Das Ende der Toleranz?

Buchkritik

1. April 2005 - 0:00 | von Simone Dietrich

Internationale Politik 4, April 2005, S. 134 - 135.

Kategorie: European Union, Migration, Europe

Europas Sonderweg und das Scheitern der Einwanderungspolitik

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen die europäischen Gesellschaften vor neuen großen Herausforderungen im Umgang mit Religionen. Ob in Deutschland, Großbritannien oder den Niederlanden, der Glaube an eine friedliche multireligiöse Gesellschaft wird durch Gewalttaten erschüttert. Gleichzeitig breitet sich im einst christlich geprägten Europa heute eine starke Unsicherheit über die Bedeutung von Religion aus.

In seinem Buch „Tödliche Toleranz“ analysiert Günther Lachmann die Beziehung zwischen der westlichen Mehrheitsgesellschaft und der muslimischen Minderheit. Bereits der Titel macht deutlich: Für Lachmann ist die Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft gescheitert. Als Grund hierfür nennt er ein falsches Verständnis von Toleranz. Denn Toleranz in der Gestalt von Gleichgültigkeit und Ignoranz, wie sie heute von beiden Seiten praktiziert wird, hat tödliche Konsequenzen; die Gewalttaten von Hoyerswerda, Mölln und Solingen dienen Lachmann als Belege für seine These.

Wie konnte es dazu kommen? Zur Beantwortung dieser Frage untersucht der Autor die gesellschaftliche Entwicklung der letzten 40 Jahre. Er analysiert nüchtern im Ton, wenn auch oft in der Sache überspitzt, er stellt unbequeme Fragen und rüttelt die Leser mit provokanten Thesen auf. Lachmann prangert den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit den Muslimen an. Die deutsche Einwanderungspolitik ist in seinen Augen ein Fehlschlag. Den Regierungen von Adenauer bis Brandt hält er vor, Millionen von türkischen Gastarbeitern ins Land geholt zu haben, ohne die dabei entstehenden Spannungen mit integrationsfördernden Maßnahmen zu bekämpfen. Die Gastarbeiter wurden zwar toleriert, aber – wie auch die später hinzukommenden türkischen Asylanten unter der Regierung Kohl – von der Mehrheitsgesellschaft abgegrenzt untergebracht. Hier sieht Lachmann den Ursprung der gescheiterten Integration von Muslimen in Deutschland.

Gleichzeitig problematisiert er das fehlende Integrationsbewusstsein der Muslime, was zum Fortbestehen einer Parallelwelt geführt hat. Angesichts von Armut und schlechten Bildungschancen bleibt dort oft nur der Glaube, um Identität und Zusammenhalt zu stiften und soziale Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren. Werden diese von radikalen Predigern instrumentalisiert, ist laut Lachmann der Schritt zum Terror nicht weit. Abgesichert durch das Recht auf Religionsfreiheit, finden radikale Islamisten in den muslimischen Ghettos Nährboden für die Verbreitung ihrer Botschaften.

Auf die Frage, warum so viele Spuren des Terrorismus nach Deutschland führten, antwortet der Autor: „Die Anschläge in den USA und in Spanien haben ihren Ursprung in einem radikalen Islamismus, der in den muslimischen Vierteln von Hamburg und Madrid (durch falsch verstandene Toleranz) erst möglich wurde.“ (S. 275)

Angesichts dieser sozialen Gegensätze plädiert das Buch für ein echtes Miteinander, das auf kritischer Toleranz basiert. Die Muslime sollten sich ernsthaft integrieren. Auf der anderen Seite müsse die Mehrheitsgesellschaft Andersartigkeit akzeptieren, aber auch Anpassung einfordern. Lachmann geht so weit, eine Politik zu verlangen, die eine Mischung von Muslimen und Nichtmuslimen in den Stadtteilen erzwingen soll. Es ist aber fraglich, ob auf diese Weise die Integrationswilligkeit der Muslime verstärkt wird, zumal es bereits Deutsche gibt, die freiwillig und gerade aufgrund der türkischen Kultur nach Berlin-Kreuzberg ziehen.

Ohnehin weckt vor allem erzwungene Migration das Bedürfnis nach Heimat in der Diaspora. Parallelwelten entsprechen dem Geist einer globalisierten Welt. Vorraussetzung eines friedlichen Zusammenlebens ist vielmehr Gleichwertigkeit, die sich durch eine Verbesserung von sozialen Verhältnissen und Bildungschancen der Minderheit ergibt. Einen wichtigen Schritt in Richtung eines Miteinanders hat Lachmann mit seinem aufrüttelnden Buch gemacht.

Auch für Hartmut Lehmann ist die Frage nach der Zukunft Europas eng mit einem geschärften Bewusstsein für religiöse Toleranz verbunden. Im Mittelpunkt seines Buches steht aber das Verhältnis Europas zur eigenen christlichen Tradition. Als Historiker untersucht Lehmann den europäischen Säkularisierungsprozess und die Entwicklung des Christentums seit der Aufklärung. Nur in Europa habe die Säkularisierung triumphiert, sagt Lehmann, um weiter zu konstatieren: „Innerhalb einer globalisierten Welt kann man die Säkularisierung deshalb als den europäischen Sonderweg in Sachen Religion bezeichnen.“ (S. 58)

Ü ber einen Vergleich mit den USA arbeitet Lehmann gleich zu Beginn die gravierenden Unterschiede heraus, die in der westlichen, aufgeklärten Welt bestehen, wenn es um die Bedeutung des Christentums geht. Es folgt ein Vergleich Europas mit anderen Gegenden wie Lateinamerika und Afrika. Das Ergebnis: Während außerhalb Europas den christlichen Traditionen sowohl im privaten als auch im öffentlichen und politischen Leben eine wichtige Rolle zukommt, haben die Europäer ein besonders distanziertes Verhältnis zur Religion entwickelt.

Ursachen hierfür sieht Lehmann erstens in den säkularisierten Sprachen Europas, die – etwa im Vergleich zum sakralen Arabisch – Distanz zum Religiösen schaffen; zweitens in der Reaktion auf die jahrhundertelange exzessive christliche Indoktrination durch absolutistische Regimes und Kirchen; und drittens in den Folgen, die der Glaube an politische Ideologien wie Leninismus, Stalinismus und Nationalsozialismus hatte, die christliche Traditionen zerstörten oder korrumpierten.

Vor diesem Hintergrund wirft Lehmann einschlägige Fragen auf: Ist eine erneute Stärkung der Religion in Europa möglich? Ist die Säkularisierung nur eine vorübergehende Phase der Geschichte Europas? Oder ist der europäische Sonderweg das „zivilisatorische“ Pilotprojekt, dem sich andere Kulturen anpassen werden? Oder kommt es eher dazu, dass sich Europa den religiös geprägten Kulturen annähern wird?

Anregend sind auch Lehmanns Hinweise auf neueste Forschungszweige zur Entwicklung des Christentums weltweit. Insgesamt besticht das Buch durch analytische Schärfe und zukunftsgerichtetes Denken, es leidet aber gleichzeitig ein wenig an der mangelnden Zusammenführung der einzelnen Aufsätze.

Günther Lachmann: Tödliche Toleranz. Die Muslime und unsere offene Gesellschaft. Piper Verlag, München 2004. 304 Seiten, 14 Euro.

Hartmut Lehmann: Säkularisierung. Der europäische Sonderweg in Sachen Religion. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. 176 Seiten, 21 Euro.

 
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