Internationale des Terrors

Panislamische Netzwerke im Nahen Osten

1. October 2003 - 0:00 | von Wolfgang von Erffa

Internationale Politik 10, Oktober 2003, S. 23 - 32

Kategorie: Sicherheitspolitik, Terrorismus, Religion, Krieg/Kriegführung, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika, Europa, Nordamerika, Weltweit

Der Autor, Mitarbeiter in der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, untersucht die Strukturen der panislamischen Terrornetzwerke und geht auf die ideologischen Grundlagen dieser Gruppen ein. Er plädiert dafür, sich nicht nur auf die Beseitigung der Drahtzieher des Terrors zu konzentrieren, sondern zur Gefahrenabwehr ein neues Konzept der westlichen Zusammenarbeit mit dem gemäßigten Islam zu entwickeln.

An kaum einer anderen Stelle wird die „Raison d’être“ der militanten panislamischen Netzwerke deutlicher als in einer Schlüsselrede Scheich Hassan al-Turabis, des in der sudanesischen Hauptstadt Khartum ansässigen geistigen Führers der wichtigsten panislamischen Bewegung, der Muslimbruderschaft (Al-Ikhwan Al-Muslimun)1. Er hielt diese Rede ein halbes Jahr vor dem ersten Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 1993 in der Taqwa-Moschee in Brooklyn – in Sichtweite der Silhouette Manhattans – vor fast ausschließlich afroamerikanischen Islamisten. In der entscheidenden Passage seiner Rede beglückwünschte er die amerikanischen Glaubensbrüder; sie seien glücklich zu schätzen, wüchsen sie doch wie Moses im Hause des Pharao auf. Das ermögliche ihnen, genau wie Moses, „das Haus des Pharao zum Einsturz zu bringen, von innen her.“ Das Haus des Pharao galt als Synonym für Amerika und dessen kapitalistische Symbole.

Militante panislamische Netzwerke haben seit dem Fanal der Anschläge des 11. Septembers 2001 ihre Terroraktivitäten intensiviert und ihren Aktionsradius erweitert. Der israelische Schriftsteller Amos Oz geht davon aus, dass heute an 25 von 28 gewaltsamen Konflikten weltweit zumindest eine islamistische Gruppe beteiligt ist.2 Der Krisengürtel reicht von Casablanca im Westen über Djerba, Riyad, Aden bis nach Bali im Osten, Nairobi und Daressalam im Süden und nach Moskau und die chinesische Provinz Sinkiang im Norden. Im Zentrum liegen die Konfliktzonen Palästina, Irak, Afghanistan und Tschetschenien.

Die militanten panislamischen Netzwerke haben immer wieder zugeschlagen. Das Credo der nach dem 11. September geschaffenen globalen Allianz gegen den Terror, dass mit ihren militärischen Maßnahmen die Welt sicherer gemacht werden könne, hat sich nicht bewahrheitet. Den neuen Herausforderungen des Terrorismus ist mit kriegerischen Mitteln allein nicht beizukommen. Es wird vielmehr notwendig sein, die Menschen zu gewinnen, wofür neue, deutlich sichtbare Akzente gesetzt werden müssen.

Der Terrorismus der militanten, von der Muslimbruderschaft beeinflussten Gruppen sowie von Al Khaïda und den zu ihrem Netzwerk gehörenden Gruppierungen nährt sich aus der Verzweiflung großer Teile der muslimischen Gesellschaften über Stagnation, Korruption und Unterdrückung, aus den Auswirkungen ungelöster Regionalkonflikte, sowie aus der Wahrnehmung eines Gerechtigkeitsdefizits der islamischen Welt gegenüber dem Westen.

Die Welt steht heute nicht mehr nur einer panarabischen, sondern einer panislamischen, militanten Herausforderung gegenüber. Der Kampf dieser Gruppen richtet sich gegen die Vorherrschaft der USA in der Welt. Sie sehen sich durch diese Vorherrschaft in ihren Interessen und in ihrer auf kultureller Identität beruhenden Integrität bedroht. In den beiden letzten Jahren hatte man es hauptsächlich mit Netzwerken des sunnitischen Islams zu tun; es scheint jedoch nicht ausgeschlossen, dass als Ergebnis des Krieges in Irak schiitische Netzwerke sich im antiamerikanischen und antibritischen Widerstand engagieren werden.

