Rationalität des Krieges?

Nachdenken über die Situation in Irak und die amerikanische Hegemonie in der Region

1. October 2003 - 0:00 | von Dirk Nabers

Internationale Politik 10, Oktober 2003, S. 67 - 69

Kategorie: Krieg/Kriegführung, Sicherheitspolitik, Terrorismus, Vereinte Nationen, NATO, Irak, Nordamerika, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika

Obwohl die Kampfhandlungen in weiten Teilen des Landes noch nicht abgeschlossen sind, haben sich bereits Wissenschaftler und Journalisten auf die Suche nach der Rationalität des jüngsten Krieges in Irak begeben. Dirk Nabers stellt zwei Neuerscheinungen vor, in denen sich der Politikwissenschaftler Herfried Münkler und der Fernsehkorrespondent Ulrich Tilgner mit dem bisherigen Verlauf des Krieges und mit der Situation in Irak auseinandersetzen.

Sprechen wir über die Kriege der letzten Zeit – der Balkan, Afghanistan und Irak wären hier zu nennen –, so ist immer auch nach dem Wahrheitsgehalt unserer Aussagen zu fragen. Worin bestehen die „eigentlichen“ Ziele der Kriegsparteien? Sind die Informationsquellen, auf die wir uns berufen, zuverlässig? Oder stellen sie nur eine bestimmte Variante von Wissen zur Verfügung, indem einige Interpretationen von vornherein als illegitim ausgeschlossen werden? Ungeachtet dieser wichtigen Einwände begeben sich immer mehr Wissenschaftler und Journalisten auf die Suche nach der möglichen Rationalität des jüngsten Krieges in Irak, während die Kampfhandlungen in vielen Teilen des Landes noch nicht abgeschlossen sind.

Zwei Beispiele, in denen diese Suche auf scharfsinnige und provokante Weise vollzogen wird, sind Herfried Münklers „Der neue Golfkrieg“ und Ulrich Tilgners „Der inszenierte Krieg“. So unterschiedlich beide Bücher auch auf den ersten Blick erscheinen – auf der einen Seite die kühl distanzierte wissenschaftliche Analyse des Professors für Politikwissenschaft, auf der anderen die des erfahrenen Journalisten, der seit über zwanzig Jahren aus dem Nahen und Mittleren Osten berichtet und mit eigenen Augen das Kriegsgeschehen beobachtet hat –, so sehr ähneln sie sich in ihrem Anliegen: der ständigen Suche nach der „Wahrheit hinter der Wahrheit“, nach Antithesen und alternativen Erklärungen.

Beide Bücher beginnen mit dem immer noch schwer fassbaren machtpolitischen Gerangel, das die Monate vor der Invasion bestimmte. Die Ausgangsthesen der Autoren weisen dabei in eine ähnliche Richtung: Während Münkler den Krieg in Irak als Versuch Washingtons deutet, die nach zwei Golf-Kriegen verloren gegangene politische Stabilität in der Region wieder herzustellen, sieht Tilgner in Irak einen künftigen Brückenkopf für die amerikanische Nahost-Strategie – beide Thesen schließen Wirtschaftsinteressen als Hauptmotiv für den Krieg aus. Nicht die Intervention in bestehende Märkte sei das Ziel Washingtons gewesen, sondern die Sicherstellung der üblichen Marktmechanismen. Die unter den weltweiten Pazifisten populäre Parole „Kein Blut für Öl!“ laufe daher ins Leere.

Es ist Münkler, der die Auseinandersetzung mit dieser Ansicht ernsthaft vorantreibt, indem er das Spiel um Öl, die strategische Mächtekonstellation im Nahen und Mittleren Osten seit dem Rückzug der Briten zu Beginn der siebziger Jahre und die politischen Folgen des Krieges zum Inhalt seiner Analyse macht. Münkler nimmt es mit den Untiefen amerikanischer Sicherheitsplanung auf, wenn er den „wirklichen“ Motiven und Gründen Washingtons für die Invasion in Irak nachspürt.

Wer jedoch eine einfache Antwort erwartet, der wird enttäuscht. Münkler scheut das Dogma. Ideologiefrei versucht er aus der historischen Perspektive Indizien für und wider die amerikanische Besetzung Afghanistans, Iraks und möglicher anderer Staaten in der Zukunft zu sammeln. Nicht immer ist er dabei vor Spekulation gefeit. So will er nicht ausschließen, dass wesentliche Teile der politischen Planungselite in Pentagon und Weißem Haus die militärische Kampagne gegen das afghanische Taliban-Regime nur als Beginn einer umfassenden politische Neuordnung des Mittleren Ostens angesehen haben.

