Von der Landesverteidigung zur Interventionsmacht

Die Wandlung der europäischen Seestreitkräfte

1. July 2002 - 0:00 | von Lothar Rühl

Internationale Politik 7, Juli 2002, S. 21 - 28.

Kategorie: Streitkräfte, Sicherheitspolitik, Europäische Union, Europa

Das militärische Eingreifen bei Konflikten auf fremden Kontinenten stellt hohe Ansprüche vor allem an die Seestreitkräfte der beteiligten Nationen bzw. Koalitionen. Der Autor untersucht am Beispiel verschiedener Konflikte den Wandel der europäischen Seestreitkräfte, deren Aufgaben sich immer mehr von der Landesverteidigung zur Interventionsmacht verlagert haben.

Nachhaltige militärische Interventionen in Krisen und Konflikte auf fremden Kontinenten oder in Küstenländern von See her bedürfen der See- und Luftherrschaft in der Einsatzregion, ausreichender Seelandekräfte und gesicherter rückwärtiger Verbindungen über See für Truppenverstärkungen, schweres Gerät und den Nachschub mit Massengütern.

Diese Voraussetzungen stellen hohe Ansprüche an die Seestreitkräfte und gegebenenfalls an die beteiligten Handelsmarinen, deren Unterstützung für Truppentransporte und Nachschub in Anspruch genommen wird. Diese Anforderungen steigern sich zunächst unabhängig vom Umfang der Intervention und des Kräfteansatzes mit der Entfernung des Interventionsraums vom eigenen Gebiet und mit der Dauer des Unternehmens. Die Ziele der Intervention und die militärischen wie die politischen Einsatzbedingungen bestimmen mit den operativen Aufgaben den Kräfteansatz, wobei der zu erwartende Widerstand nur schwer abschätzbar ist und deshalb mit einer breiten Unsicherheitsmarge kalkuliert werden muss – eine Unbekannte in der Rechnung, die die Anforderungen für die Truppenstärke und die Unterstützung durch schwere Waffen in die Höhe treibt. Es gibt zahlreiche Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit, die das belegen: Der amerikanische Kräfteansatz im Golf-Krieg 1990/91 gegen Irak mit 541 000 US-Soldaten und 254 000 Mann anderer alliierter Truppen in der internationalen Koalition zu Beginn der Offensive „Wüstensturm“ in Saudi-Arabien und in der Golf-Region mit 120 Kriegsschiffen und 700 Kampfflugzeugen war nicht nur massiv, sondern lag mit einem Umfang von 800 000 Mann auf dem Kriegsschauplatz auch um das Vierfache über der ersten öffentlichen Einschätzung, die der damalige amerikanische Generalstabschef, General Colin L. Powell, zunächst für die notwendige Truppenstärke gegeben hatte.1

Bei dieser Unternehmung handelte es sich allerdings um einen ausgewachsenen Krieg von kurzer Dauer mit einer überwältigenden Überlegenheit der Interventionsmacht, die zunächst eine Verteidigung Saudi-Arabiens aufbaute, bevor sie im Januar 1991 mit dem Offensivkrieg, zunächst nur aus der Luft, gegen Irak zur Befreiung Kuwaits begann. Eine Invasion Iraks war nicht vorgesehen und wurde unterlassen. Die Flotte beteiligte sich zwar am Beschuss küstennaher irakischer Feldstellungen und militärischer Ziele in Kuwait, mit ihren trägergestützten Kampfflugzeugen an den Luftangriffen, mit Marschflugkörpern am strategischen Luftkrieg gegen Irak, und schließlich auch mit dem Kampfverband des amerikanischen Marinekorps an der Landoffensive, nahm aber keine Seelandungen an einer feindlichen Küste vor und war nicht der Hauptträger des Unternehmens, das bei den Land- und Luftstreitkräften lag.

