US-Außenpolitik verstehen

Buchkritik

1. July 2002 - 0:00 | von Stephan Bierling

Internationale Politik 7, Juli 2002, S. 68 - 69.

Kategorie: Internationale Politik/Beziehungen, Vereinigte Staaten von Amerika

Enzyklopädien zur Außenpolitik kann man auf zweifache Weise gestalten: Man kann, wie die 1997 erschienene vierbändige „Encyclopedia of U.S. Foreign Relations“, dem Leser in über 1000 Einträgen möglichst zahlreiche Ansatzpunkte für seine Suche bieten. Oder man kann, wie dies die vorliegenden drei Bände der „Encyclopedia of American Foreign Policy“ auf fast 2000 Seiten tun, auf das Sammeln möglichst vieler kleiner Informationen verzichten und sich auf eine Zusammenstellung ausführlicher Essays zu den zentralen Problemen der Außenpolitik konzentrieren.

DeConde, Burns und Logevall haben ihre Bände nach dem zweiten Prinzip organisiert. So werden zum Beispiel Monroe- und Eisenhower-Doktrin nicht jeweils für sich analysiert, sondern gemeinsam mit anderen unter den Stichwort „Doktrinen“. Auch verzichten die Herausgeber auf die Aufnahme von Personen, spezifischen Konflikten oder Verträgen (Ausnahme: Civil War und Vietnam War) zugunsten umfassender Beiträge. Neben Essays zu den „klassischen“ Themen wie Balance of Power und Isolationism finden sich vor allem Artikel zu „modernen“ Begriffen wie Gender, Globalization und Race and Ethnicity.

Insgesamt erklären die Verfasser in 121 Aufsätzen, die jeweils 10 bis 20 zweispaltige Seiten umfassen, die Konzepte, Ideen, Tendenzen, Inhalte sowie die wichtigsten politischen und wissenschaftlichen Kontroversen der amerikanischen Außenpolitik seit Gründung der USA. An jeden Beitrag schließt sich eine ausführliche Bibliografie an, die sich nicht nur auf dem neuesten Stand befindet, sondern auch auf Inhalt und Thesen des angeführten Buches bzw. Aufsatzes eingeht – was auch und gerade in Zeiten der elektronischen Literaturrecherche überaus hilfreich ist. Zur Auflockerung und Vertiefung haben die meisten Autoren in ihre Essays Originaldokumente oder Kommentare von Dritten in Kästen eingefügt. Im ersten Band findet sich außerdem eine ausführliche Chronologie zur amerikanischen Außenpolitik; hervorzuheben sind schließlich die sorgfältige Bearbeitung und die repräsentative Aufmachung des Mammutwerks.

Die Encyclopedia of American Foreign Policy ist ein großer Wurf. Nicht nur Universitäten und Forschungseinrichtungen werden von ihr profitieren, sondern auch Praktiker, die tiefer graben wollen, als dies im hektischen Tagesgeschäft meist geschehen kann. Für Vorlesungen und Seminare zur amerikanischen Außenpolitik dürfte sich die Enzyklopädie schnell als unverzichtbar erweisen, kann man doch aus den Aufsätzen eine Art individuellen Reader für die Studenten zusammenstellen. Doch Vorsicht: Immer wieder erliegt man beim Durchblättern der Versuchung, sich an einem Artikel fest zu lesen oder einem Querverweis zu einem anderen Beitrag zu folgen. Ein schöneres Kompliment kann man einer Enzyklopädie freilich nicht machen.

Alexander DeConde/Richard Dean Burns/Fredrik Logevall (Hrsg.), Encyclopedia of American Foreign Policy, New York u.a.: Charles Scribner’s Sons 2002, 3 Bde., 1888 S., 350,00 $.

 
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