Terrorismus und die Ölversorgung des Westens

Die Energiepartnerschaft mit Moskau

1. March 2003 - 0:00 | von Gwadat Bahgat

Internationale Politik 3, März 2003, S. 11 - 17

Kategorie: Klima- und Energiepolitik, Rohstoffe & Energie, Bilaterale und multilaterale Abkommen, Terrorismus, Nicht-erneuerbare Energien, Europa, Nordamerika, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika, Russische Föderation

Die Weltwirtschaft ist abhängig von einer störungsfreien Erdölversorgung aus der Region des Persischen Golfes. Angesichts der gewachsenen Spannungen im Nahen Osten plädiert der Direktor des Center for Middle Eastern Studies an der Universität von Pennsylvania für eine „Energiepartnerschaft“ mit Russland.

Etwa 679Milliarden Fass Öl – nahezu 66Prozent der weltweiten Erdölreserven – sind in der Region rund um den Persischen Golf vorhanden; 27 Prozent der weltweiten Ölproduktion entfielen im vergangenen Jahr auf die Golf-Staaten. Dies bedeutet, dass die Weltwirtschaft von einer störungsfreien Erdölversorgung vom Persischen Golf abhängt und in diesem Punkt höchst verwundbar ist. Wie gefährdet eine solche Versorgungist, wird angesichts der in den letzten drei Jahren gewachsenen Spannungen im Nahen Osten nur allzu deutlich. Drei Entwicklungen haben zu einem verstärkten Gefühl der Verwundbarkeit beigetragen:

–die steigende Wahrscheinlichkeit einer militärischen Konfrontation mit Irak. Auch wenn es unmöglich ist, das Ergebnis einer solchen Konfrontation vorherzusagen, hätte ein Krieg in Irak zumindest kurzfristig höchstwahrscheinlich destabilisierende Auswirkungen auf den Nahen Osten und die weltweiten Ölmärkte;

–die zunehmende Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis seit dem im September 2000 erfolgten Besuch Ariel Sharons (damals noch als Führer der israelischen Opposition) auf dem sowohl bei Muslimen als auch bei Juden als heilig geltenden Tempelberg, der einen palästinensischen Aufstand (die zweite Intifada) auslöste;

–die am 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten verübten Terroranschläge; sie wurden vor allem von Bürgern Saudi-Arabiens begangen, und es sind Anschuldigungen laut geworden, dass terroristische Organisationen mit privatem Geld aus Saudi-Arabien unterstützt wurden.

Die Anschläge vom 11. September haben das Gefühl der Verwundbarkeit im Westen hinsichtlich der Öllieferungen vom Persischen Golf beträchtlich vertieft. Conrad Burns, Senator des amerikanischen Bundesstaats Montana, hat diese Empfindung in folgende Worte gekleidet: „Mit jedem Fass Öl, das wir von Saudi-Arabien kaufen, finanzieren wir indirekt auch den weltweiten Terrorismus.“ Es ist nicht verwunderlich, dass Westeuropa und die Vereinigten Staaten versucht haben, mehr Quellen des von ihnen benötigten Erdöls zu finden und Energiepartnerschaften mit möglichst vielen Produzenten einzugehen. Ihr Ziel ist es, die Abhängigkeit von den Ölproduzenten am Persischen Golf zu verringern.

Angesichts steigender Ölproduktions- und Ölexportzahlen ist Russland zum potenziellen Ersatzlieferanten für den Persischen Golf geworden. Die Frage aber – ob Russland die Golf-Region als verlässlichen Erdöllieferanten des Westens ersetzen könnte – ist falsch gestellt; auf den heutigen, untereinander vernetzten weltweiten Ölmärkten geht es weniger um die Herkunft von Öl, sondern darum, ob genügend Nachschub für einen wachsenden Bedarf verfügbar ist. Die Erdölproduzenten am Persischen Golf werden für die Energiesicherheit des Westens von vitalem Interesse bleiben – selbst wenn sie kein einziges Fass Öl in die Vereinigten Staaten und Europa exportieren.

Beobachter haben den weltweiten Erdölmarkt mit einem Schwimmbecken verglichen: Wird das Wasser an einem Ende des Beckens abgelassen, nimmt die Wasserhöhe überall ab, wird Wasser an einem Ende des Beckens zugeführt, steigt die Wasserhöhe überall. Eine Erhöhung der russischen Erdölproduktion und des -exports würde die Energiesicherheit also ganz sicher verbessern, doch sollte Russland nicht als Ersatz für den Persischen Golf gesehen werden.