Der Umfang des Kräfteansatzes für Eingreifen auf einem überseeischen Kriegsschauplatz oder Krisengebiet bestimmt dann den Bedarf an Seetransport und somit auch an Sicherungskräften auf hoher See und vor der Anlandeküste wie den Bedarf an Kampfflugzeugen zur Abschirmung aus der Luft und zur Luft-Boden-Unterstützung für die von den amphibischen Landeschiffen und den Hubschrauberträgern abgesetzten Landungskräfte, danach für die Ausschiffung von schwerem Gerät und größeren Truppenverbänden von den Transportschiffen in eroberten Häfen. Dafür sind nicht immer technisch ausgerüstete und intakte Flugplätze samt Depots an Land in einer für den Einsatz genügenden Nähe verfügbar, so dass auf die Flugzeugträger, Tanker und Versorgungsschiffe der Flotte zurückgegriffen werden muss. In dieser operativ-logistischen Relation wächst dann der Nachschub-, Instandhaltungs- und Verstärkungsbedarf auf der Zeitachse steil in eine Dimension, die auch von einer Ländergruppe wie der Europäischen Union nicht ohne eine maximale Konzentration der Kräfte und einen erheblichen logistischen Aufwand auf See über weite Distanzen ausgefüllt werden könnte. Diese Relation weist auf eine Grundvoraussetzung für einen Erfolg versprechenden Einsatz von Interventionskräften von See her: Flugzeugträger, Hubschrauberträger, Tanker und Versorger, amphibische Angriffsschiffe, „Roll-on-roll-off“- Transportschiffe (die Fahrzeuge und schweres Gerät im Rumpf durchlaufen lassen und vom Bug aus in flaches Wasser vor der Küste oder auf dem Festland absetzen können). Solche Verbände und deren rückwärtige Verbindungen müssen aber auch geschützt werden wie die Landestrände und die weiteren Dislozierungsräume der gelandeten Truppen für deren Operationen und für eine Kontrolle des Gebiets durch Okkupation.

Das Fazit ist einfach und zwingend, so wie es sich historisch immer wieder bestätigt hat: Intervention von See her bedarf des Rückhalts einer starken und flexibel einsetzbaren Flotte großer Standfestigkeit auf ihren beweglichen Seestationen und großer Abwehrkraft zu ihrer eigenen Sicherung, großer Vielfalt für die nötige operative Versatilität und mit einem starken logistischen Strang zu ihren Basen. Sie muss sich selbst und ihre Landungskräfte auf ihre eigenen Seeluftstreitkräfte stützen. Mit anderen Worten: Intervention von See her ist besonders aufwändig, riskant und entsprechend teuer, wenn alle Risiken abgedeckt und alle sinnvollen Optionen genutzt werden sollen. Der weitaus größte Teil der Truppen und des Materials für die amerikanischen Streitkräfte in der „internationalen Koalition“ im Golf-Krieg musste zu Schiff über den Atlantik und den Indischen Ozean oder aus Europa durch das Mittelmeer und das Rote Meer in den Golf transportiert werden. Damit wuchs auch der Zeitbedarf zwischen August 1990 und Januar 1991 für den Kräfteaufbau auf vier Monate.

Bosnien

Das Beispiel Golf-Krieg inspirierte einige Jahre später die NATO-Planungen für 200 000 bis 300 000 alliierte Soldaten in einem Krieg um Bosnien 1993 bis 1995 vor der dann dank der Siege der Kroaten und Bosniaken im Sommer 1995 begrenzten Intervention am Boden durch eine kleine „Allied Rapid Reaction Force“ bei Sarajewo bis hin zum Unternehmen „Allied Force“ der NATO in Kosovo, für das der amerikanische Oberkommandierende, General Wesley K.Clark, je nach dem militärischen Auftrag um die 60 000 Soldaten für eine Besetzung Kosovos gegen bewaffneten Widerstand und eine ganze Armee von etwa 250 000 Soldaten für einen Krieg gegen Serbien für ratsam hielt.2