Über den stärksten Einfluss unter den sunnitischen Netzwerken verfügen militante Gruppierungen der Muslimbruderschaft sowie Al Khaïda zugeordnete wahhabitische Organisationen. Zunehmend wichtig wird in Zentralasien und Indonesien Hesb-ut-Tahrir, welche aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Gewalt entsagt hat, also nicht militant ist. Allen drei Netzwerken gemeinsam ist von ihrer Entstehung her die Orientierung an für Palästinenser wichtigen Anliegen.

Neben den Begriffen Islamismus und islamischer Fundamentalismus wird auch der Begriff „islamischer Integralismus“ verwendet. Hierdurch wird der unteilbare, universale Anspruch des Islams deutlich. In einer essenzialistischen Vorstellung von ihrer Religion sehen die Vordenker der islamistischen Kämpfer den Islam als ewig, unveränderlich und vollkommen an und träumen von einer Renaissance des goldenen Zeitalters des Islams, d.h. der Epoche des Propheten und der ersten Kalifen. Sie versuchen damit, junge Muslime zu beeinflussen. Das Zurückbleiben der islamischen Länder im Zeitalter der Globalisierung wird mit einer Verschwörung des Westens, hauptsächlich der Amerikaner und der „Zionisten“, begründet, von denen geglaubt wird, sie wollten den Islam zerstören oder ihn zumindest unterdrücken.

Gemeinsam ist den militanten Islamisten die Sehnsucht nach einer aus ihrer Sicht rechtmäßigen göttlichen Ordnung auf der Erde. Diesbezüglich ist die Frage des legitimen Nachfolgers des Propheten Mohammed besonders relevant: Da die politische und religiöse Nachfolge des Propheten ungeklärt war, wurde sie an die vier ersten Kalifen (auch rechtgeleitete Kalifen genannt), Abu Bakr, Umar, Uthman und Ali weitergegeben und ging danach an die Dynastie der Ummayaden. Von den Schiiten wurde diese Erbfolge nie anerkannt; sie halten allein Ali, den vierten Kalifen, und seine Nachkommen für erbberechtigt. Seit dem Verschwinden des zwölften Imams warten die so genannten Zwölfer-Schiiten auf seine Rückkehr und gerechte Herrschaft.3

Grundlagen

Eine Beschreibung des Begriffs „militanter Islamismus“ ist am anschaulichsten durch die Verdeutlichung der mit Gewalt und Terror angestrebten Ziele möglich. Die militanten Islamisten sind davon überzeugt, für eine gerechte Sache zu kämpfen und zu sterben.  Der Dschihad (heiliger Krieg)4 – hier als Kampf gegen die als „Kafir“ bezeichneten Ungläubigen, die den Islam angreifen, definiert – und die Möglichkeit einer Heilserfahrung durch das Märtyrertum des Sich-Aufopferns im „heiligen Krieg“ sind die Grundlage für die Gewaltanwendung, auch durch Selbstmordattentate. Maßgeblich für den Hass der Mitglieder der islamistischen Terrorgruppen ist die vermeintliche Demütigung des Islams durch die USA, die aus islamistischer Sicht die Interessen Israels vertreten.

Die hauptsächlichen Kampfziele vor September 2001 waren: darauf hinzuarbeiten, dass die Amerikaner den „geweihten Boden des Islams“ in Saudi-Arabien und Jerusalem verlassen, dass die problematische Lage der Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen in deren Sinn geregelt wird, dass Indien sich aus dem muslimischen Kaschmir zurückzieht und Russland aus Tschetschenien und dass sich in den von Muslimen bewohnten Staaten Zentralasiens islamische Regierungen bilden. Hinzugekommen sind seitdem Bestrebungen für den Sturz von angeblich „korrupten“ islamischen Regimen, und zwar zunächst in Pakistan, dann Saudi-Arabien, Indonesien und Ägypten.