Russlands Bedeutung auf dem Erdölmarkt

Russland verfügt über gesicherte Erdölreserven in Höhe von 48,6 Milliarden Fass, was ungefähr 4,6 Prozent der weltweiten Reserven entspricht. Die meisten Erdölfelder liegen in Westsibirien, in der Region Timan-Petschora, in Ostsibirien, im Norden des Kaspischen Meeres und auf der Halbinsel Sachalin. 1988 war die Sowjetunion mit einer Spitzenproduktion von 12,5 Millionen Fass pro Tag (F/T) der größte Produzent von Erdöl in der Welt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlitt Russlands Erdölindustrie auf Grund sinkender Nachfrage der inländischen Industrie und einem Rückgang der Förder- und Kapitalinvestitionen einen herben Rückschlag. In den vergangenen Jahren jedoch hat sich die russische Erdölindustrie, die Mitte der neunziger Jahre weitgehend privatisiert wurde, wieder erholt.

Zwei Faktoren haben zu dieser Erholung beigetragen: der Rückgang der Produktionskosten nach der im August 1998 erfolgten Abwertung des Rubels sowie die vergleichsweise hohen Weltmarktpreise für Erdöl seit 1999. So konnte Russlands Erdölproduktion einen regelrechten Sprung machen: von 6,1 Millionen F/T im Jahr 1998 auf 7,1 Millionen F/T im Jahr 2001. Damit war Russland zum zweitgrößten Rohölproduzenten der Welt geworden, übertroffen lediglich von Saudi-Arabien.

Die Ausweitung der russischen Erdölproduktion und des -exports in Verbindung mit den wachsenden politischen Spannungen im Nahen Osten haben Westeuropa und die Vereinigten Staaten veranlasst, eine Energiepartnerschaft mit Moskau anzustreben. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union verfügen nur über etwa 0,7 Prozent der weltweiten Erdölreserven. 2001 entfielen auf die EU-Staaten jedoch 19 Prozent des weltweiten Erdölverbrauchs. Mit anderen Worten: In der EU besteht eine große Diskrepanz zwischen den eigenen Reserven an Öl und dem Verbrauch. Dementsprechend groß ist die Abhängigkeit der EU von außereuropäischem Nachschub, besonders jenem vom Persischen Golf. 2001 hatten die Erdöllieferungen von dort einen Anteil von 36 Prozent an den gesamten Nettoölimporten der EU.

Kooperation EU-Russland

Um Europas Abhängigkeit von ausländischen Ölimporten zu verringern, verfolgten die führenden europäischen Politiker zwei Strategien: Zum einen investierten sie in die Entwicklung alternativer Energiequellen. Zur Energieproduktion wird inzwischen teilweise kein Erdöl mehr benötigt, für den Transportsektor jedoch ist es nach wie vor der wichtigste Treibstoff. Zum andern haben die europäischen Staaten eine Energiecharta mit Russland vereinbart. Die Wurzeln dieser Energiecharta gehen zurück auf eine politische Initiative, die in den frühen neunziger Jahren in der Europäischen Union ins Leben gerufen wurde. Diese Vereinbarung beruht auf einer für beide Seiten profitablen Zusammenarbeit: Russland und viele seiner Nachbarn sind reich an Energieressourcen, benötigen aber große Investitionen, um diese ausbeuten zu können, während die Staaten Westeuropas über die finanziellen Ressourcen verfügen und ein strategisches Interesse daran haben, ihre Energiequellen auszuweiten.

Wie Europa haben auch die Vereinigten Staaten versucht, eine Energiepartnerschaft mit Russland einzugehen – insbesondere nach den Terroranschlägen vom 11. September. Ein entscheidender Schritt in diese Richtung war ein Treffen zwischen Vertretern der Regierungen und Industrien beider Länder, das im Oktober 2002 im texanischen Houston stattfand. Dieses Treffen war der erste von mehreren geplanten Energiegipfeln, an denen Experten und hohe Führungskräfte beider Seiten beteiligt sein sollen.

Eine Reihe von bedeutenden Initiativen ist bereits ergriffen worden, um die amerikanisch-russische Zusammenarbeit im Energiebereich zu festigen. Erstens hat sich der Exxon/Mobil-Konzern verpflichtet, innerhalb von fünf Jahren vier Milliarden Dollar in die Entwicklung der Ölfelder auf der energiereichen Halbinsel Sachalin im russischen Nordpazifik zu investieren. Zweitens unterzeichnete die amerikanische Export-Import-Bank eine Vereinbarung mit den russischen Konzernen Lukoil, Jukos und Sibneft im Umfang von 100 Millionen Dollar, der zufolge mittel- und langfristige Kredite für den Kauf amerikanischer Ausrüstung und Dienstleistungen bereitgestellt werden.