Eine Intervention von See her kam aus folgenden Gründen nicht in Betracht: da Serbien mit Kosovo Binnenland ist und Seestreitkräfte in der Adria nur gegen die Küste Montenegros direkt hätten eingesetzt werden können, dazu aber die beiden Häfen Kotor und Bar geschont werden sollten und da Montenegro in Rumpf-Jugoslawien nicht der Hauptgegner der NATO war, sondern unter den Schutz der Allianz gestellt wurde. Die alliierten Seeluftstreitkräfte auf drei Flugzeugträgern beteiligten sich an der Luftkriegführung, einige amerikanische und britische U-Boote an den strategischen Luftangriffen gegen Serbien mit Marschflugkörpern. Wieder waren die Seestreitkräfte nur eine Hilfskraft, obwohl ihre trägergestützten Kampfflugzeuge wie 1991 am Golf eine bedeutende Rolle spielten. Da es nicht zu einem Seekrieg kam und auch keine Truppenlandungen an der montenegrinischen Küste vorgesehen waren, blieb auch die spätere Entsendung der internationalen KFOR-Truppe eine Operation der alliierten Landstreitkräfte. Die Seemacht mit ihren Flottenverbänden blieb am Rande des Geschehens in Reserve, trug aber wesentlich zur strategischen Raumkontrolle und auch erheblich zur Luftoffensive bei. Schließlich war der Waffeneinsatz der Unternehmung „Allied Force“ wie deren Kräfteansatz situationsangemessen begrenzt.

Afghanistan

Die erste knapp kalkulierte Intervention in einem großen, weit entfernten Land mit einem eher bescheidenen Kräfteansatz von nicht mehr als etwa 50 000 bereitgestellten Soldaten war der Eingriff in Afghanistan im Herbst 2001. Er wird weiter andauern und über die gesamte Zeit bis zum Sommer 2002 mit einem sparsamen Truppenaufwand geführt werden. Die USA als Interventionsmacht setzten von Anfang an auf die lokalen Verbündeten der „Nord-Allianz“ für die Hauptlast der Landkriegführung und auf die eigenen Luftstreitkräfte für deren Unterstützung. Diese Luftunterstützung wurde vor allem von den Flugzeugträgern der 5. Flotte der amerikanischen Marine gegeben. Die Truppenlandungen waren Luftlandungen der Marineinfanterie mit Transporthubschraubern von der Flotte aus bei Überflug Pakistans von der Küste her. Auch danach führte das Marinekorps noch für einige Zeit die größeren Operationen an Land aus, obwohl jenseits der Nordgrenze Afghanistans in Zentralasien schon amerikanische Gebirgsinfanterie auf dem Luftwege bereitgestellt worden war, um später in den Bergen des Ostens am Hindukusch einzugreifen und der Kräfteaufbau der „Special Forces“ für die Fahndung nach und die Verfolgung von Taliban- und Al-Khaïda-Kampfgruppen, vor allem aber Führungszellen, als Hauptoperation begonnen hatte.

Es handelte sich also in der Anfangsphase dieser Intervention im Kern um ein Seelandeunternehmen aus der Luft und aus der Distanz von weit gegen die Küste Südasiens – hinter der Afghanistan als Binnenland von See her nicht direkt zugänglich ist – vorgeschobenen Seestationen im Arabischen Meer. Diese Interventionsart war vor allem geographisch-politisch bedingt, weil die USA am Boden weder von Pakistan noch von Iran aus in Afghanistan eingreifen konnten und über Zentralasien eine größere Operation in entsprechendem Umfang, dazu auf dem Wege der Sowjetarmee 1979, weder politisch opportun und noch militärisch einfacher gewesen wäre, zumal die Truppen der Nordallianz von der Nordgrenze her angreifen sollten. Die Intervention mit geringen Kräften von See her konnte nur deshalb gewählt werden, weil der Feind – die Taliban-Miliz und die Al Khaïda – das Land militärisch weder wirksam kontrollieren noch operative Reserven mit hinreichender Waffenwirkung gegen die Interventionsmacht aufbieten und unter den Luftangriffen bewegen konnte.

