„Wir brauchen ein offenes Japan“

Nur ein Kulturwandel kann Nippons Wirtschaft wieder auf Kurs bringen

1. March 2015 - 0:00 | von Noriko Hama

IP-Länderporträt 1, März-Juni 2015, S.16-19

Kategorie: Konjunkturpolitik, Wirtschaft & Finanzen, Japan

„Wenn Paul Krugman eine Frau wäre, dann wäre er Noriko Hama“, schrieb einst Slate.com über die japanische Ökonomin. Im Interview mit der IP verrät Hama, warum „Abenomics“ der falsche Weg für Japan ist – und das falsche Signal. Nicht Wachstum um jeden Preis, sondern Gerechtigkeit, Vielfalt und Innovationsfähigkeit lauten die Gebote der Stunde.

Internationale Politik: Frau Hama, Sie sind keine große Anhängerin der Wirtschaftspolitik von Premier Shinzo Abe. Was ist falsch an „Abenomics“?
Noriko Hama: In meinen Augen praktisch alles. Ich habe viele Kritikpunkte, aber der wichtigste ist wohl, dass diese Regierung nicht begreift, was mit der japanischen Wirtschaft nicht stimmt. Die Regierung sagt, es mangele an Wachstum, und legt deshalb Wachstumsprogramme auf. Ich glaube aber, dass Wachstum für eine derart große und hochentwickelte Wirtschaft nicht das Haupt-problem ist. Es geht vielmehr um gerechte Verteilung. Obwohl wir die besten Voraussetzungen haben, erleben wir heute Armut und Ungleichheit in Japan. 16,1 Prozent der Japaner leben unterhalb der Armutsgrenze – eindeutig zu viel für eine entwickelte Wirtschaftsnation. Letztlich sind es Verteilungsfragen, die unsere Wirtschaftsleistung beeinträchtigen. Wenn viele Menschen mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben, ist das ganz sicher kein gutes Zeichen für die Gesamtwirtschaft.


IP: Wo verlaufen die Gräben in der japanischen Gesellschaft, haben wir es mit einem Stadt-Land-Gefälle zu tun?
Hama: Ja, vor allem das. Auf dem Land tritt Armut in deutlich schärferer Form auf als in Tokio und anderen Ballungszentren. Die ländlichen Regionen leiden unter der zentralistischen Ausrichtung der Wirtschaft auf Tokio.


IP: Wenn von Japans wirtschaftlichem Abstieg die Rede ist, werden in der Regel andere Gründe genannt als die ungleiche Verteilung: die enorme Staatsverschuldung, mangelnde Innovationsfähigkeit, eine Managerkaste, deren Mitglieder die gleichen Universitäten durchlaufen und ihr Leben lang im gleichen Unternehmen zusammenarbeiten, ohne je ihren Horizont zu erweitern …
Hama: Natürlich spielt all das eine Rolle, vor allem die Staatsverschuldung. Aber was die mangelnde Innovationsfähigkeit angeht, da scheint mir ein anderes Problem viel wichtiger: Japanische Firmen sind derart auf kurzfristiges Denken und schnelle Profite gepolt, dass langfristige Investitionen, neue Geschäftsmodelle und echte Innovationen auf der Strecke bleiben. Diese Kurzfristigkeit hat erheblich dazu beigetragen, dass die Einkommensschere aus-einandergeht. 


IP: Hat Japan die Globalisierung verpasst?
Hama: Ich würde eher sagen, dass Japan zu sehr versucht hat, mit der Globalisierung Schritt zu halten. Die Unternehmen wollten sich in kürzester Zeit neu erfinden, um auf dem globalen Markt zu bestehen. Das hat ihrer langfristigen Orientierung und Innovationskraft sehr geschadet.


IP: Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, um Innovationen zu fördern?  
Hama: Es braucht generell mehr Freiheiten für die Unternehmen, um nicht nur an kurzfristige Profite zu denken. Das ist leider zur Norm in Japan geworden, auch im Personalmanagement. Die Menschen haben nicht mehr die Möglichkeit, in einem entspannten Umfeld zu arbeiten und auch mal quer zu denken – aber genau das brauchen wir für große Innovationen.