Netzwerke

Die Muslimbruderschaft gilt als die ideologische Mutterorganisation der sunnitischen Islamisten, von denen einige Gruppierungen militant sind. Sie wurde 1928 von Hassan al Banna in Ägypten gegründet und setzte sich zunächst für die Unabhängigkeit von den Kolonialmächten ein. Anfang der fünfziger Jahre wurde sie –  da antikommunistisch – von den USA unterstützt. Sie ist die älteste und bis heute wichtigste islamistische Gruppierung, operiert international und hat Stützpunkte in allen arabischen und den meisten westeuropäischen Ländern. Sie arbeitet durch Infiltration sozialer Strukturen und durch die Kontrolle der Moscheen.

„Gehirn“ und Spiritus Rector der Muslimbruderschaft war über etwa zwei Jahrzehnte bis Anfang 2001 al Turabi. Seit Anfang der achtziger Jahre hatten die Hauptvertreter der sunnitischen afghanischen Mudschahedin und Terrorgruppen enge Kontakte zu ihm und reisten häufig nach Khartum (so Gulbuddin Hekmatyar, Führer der Hesb-i Islami, der damals wichtigsten Partei des afghanischen Widerstands).5 Auch der ehemalige türkische Ministerpräsident, Necmettin Erbakan, Vorsitzender der inzwischen verbotenen Wohlfahrtspartei, die in die neue Partei von Ministerpräsident Recep Tayyib Erdogan überging, unterhielt enge Beziehungen zu ihm.

Die Muslimbruderschaft hat ein weit verzweigtes Netz von Mitgliedern in Nordafrika, im Nahen Osten, in Asien bis zu den Muslimen in den Vereinigten Staaten und natürlich in Zentralasien und im Kaukasus. Im so genannten heiligen Krieg gegen die Sowjets spielte sie eine tragende Rolle. Sie verfügt über folgende von ihr inspirierte, jedoch autonome, zum Teil national, zum Teil auch supranational organisierte Gruppen:

–Dschihad Islami (Islamischer Heiliger Krieg) wurde Ende der siebziger Jahre in Ägypten gegründet und ist verantwortlich für die Ermordung von Präsident Anwar as-Sadat im Jahr 1981. Die Gruppe kämpft gegen die Regierung von Präsident Hosni Mubarak und hatenge Verbindung nach Pakistan, Afghanistan, Sudan und zu Osama Bin Laden. Zu Beginn der neunziger Jahre wurde bei einem Sprengstoffanschlag des Dschihad Islami die ägyptische Botschaft in Islamabad zerstört. Der ägyptische Islamist und Muslimbruder Ayman az-Zawahiri war Führer von Dschihad Islami in Ägypten. Zawahiri soll nach Ansicht der ägyptischen Regierung Drahtzieher der islamistischen Gewalt sein, der in Ägypten zwischen 1992 und 1997 mehr als 1000 Menschen zum Opfer fielen. Er gilt als Stellvertreter Bin Ladens.

–Hamas (Islamische Widerstandsbewegung), 1987 im Zuge der Intifada gegründet, ging aus der Muslimbruderschaft hervor. Diese hatte stets starken Einfluss auf Hamas, welche Verbindungen zu den Regierungen in Iran, Sudan und Organisationen wie der Dschihad Islami in Ägypten und der Islamischen Heilsfront in Algerien sowie Al Nahda in Tunesien unterhielt. Ihr Ziel, das sie durch Selbstmordanschläge in Israel und im Westjordanland erreichen will, ist ein islamischer, nicht säkularer Staat Palästina. Europa gilt nicht als Kampfgebiet.

–Front Islamique du Salut (Islamische Heilsfront), der algerische Zweig der Muslimbruderschaft, ging aus den Wahlen 1991 (erster Wahlgang) als Sieger hervor und wurde anschließend verboten, operiert seither im Untergrund und aus dem Ausland; seit 1997 verfolgt sie einen gemäßigten Kurs. Sie war selbst nicht gewalttätig, wohl aber ihr militärischer Arm, die Islamische Heilsarmee (AIS ).

–Groupe Islamique Armé (Bewaffnete Islamische Gruppe/GIA), gegründet 1992 als radikale Absplitterung der Islamischen Heilsfront, besteht aus vier „Familien“, die Nordalgerien unter sich aufgeteilt haben. Sie verübte zahlreiche Massaker an der algerischen Zivilbevölkerung. Es bestehen enge Verbindungen zum ägyptischen Dschihad Islami und zu Iran.