Für europäische Seestreitkräfte wäre diese oder eine ähnliche Intervention unter gleichen Bedingungen beim derzeitigen Kräftestand und den vorhandenen Streitkräftestrukturen, Waffensystemen, Organisations- und Informationssystemen, Aufklärung- und Führungsfähigkeiten und beim Ausbildungsstand der geringfügigen europäischen Seeluftstreitkräfte die überhaupt so weit von Europa entfernt zum offensiven Einsatz kommen könnten, nicht möglich. Es mangelt an geeigneten Flugzeugträgern in ausreichender Zahl für etwa 80 bis 100 Luftangriffs- und Aufklärungseinsätze am Tag aus der gegebenen Distanz von Seestationen her über mehrere Wochen. Es mangelt auch an der geeigneten Flugzeugbewaffnung und Wurfmunition, an der Zielerfassungs- und Zielführungstechnik, an der Freund-Feind-Kennung, an der Luftbetankung und an der Instandhaltungskapazität an Bord.

Schon die amerikanischen Kampfflugzeuge ließen in den ersten vier Wochen bei ihren Luftangriffen auf die Taliban-Positionen im Norden von Kabul deutliche Mängel in der Zielerfassung  und Zielgenauigkeit erkennen, weil es an Laser-Zielführung der Waffen vom Boden aus fehlte. Ähnlich wie im Kosovo-Krieg 1999 mangelte es bald auch an zielsuchenden Bomben und Luft-Boden-Flugkörpern und besonders an Marschflugkörpern, da die Vorräte wieder zu knapp angelegt waren und die Beschaffung nicht nachkam. In Europa ist die Kampfvorratslage der Seeluft- und Luftstreitkräfte nicht besser als in den Vereinigten Staaten, sondern selbst bei geringerem Kräfteumfang proportional ungünstiger. In Frage kämen ohnehin nur britische und französische trägergestützte Kampfflugzeuge, allerdings mit geringeren operativen Reichweiten und Tragfähigkeit für Luftangriffe.

Grenzen der Intervention

Das Beispiel Afghanistan zeigt wie das Beispiel Golf-Krieg die Grenzen militärisch erfolgreicher Intervention außerhalb Europas für europäische Streitkräfte im Allgemeinen und für europäische Seestreitkräfte im Besonderen auf. Für jede militärische Operation ist der Zeitfaktor in mehrfacher Hinsicht von entscheidender Bedeutung:

–für die politisch nutzbare und erträgliche Dauer der militärischen Gewaltanwendung – ein Aspekt, der 1956 die anglo-französische Suez-Expedition gegen Ägypten trotz des zeitgerechten israelischen Vorstoßes über die Sinai-Halbinsel zum östlichen Ufer des Suezkanals nach sechs Tagen scheitern ließ, noch bevor alle operativen Ziele am Kanal erreicht waren;

–für die wirksame Zielbekämpfung und die Zerschlagung oder Neutralisierung der feindlichen Kräfte, so des serbischen Armeekorps in Kosovo 1999, was der NATO-Luftkriegführung in zwei Monaten bis Anfang Juni zum Ende der Operationen nicht gelang;3

–für die Abnutzung der eigenen Kräfte im Einsatz und deren Ersatz oder Verstärkung durch verfügbare Reserven.

   für die Konsolidierung des Erfolgs über längere Zeit, damit er genutzt werden kann, um das strategisch-politische Ziel zu erreichen.

Hier liegt der kritische Punkt der Nachhaltigkeit jeder militärischen Gewaltanwendung oder politischen Operation. Dies gilt für Interventionen wie für bloße Friedenssicherung durch Dislozierung von Truppen in einem Krisengebiet.