IP: Dazu bräuchte es aber auch Investoren, die bereit sind, längerfristige Projekte zu unterstützen.
Hama: Ja, aber der Fokus der Investoren und Aktionäre hat sich stark verändert. Unternehmensführung mit Augenmaß, „sensible stewardship“, ist nicht mehr so gefragt, seit die japanischen Unternehmen übereilt expandiert haben. Die Konzerne müssen die richtige Geschwindigkeit wiederfinden, im Management und in der Unternehmensführung.


IP: Ministerpräsident Abe will Frauen stärker am Arbeitsleben beteiligen. Können Frauen dabei helfen, ein innovationsfreundlicheres Klima zu schaffen?  
Hama: Für Abe sind mehr Frauen in der Berufswelt lediglich ein Werkzeug, um Wachstum zu schaffen. Es geht nicht darum, Frauen gerecht zu beteiligen und fair mit ihnen umzugehen. Sie sollen wie Maschinen für ein starkes Japan arbeiten. Das führt nicht zu mehr Vielfalt im Arbeitsleben. Deshalb bin ich ausgesprochen skeptisch, was diese Pläne angeht.

IP: Sie sagen: Der Fokus auf Wachstum ist falsch. Für Europäer ist das eine überraschende Aussage – hier geht es täglich darum, Länder wie Griechenland wieder auf Wachstumskurs zu bekommen. Steckt nicht auch Japan in der Wachstumsfalle? Wenn Innovationen und Wachstum ausbleiben, werden andere Volkswirtschaften das Land überholen.
Hama: Für hochentwickelte Volkswirtschaften wie Japan ist ein zu starkes Streben nach Wachstum kontraproduktiv. Es führt dazu, dass überall nur noch Leute eingestellt werden, die sofort helfen können, die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu verbessern. Dabei geht der Gesellschaft ihre wirtschaftliche und soziale Integrationsfähigkeit verloren. Und wenn große Teile der Bevölkerung von jeglicher wirtschaftlicher Betätigung ausgeschlossen werden, trocknet das Potenzial einer Wirtschaft aus. Sie bremst sich selbst.


IP: Nun braucht es ja ein gewisses Wachstum, um Sozialleistungen zu garantieren und gesellschaftliche Ungleichheit abzumildern. Wie viel Wachstum ist denn zu viel?
Hama: 1 bis 2 Prozent Wachstum ist für eine hochentwickelte Volkswirtschaft in Ordnung, aber sicher nicht 4 Prozent und mehr. Wichtiger ist es, die Verteilungsfrage zu klären. Wenn das Einkommen gerechter verteilt ist, bekommen wir eine inklusivere Wirtschaft, die nicht ausschließlich auf Wachstum ausgerichtet ist. Doch das heißt nicht, dass eine solche Volkswirtschaft nicht in der Lage wäre, in ausreichendem Maße für Wachstum zu sorgen. Denn ihr ökonomisches Fundament würde breiter.


IP: Wer muss integriert werden, damit Japan eine inklusivere Wirtschaft bekommt?
Hama: Natürlich zunächst einmal die Frauen, aber in weit größerem Umfang als die Abe-Regierung das wünscht. Doch derzeit sind viele Menschen vom Arbeitsleben ausgeschlossen. Wir befinden uns in der paradoxen Situation, gleichzeitig einen Arbeitskräftemangel und viele Arbeitssuchende zu haben. Dazu kommen Kurzzeitverträge, geringe Löhne und eine hohe strukturelle Arbeitslosigkeit. Die japanische Wirtschaft tut sich schwer, diesen Menschen wieder nützliche Arbeit zu verschaffen. Die Beschäftigungsfähigkeit wieder zu erhöhen, wird immer mehr zum Problem. Und das hängt eng mit der wirtschaftlichen Integrationsfähigkeit zusammen.  