Drittens gründeten die amerikanische Marathon Oil Company und die staatliche russische Rosneft Oil Company (Russlands siebtgrößter Erdölproduzent) die „Urals North American Marketing“-Gesellschaft (UNAM), ein Gemeinschaftsunternehmen zum Transport und zur Vermarktung russischen Erdöls nach und in Nordamerika. Die Gesellschaft soll bis Ende 2003 ihre Geschäfte aufnehmen. Ziel dieses Gemeinschaftsunternehmens ist, die Vereinigten Staaten langfristig als bedeutenden Markt für Rohöl aus dem Ural zu etablieren und gleichzeitig die Rohöllieferungen an die USA auf eine breitere Grundlage zu stellen. Viertens schließlich transportierte der Jukos-Konzern, Russlands größte private Ölgesellschaft, Anfang Juli 2002 das erste Erdöl von Russland direkt in die Vereinigten Staaten – ein Pilotprojekt, das darauf abzielt, neue Märkte für die rapide steigende Erdölproduktion des Unternehmens zu erschließen.

Der Verschiffung russischen Erdöls in die Vereinigten Staaten stellt sich jedoch ein gewichtiges Hindernis in den Weg – es fehlt an einem dafür geeigneten Hafen. Um dieses Problem zu lösen, haben sich vier der wichtigsten russischen Erdölkonzerne (Lukoil, Jukos, Tjumen und Sibneft) im November 2002 in einem Memorandum darauf verständigt, eine neue Verladeanlage in der Arktis zu errichten, die Ausgangspunkt der ersten Exportroute in die Vereinigten Staaten werden könnte. Sie vereinbarten den Bau eines Verladeterminals in Murmansk in der Barents-See, in dem eine Million Fass Öl pro Tag umgeschlagen werden kann, sowie eine zwischen 2500 und 3600 Kilometer lange Verbindung zwischen Murmansk und den bestehenden Ölleitungen des Landes. Diese soll bis zum Jahr 2007 fertiggestellt sein. Mit diesem Projekt soll Russland nach Aussage der Unternehmen bis zum Jahr 2010 bis zu 13 Prozent der amerikanischen Erdölimporte liefern können – derzeit liefert Russland nur ein Prozent. Die Murmansk-Initiative ist jedoch nicht nur ungewöhnlich, weil sie auf den weit entfernten amerikanischen Markt ausgerichtet ist, sondern auch, weil sich erstmals vier wichtige russische Konkurrenten auf eine gemeinsame Exportinvestition verständigt haben.

Trotz dieser optimistischen Einschätzung aber müssen sowohl Vertreter der russischen Regierung als auch des Privatsektors noch beträchtliche Hürden überwinden, um eine langfristige Energiepartnerschaft mit Europa und den Vereinigten Staaten aufbauen zu können.

Die russische Erdölindustrie

Zu Beginn des neuen Jahrtausends steht der Expansion der russischen Erdölindustrie eine Reihe von Schwierigkeiten entgegen, vor allem die begrenzte Kapazität der bestehenden Rohrleitungen für den Export und die langsame Reform des Energiesektors.

Der wichtigste Absatzweg Russlands, die Drushba-Pipeline, operiert seit Jahren nahe an der Kapazitätsgrenze. Exportrouten durch das Schwarze Meer wiederum führen durch den zunehmend verstopften Bosporus. Hinzu kommt, dass viele dieser Ölleitungen in einem schlechten Zustand sind (das russische Energieministerium schätzt, dass nahezu fünf Prozent des in Russland geförderten Rohöls durch illegales Anzapfen dieser Pipelines verloren gehen). Und schließlich nehmen die Querelen zwischen den privaten russischen Erdölunternehmen und dem mächtigen Leitungsmonopolisten Transneft zu. Transneft, der staatliche Betreiber des weit verzweigten russischen Erdölleitungsnetzes, ist gegen den Bau einer Pipeline und eines arktischen Hafens in Murmansk. Das größte Problem, das Transneft mit dem Projekt hat, ist, dass es keine Kontrolle darüber hat. Auch wenn die Ölgesellschaften eine Rolle für das Monopol vorgesehen haben – entweder als „staatlicher Mittelsmann“ oder als Betreiber – argwöhnen sie, dass Transneft versuchen würde, die Gebühren zu erhöhen und die Profitabilität des Projekts zunichte zu machen. Im Gegenzug hat Transneft für Exporte nach Europa einen konkurrierenden Lieferweg vom Hafen Primorsk im Finnischen Meerbusen unterstützt.

