Made in Japan

Was Nippon der Welt gebracht hat: eine Auswahl von Shinkansen bis Sushi

1. March 2015 - 0:00

IP-Länderporträt 1, März-Juni 2015, S. 52-55

Kategorie: Technologie und Forschung, Japan

falcatraz/iStockphoto

Shinkansen

Ein Hochgeschwindigkeitszug machte das Rennen, als die Japaner im vergangenen Sommer ihre größte technologische Innovation des 20. Jahrhunderts wählten. Bei seiner Einweihung vor über 50 Jahren verband der Shinkansen die Metropolen Tokio und Osaka in nur vier Stunden und trug damit erheblich dazu bei, das japanische Wirtschaftswunder anzukurbeln. Heute schaffen die täglich 400 000 Pendler die Strecke in gerade einmal zweieinhalb Stunden. Beliebt ist der Zug wegen seiner Pünktlichkeit: Mit einer durchschnittlichen Verspätung von nur 50 Sekunden erreicht er sein Ziel – eine Quote, von der deutsche Bahnkunden nur träumen können. Zudem gilt der Shinkansen als sicherster Hochgeschwindigkeitszug der Welt, größere Unfälle gab es nie. Selbst beim großen Erdbeben 2011 passierte nichts, weil die Züge durch ein Frühwarnsystem gestoppt wurden. All das macht den Shinkansen zum gefragten Exportgut: Derzeit wird im US-Bundesstaat Texas an einer Strecke gebaut, auf der ab 2021 die nächste Generation der Shinkansen-Modelle verkehren soll, und Premier Abe bewirbt die Technologie in Ländern wie Indien, in denen künftig neue Transportlösungen gefragt sind.


Kameras

Canon, Fujifilm, Nikon, Olympus, Pentax, Sony: Wer sich für Fotografie interessiert, kommt um die großen japanischen Hersteller nicht herum. In den siebziger Jahren begannen sie, den Weltmarkt aufzurollen: Schon 1980 verkauften sie 70 bis 80 Prozent aller Fotoapparate weltweit und drängten damit die europäischen Hersteller weitgehend vom Markt. Noch heute beherrschen Canon, Nikon und Sony zusammen mehr als 60 Prozent des Kameramarkts. Allerdings leiden die japanischen Hersteller massiv unter der Konkurrenz von Smartphones mit immer besseren Objektiven. Der Verkauf von Kompaktkameras ist allein im vergangenen Jahr um 40 Prozent eingebrochen. Laut Zahlen des Interessenverbands der japanischen Fotoindustrie (CIPA) wurden zuletzt insgesamt nur noch halb so viele Kameras produziert wie im Rekordjahr 2010. Einige Hersteller geraten angesichts dieser Entwicklung unter Druck: Bei Fujifilm und Panasonic sinkt der Umsatz aus dem Kamerageschäft beständig. Olympus geriet wegen gefälschter Bilanzen in die Schlagzeilen, Pentax wurde an den Ricoh-Konzern verkauft. Canon, der weltgrößte Kamerahersteller, und Nikon profitieren immerhin noch von ihrer Marktmacht bei den Kameras mit Wechselobjektiven. Eine Antwort auf den Smartphone-Boom aber hat Japans Kameraindustrie noch nicht gefunden.


Hello Kitty

In den sechziger Jahren verdiente die Firma Sanrio ihr Geld damit, Gegenstände aller Art mit beliebten Comicfiguren zu bedrucken. Dabei wurden allerdings Lizenzgebühren fällig, die man sparen wollte. Das Unternehmen erteilte seinen Designern also den Auftrag, eigene Figuren zu entwickeln. Eine Umfrage ergab, dass nach dem Hund – der schon von Snoopy verkörpert wurde – die Katze das beliebteste Tier in Japan war. So entstand Hello Kitty, die kleine weiße Katze ohne Mund. Als Sanrio 1975 erstmals eine Geldbörse mit Hello-Kitty-Aufdruck auf den Markt brachte, hätte man sich wohl nicht träumen lassen, einen Weltschlager geschaffen zu haben – und ein Sinnbild für „kawaii“, Japans Kultur der Niedlichkeit. Schon im Folgejahr begann der Konzern, selbst Lizenzen zu verkaufen; der Verkauf von Hello Kitty machte jahrzehntelang mehr als die Hälfte des Umsatzes aus. Heute gibt es über 50 000 Hello-Kitty-Produkte in mehr als 60 Ländern – von Schreibwaren über T-Shirts, Schmuck und Handyzubehör bis hin zum Staubsauger reicht die Palette. Das Jahresvolumen der Marke wurde zu ihrem 40. Geburtstag auf sieben Milliarden Dollar geschätzt – eine stolze Summe für eine Katze im gehobenen Alter.