–Jemaah Islamiyah; ihr werden die Selbstmordanschläge in Bali und auf das Marriott-Hotel in Djakarta zugeschrieben. Ihr Führer, Bakar Bashir, wurde bereits vor zwei Jahrzehnten durch die Muslimbruderschaft beeinflusst. Aktuelle Verbindungen zur Muslimbruderschaft wie auch zu Al Khaïda gelten als wahrscheinlich, sind aber nicht nachgewiesen.

–Hesb-i Islami (islamische Partei). 1968 in Afghanistan von Hekmatyar gegründet, vertritt sie die Politik des islamischen Fundamentalismus mit dem Ziel einer islamischen Ein-Parteien-Republik. Es handelt sich um eine landesweite Organisation, die vor allem Anhänger unter den Paschtunen und Verbindungen zur Muslimbruderschaft hat. In den achtziger Jahren war sie zeitweise die stärkste Mudschahedin-Partei im Kampf gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans; heute ist sie neben den Taliban und Al Khaïda stärkste Kraft in der gewalttätigen Opposition gegen die Regierung von Präsident Hamid Karsai.

Bei sämtlichen sunnitischen Gruppen übte der palästinensische Theoretiker Abdallah Azzam hinsichtlich der theoretischen Unterfütterung der Gründe für den Kampf der verschiedenen Gruppen großen Einfluss aus. Seine Lehren bewirkten auch eine Zusammenlegung der Ziele und die Koordinierung der Zusammenarbeit mit anderen Gruppen.

Hervorstechendes Merkmal der Arbeit der Muslimbruderschaft ist die Internationalisierung der Ziele und des Kampfes der Muslime nach der Prämisse, dass der Islam keine Grenzen kenne und die Souveränität allein Gott gehöre. Das Ziel al Turabis soll sein, durch die Schaffung von Einrichtungen zur Unterstützung und Ausbildung muslimischer Kämpfer des neuen Typs darauf hinzuarbeiten, dass die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Nationalitäten und islamischen Glaubensrichtungen überwunden wird.

Die Wahhabiten

Die Glaubensrichtung des sunnitischen Islams, der Osama Bin Laden und seine Anhänger angehören, ist der Wahhabismus; in Anlehnung an den Begriff Salafiya (Glauben der Altvorderen) ist die Bezeichnung, welche die Wahhabiten sich selbst gegeben haben (im Grenzgebiet Afghanistan/Pakistan), „Salafis“. In Saudi-Arabien gab es, anders als im Westen,  keine oder allenfalls nur eine marginale Säkularisierung und damit keinen Verlust des traditionellen Glaubens und der auf ihm beruhenden Wertvorstellungen. Die Salafiya-Gelehrten in Saudi-Arabien versuchen, die zeitlose Gültigkeit des Islams im Kontakt mit der Moderne und damit die Übereinstimmung von Offenbarung und Vernunft zu beweisen. Der saudische Wahhabismus steht vielen – aus westlicher Sicht – kulturellen Errungenschaften feindlich gegenüber. Er war und ist bemüht, alles zu zerstören, vom Grab des Propheten bis zu den Buddhastatuen in Bamiyan. Die Reinheit des Glaubens an Gott im Islam, der durch menschliches Dazutun getrübt wurde, soll dadurch wiederhergestellt werden.

Saudi-Arabien ist um Verbreitung seiner Version des Islams bemüht und stellt zu diesem Zweck nicht nur weltweit großzügig Gelder zur Verfügung, sondern bemüht sich auch um einen religiösen Führungsanspruch. Am Abend eines jeden Donnerstags gehen Texte für die Freitagspredigt per E-Mail um die Welt.

Der Wahhabismus ist dem traditionellen sunnitischen Islam, der in Afghanistan, Pakistan, Zentralasien sowie Tschetschenien und Dagestan vorherrscht, eigentlich fremd, hat einen missionarischen, unflexiblen und puritanischen Anspruch und versucht, den traditionellen Islam zu verdrängen.

Die proislamistische Lobby der orthodoxen Geistlichkeit in Saudi-Arabien zeigte mit den militanten Kämpfern in den Krisengebieten Solidarität und instrumentalisierte ihre materielle Unterstützung gleichzeitig für die expansive Verbreitung des Wahhabismus. Vor diesem Hintergrund sah die Regierung in Riad die Notwendigkeit des Arrangements mit der proislamistischen Lobby der orthodoxen Geistlichkeit, auch wenn seit dem ersten Golf-Krieg eine enge Anlehnung an die USA und deren Alliierte bestand.