Zögerliche Reformen

Das Problem eines passenden Schifffahrtswegs ist noch verschärft worden durch die langsamen und zögerlichen Bemühungen, den russischen Energiesektor zu reformieren. Zur Umstrukturierung seines Erdölsektors leitete Moskau 1993 einen zweistufigen Privatisierungsprozess ein. Die erste Phase der Umbildung der staatseigenen Unternehmen zu Aktiengesellschaften endete im Jahr 1994 mit der Schaffung einer Gruppe großer Ölkonzerne, die auf einem zunehmend umkämpften Markt operieren. Die zweite, seit 1995 andauernde Phase umfasst die Versteigerung eines beträchtlichen Teiles der Staatsanteile an diesen Gesellschaften.

Trotz dieser Privatisierung erfolgten ausländische Investitionen in den russischen Erdölsektor nur schleppend und unzureichend. Offiziellen russischen Quellen zufolge wird geschätzt, dass die Ölindustrie in den nächsten Jahren jährlich etwa eine Milliarde Dollar an Investitionen benötigt, sowie bis zum Jahr 2010 noch einmal 50 Milliarden Dollar. Während es Russland gelang, in- und ausländische Investitionen in bestehende Fördergebiete zu locken, sind komplexe und mit einem größeren Risiko behaftete Projekte kaum zu verzeichnen. Die großen internationalen Gesellschaften, die mit Arbeiten von diesem Ausmaß und dieser Komplexität umgehen können, verlangen jene Sicherheit, die mit gesetzlich verankerten Vereinbarungen zur Aufteilung der Produktion (Production-Sharing Agreements – PSA) einhergehen. Darauf aber hat die russische Regierung nur zögerlich reagiert, zum Teil, weil die gerade privatisierten und politisch einflussreichen russischen Unternehmen eine andere Vorstellung davon haben, wie ausländisches Kapital ins Land gelangen sollte.

So wurden viele Projekte mit ausländischen Investoren abgebrochen. Beispielsweise wurde in den frühen neunziger Jahren ein Plan der amerikanischen Export-Import-Bank in Höhe von zwei Milliarden Dollar zur Finanzierung der Sanierung der veralteten russischen Bohrstellen als das vielleicht größte Hilfsprogramm der Vereinigten Staaten für das Land eingestuft, doch stießen die Investoren auf zahllose bürokratische Hürden, dümpelten viele Projekte vor sich hin, was dazu führte, dass die Kredite nicht ausschöpft wurden. Der Amoco-Konzern etwa gab das Priobskoje-Ölfeld in Sibirien auf, nachdem er 100 Millionen Dollar investiert hatte – eigenen Angaben zufolge, weil der Partnerkonzern Jukos die Bedingungen ständig geändert habe. Ähnlich unerwartet annullierte Russland ein Ölgeschäft mit dem Unternehmen Exxon. Nach Aussage der internationalen Ölgesellschaften ist der Hauptgrund für diese Unbeständigkeit im unzureichenden gesetzlichen Rahmen zu suchen. Ein stabiles Regime von PSA könnte Dutzende Milliarden Dollar an Investitionen in den russischen Erdölsektor freisetzen, doch das russische Parlament war bislang nicht in der Lage, sich auf eine endgültige Fassung eines nationalen PSA-Modells zu einigen.

Russland ist kein Ersatz für den Persischen Golf

Schon diese kurze Analyse der russischen Erdölindustrie sowie der nach dem 11. September 2001 verstärkten europäischen und amerikanischen Bemühungen, eine Energiepartnerschaft mit Moskau einzugehen, legt nahe, dass ein Energielieferant (etwa Russland) nicht als Ersatz für einen anderen Lieferanten (etwa den Persischen Golf) betrachtet werden kann. Dennoch würde die vollständige Nutzung der russischen Erdölreserven zur allgemeinen globalen Energiesicherung beitragen und die Erdölversorgung der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union auf eine breitere Basis stellen. Die eng miteinander verwobenen weltweiten Energiemärkte sollten aber nicht als Nullsummenspiel begriffen werden, in dem die Gewinne der einen Seite die Verluste der anderen sind.

 
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