Der Terrorist, der aus dem Westen kam

Europas gescheiterte Integrationspolitik macht Amerika Angst

1. August 2005 - 0:00 | von Tim B. Müller

Internationale Politik 8, August 2005, S. 124 - 127

Kategorie: Terrorismus, Sicherheitspolitik, Transatlantische Beziehungen, Migration, Integration, Europäische Union, Europa-USA, Westliche Welt, Europa, Vereinigte Staaten von Amerika, Islamische Welt

London war das Signal. „Von jetzt an müssen wir uns der Tatsache stellen, dass der Krieg innerhalb des Islams auch ein Krieg innerhalb Europas ist“, erklärt Christopher Hitchens im Weekly Standard vom 18. Juli. Aber „auch das Spiegelbild existiert. Viele Muslime stellen sich auf die Seite der Zivilisation, während viele europäische Faschisten und Kommunisten dem Dschihad Sympathie entgegenbringen.“

Ausführlicher widmet sich Reuel Marc Gerecht, führender neokonservativer Terrorismus- und Nahost-Experte, dem „Dschihad made in Europe“, ebenfalls im Weekly Standard (25. Juli). „Was einmal unzweifelhaft ein Import war, wurde zum heimischen Produkt, es ist mutiert und gewachsen.“ Der „europäische Islam“ scheint „eine sich zunehmend radikalisierende Kraft zu sein – intellektuell wie in der Praxis.“ Zwar betont auch Gerecht, die Mehrheit der europäischen Muslime sei moderat. Die Säkularisierung der europäischen Muslime, von den Europäern oft verkannt, sei „im großen und ganzen ein gewaltiger Erfolg“. Aus diesem Grund können jedoch radikale muslimische Aktivisten so große Beachtung finden: „Die Moderaten haben ihnen das Feld überlassen.“

In Europa liege die Zukunft des islamischen Radikalismus und seiner Terrornetzwerke. Wie konnte es dazu kommen? Gerecht verweist auf den französischen Forscher Olivier Roy, dem zufolge die „meisten jungen Muslime im Westen radikal werden: Sie sind ‚wiedergeborene Muslime‘. Sie sind hier islamisiert worden. Viele leben getrennt von ihren Familien, viele sind mit Nicht-Muslimen verheiratet. Ihre Auseinandersetzung mit der Welt ist nicht aus dem Nahen Osten importiert: Sie ist völlig modern. Sie richtet sich gegen den amerikanischen Imperialismus, gegen den Kapitalismus etc. Sie haben den Platz eingenommen, den vor zwanzig Jahre die Action Directe ausfüllte. Sie existieren in der von der extremen Linken aufgegeben militanten Realität, wo die Jungen nur zu dem Zweck leben, das System zu zerstören. Die Radikalisierung ist nicht die Folge eines ‚Kampfes der Kulturen‘. Diese militante Evolution findet auf unserem Territorium statt, sie gehört von nun an zur inneren Geschichte des Westens.“

Man darf sich diese Entwicklung nicht völlig losgelöst vom Nahen Osten vorstellen – das Geld der Saudis spielt weiter eine unrühmliche Rolle –, und auch Religion ist in einer radikal-apokalyptischen Variante entscheidend. Dennoch hat Gerecht einschlägige Erfahrungen gemacht: „Wenn man mit jungen gläubigen Männern in Frankreich, Belgien oder Holland zusammensitzt, kommt man sich wie in einer Zeitmaschine vor, zurückversetzt in die europäische radikale Linke der siebziger und frühen achtziger Jahre.“

Für diese jungen europäischen Muslime ist das Selbstmordattentat ein „revolutionäres Phantasma“, der Tod ist der „ultimative Ausdruck einer durch und durch westlichen Idee individueller Freiheit und Selbstverwirklichung und zugleich ein durch und durch islamisches Konzept der Selbstverleugnung und Unterwerfung unter den Willen Gottes“. Diese noch radikalere Variante des islamischen Radikalismus konnte erst im Westen entstehen. Die effektiv-sten und schrecklichsten „Anhänger des Bin-Ladenismus“ sind heute und in Zukunft darum „diejenigen, die kulturell und intellektuell uns am meisten gleichen“, so Gerecht.

Ihre Verwestlichung hat die jungen Muslime von den traditionellen familiären Bindungen gelöst. Keine menschlichen Regungen hindern sie mehr an ihren Taten. Diese Variante des „Bin-Ladenismus ist die muslimische Entsprechung des westlichen Totalitarismus“, der auch dieses Mal wieder in Europa geboren wurde. Weder Algerien noch der israelisch-palästinensische Konflikt noch Irak sind eine Erklärung dafür. Auf das Scheitern der europäischen Integrationspolitik geht Gerecht nur kurz ein. Die jungen europäischen Muslime, die in Radikalismus und schließlich Terror ihre Selbstbestätigung finden, schrecken jedoch amerikanische Terrorexperten auf. Denn sie sind europäische Staatsbürger. Gerecht fordert, die Visumspflicht für alle westeuropäischen USA-Reisenden wieder einzuführen.

