Regionalisierung in der Welthandelspolitik

Buchkritik

1. June 2002 - 0:00 | von Dirk Nabers

Internationale Politik 6, Juni 2002, S. 61 - 62.

Kategorie: Trade, Economy and Finance, Worldwide, Asia

Die Asien-Krise entpuppte sich für die internationale Kooperation im asiatisch-pazifischen Raum als Katastrophe. Die Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC) erlebte die bittersten Stunden seit ihrer Gründung im Jahre 1989, und dies, obwohl ihre Mitgliedsländer sich für 55 Prozent der globalen Produktion und 45 Prozent des globalen Handels verantwortlich zeigen.

Von den USA über Japan, Südkorea und China sowie der südostasiatischen Staatengemeinschaft ASEAN sind alle wichtigen Handelsmächte der asiatisch-pazifischen Region in diesem Forum vertreten. Während noch 1994 auf der Gipfelkonferenz in Bogor die „weitreichendste Handelsübereinkunft in der Geschichte“ (so der amerikanische Ökonom C. Fred Bergsten) unterzeichnet wurde, konnte als Fazit des zehnjährigen APEC-Bestehens 1999 nicht mit Sicherheit festgestellt werden, ob auch nur ein Mitglied des Forums zusätzliche Liberalisierungsschritte allein auf Grund der Existenz der APEC durchgeführt habe.

Die Stagnation der Institution während der vergangenen Jahre ist auf ihre Reaktion auf die Asien-Krise zurückzuführen. Der große Einfluss der USA wurde dabei sehr schnell sichtbar, als die APEC-Finanzminister 1997 ein Kommuniqué unterzeichneten, nach dem allein der Internationale Währungsfonds (IWF) für die Beilegung der Krise zuständig sei. Bis zu diesem Zeitpunkt zeigten sich die meisten ostasiatischen Staaten loyal gegenüber den USA; so stellten sie sich zunächst gegen die von Japan eingebrachte Initiative eines Asiatischen Währungsfonds (AWF). Mit der Enttäuschung über die Maßnahmen des IWF wuchs jedoch auch der Protest gegen die USA und der Widerstand gegen eine Rolle der APEC zur Beilegung der Asien-Krise.

Diese Entwicklung wird in eindrucksvoller Weise in einer neueren Monographie analysiert, die der renommierte Politikwissenschaftler und Asien-Experte John Ravenhill von der University of Edinburgh vorgelegt hat. Darin werden die Gründung der APEC ebenso detailliert und kritisch beschrieben wie ihre institutionelle Struktur und ihre Funktionalität im Hinblick auf globale Bemühungen zur Handelsliberalisierung.

Sein Urteil ist niederschmetternd: Fortschritte bei der Liberalisierung des weltweiten Handels könne die APEC nicht vorweisen. Aus diesem Grund wurde der Schwerpunkt der Bemühungen bereits Ende der neunziger Jahre von der Handelsliberalisierung zur bloßen Handelserleichterung verschoben. In der Zukunft könne es für die APEC nur darum gehen, den auf dem Gipfel in Auckland im September 1999 begonnen Weg fortzusetzen: Statt allzu sehr auf Handelserleichterungen zu setzen, müssten politische Fragen die Agenda beherrschen. Durch die Entwicklung nach dem 11. September scheint Ravenhill in seinen Einschätzungen  bestätigt zu werden. Auf dem Gipfel in Schanghai im Herbst 2001 standen allein Fragen der Terrorismusbekämpfung auf der Tagesordnung.

Insgesamt ist das Buch in allen Teilen zu empfehlen; besonders hervorzuheben sind die theoretischen Schlussfolgerungen, die eine Mischung aus funktionalistischen und konstruktivistisch inspirierten Hypothesen darstellen. Der wichtigste Befund lautet in diesem Zusammenhang, dass die Staaten Ostasiens nach einer Dekade des „offenen Regionalismus“ unter Einbezug Nord- und Südamerikas nun wieder nach der Verwirklichung der rein „ostasiatischen Idee“ streben. Neben der empirischen Präzision besticht die Studie durch ihre theoretische Aktualität. Ravenhill ist einer der wenigen Autoren, die am Gegenstand einer internationalen Institution im asiatisch-pazifischen Raum versuchen, Fragen der prozessualen Dynamik von Regimebildungsverläufen und Gedanken der Gemeinschaftsbildung zu analysieren. Im Vergleich zur Europa-Forschung tat sich die politikwissenschaftliche Asien-Forschung mit diesem Anliegen lange Zeit schwer. Hier lag ein Desiderat, das nun erfüllt zu sein scheint.

John Ravenhill, APEC and the Construction of Pacific Rim Regionalism, Cambridge: Cambridge University Press 2001, 294 S., 31,00 EUR.

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