Was bedeutet dies für Interventionskräfte zur See und für die Nutzung der Seestreitkräfte zu militärischem Eingreifen? Interventionen finden in Ländern statt; sie sind festlandsgebunden, auch wenn es sich um Inselstaaten handelt wie die Philippinen, Indonesien oder Sri Lanka – Sri Lanka über Jahre im Bürgerkrieg ein Objekt indischer Intervention. Darum ist die Hauptinterventionskraft stets diejenige, die das Terrain kontrollieren kann. Eingreifkräfte können aus der Luft abgesetzt oder von See her gelandet werden, aber sie müssen ihre Aufgaben am Boden erfüllen. Dies bedeutet, dass See- und Luftstreitkräfte bei Eingriffen nur Unterstützung geben, Transporte übernehmen, rückwärtige Verbindungen über Land und auf See sichern und den Raum um und über dem Zielgebiet einer militärischen Intervention abschirmen können. Auch darum haben die einen wie die anderen sich Landungstruppen geschaffen: Luftlandetruppen und Marinekorps wie die Flotten der Seemächte, mit denen diese über die Küsten hinaus auf die Operationen der Landstreitkräfte einwirken oder diese vorbereiten können. Für die überseeische Interventionsstrategie der USA war von jeher das Marinekorps mit seinen Landeverbänden im Rahmen einer Flottenoperation gegen fremde Küsten die Speerspitze. Später kamen die Luftlandetruppen hinzu. Die Seeluftstreitkräfte auf den Flugzeugträgern sind seit dem Krieg im Pazifik gegen Japan 1942/45 als eine neue Hauptkomponente hinzugetreten.

Die Seekomponente

Die Verbindung Flugzeugträger-Kampfgruppen, U-Boote, Fregatten und Flugabwehrkreuzer zur Sicherung der Verbände und des Seegebiets, in dem diese operieren, amphibische Verbände mit Seelandetruppen und Hubschrauberträgern, Landungsschiffen für schweres Gerät und eine flexibel einsetzbare, auch für Anlandungen außerhalb von Häfen geeignete, hochseegängige Seetransportkapazität stellt seither die Seekomponente der Interventionsmacht dar, die für Eingreifen an fremden Küsten ohne Landverbindungen, die genutzt werden könnten, und ohne ausreichende Luftlandemöglichkeiten, vor allem über große Entfernungen unersetzlich ist. Wenn Häfen an freundlichen Küsten genutzt werden können, wie für die Kosovo-Operation 1999 der griechische Hafen Saloniki, oder für die Unterstützung der Afghanistan-Unternehmung Häfen am Golf in Ostafrika oder Inselstützpunkte, wächst das Nutzungspotenzial der Seemacht als Interventionsträger wie als logistische Unterstützung der Intervention.

Heute sind in den westeuropäischen Streitkräften die Ansätze zu dieser Kombination von Komponenten für Operationen zur Intervention an fremden Küsten gegeben: Flugzeuge und Hubschrauberträger, amphibische Kampfverbände und Kriegsschiffe aller Art zur Seeraumkontrolle und zur Unterstützung von Kampfhandlungen gegen militärischen Widerstand wie zur Nachschubsicherung. Allerdings sind diese Ansätze nur in der britischen Marine in einem – nach europäischen Maßstäben – größeren Umfang gegeben, schon weniger in den Seestreitkräften Frankreichs, Italiens und Spaniens, der Niederlande und am wenigstens in der deutschen Marine, obwohl deren operativer Aktionsradius seit Mitte der achtziger Jahre zunächst bis in die Norwegen-See ausgeweitet wurde und seit 1990 sorgfältig flexibel ausgedehnt wird – bisher in das Mittelmeer und das Rote Meer, neuerdings bis nach Ostafrika, wobei das Risiko einer Überdehnung durch Überbeanspruchung des verfügbaren Personals und Materials besteht, solange die Marine nicht für die neuen Aufgaben gestärkt und partiell umgerüstet wird.

Was wird dafür im europäischen Rahmen gebraucht und wie weit kann für die nationalen Seestreitkräfte in einer europäischen Interventionsmacht die Arbeitsteilung gehen, ohne dass die einzelnen Länder wesentliche militärische Funktionen der nationalen Sicherheit zum eigenen Nachteil und ohne europäischen Gewinn für gesteigerte Krisenreaktionsfähigkeit, zum Beispiel zur Sicherung der Seewege und des Zugangs zu Ressourcen wie dem Erdöl am Golf für die eigene Versorgung und zum Schutz der Handelsschifffahrt, einbüßen würden?