Game Boy

Nicht Super Mario oder Pokémon standen am Anfang der japanischen Spiele-
industrie, sondern „Hanafuda“ – Blumenkarten. So hießen die Spielkarten, für deren Vertrieb Fusajiro Yamauchi im Jahre 1889 in Kioto die Firma Nintendo gründete. Es brauchte weitere 100 Jahre, bis 1989 ein tragbares Spielegerät seinen Siegeszug um die Welt antrat – der Game Boy. Der Rest ist schnell erzählt: 118,6 Millionen Mal wurde der Game Boy verkauft, Tetris ist das meistverkaufte Computerspiel aller Zeiten. Nintendo ist aus der Jugendkultur des späten 20. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken. Die Nintendo Wii verkaufte sich über 100 Millionen Mal, ähnlich beeindruckende Zahlen liefert die Playstation von Sony. Deren im Jahr 2000 erschienene zweite Version (von derzeit vier) ist mit über 117 Millionen verkauften Exemplaren die bislang erfolgreichste.

Walkman

Als am 1. Juli 1979 mit dem „TPS-L2“ das erste Modell des Walkman von Sony auf den Markt kam, war Musikhören nicht mehr dasselbe wie vorher. Dank des portablen Abspielgeräts mit Kopfhörern war es möglich, jederzeit und an jedem Ort die eigene Musik zu hören und damit im öffentlichen Raum ins Private abzutauchen. Der Walkman ist eine Kulturikone seiner Zeit. 1984 waren zehn Millionen Exemplare verkauft, 1993 schon 100 Millionen. Das Wort „Walkman“ hat es 1986 ins Oxford Dictionary geschafft. Fasst man alle Produkte, die unter dem Namen Walkman über die Jahre vertrieben wurden, zusammen, kommt man heute auf eine Zahl von rund 400 Millionen. War der Ur-Walkman ein Kassettenabspielgerät, so entwickelte Sony mit dem Aufkommen der CDs einen tragbaren Player für die neuen Tonträger, den Disc-man. Als Apple 2001 mit MP3-Format und iPod aufwartete, verpasste Sony den Anschluss. Man hatte das amerikanische Produkt unterschätzt und zu spät mit eigenen Geräten reagiert. Eine Zeitlang konnte man noch mithalten, doch 2010 war der Kampf gegen MP3-Player und Smartphones verloren: Der Walkman wurde als Segment von Sony eingestellt. Doch als Marke feierte er 2012 seine Rückkehr – in Gestalt eines MP3-Players mit Touchscreen.