Es ist Münkler hoch anzurechnen, dass er uns die Augen für die wichtigen Gefahrenquellen öffnet, die zum Motor des amerikanischen „Krieges gegen den Terror“ geworden sind. Nicht die etwaige Anwendung von Massenvernichtungswaffen durch einen Angehörigen der von Präsident George W. Bush ausgerufenen „Achse des Bösen“ steht hier im Vordergrund, sondern die Verfügbarmachung dieser Waffen für Terroristen. Münkler sieht es als „eine Sache des gesunden Menschenverstands und der Selbstverteidigung, dass die USA gegen solche aufkommenden Bedrohungen vorgehen werden, bevor sie übermächtig werden.“ (S. 31).

Dürfen wir also in naher Zukunft die Ausweitung des amerikanischen Feldzugs auf Staaten wie Nordkorea und Pakistan erwarten? Münkler weist zu Recht darauf hin, dass das Atomprogramm des ostasiatischen „Schurkenstaats“ erheblich weiter vorangeschritten sein dürfte als dasjenige Iraks. Und ob die Kontrolle über das pakistanische Nukleararsenal noch von der Regierung in Islamabad gewährleistet werden kann, stehe in den Sternen. Dennoch geht der Verfasser nicht von weiteren Kriegshandlungen der USA in naher Zukunft aus. Das Geplänkel im UN-Sicherheitsrat um eine Resolution zur Entwaffnung Saddam Husseins habe nur die langfristigen strategischen Ziele der Regierung Bush verdeckt. Dies sei jedoch pure Heuchelei gewesen und habe nie der operativen Politik Washingtons entsprochen.

Kein Zweifel, Münkler präsentiert sein Argument in bestechender Manier. Er verarbeitet die aktuelle angelsächsische Debatte über den Irak-Krieg auf der Grundlage profunder Kenntnisse über historische Kriegsdeutungen. An den Stellen, wo er sich zu einem abschließenden Urteil hinreißen lässt, ist dies sorgfältig aus der Gegenüberstellung der vorhandenen Quellen deduziert. So lässt auch die Diskussion möglicher Folgen des Krieges in den letzten beiden Kapiteln des Buches nichts an wissenschaftlicher Präzision zu wünschen übrig. Münkler zeigt die Völkerrechtswidrigkeit des Angriffes auf Irak anhand einer fundierten Analyse des durch die Charta der Vereinten Nationen gewährten Rechtes auf Selbstverteidigung. Sein Fazit fällt mithin eindeutig aus: Es lag weder eine Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen vor, noch lässt sich eine direkte Verbindung zwischen der irakischen Regierung und den Urhebern der Anschläge vom 11. September 2001 nachweisen. Es gibt folglich keinen Grund, die amerikanische Invasion Iraks mit dem Recht auf Selbstverteidigung zu rechtfertigen.

Solch weitgehende Urteile fordern natürlich zu Widersprüchen heraus. Es ist deshalb von Anfang an nicht das Anliegen des Buches von ZDF-Korrespondent Ulrich Tilgner, die „neue Ordnung“ im Mittleren Osten zu analysieren oder die Perspektiven einer durch das Völkerrecht legitimierten Zusammenarbeit von Europäern und Amerikanern im UN-Sicherheitsrat zu ermitteln. Dies überlässt Tilgner wohlweislich Politikwissenschaftlern wie Herfried Münkler. Sein Metier ist ein anderes. Es liegt in der Beobachtung von Tatorten, in der Unmittelbarkeit, die ein Stück Ereignisgeschichte darstellt und künftige Urteile über Kriege bestimmen wird. Den Kern des Buches bildet die Aufarbeitung des Informationskriegs. Dazu dient der Blick hinter die Kulissen einer kinowürdigen Inszenierung, die ausnahmsweise nicht in Hollywood, sondern nach den Drehbüchern des Pentagon in Bagdad, Mossul, Tikrit, Basra und anderen irakischen Städten spielt. Hier spricht der erfahrene Journalist, für den der Terrorismus als „neue Bedrohung“ mehr bedeutet als ein analytisches Konzept. Tilgner kennt die Gefahr, die von einem Land wie Afghanistan ausgeht. Für ihn hatte sie einen realen Hintergrund: Hier lebten diejenigen, die die Anschläge vom 11. September planten; er konnte sich in den Ausbildungslagern der Terrorkommandos mit eigenen Augen umsehen. Deshalb gab es für ihn keinen Zweifel, dass die Maßnahmen der USA gegen die Taliban und Al Khaïda vom völkerrechtlich gesicherten Selbstverteidigungsrecht gedeckt waren.

