Deutschland in Europa

Buchkritik

1. September 2002 - 0:00 | von Martin Mantzke

Internationale Politik 9, September 2002, S. 56 - 57.

Kategorie: Internationale Politik/Beziehungen, Europa, Deutschland

Deutschland lässt auf Grund seiner besonderen Vergangenheit und seines wirtschaftlichen Gewichts in der Welt niemanden gleichgültig. Mit dieser Feststellung beginnt der an der Universität Bordeaux lehrende Politikwissenschaftler Stephan Martens seine Beschreibung Deutschlands als „neue“, weil souveräne europäische Macht. Geschrieben in erster Linie für ein französisches Lesepublikum und durchaus als Einführung angelegt, widmet sich der Band in vier Kapiteln der Rolle des vereinten Deutschlands in Europa, der Ausstrahlung des Landes auf Europa, seinem Einfluss auf den Prozess der europäischen Einigung sowie schließlich seiner Stellung als „aufgeklärte“ europäische Macht.

Der Autor verfolgt den Weg, den die Bundesrepublik seit der Zeitenwende des Jahres 1989 genommen hat, notiert aufmerksam die Sorgen und Ängste vor einem „deutschen Europa“, die bei einigen ihrer Nachbarn vorhanden waren und sind, fragt danach, wie das Land in der Mitte Europas seiner Aufgabe als Schlüsselelement des Gleichgewichts auf dem Kontinent gerecht wird, kurz, wie sich  die „Weltmacht wider Willen“ (Christian Hacke) entsprechend ihrer Brückenfunktion zwischen Selbstbehauptung und Harmonisierungsbedürfnis verhält.

Breiten Raum nehmen die Beschreibung und Analyse des deutsch-französischen Verhältnisses ein, in dem der Autor ungeachtet aller Irritationen ein Element der Stabilität sieht und das er mit dem Begriff „couple imaginaire, entente obligatoire“ umschreibt. Mit leichtem Bedauern wird konstatiert, dass es dem vereinten Deutschland offenbar leichter falle als Frankreich, seinen Platz im Europa nach dem Ende des Kalten Krieges zu finden.

Mehr denn je ist das vereinte Deutschland des Jahres 2002 eingebunden in multilaterale, euroatlantische und europäische Strukturen; eine von Erfolg gekrönte Politik kann es nur in engster Abstimmung mit seinen Partnern und Verbündeten betreiben. Die Deutschen, so das optimistische Fazit von Martens, haben aus der Geschichte gelernt, auch weil sie erkannt haben, dass Zusammenarbeit und Vertrauen das wirksamste Hindernis für die Rückkehr des Nationalismus sind. Seinen französischen Lesern, denen seit fast einem Jahrhundert der Begriff von den „incertitudes allemandes“ vertraut ist, empfiehlt der Autor für die Beurteilung der „neuen europäischen Macht Deutschland“ den Begriff „certitude“ – Gewissheit.

Stephan Martens, Allemagne. La nouvelle puissance européenne, Paris: Presses Universitaires de France 2002, 202 S., 16,00 EUR.

 
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