Corporate Citizenship

Verantwortung der Wirtschaft im Globalisierungsprozess

1. August 2003 - 0:00 | von Brigitte Hamm

Internationale Politik 8, August 2003, S. 73 - 75

Kategorie: Economy and Finance, United Nations, Government and Society, Development Policy, OSZE, Worldwide

Mit unterschiedlichen Instrumenten für Corporate Social Responsibility soll der ökonomischen Macht und dem wachsenden politischen Einfluss der Konzerne Rechnung getragen werden. Ein wichtiges Ziel von Initiativen, wie dem Globalen Pakt der UN, ist es, weitere, über bestehende Gesetze hinausgehende, verbindliche Regulierungen zu vermeiden. Brigitte Hamm stellt zwei Neuerscheinungen vor, die dieses Thema aus rein privatwirtschaftlicher Sichtweise behandeln.

Die Diskussion über die soziale Verantwortung von Unternehmen im Globalisierungsprozess ist in vollem Gange: Nicht nur Globalisierungskritiker, sondern auch Regierungen, beispielsweise durch die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, fordern eine solche Verantwortung ein. Die Vereinten Nationen initiierten den Globalen Pakt (Global Compact), um ein Bekenntnis der Privatwirtschaft für Sozial-, Umwelt- und Menschenrechtsstandards zu erreichen. Mit unterschiedlichen Instrumenten für Corporate Social Responsibility (soziale Verantwortung von Unternehmen) soll der ökonomischen Macht und dem wachsenden politischen Einfluss der Konzerne Rechnung getragen werden.

Corporate Social Responsibility, Corporate Citizenship (bürgerschaftliches Engagement von Unternehmen) und Corporate Governance (verantwortliche Führung von Unternehmen) sprechen zwar zum Teil unterschiedliche Verantwortungsbereiche der Wirtschaft an und können unterschiedliche Aspekte der Verantwortung betonen, aber alle diese Vorstellungen unterstreichen die Selbstverpflichtung von Unternehmen. Ein wichtiges Ziel dieser Initiativen ist, weitere, über bestehende Gesetze hinausgehende, verbindliche Regulierungen zu vermeiden.

Die Bücher von André Habisch und von Bernhard Seitz, beide mit dem Titel „Corporate Citizenship“, behandeln somit ein sehr aktuelles Thema. Beide Schriften entstammen den Wirtschaftswissenschaften und bringen die Perspektive der Privatwirtschaft zum Ausdruck.

Das Buch von Habisch vom Center for Corporate Citizenship der Universität Eichstätt ist in der Reihe „Unternehmen und Gesellschaft“ erschienen, die der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) herausgibt. Das Eichstätter Zentrum ist auch verantwortlich für die wissenschaftliche Begleitung der Initiative „Freiheit und Verantwortung“ der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, die von Habisch umfassend erörtert wird. Seitz deutet bereits im Untertitel seines Buches  „Rechte und Pflichten der Unternehmung im Zeitalter der Globalität“ an, dass es ihm hauptsächlich um das Rechte- und Pflichtenverhältnis geht, das die Position des Bürgers in der Gesellschaft ausmacht. Er will die Konzepte der Corporate Social Responsibility und der Corporate Citizenship voneinander abgrenzen. Ihm geht es vorwiegend nicht um eine normativ bestimmte soziale Verantwortung (Verpflichtung) der Unternehmen, sondern um deren Rechte (zu Investitionen und auf Gewinnorientierung) und Pflichten (Regelbefolgung).

Auf der Grundlage einer breiten Diskussion über unterschiedliche Konzepte von Regeln und die Schwäche von Regelbefolgungen allein aus normativ begründeten Interessen im Kontrast zum wirtschaftlichen Interesse der Gewinnmaximierung will Seitz Corporate Citizenship ökonomisch definieren und zwar als das „aktive Streben nach umfassender Nutzung des sozialen und natürlichen Umfelds, ausgehend von der Einsicht, dass Gewinnmaximierung Investitionen und also die Besserstellung der Interaktionspartner regelmäßig voraussetzt. Corporate Citizenship heißt, nach Chancen der Investition in die Gesellschaft aktiv und mit angemessener Methodik zu suchen“ (S. 64). Mit Modellen zur Messung von Corporate Citizenship, die neben dem Input den Output für das Unternehmen und die Gesellschaft (community) gleichermaßen erfassen, untermauert Seitz sein Verständnis, dass soziale Investitionen von Unternehmen eine wirtschaftliche Größe darstellen.