Die globale Wahhabi-Bewegung stützt sich auf zwei Organisationen, welche die Hauptarbeit der Koordinierung der Aktivitäten und Verteilung der finanziellen Mittel leisten: die Muslim World League (MWL), auch Rabita genannt, und die World Assembly of Muslim Youth (WAMY). Letztere verfügt weltweit über ungefähr 450 Organisationen in 34 Ländern.

Al Khaïda

Der saudiarabische Dissident Osama Bin Laden und seine Organisation Al Khaïda werden für die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten vom 11. September 2001 verantwortlich gemacht und nehmen derzeit neben dem Netzwerk der Muslimbruderschaft eine dominierende Stellung im militanten Islamismus ein. Bin Laden nahm in seiner ersten Videobotschaft nach den Terroranschlägen vom 11. September indirekt Bezug auf die Zeit der Demütigung der islamischen Welt, der „Nation des Islams“, seit etwa 80 Jahren, also dem Zeitpunkt der Abschaffung des Kalifats im Jahre 1924.

Den personellen Grundstock von Al Khaïda bilden die so genannten „arabischen Afghanen“, die in Afghanistan durch Ausbildungslager gegangen sind bzw. dort gekämpft haben. Leitmotiv der Aktionen von Al Khaïda dürfte die Maxime Abdallah Azzams sein, der Bin Laden stark beeinflusst hat, dass der Kampf in Afghanistan nur eine erste Etappe auf dem Weg zur Zurückeroberung Jerusalems sei.

Weitere salafitische Gruppen sind die Groupe Salafiste pour la prédication et le combat (G.S.P.C.). Eine Verbindung dieser wahhabitischen Terrorgruppe in Algerien unter Führung von Hassan Hattab mit Bin Ladens Al Khaïda wird vermutet, ist aber nicht definitiv nachgewiesen. Die Geiselnehmer der im Frühjahr 2003 in der algerischen Sahara entführten Touristen werden der G.S.P.C. zugerechnet.

Al Tawhid (Einheit Gottes) entstand in den achtziger Jahren in den nahöstlichen Palästinenserlagern. Gründer war der 1962 in Nablus geborene Mahmud Abu Omar, der in Afghanistan als Freiwilliger gekämpft hat und dort von Azzam beeinflusst wurde. In Deutschland gab es eine Zelle, deren Mitglieder inhaftiert sind und gegen die ein Gerichtsverfahren läuft. In Pakistan aktiv sind die Sipah-e Sahaba (SSP) und die Lashkar-e Jhangvi (LJC) mit dem Ziel der Destabilisierung des Landes und des Sturzes von Präsident Pervez Musharraf. In Marokko wird die Salafia Dschihadia für die Selbstmordanschläge in Casablanca im Mai 2003, die 44 Todesopfer forderten, verantwortlich gemacht.

Schiitische Gruppen

Wie für viele Sunniten die Frage des Kalifats wichtig ist, so werden religiöse Praxis und Politik der Schiiten maßgeblich durch die Erinnerung an den letzten Imam als legitimen Nachfolger des Propheten Mohammed bestimmt. Alles konzentriert sich auf die Erinnerung an sein Martyrium in Folge des Verrats im „ungerechten Krieg“ durch einen Usurpator im Jahr 680. Hauptidee ist die Bedeutung des Kampfes gegen ein tyrannisches Regime und die Idee, dass die traditionellen Vorstellungen von Sieg und Niederlage nicht greifen, sondern dass vielmehr nur das Prinzip wichtig ist, Widerstand zu leisten und der Wille, das höchste Opfer für eine Sache zu bringen, die edel und richtig ist. Dies wird im Martyrium von Imam Hussain in der Ebene von Kerbala in Irak stilisiert, zu dessen Andenken alljährlich die trauernden Gläubigen den Gedenktag Ashura begehen und sich selbst geißeln. Dieses Konzept des Sieges in der Niederlage sowie die Vorstellung, dass Herrschaft nur „stellvertretend“ ausgeübt wird, hat das Denken der Schiiten und natürlich auch der schiitischen militanten Netzwerke geprägt. Der Operationsradius der von Iran gesteuerten Gruppen ist hauptsächlich auf Regionen beschränkt, in denen der schiitische Islam eine Rolle spielt und in denen die Schiiten besondere Ziele haben, außerhalb Irans also auf Irak und auf den südlichen Libanon.

