – Islamischer Staat im Irak und in der Levante, wozu auch Israel zählt.


„Der lange Arm“ des Iran

Dennoch sind die meisten israelischen Außen- und Sicherheitsexperten noch gelassen. „Wir sind relativ sicher, weil wir nicht oben auf ihrer Agenda stehen“, so Nahshon. Er hält wie die meisten Experten nach wie vor den Iran für die größte Bedrohung des jüdischen Staates. Hinzu kommen diejenigen, die als „der lange Arm“ des Iran angesehen werden: die schiitische Hisbollah im Südlibanon und die sunnitische Hamas im Gaza-Streifen. Dies sind die Feinde, die man eben kennt und an die man sich gewöhnt hat.

Diese Haltung basiert auf der israelischen Überzeugung, dass nur ein anderer Staat eine ernste Bedrohung sein kann, nicht aber eine Terrororganisation. „Mit Terror kommen wir klar. Terror ist die Waffe der Schwachen“, bringt Efraim Inbar, Direktor des Begin-Sadat Center for Strategic Studies, diese typisch israelische Sichtweise auf den Punkt. Die USA schätzen die Gefahr des IS größer ein. Washington könnte, befürchtet Israel, bei den Nuklearverhandlungen sogar Zugeständnisse an den Iran machen, damit Teheran sich an der Bekämpfung des IS beteiligt. Mag sein, dass dieses gemeinsame Interesse Amerikaner und Iraner tatsächlich näher bringt. Allerdings muss der Iran nicht erst überzeugt werden, im Gegenteil.

Für den Iran ist es ungleich wichtiger als für Amerikaner oder Europäer, den IS-Terror zurückzudrängen. Schließlich bedroht Bagdadi die heiligsten Stätten des Schiitentums im Südirak: Nadschaf, wo die Grabmoschee von Mohammeds Schwiegersohn Ali steht, dem aus Sicht der Schiiten rechtmäßigen Nachfolger des Propheten. Und vor allem Kerbala. In einer blutigen Schlacht haben dort die Gefolgsleute des „Thronräubers“ Abu Bakr nach schiitischer Geschichtsschreibung Alis Sohn Hussein niedergemetzelt. Kerbala ist die Geburtsstätte des Schiitentums. Sie zu verlieren, wäre – auf den christlichen Kontext übertragen – als würde Jesus ein zweites Mal ans Kreuz genagelt. Und es ist gewiss kein Zufall, dass der IS-Terrorchef sich wie der erste Kalif „Abu Bakr“ nennen lässt.

In Israel indes liegt der Tempelberg oder Haram al-Sharif. Es ist die drittheiligste Stätte des Islam – theoretisch für alle Muslime, faktisch aber vor allem für die Sunniten. Gerade deshalb sind die immer wieder aufflammenden Unruhen rund um den Tempelberg so gefährlich. Die israelische Regierung hat jegliche Versuche nationalreligiöser Juden, auf dem Areal zu beten, strikt unterbunden. Nüchtern betrachtet geht es vielleicht nur darum, ob auf dem etwa 20 Fußballfelder großen Gelände des Haram al-Sharif nicht ein kleines Eckchen abgezwackt werden könnte, wo auch Juden beten dürfen. Doch wer ist schon nüchtern im Nahen Osten? Gewinnt die religiöse Komponente an Bedeutung, geht es nicht mehr nur um Israelis und Palästinenser. Es könnte sich zu einem Konflikt unter religiösen Vorzeichen auswachsen. Und ein heraufbeschworener Religionskrieg ruft möglicherweise sogar den IS auf den Plan.

Unter Palästinensern ist bisher wenig von IS-Anhängern bekannt geworden. Während Tausende Dschihadisten aus Europa in Syrien und Irak kämpfen, haben israelische Geheimdienste erst eine IS-Zelle ausgehoben.

Die Hamas im Gaza-Streifen würde IS-Sympathisanten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch heftiger bekämpfen als die moderatere Fatah im Westjordanland. Denn die salafistischen Gruppen, zu denen Al-Kaida und IS zählen, fordern sie offen heraus. Ihnen ist die Hamas nicht radikal genug, zumal sie auch nach sieben Jahren an der Macht keinen Gottesstaat errichtet und nicht einmal die Scharia eingeführt hat. Salafistische Gruppen, darunter beispielsweise Jaisch al-Ummah, werfen der Hamas vor, sich nicht am internationalen Dschihad zu beteiligen und den gemeinsamen Kampf zu verraten. Außerdem hätten sie sich – welch ein Frevel – auf die Demokratie eingelassen, was unvereinbar sei mit dem Islam. Die Hamas hat sich wiederum in der Vergangenheit nicht gescheut, Salafisten einzusperren und sogar in ihren Moscheen anzugreifen und zu töten.