Noch habe man Glück gehabt, geradezu erstaunlich sei, dass bislang nicht mehr junge europäische Muslime sich den Terroristen angeschlossen hätten und nicht noch blutigere Anschläge als in London verübt worden seien. Aber Hoffnung kommt aus dem Nahen Osten. Wenn sich dort die Lage verbessere, werde dies auch Rückwirkungen auf die Muslime Europas haben, so Gerecht. Der Freude ihrer Familien werden sich auch die ihnen entfremdeten zornigen jungen Männer nicht auf Dauer entziehen können. Wenn Amerika „Europa helfen will, sollte es so nachdrücklich wie möglich die schnelle Demokratisierung des Nahen Ostens unterstützen. Es wäre eine erfreuliche Ironie, wenn die fortschrittlicheren politischen und religiösen Debatten unter nahöstlichen Muslimen ihre intellektuell zurückgebliebenen Glaubensbrüder in den Ländern der Europäischen Union retten würden.“

Der Integration europäischer Muslime widmet sich ausführlicher Robert S. Leiken vom Washingtoner Nixon-Center in Foreign Affairs (Juli/August). Sein Beitrag über „Europas zornige Muslime“ erschien kurz vor den Londoner Anschlägen – die er für unvermeidlich hielt, eine von zahlreichen hellsichtigen Bemerkungen des Autors. Auch ihn beschäftigen die „in Europa aufgewachsenen, mit europäischen Pässen ausgestatteten Mudschaheddin, die ohne Visum aus Westeuropa in die USA gelangen können“. Kurz vor den Attentaten in der britischen Hauptstadt ist Leikens Beispielfall noch der in Europa geborene und aufgewachsene Mörder des holländischen Filmemachers Theo van Gogh. Mit politisch motivierten Morden nach nahöstlichem Modell sei ein Wendepunkt, eine „neue Phase der terroristischen Bedrohung erreicht“.

15 bis 20 Millionen Muslime leben in Europa, ihre Verbindungen zu ihrer Heimat sind viel stärker als die der drei Millionen Muslime in Amerika. Auch Leiken verweist auf Roy und andere Islamforscher, die vom „globalisierten Islam“ sprechen, einem gegen die westliche Vorherrschaft gerichtetem Produkt der westlichen Moderne, einer „antiwestlichen Verwestlichung“. Europa ist demnach längst wieder zur Kolonialmacht geworden – durchzogen von inneren Kolonien, die den eingewanderten Muslimen als Minderheitenrefugien zugewiesen wurden. Damit wollen sich die jungen Muslime nicht mehr zufrieden geben.

Anders als Gerecht hält Leiken den Vergleich mit RAF, Action Directe oder Brigate Rosse für nicht zutreffend, weil die dschihadistischen Gruppen über eine viel größere soziale Basis verfügten. Die Zahl der Unterstützer wächst. Videos, Chatrooms, Gebetsveranstaltungen und Sommerlager sind Mittel der islamistischen Sozialisierung. Nach Einschätzungen europäischer Geheimdienste sei dieser radikale Islam mittlerweile zu einem „autonomen Phänomen“ herangewachsen, „sogar ohne direkten Einfluss von außerhalb Europas“.

Neben asylsuchenden, von Saudi-Arabien finanzierten radikalen Imamen, die besonders in Großbritannien Unterschlupf finden, weist Leiken auf die große Gruppe der in Europa geborenen radikalen Muslime hin – arbeitslose Vorstadtbewohner ebenso wie gut ausgebildete Aufsteiger, die die antiwestliche Kultur des Westens in sich aufgesogen haben. Letztere bilden die Führungskader der radikalen Netzwerke, der Übergang zum Terrorismus ist fließend. Rekrutiert für den Dschihad wird mittlerweile nicht nur in Banden und Gefängnissen, sondern an Universitäten und Schulen. Osama bin Laden dient den längst „relativ autonomen europäischen dschihadistischen Netzwerken“ nur noch zur „Ermutigung und strategischen Orientierung“.

Zur Kampfausbildung gehen junge Muslime heute nicht mehr nach Tschetschenien, sondern in den Irak, verwundete Terroristen aus dem Irak werden in Europa versorgt. Deutschland spielt dabei auch eine Rolle – hier beschaffen sich die Dschihadisten „von balkanischen Banden Waffen“, so Leiken. Dass es so nicht weitergehen kann, habe zuerst Frankreich Mitte der Neunziger begriffen. Frankreichs Antiterrormaßnahmen stünden den amerikanischen sogar besonders nahe: Radikalen wird Asyl verweigert, Verdächtige können ohne Begründung einige Tage gefangen gehalten werden, und die Polizei dringt häufig in Moscheen ein.