Großbritannien und Frankreich sehen für solche Zwecke bisher nur eigene Kräfte, gestützt auf ihre nationale Seerüstung, vor. Dasselbe gilt auch für die Schiffsbaufähigkeit, zumal zwischen den einzelnen europäischen  Werften eine harte Konkurrenz im U-Bootbau und im Bau kleinerer und mittlerer Überwasserkampfschiffe und der elektronischen Ausrüstungen wie der Bewaffnung um Exportmärkte in Asien und Lateinamerika besteht. Der Erfolg in dieser Konkurrenz entscheidet aber über die Mittel, die jedes Land für seine Marine aufbringen kann und über den militärtechnisch und operativ relevanten Anteil jeder Marine an europäischen Seestreitkräften. Der Arbeitsteilung sind also Grenzen gesetzt, ebenso der gemeinsamen Beschaffung, jedenfalls solange nicht Forschung und Entwicklung, Herstellung und Beschaffung wirklich „europäisiert“ worden sind. Bei solchen europäischen Vorhaben stellt sich auch das Problem der transatlantischen Kooperation mit den USA in der NATO nach amerikanischen Standards für Interoperabilität.

Europas Aufgaben

Europäische Streitkräfte, die nicht mit den amerikanischen zweckmäßig gemeinsam eingesetzt und versorgt werden können, sind international nur von begrenztem Nutzen, wie sich schon im Golf-Krieg, in Bosnien und in Kosovo gezeigt hat und sich wieder in den Operationen der Antiterror-Kampagne in und um Afghanistan zeigt.

Die Seestreitkräfte der EU-Partner, die auch NATO-Mitglieder sind, weisen wesentliche Fähigkeiten als Interventionsträger, für Seeblockaden und die Kontrolle von Seewegen und von Schiffen auf, allerdings nicht in ausreichendem Umfang für autonome europäische Operationen auf hoher See in größerer Entfernung von ihren Basen. Die technische  Ausrüstung der Schiffe müsste wie deren Besatzungen und die Ausbildung des Personals diesen Aufgaben angepasst und nach gemeinsamen NATO-gemäßen Normen und Formaten standardisiert werden, um Interoperabilität, Flexibilität und Versatilität mit der Kraft zu nachhaltigen Einsätzen über längere Zeit und große Entfernungen zu verbinden. Europäische Flugzeugträger- und Hubschrauberträger-Gruppen, die national gebildet oder gemischt zusammengesetzt sein könnten, sind unabdingbar, wenn der Aktionsradius von bis zu 6000 km für Kriseneinsätze auch zur See mit operativen Kapazitäten ausgefüllt werden soll. Die Zusammensetzung europäischer Flottenverbände muss zwischen Trägern, Fregatten, amphibischen Einheiten, Unterseebooten und Flugabwehrschiffen, Seetransport und seebeweglicher Logistik ausgewogen werden. Seebewegliche Flugkörperabwehr wird in Verbindung mit erweiterter Flugabwehr hinzukommen müssen, wenn künftig solche Interventionen von See her wirksam aus der Luft abgeschirmt werden sollen.

Nur einfach 100 Schiffe für die europäischen Krisenreaktionskräfte bereitzustellen, wie dies in den  Leitzielen von Helsinki vereinbart wurde, ist ein Anfang, aber nicht mehr: Es kommt auf solide und flexible Strukturen für wirksame operative Optionen und auf die Aufklärungs- und Führungsfähigkeiten für die Einsatzkräfte an. Diese europäische Aufgabe muss im NATO-Rahmen von den Partnern der Europäischen Union erfüllt werden; sie kann auf den vorhandenen Fähigkeiten aufbauen, bedarf aber erheblicher Investitionen in die nationalen Seestreitkräfte der beteiligten Länder.

Anmerkungen

1  Vgl. Lawrence Freedman/Efraim Karsh, The GuIf Conflict 1990-1991. Diplomacy in War in the New World Order, Princeton, N.J. 1993, S. 86 und S. 409.

2  Vgl. General Wesley K. Clark, Waging Modern War. Bosnia, Kosovo and the Future of Combat, New York 2001, insbes. S. 215–219 und S. 248 über Ziele und Kräfteansatz.

3  Vgl. Rühl, Die Lehren aus dem Kosovo-Krieg: „Eine knappe Sache“, in: Erich Reiter (Hrsg.), Der Krieg um das Kosovo 1998/99,  Mainz 2000, S. 142–143.

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