IP: Ist die japanische Wirtschaft schwerer zu diversifizieren als andere? Betrifft der Ausschluss von Menschen aus der Arbeitswelt bestimmte Industriebereiche?
Hama: Ich meine nicht unbedingt bestimmte Industriebereiche. Überall sind Arbeitnehmer gefragt, die sofort und flexibel eingesetzt werden können, ohne vorher lange geschult zu werden. Das hat mit der Kurzatmigkeit der Wirtschaft zu tun. Wenn jemand zum jetzigen Zeitpunkt nicht nützlich erscheint, wird er nirgends eingestellt werden. Wir schließen alle aus, die etwas länger brauchen, um sich an die Situation anzupassen.

IP: Gibt es wirtschaftliche Vorbilder, denen Japan jetzt folgen sollte? Oder ist eine speziell japanische Lösung gefragt?
Hama: Es gibt kein Vorbild, dem wir folgen könnten. Zwar ähneln einige unserer Probleme den Schwierigkeiten, denen sich andere Industrienationen ausgesetzt sehen – aber unterm Strich ist es ein einzigartiger Mix von ökonomischen Problemen. Wir müssen selbst ein Modell schaffen, das die Menschen zum Nachdenken veranlasst, was für eine Wirtschaft wir künftig wollen.


IP: Wie könnte ein solches Modell aussehen?
Hama: Die Schlüsselworte sind Diversität und Inklusivität. Wir müssen dahin, wo diese beiden Konzepte sich treffen: Wir brauchen Vielfalt und Menschen, die bereit sind, sich gegenseitig einzubinden, um Innovation und neue ökonomische Ansätze zu entwickeln.


IP: Vielleicht bemühen wir ein Klischee, aber kreatives Denken über den Tellerrand hinaus und Vielfalt scheinen nicht gerade zum derzeitigen japanischen Modell zu passen. Fordern Sie einen Kulturwandel – wirtschaftlich, sozial, politisch?
Hama: Ja – und der Schlüssel dazu liegt in den Regionen. Wenn wir mehr Macht dorthin verlagerten, wären wir einen großen Schritt weiter. Zentralismus war zu lange das bestimmende Element in Japans sozioökonomischer Struktur. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde so die Illusion geschaffen, dass Japan eine homogene Nation sei. Aber eigentlich ist das Land sehr vielfältig.


IP: Ist das einer der Gründe, warum Sie von Tokio nach Kioto gezogen sind?
Hama: Da ist was dran. Andauernd in Tokio und London zu sein, passt nicht so recht zu dem, was ich seit Langem predige.


IP: Würden Sie so weit gehen, dass die Wiederentdeckung von Japans Diversität nicht bei den Regionen aufhört, sondern auch mehr Einwanderung umfassen sollte?
Hama: Auf jeden Fall. Japan muss sich gegenüber dem Rest der Welt viel mehr öffnen. Das haben wir in den vergangenen Jahrhunderten zu wenig getan. Jetzt brauchen wir umso mehr ein offenes und buntes Japan.


IP: In den achtziger Jahren war Japan ökonomisch ausgesprochen erfolgreich. Was macht Sie optimistisch, dass diese Zeiten wiederkommen werden?
Hama: Ich hoffe ganz bestimmt nicht, dass die Achtziger zurückkommen. Damals wurden viele Illusionen darüber geschaffen, was Japan angeblich ausmacht. Wir haben in einer Blase gelebt. Noch heute kämpfen wir mit den Altlasten aus dieser Zeit. Ich würde nicht sagen, dass ich optimistisch in die Zukunft blicke. Aber ich glaube, dass Japan heute an einem interessanten Punkt steht. Es wird entscheidend sein, ob wir zurück in die vermeintlich besseren Zeiten wollen oder ob wir nach vorne schauen – und die Vergangenheit abschütteln.


Das Interview führten Henning Hoff, Joachim Staron und Sylke Tempel


Prof. Noriko Hama ist Wirtschaftsprofessorin an der Doshisha-Universität in Kioto. Hama berät diverse Ministerien in Japan und schreibt u.a. für die Mainichi Shimbun, The Japan Times, Les Echos und die Financial Times. Von 1990 bis 1998 war sie Chief Representative des Mitsubishi Research Institute in London.

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