Anders steht es mit dem Angriff auf Irak, auf den sich das Buch nach einer kursorischen Kennzeichnung der amerikanischen Situation nach dem 11. September 2001 konzentriert. Wie bereits Münkler weist auch Tilgner vehement darauf hin, dass vom Boden Iraks kein Angriff gegen die USA ausgegangen sei und ein solcher wohl auch nicht geplant war. Es habe dort keine Ausbildungslager für Terroristen des Al-Khaïda-Netzwerks gegeben, und auch nach dem Ende der Kriegshandlungen, die zur Entmachtung Saddam Husseins führten, hätten keine Indizien den von den Vereinigten Staaten vorgebrachten Vorwurf bestätigt, dass Irak über Massenvernichtungswaffen verfüge. Mit anderen Worten: Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen könne in diesem Fall – wie noch in Afghanistan – nicht als völkerrechtliche Legitimation des Angriffs dienen.

Die Stärken des Buches liegen weniger in der analytischen Reichweite als vielmehr in der erzählerischen Kraft der Ausführungen, die mitunter den Charakter der klassischen Kriegsreportage annehmen. Dort, wo der Autor die eigenen Gefühle während der zahlreichen Bombennächte in Bagdad schildert und wo andere Augenzeugen zu Wort kommen, bringen Tilgners Worte dem Leser das Kriegsgeschehen besonders nahe. Mit dem Wissen um das Schicksal Saddam Husseins und der Bevölkerung Iraks geschrieben, dienen die Ausführungen demjenigen als guter Ersatz, der seine Abende während des Irak-Kriegs nicht in billiger Effekthascherei vor dem Fernseher verbrachte.

Tilgners persönliches Netzwerk beeindruckt den Leser und verhilft zu weniger bekannten Kenntnissen über die Aufenthaltsorte der Familie Saddam Husseins während des Krieges, das Leben westlicher Journalisten und die – zum Teil von offiziellen Angaben abweichenden – Angaben über das mit Tod und Krankheit verbundene Leid der Bevölkerung. Die Beschreibung von Spaziergängen durch die irakische Hauptstadt nach Kriegsbeginn, Gespräche mit Einheimischen und weit reichende Urteile vermischen sich in gut lesbarer Form zu einer Lektüre für eine Leserschaft, die in ihrem beruflichen Leben weniger mit politischen Zusammenhängen konfrontiert wird. Darin besteht der Unterschied zu Münklers Werk, das an einer breit angelegten Einordnung des Kriegs in die sich verändernden weltpolitischen Strukturen nach dem 11. September 2001 interessiert ist.

In neuer Rekordzeit vom Rowohlt-Verlag als Konkurrenzprodukt der elektronischen Medien gedruckt, offenbaren beide Bücher indes auch Schwächen. So lässt es den kritischen Leser doch wenigstens stutzen, dass weder Münkler noch Tilgner mehr als ein Wort für den Konflikt zwischen Israel und Palästina übrig haben, und dass ebenso wenig die Rolle der amerikanischen Energielobby im Vorfeld des Krieges beleuchtet wird. So beeindruckend die Schreibleistung beider Autoren auch ist, ihre Bücher wirken am Ende doch wie Fragmente in einer Geschichte, für deren Niederschrift sich künftige Autoren mehr Zeit nehmen müssen. Für eine erste Bestandsaufnahme der Situation in Irak nach dem Sturz des Saddam-Clans und zum Nachdenken über politische Perspektiven „im Schatten der militärischen Hegemonie der USA“ eignen sie sich ohne Zweifel.

Herfried Münkler, Der neue Golfkrieg, Berlin: Rowohlt Verlag 2003, 176 S., 12,90 EUR.

Ulrich Tilgner, Der Inszenierte Krieg. Täuschung und Wahrheit beim Sturz Saddam Husseins, Berlin: Rowohlt Verlag 2003, 192 S., 16,90 EUR.

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