Mythos Diplomatie

Buchkritik

1. October 2002 - 0:00 | von Miriam Hollstein

Internationale Politik 10, Oktober 2002, S. 65 - 67.

Kategorie: Deutsche Außenpolitik, Deutschland

Die Diplomatie ist einer der ältesten Berufe der Welt: die erste diplomatische Vertretung unterhielt die Republik Venedig bereits im 12. Jahrhundert in Byzanz. Die Tatsache, dass sich dieses Metier durch eine paradoxe Mischung aus öffentlichem Auftritt und Wirken im Verborgenen auszeichnet, war immer wieder Nährboden für Mythen wie für Kritik. „Diplomatie ist ein Schachspiel, bei dem die Völker matt gesetzt werden“, spottete schon der Schriftsteller Karl Kraus (1874–1936).

Doch auch im 21. Jahrhundert hat Diplomatie nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Rund 1000 potenzielle Anwärter bewerben sich alljährlich für den höheren Auswärtigen Dienst auf 40 freie Stellen. Ihnen und anderen außenpolitisch interessierten Lesern verspricht der hier besprochene Band einen Blick hinter die Kulissen. Es handelt sich um eine Sammlung von fast durchweg von Diplomaten verfassten Beiträgen, die die unterschiedlichen Aspekte dieses Berufsfelds beleuchten. Den Grundton gibt Christian Buck in seiner Einführung vor. Der frühere Journalist und heutige Diplomat beschreibt darin einen Tag im Auswärtigen Amt, von der obligatorischen Zeitungslektüre um fünf Uhr in der Früh über die Direktorenrunde, die außenpolitische Entscheidungen vorbereitet und an historischem Ort tagt (die Räume dienten früher dem Politbüro der DDR), bis zur Nachtbereitschaft im Lagezentrum des Auswärtigen Amtes.

In zehn klar strukturierten Kapiteln widmet sich das Buch verschiedenen Teilbereichen wie der Organisation des Auswärtigen Amtes, den bi- und mutilateralen Beziehungen (Deutschland als Akteur in den Vereinten Nationen, der Europäische Rat usw.) und den Aufgaben eines Botschafters und eines Konsuls. Neben weiteren Aspekten wird auch das Thema Konfliktprävention behandelt. Ein Reiz der Lektüre liegt in der geographischen Vielfalt der Beiträge: Während Wolfgang Ischinger die eher klassischen Aufgaben eines Botschafters in Washington beschreibt, wirken die Erlebnisberichte von der deutschen Außenstelle auf Mallorca („Rathaus am Ballermann“), vom Visumschalter in Beijing oder von der Vertretung in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, exotisch bis skurril. Sie machen deutlich, dass sich hinter dem Klischee cocktailtrinkender Jet-Set-Diplomaten oft genug ein Leben unter strapaziösen Bedingungen verbirgt, das eine hohe Anpassungsfähigkeit und ein ausgeprägtes Organisationstalent erfordert.

Fast immer steht in den Artikeln der Praxisaspekt im Vordergrund, etwa wenn Amtsarzt Gunther von Laer konkrete Ratschläge für den Auslandseinsatz gibt oder Ulrike Seibel die Möglichkeiten und Pflichten der mitreisenden Ehepartner beschreibt. Auch die besonderen Belastungen eines Berufs, der alle drei bis fünf Jahre einen Ortswechsel voraussetzt, klingen immer wieder an. Informationen über den Einstellungstest und die Ausbildung sowie ein Anhang mit den wichtigsten Gesetzen ergänzen die Berichte.

Grenzen der Diplomatie beleuchtet ein Beitrag von Gerd Westdickenberg: Der Völkerrechtler und damalige Leiter der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes schildert,wie Deutschland im Fall der in den USA zum Tode verurteilten deutschstämmigen Brüder La Grand vor den Internationalen Gerichtshof zog, weil die Männer nicht auf die Möglichkeit einer konsularischen Betreuung hingewiesen worden waren. Zwar wurde der Klage in allen Punkten stattgegeben, doch waren die Brüder zu diesem Zeitpunkt schon längst hingerichtet.

Dem theoretischen Überbau ist erst das letzte Kapitel gewidmet. Neben der bekannten Erkenntnis, dass Innenpolitik im Zeitalter der Globalisierung auch immer mehr Außenpolitik ist (wie auch umgekehrt), geht Michael Koch, Leiter der Politischen Abteilung an der Botschaft in Neu-Delhi der Frage nach, ob Veränderungen wie die dramatisch verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten den Beruf des Diplomaten überflüssig gemacht haben. Sein nicht ganz überraschendes, aber nachvollziehbares Fazit: „Solange das internationale System auf Staaten als höchster und letzter Quelle von Legitimität ruhen, wird es Diplomaten geben oder geben müssen“ (S. 362). Was dem Werk fehlt, ist – neben einer etwas rigoroseren orthographischen Redaktion – eine unvoreingenommene Stimme von außen, zum Beispiel die Stimme eines Journalisten, der die Arbeit des Auswärtigen Amtes aus nächster Nähe kritisch begleitet. Insgesamt ist ein ebenso gründlicher wie spannender Leitfaden über den diplomatischen Dienst gelungen, der trotz aller Praxisnähe auch zum Mythos des aufregenden Diplomatenlebens beiträgt – diesmal aus der Innenperspektive.

Enrico Brandt/Christian Buck (Hrsg.), Auswärtiges Amt. Diplomatie als Beruf, Opladen: Leske + Budrich 2002, 408 S., 35,00 EUR.

 
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