Zu den wichtigsten schiitischen Gruppen zählen zum einen die Hisbollah (Partei Gottes), 1982 auf Betreiben Irans gegründet und 1985 in Libanon als Partei anerkannt. Ihr militärischer Arm kämpfte in Süd-Libanon gegen die israelische Armee und wird geführt von Scheich Hassan Nasrallah. Des Weiteren gehört dazu Hesb al Da’wa al Islamija (Partei des islamischen Rufs). Sie wurde 1969 gegründet und ist die älteste und wichtigste Oppositionsbewegung in Irak. Sie forderte bereits seit Jahren den Sturz Saddam Husseins und die Errichtung eines Staates nach iranischem Vorbild.

Bei den schiitischen Gruppen haben Großayatollahs in ihrer Eigenschaft als religiöse Führer eine besondere Rolle. Ihr Einfluss im Nahen und Mittleren Osten (Libanon, Irak, Iran) ist transnational, entsprechend den Verhältnissen im Osmanischen Reich vor der Ziehung der jetzigen Grenzen.

„Kultur des Friedens“

Um die Aktivitäten der militanten Islamisten einzudämmen und die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, wird es ausschlaggebend sein, das Vertrauen und die Herzen der betroffenen Menschen zu gewinnen. Die Terroristen dürfen sich nicht mehr in ihren Sanktuarien wie Fische im Wasser bewegen können.

In diesem Zusammenhang sollte religiöse Überzeugung als bedeutendes, ja in einigen Fällen ausschlaggebendes Handlungsmotiv ernst genommen werden, denn die Renaissance des Islams, der islamische Integralismus ist nicht – wie einige Experten im Westen immer wieder behaupten – ein lediglich durch Armut und Chancenlosigkeit verursachtes Phänomen.

Wichtig wird es sein, neben militärischen und polizeilichen Maßnahmen eine „Kultur des Friedens“ zu etablieren; dies aus der Erkenntnis heraus, dass Racheakte den Hass nicht heilen, so wie dies bei einer Debatte der Generalversammlung der Vereinten Nationen nach dem 11. September 2001 betont wurde.6 Es hieß dort, dass die Verweigerung menschlicher Würde und der Menschenrechte nicht toleriert werden dürfe und die Marginalisierung der Armen durch Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen gelindert werden müsse. Dies sei die einzige dauerhafte und wirksame Antwort auf den Terrorismus. Auch sei unabdinglich, die Ursachen für Hass und Gewalt, die jeden Schritt in Richtung Frieden behinderten, zu beseitigen.

Folgende Überlegungen sollten daher zentraler Bestandteil der neuen Strategie für eine „Kultur des Friedens“ im islamischen Krisengürtel werden:

1. Statt sich auf die Beseitigung einiger Drahtzieher des Terrors zu beschränken, gilt es, ein Konzept der Zusammenarbeit mit der islamischen Welt zu definieren, welches das Gesamtspektrum der Probleme anpackt und versucht, einen Konsens zu finden. Zu allererst müssen Wege gefunden werden, um das von den militanten Islamisten perzipierte „Gerechtigkeitsdefizit“ in den zwischenstaatlichen Beziehungen, aus dem sich die Regionalkonflikte nähren, effektiv und rasch abzubauen. Die Antwort auf diese Herausforderung findet sich zu einem guten Teil in dem alten Leitsatz „Iustitia Fundamentum Regnorum“. Der Schwerpunkt muss in neuen Ansätzen für Gerechtigkeit und Frieden in der internationalen Politik liegen sowie in Bemühungen um die Lösung schwelender Regionalkonflikte. Hierfür könnten sich auf intergouvernementaler Ebene Konferenz-Zyklen der Europäischen Union mit islamischen Staaten als sinnvoll erweisen.

