Kein eindeutiges weltpolitisches Ordnungsprinzip

Buchkritik

1. April 2002 - 0:00 | von Sebastian Bartsch

Internationale Politik 4, April 2002, S. 75 - 77.

Kategorie: Sicherheitspolitik, Internationale Politik/Beziehungen, Weltweit

Analysen von Kooperation und Konflikt zwischen Großmächten sowie der Entstehung und des Zer-falls von Allianzen gehören seit jeher zum Kern der Wissenschaft von den internationalen Beziehungen. Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts gibt es neuen Grund, sich damit zu beschäftigen. Die über Jahrzehnte dominante bipolare Machtstruktur ist zerfallen, ohne dass seither ein ähnlich eindeutiges weltpolitisches Ordnungsprinzip an ihre Stelle getreten ist. Die NATO als stärkstes Bündnis der siegreichen Staatenkoalition besteht fort und durchläuft eine tief greifende Transformation.

Gleichwohl halten sich pessimistische Szenarien hartnäckig, die sowohl die Allianz als auch das transatlantische Verhältnis insgesamt in einem Prozess fortschreitender Erosion sehen – ein Eindruck, der sich seit den terroristischen Anschlägen auf die USA vom 11. September 2001 eher noch verstärkt hat.

Reinhard Wolf, seit kurzem Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Politik an der Universität Greifswald, geht in die Geschichte der Weltpolitik zurück, um Grundlegendes über die „Sicherheitsbeziehungen zwischen Siegermächten“ – so der Titel des aus seiner Habilitationsschrift hervorgegangenen Buches – herauszuarbeiten. Er bezieht in überaus gelungener Weise zentrale Theorien der internationalen Beziehungen und historische Fälle – das Mächtekonzert nach 1815, die Sicherheitsbeziehungen im Fernen Osten in der Zwischenkriegszeit sowie die Entstehung des Kalten Krieges – aufeinander, um jene Faktoren zu identifizieren, die dafür ausschlaggebend sind, dass es verbündeten Großmächten nach siegreich beendeten Hegemonialkonflikten bisweilen gelingt, ihre erfolgreiche Sicherheitskooperation fortzusetzen, während sich in anderen Fällen mehr oder weniger schnell Rivalitätsbeziehungen herausbilden.

Sein Befund ist überraschend: Nicht die von der dominanten Denkschule des Realismus in den Mittelpunkt gerückte zwischenstaatliche Machtverteilung und die aus ihr folgenden Gleich- und Gegengewichtspostulate haben die größte Erklärungskraft, auch nicht der Grad der Absicherung der Zusammenarbeit in internationalen Institutionen, sondern dies wird bestimmt durch das Ausmaß der Vereinbarkeit der Interessen der politikbestimmenden gesellschaftlichen Eliten und innenpolitischen Akteure in den einzelnen Staaten. Dies entspricht dem liberalen Verständnis von staatlicher Außenpolitik als Ausdruck jener Präferenzen, die die gesellschaftlich einflussreichsten Gruppen im innenpolitischen Wettbewerb als verbindliche Staatsziele durchsetzen. Die Vorzeichen für eine Fortsetzung sicherheitspolitischer Zusammenarbeit sind demzufolge dann besonders gut, wenn in der Innenpolitik der siegreichen Mächte der Einfluss jener Gruppen maßgebend ist, die von kooperativen Beziehungen profitieren, und sie sind dann schlecht, wenn in einem oder mehreren dieser Staaten gesellschaftliche Akteure mit expansiven oder militaristischen Präferenzen politikbestimmend sind.

Für die Fortsetzung der bewährten Sicherheitspartnerschaft zwischen den entwickelten Demokratien im atlantischen Raum ergeben sich hieraus bessere Aussichten, als die zahlenmäßig wachsende Gruppe der Skeptiker zu erkennen vermag. Ungleich schlechter sind die Perspektiven für einen zweiten aktuellen Bezugspunkt, den Wolf am Ende aufgreift: die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China. Dort lassen die fundamentalen Unterschiede in den staats- und gesellschaftspolitischen Entwürfen beider Länder die Ausprägung von Rivalität schwer vermeidbar erscheinen. Auch ist die Anwendung der theoretisch probatesten Gegenstrategie – innenpolitischen Wandel durch Stärkung jener gesellschaftlichen Gruppen zu fördern, die von erweiterter internationaler Zusammenarbeit profitieren – im Falle Chinas weder einfach noch unumstritten. Wenn es den Gewinnern des Ost-West-Konflikts auf beiden Seiten des Atlantiks gelänge, hierzu eine gemeinsame, abgestimmte Politik zu entwickeln, wäre dies ein weiterer gewichtiger Nachweis der Fortsetzung partnerschaftlicher Sicherheitsbeziehungen zwischen Siegermächten.

Reinhard Wolf, Partnerschaft oder Rivalität? Sicherheitsbeziehungen zwischen Siegermächten (=Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Band 6). Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2001, 296 S., 10,20 EUR.

 
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