Ein Teil dieser Salafisten aus Gaza ist in den Sinai geflohen und hat sich dort der IS-treuen Dschihadistengruppe Ansar Bayt al-Maqdis angeschlossen. Die Halbinsel ist fast drei Mal so groß wie Israel. Die Weiten der Wüsten- und Gebirgslandschaft des spärlich besiedelten Sinai bieten Gruppen, die im Verborgenen agieren, unzählige Unterschlupfmöglichkeiten.

Von den IS-Anhängern im Sinai geht deshalb zurzeit die unmittelbars- te Gefahr für Israel aus. Ägypten unter General Abdel Fattah al-Sisi bekämpft zwar ernsthafter als zuvor Waffenschmuggel und Extremistengruppen im Sinai. „Aber es ist immer noch Ägypten“, so der Sicherheitsexperte Eran Lerman. Die Sicherheit Israels hat in Kairo keine Priorität.

Der IS hat Twitter-Botschaften zufolge auch Jordanien im Visier, be- hauptet teilweise sogar, ganze Ortschaften bereits zu kontrollieren. Einen Angriff auf Jordanien, einem Verbündeten Israels und der USA, würde der jüdische Staat in jedem Fall als Angriff auf israelische Sicherheitsinteressen verstehen. Die Regierungen in Jerusalem und Washington würden Jordanien nach Kräften helfen.

Kritisch mit dem neuen Nachbarn IS wird es für Israel aber vor allem dann, wenn Bagdadi unter Beweis stellen will, dass er der wahre Erbe Osama Bin Ladens ist. Dazu bräuchte er einen aufsehenerregenden Anschlag oder Angriff auf ein prestigeträchtiges Ziel: Israel, Europa oder die USA. Mit dem Blutbad in der Redak­tion von Charlie Hebdo hat Al-Kaida gezeigt, dass sie die Führungsrolle nicht kampflos abgibt.

Der „Islamische Staat“ könnte nun versuchen, die Konkurrenz zu übertrumpfen. Ein europäisches Land ist dabei am wahrscheinlichsten, denn Hunderte ausgebildete und brutalisierte IS-Kämpfer werden über kurz oder lang in ihre europäischen Herkunftsländer zurückkehren. Sie sind Abu Bakrs langer Arm nach Europa. Nicht nur Terrorforscher, auch der jüngst aus dem Amt geschiedene Chef des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, warnt deshalb vor einer gestiegenen Terrorgefahr.


USA und Europa unter Zugzwang

Neben Anschlägen ist allerdings auch Bewegung an der nördlichen Front jederzeit möglich. Der IS hat bisher eine bemerkenswerte militärische Strategie verfolgt: Stockte es an der einen Front, strömten die dschihadistischen Truppen an eine andere, um schnelle Fortschritte zu erzielen. Im Frühjahr 2014 hätte niemand es für möglich gehalten, dass die Dschihadisten in so kurzer Zeit ein so großes Territorium erobern könnten, wie sie jetzt beherrschen. Unvorstellbar ist es deshalb auch nicht, dass der IS binnen weniger Wochen bis zur israelischen Grenze vorrückt. Ein Sprecher der Terrormiliz sagte erst vergangenen Oktober, dass Israel konfrontiert würde, wenn die Machtbasis des IS sich in „Großsyrien“ gefestigt hätte. Dass der jüdische Staat nicht ganz oben auf der Prioritätenliste steht, bedeutet folglich keineswegs, dass Israel sich in Sicherheit wiegen kann.

Israelische Regierungen verlassen sich grundsätzlich auf sich selbst, wenn es um die Landesverteidigung geht. Und der Westen möchte sich am liebsten aus dem Nahen Osten völlig heraushalten. Erst ein drohender Völkermord an den Jesiden hat für etwas Bewegung gesorgt: Die USA bomben ein bisschen, die Deutschen liefern ein paar Waffen an die Kurden. Aber der IS-Führung wie auch allen anderen Beteiligten ist völlig klar, dass Amerikaner und Europäer sich am liebsten heraushalten würden nach allem, was im Irak und in Afghanistan schief gelaufen ist.

Dennoch ist die dschihadistische Bedrohung mittlerweile so nah an die NATO-Grenze und an wichtige Verbündete wie Israel herangerückt, dass Deutschland und Europa schnell unter Zugzwang geraten könnten. Ist Israel bedroht, könnte und würde die Bundesregierung nicht untätig bleiben. Deutschland ist schon aus historischen Gründen für die Existenzsicherung des jüdischen Staates mitverantwortlich – das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel oft genug betont. Mit dem „Islamischen Staat“ als Nachbarn könnte diese Zusicherung also schnell konkrete Folgen nach sich ziehen. Die Sicherheit Deutschlands würde dann – um mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Peter Struck zu sprechen – nicht nur am Hindukusch, sondern auch auf dem Golan verteidigt.


Silke Mertins ist Deutschland-Korrespondentin der NZZ am Sonntag. Zuvor war sie lange Jahre Korrespondentin der Financial Times Deutschland in Jerusalem.
 

 
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