In Großbritannien hingegen werde dem Multikulturalismus bis hin zum Separatismus Raum gegeben und jeder Radikale aufgenommen – allerdings unter strenger Überwachung. In Deutschland oder den Niederlanden dagegen habe es bis vor kurzem nur exzessive Toleranz, Multikulturalismus und Segregation gegeben. Der einzige Deutsche, der positive Erwähnung findet, ist Otto Schily. „Europa braucht dringend eine Integrationspolitik, die funktioniert,“ so Leiken. Die französische Politik absoluter Assimilation sei genauso gescheitert wie der deutsche oder britische Multikulturalismus. Als Vorbild empfiehlt der Autor das amerikanische Modell: „Es trennt Religion von der Politik, ohne eine Mauer zwischen beiden zu errichten, es hilft Immigranten, sich langsam anzupassen, indem es ihnen relative kulturelle Autonomie zubilligt.“ Und was die Sicherheit Amerikas betrifft, ist auch Leiken überzeugt, dass die größte Bedrohung von europäischen Muslimen ausgeht. Aber er will die Befreiung von der Visumspflicht für Westeuropa anders als Gerecht nicht aufheben, sondern die Kontrollen effektiver machen und früher – schon beim Kauf von Flugscheinen – einsetzen lassen.

Die Reaktion auf den Terrorismus kann zu einem ernsten Problem werden, wie noch einmal der Neocon Reuel Marc Gerecht im Weekly Standard vom 4./11. Juli schreibt. Sein Artikel ist eine Attacke auf das System von Guantánamo. Vergleiche mit dem Gulag oder KZs sind unberechtigt. Aber für Gerecht besteht kein Zweifel daran, dass Guantánamo „Amerikas Entschlossenheit im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus schwächt. Es wird so immer schwieriger, sich daran zu erinnern, warum Amerika im Irak ist und die demokratische Neugestaltung des Nahen Ostens fördert.“ Amerika müsse ein Vorbild sein. Und als Grundsatz empfiehlt Gerecht: „Handle in Übersee nicht anders, als du es auf amerikanischem Boden tun würdest.“

Scharf greift er das Versagen der Verhörspezialisten an – je weniger man versteht, desto eher greift man zu Gewalt, meint Gerecht. Darin sieht er den Kern des Problems, die Inkompetenz der Apparate sei die Hauptursache von Guantánamo und Abu Ghraib. Den größten Schaden angerichtet habe das Unvermögen der Bush-Regierung, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Sollte die jahrelange Verwahrung von Terroristen als Kriegsgefangene nötig sein, dann in den USA und unter Kontrolle des Kongresses.

Der globale Krieg der Ideen ist eine weitere Front. Anne Applebaum hat sich für Foreign Policy (Juli/August) auf die Suche nach den Pro-Amerikanern begeben. Immerhin 27 Prozent der Deutschen und 38 Prozent der Franzosen zählen sich dazu. Die meisten haben direkte positive Erfahrungen mit Amerika gemacht – oder sie hoffen auf einen Aufstieg durch Arbeit, nach amerikanischem Muster. Auf der Grundlage aktueller Untersuchungen und Umfragen stellt die Autorin dem „Stereotyp des Anti-Amerikaners“ – „der zornige arabische Radikale, der auf der mythischen arabischen Straße demonstriert; der linke Zeitungsredakteur, der bei Berliner Parties zu Hochtouren aufläuft; der französische Bauer, der gegen McDonalds protestiert“ – das Klischee des Pro-Amerikaners gegenüber: „Der kleine britische Geschäftsmann, der Thatcher bewunderte und schon in Florida Urlaub gemacht hat. Oder der polnische antikommunistische Intellektuelle, der mit seinen Pariser Freunden in den Achtzigern über Reagan stritt und heute über den Irak-Krieg. Oder der indische Börsenmakler, der südkoreanische Investmentbanker und der philippinische Fabrikant, die alle gute Geschäftskontakte nach Amerika pflegen, für die amerikanische Truppenpräsenz in ihrer Region sind und heimlich Sympathien für Bush hegen, wovon sie ihren Frauen nie erzählen würden.“

Nach Sympathien sucht auch China. Auf den strategischen Entwurf von Robert Kaplan, von dem hier zuletzt die Rede war (siehe IP, 7/2005), reagiert Joshua Kurlantzick in der New Republic vom 27. Juni. China sei noch lange kein militärisches Problem, heißt es da, aber schon längst ein außenpolitisches. In Asien, Afrika und Lateinamerika wirbt China um Verbündete, besonders unter Staaten wie Sudan, Iran, Venezuela und Simbabwe, die von den USA verurteilt werden und über Rohstoffvorkommen – am wichtigsten für den energiehungrigen Riesen: Öl – verfügen. Aber Chinas Diplomaten sind noch geschickter geworden. Gezielt spielen sie ihre neue außenpolitische Doktrin des „friedlichen Aufstiegs“ aus. So versuchen sie sich Entwicklungsländern als sozioökonomisches Vorbild zu empfehlen. Wirtschaftlicher Wohlstand ohne politische Öffnung – für viele klingt das verlockend.

Zuletzt hat China sogar geschickt antiamerikanische Stimmungen genutzt und engere Beziehungen zu alten amerikanischen Verbündete wie Australien oder Südkorea gesucht, mit wirtschaftlichen Mitteln – und nicht ohne Erfolg. Und so schließt Kurlantzick mit der Forderung, Amerikas Blick dürfe nicht auf Terrorismus oder militärische Rivalität beschränkt bleiben. Der diplomatische Kampf mit China um die Vorherrschaft in der Welt hat begonnen.

 
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