Mangas

Feenhafte Mädchen mit riesengroßen Augen – das kommt den meisten Menschen in den Sinn, wenn von Mangas die Rede ist. Manga bedeutet auf Ja-panisch wörtlich „komische, gezeichnete Bilder“. Ihre Geschichte lässt sich 
bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgen, richtig populär wurden Mangas in Japan aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu Hochzeiten erreichte manches Magazin Auflagen von bis zu fünf Millionen Exemplaren pro Woche. Um die Jahrtausendwende wurde in Japan mehr Papier zur Manga-Produktion verbraucht als für Klopapier. Das Spektrum umfasst dabei weit mehr als nur Comics für Jugendliche; so gibt es etwa Mangas, die sich mit Geschichtsthemen beschäftigen, oder Erotik-Mangas. Selbst Lehrbücher werden in Comicform publiziert. Bald begann sich das Ausland für die japanische Popkultur zu interessieren. In Deutschland brach Anfang der neunziger Jahre eine regelrechte Manga-Welle los. Insbesondere Jugendliche gehören zu den Fans der Comic-
hefte, die wie im Original von hinten nach vorne und von rechts nach links gelesen werden. Auf dem deutschen Buchmarkt sind Mangas einer der großen Wachstumszweige. Mangas und Anime-Trickfilme sind längst die wichtigsten kulturellen Exportgüter Japans. Allein in Deutschland werden mit ihnen über 50 Millionen Euro im Jahr umgesetzt. In Japan hat man das Potenzial früh erkannt: Auch wenn sich die klassischen Exportgüter nicht mehr so gut verkaufen, lässt sich im Bereich der Popkultur noch immer viel Geld verdienen.


Toyota

Dass „nichts unmöglich“ ist, wissen die deutschen Fernsehzuschauer spätestens seit 1985. In dem Jahr startete der japanische Autobauer Toyota eine Werbekampagne, die sich bis heute großer Beliebtheit in Deutschland erfreut. In einer Umfrage des Düsseldorfer Marktforschungsinstituts Innofact hat der Slogan selbst Allzeit-Klassiker wie „Haribo macht Kinder froh“ oder „Meister Proper putzt so sauber, dass man sich drin spiegeln kann“ auf die Ränge verwiesen. Doch nicht nur dank griffiger Werbesprüche, sondern auch und vor allem mit innovativer, zuverlässiger Technologie und moderaten Preisen wurde Toyota zur ersten japanischen Automarke, die konkurrenzfähig mit Modellen aus Europa und den USA war. Der Toyota Corolla ist heute sogar das meistverkaufte Fahzeugmodell der Welt; mehr als 40,7 Millionen Exemplare sind auf den Straßen unterwegs. Seit 1966 wird der Kompaktwagen gebaut, derzeit in der zehnten Generation. Bereits 1997 stattete Toyota zudem mit dem Prius ein Auto serienmäßig mit Hybridmotor aus. Damit steht der Prius für die auch im 21. Jahrhundert ungebrochene Innovationskraft Toyotas. Der Toyota Prius III aus dem Jahre 2009 wurde mehrfach prämiert und im Jahr seiner Einführung 300 000 Mal verkauft – damit war er das beliebteste Auto Japans.


Sushi

Nicht nur Technik- und Comic-Innovationen waren es, die von Japan ausgehend die Welt eroberten. Auch die Küchen und Restaurants von Berlin bis Buenos Aires haben Nippon einiges zu verdanken. Was da heute auf der Speisekarte steht, ist allerdings im Grunde nicht viel mehr als eine asiatische Konservierungsmethode für Fisch. In historischen Aufzeichnungen Japans kommt Sushi erstmalig im 7. Jahrhundert vor. Um den Fisch haltbarer zu machen, wurde er mit gekochtem Reis in Gefäßen eingelegt, in denen er fermentiert wurde. Der durch den Fermentierungsprozess säuerlich gewordene Reis wurde ursprünglich weggeworfen und erst später mitgegessen. Das gerollte Sushi, die wohl bekannteste Variante, wurde im Tokio des 18. Jahrhunderts erfunden. Angerichtet wird es traditionell als Mundhäppchen, die in gerösteten Seetang gewickelt und mit Sojasoße, Ingwer und Wasabi (dem japanischen Meerrettich) serviert werden. Ihren weltweiten Siegeszug traten die Röllchen ab Mitte der sechziger Jahre an. Das erste „Exil-Sushi“ wurde 1966 in einem japanischen Restaurant in Los Angeles serviert – aufgrund der Preise für frischen Thunfisch als höchst exklusives und teures Produkt für dort lebende japanische Geschäftsleute. Anschließend fand Sushi seinen Weg in US-Lifestyle-Magazine und von dort aus in die Restaurants und Imbisse in aller Welt.
 

 
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