Entscheidende Argumentationsgrundlage ist das Staatsverständnis beider Autoren. So bilden die Veränderungen staatlicher Funktion infolge der Globalisierung und auf Grund der Komplexität neuer Problemlagen den Ausgangspunkt ihres Plädoyers für Corporate Citizenship. Dabei argumentiert vor allem Habisch auf der Grundlage eines liberalen Staatsverständnisses, wonach der Staat sich möglichst aus dem Wirtschaftsleben fern halten soll. Aus seiner Sicht war ein starker Staat als „umfassende Regulierungsinstanz“ erforderlich für die Entwicklung und Modernisierung der Gesellschaft. Doch veränderte gesellschaftliche Bedingungen sowie die Globalisierung der Handlungskontexte und die Entgrenzung vormals weitgehend geschlossener Volkswirtschaften belegen für ihn die historische Bedingtheit des Sozialstaats. Die Zeit sei reif für den liberalen Nachtwächterstaat. Habisch sieht die Privatwirtschaft nunmehr in der Lage, ein umfassendes bürgerschaftliches Engagement zu übernehmen.

Dabei orientiert sich der Autor am Konzept des Sozialen Kapitals von James S. Coleman und Robert D. Putnam als freiwillige Kooperation zur Lösung kollektiver Probleme. „Statt den ‚Leviathan‘ als externe Erzwingungsmacht einzusetzen, der Regeln festlegt, überwacht und Regelbrecher sanktioniert, binden sich die Bürger hier selber“ (S. 32). Dazu verweist er auf Erfahrungen in den USA und als ein jüngeres Beispiel auf den Einsatz der amerikanischen Wirtschaft für die Überwindung der Krise in den achtziger Jahren und den Ausbau von Public Private Partnerships vor allem auf kommunaler Ebene. Auch für Seitz sind die Staaten nicht mehr umfassend in der Lage, die für die Privatwirtschaft erforderlichen öffentlichen Güter bereitzustellen, vor allem wenn es um transnationale und globale Güter geht. Für die eigene Planungssicherheit müsse die Privatwirtschaft zunehmend selbst aktiv werden und entsprechende Investitionen tätigen, um die zuverlässige Bereitstellung solcher Güter zu sichern. Seitz spricht hier von der Notwendigkeit verstärkter Selbstorganisation. Beide Autoren betonen, dass neben den unmittelbaren Profitinteressen langfristige Interessen an Bedeutung gewinnen. Habisch bezeichnet letztere als konstitutionelle oder auch Verfassungsinteressen, Seitz spricht von sozialen Investitionen.

Während in der politikwissenschaftlichen Diskussion freiwillige Regulierungsinstrumente für die Privatwirtschaft – beispielsweise Verhaltenskodizes – als Ergänzung zur staatlichen Kontrolle diskutiert werden und zugleich die vorrangige Notwendigkeit staatlicher Steuerung betont wird, verstehen die beiden Autoren die Selbstbindung und Selbstkontrolle der Unternehmen als Alternative zu staatlicher Steuerung. Die Beachtung solcher konstitutioneller Interessen bei Direktinvestitionen in Ländern des Südens erhöhe die Freiheitsgrade von Unternehmen. Corporate Citizenship zahle sich aus, weil die unternehmerische Sicherheit wächst, das Ansehen steigt und sich die eigenen Rahmenbedingungen für Investitionen verbessern. Es überrascht nicht, dass Habisch auf zwei internationale Initiativen zurückgreift, die auf ebensolchen freiwilligen Verfahren beruhen, nämlich den Globalen Pakt der Vereinten Nationen und den Kommentar der Europäischen Kommission zur sozialen Verantwortung von Unternehmen.

In der Wirklichkeit jedoch verletzten Konzerne vor allem bei ihren Geschäften in Ländern des Südens viel zu häufig Sozial-, Umwelt- und Menschenrechtsstandards, weshalb freiwillige Selbstverpflichtungen nicht nur von Nichtregierungsorganisationen, sondern auch in der politikwissenschaftlichen Diskussion als nicht ausreichend kritisiert werden und daher  verbindliche Regelwerke eingefordert werden. Zumindest eine unabhängige, externe Überwachung der Maßnahmen zur sozialen Verantwortung gilt als unabdingbar. Mit diesen Auffassungen setzen sich die beiden Autoren jedoch nicht auseinander und liefern dadurch – außer der Betonung der Selbstverpflichtung – auch keine Gegenargumente, mit denen sich die Befürworter von verpflichtenden Regulierungen kritisch befassen könnten. Dennoch sollten Personen, die Unternehmen von der Notwendigkeit von Corporate Social Responsibility überzeugen wollen, eine solche spezifisch privatwirtschaftliche Sichtweise kennen.

André Habisch, Corporate Citizenship, Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen in Deutschland, Berlin u.a.: Springer-Verlag 2003, 247 S., 59,95 EUR

Bernhard Seitz, Corporate Citizenship, Rechte und Pflichten der Unternehmung im Zeitalter der Globalität, Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 2002, 250 S., 49,00 EUR

 
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