2. Die Mehrheit der Muslime gehört einem gemäßigten, vernünftigen Islam an, der auch Grundlage der Werte der großartigen islamischen Zivilisation ist. In der Erkenntnis, dass es sich bei den wahhabitisch/salafitischen Islamisten Al Khaïdas um eine kleine Gruppe handelt, die eine ins Paranoide gesteigerte, insgesamt kulturfeindliche Form des islamischen Integralismus vertritt und diesen unter Einsatz äußerst aktiver Missionsbestrebungen und großer finanzieller Mittel zu verbreiten sucht, sollte überall im islamischen Krisengürtel die Zusammenarbeit mit dem traditionellen Islam gesucht werden. Das Motto dafür könnte sein: „Den Islamismus durch den Islam entwaffnen“. Hierfür ließe sich die schweigende Mehrheit gewinnen.

3. Fortschritte beim Wiederaufbau so genannter „gescheiterter Staaten“ sind dringend erforderlich und zwar mit dem Ziel allmählicher Wiederherstellung des staatlichen Gewaltmonopols, das Voraussetzung für Sicherheit, Stabilität und Frieden ist, bzw. Etablierung eines Gewaltmonopols dort, wo es bisher noch nicht existiert hat, etwa in einigen Regionen im Grenzgebiet Afghanistan/ Pakistan.

4. Es sollten durch einen globalen Plan nach dem Vorbild des „Marshall-Planes“ möglichst rasch entscheidende Fortschritte für die Gewährleistung angemessener Lebensbedingungen in den Brennpunkten des islamischen Krisengürtels erreicht werden. Hierbei gilt es, westliche Reformansätze behutsam umzusetzen, um nicht durch Ressentiments gegen eine vermeintlich „paternalistische Haltung“ des Westens Fortschritte bei der Gewinnung des Vertrauens traditioneller Gesellschaften zu gefährden.

Möglichst viele Menschen, die in den Sog von Terroristen geraten sind und Sympathien für den islamischen Integralismus hegen, müssen in das Programm der „Kultur des Friedens“ eingebunden werden. Wenn diese Maßnahmen greifen, wenn das Gerechtigkeitsdefizit abgebaut wird und wenn neues Vertrauen entsteht, könnte den neuen Wellen terroristischer Anschläge und Selbstmordattentate mit Erfolg begegnet werden.

Es gibt ein Leitmotiv für diese Kultur des Friedens, das die kürzlich verstorbene Orientalistin Annemarie Schimmel geprägt hat: „Judentum, christliche Religion und Islam erkennen dasselbe Konzept des Eschatologischen Friedens, wenn Löwe und Lamm zusammen liegen in der Zeit des gerechten Herrschers. Aber der Frieden ist nicht statisch. ... Frieden ist eine Reise, ein niemals endender Prozess.“7

Anmerkungen

1  Vgl. Michael Pohly und Khalid Duran, Osama Bin Laden und der internationale Terrorismus, München 2001, S.56.

2  Vgl. Amoz Oz, Kinder des Terrors, Wie der paranoide Islamismus zu kurieren wäre, in:  Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.8.2003.

3  Vgl. v. Erffa, Asiens anderes Gesicht, München 1988; hier S. 104.

4 „‘Dschihad’, der ‘Kampf für die Sache Gottes’, kann militärischer Kampf im Sinne von Selbstverteidigung sein (kleiner Dschihad); vor allem ist er aber spirituelles Bemühen, ein Leben nach Gottes Willen und in Übereinstimmung mit dem Koran zu führen. Vgl. Klaus H. Schreiner, Muslime in Asien. Politik und Islam am Beispiel Pakistans und Indonesiens, in: Internationale Politik (IP), 3/2002, S. 41–46, hier S. 41; Zur Definition von Dschihad siehe auch die Rede von Pervez Musharraf vom 12.1.2002, in:IP, 2/2002, S.118–125.

5 Informationen aus Gesprächen des Autors mit dem früheren Büroleiter Hekmatyars im Jahre 1991.

6 Vgl. Intervention von Erzbischof Renato Martino, Apostolischer Nuntius, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen vor dem Plenum der 56. Generalversammlung zum Tagesordnungspunkt 28 „Kultur des Friedens“, 22.10.2001.

7 Vgl. Annemarie Schimmel, Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des DeutschenBuchhandels, 1985.

 
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