Historische Umbruchphase in der arabischen Welt

Buchkritik

1. December 2002 - 0:00 | von Jürgen Turek

Internationale Politik 12, Dezember 2002, S. 61 - 62.

Kategorie: Internationale Politik/Beziehungen, Staat und Gesellschaft, Arabische Länder

Nur knapp vier Flugstunden von der Mitte Europas entfernt wütet das Gespenst des Krieges; sein Epizentrum: der Nahen Osten. Nach dem einstweiligen Scheitern des Friedensprozesses zu Mitte der neunziger Jahre haben Israelis und Palästinenser einen erschreckend hohen Preis in Form von Menschenleben und  wirtschaftlichen Schäden gezahlt. Die Perspektiven sind ernüchternd, die Gewalt klingt nicht ab, die öffentliche Meinung hat sich radikalisiert. Sprachlosigkeit und Unnachgiebigkeit dominieren. Und auch die in die Konfliktregelung involvierten Staaten oder Institutionen – die Vereinigten Staaten, die Länder der Europäischen Union, Russland und die Vereinten Nationen – vermochten bislang nicht, als wichtige externe Akteure dabei mitzuhelfen, den gordischen Knoten von Gewalt und Gegengewalt zu durchschlagen.

Der Schauplatz des Geschehens liegt an der Trennlinie zwischen den nordafrikanischen und asiatischen Ländern der Region, die selbst in unterschiedlichem Maße in diesen Konflikt, aber auch in ihrem Innern oder untereinander in Auseinandersetzungen verwickelt sind. So erscheinen der Nahe und Mittlere Osten insgesamt dem Beobachter mit Blick auf die vielerorts undemokratischen Strukturen und fehlende wirtschaftliche Dynamik einerseits recht bedrohlich, andererseits seltsam statisch.

An diesem Ausgangspunkt setzt die neueste, umfangreiche und insgesamt brillante Analyse des Nahost-Experten der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes, an. Doch nicht rückwärts gewandte Betrachtungen und Begründungen der schwierigen Gemengelage prägen sein Interesse, sondern die gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Verschiebungen, die die arabische Welt aus seiner Sicht in eine historische Umbruchphase führen. Der Krieg um Kuwait und die Konfrontation zwischen Israelis und Palästinensern habe die Beziehungen der Länder in Bewegung gebracht. Hinzu kommen neue weltpolitische und weltwirtschaftliche Herausforderungen und Integrationsversuche, welche die Region vor neue Fragen und Probleme stelle. Und in der Tat hat die Transformation sicherheitspolitischer, wirtschaftlicher und sozialer Strukturen neue Dimensionen erreicht. Ein relativ umfassendes System multilateraler und bilateraler Verhandlungen, Wirtschaftskonferenzen auf allen Ebenen und Expertenzirkeln ist mit der Konstruktion eines „neuen Nahen Ostens“ befasst.

Auch wenn nicht feststeht, in welche Richtung der Weg in den Zeiten des Wandels führen wird, ist zumindest Bewegung in die Region gekommen. Für Perthes erfinden sich weite Teile des Nahen und Mittleren Osten neu, auch wenn dies für Länder wie das despotische Irak oder das erzkonservative Saudi-Arabien noch  wenig zu gelten scheint. Der Tod langjähriger Herrscher wie des jordanischen Königs Hussein, König Hassans von Marokko oder des syrischen Präsidenten Hafez al-Assad habe darüber hinaus in der arabischen Welt einen Generationenwechsel eingeleitet, der innerhalb eines Jahrzehnts zusätzlich zu einem vollständigen Austausch der politischen Führungseliten führen wird.

Vor diesem Hintergrund unter-sucht Perthes in zwei Teilen die Faktoren des Wandels in den wichtigsten Staaten der arabischen Welt, wobei er eine empirisch-zeitgeschichtliche Faktoranalyse mit einer Länderanalyse (Ägypten, Israel und Palästina, Syrien, Libanon, Jordanien, Irak, die Golf-Monarchien, der Maghreb) systematisch zu einem Gesamtbild der Lage verknüpft.

Auch wenn sich die Staaten der Region, im Westen begrenzt durch Marokko, im Osten durch Irak, in vielem unterscheiden, erkennt Perthes in zahlreichen Ländern Signale eines, wenngleich zaghaften liberalen und pluralistischen, Aufbruchs, den er auf wirtschaftliche Öffnung im Zuge der Globalisierung und die Verbreitung westlicher Informations- und Kulturgüter zurückführt. Das wichtigste Element der Veränderung regionaler Politik aber erkennt er im nahöstlichen Friedensprozess. Dieser Prozess habe trotz der schwierigen gegenwärtigen Situation dazu beigetragen, dass sich sowohl die Strukturen als auch die Regeln nahöstlicher Politik bis zu einem gewissen Grad verändert hätten. Vom Frieden sei die Region wahrscheinlich noch einige Jahre entfernt, die Konturen zukünftiger Friedensabkommen und Konfliktregulierungsprozesse, insbesondere zwischen Israel und dem palästinensischen Gemeinwesen, seien allerdings den meisten Beteiligten heute klar. Sein Fazit: Auch wenn sich die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens mittelfristig vermutlich nicht zu Demokratien europäischen Zuschnitts wandeln würden, bieten die Veränderungen für Perthes, alles in allem, Chancen für eine pluralistische Gestaltung der Gesellschaften in der Region.

Volker Perthes, Geheime Gärten. Die neue arabische Welt, Berlin: Siedler Verlag 2002, 432 S., 24,00 EUR.

 
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