Neue Welt, altes Denken

Die Grenzen zwischen Außen- und Innenpolitik lösen sich auf

1. January 2005 - 0:00 | von Eberhard Sandschneider

Internationale Politik 1, Januar 2005, S. 6 - 15.

Kategorie: Internationale Politik/Beziehungen, Weltweit

Seit 1989 hat sich die Welt fundamental verändert; aber die Denkmuster zu ihrer Erklärung sind die gleichen geblieben. Wenn Unübersichtlichkeit die Politik überfordert, sucht sie nach einfachen Antworten. Mit schlichten Dichotomien will auch die Wissenschaft immer komplexere Verhältnisse interpretieren. Beides muss zwangsläufig scheitern.

Am Anfang starb in Peking ein Chinese. Der Tod von Hu Yaobang, dem ehemaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, löste eine Kette von Ereignissen aus, die innerhalb weniger Monate die Weltordnung von Grund auf veränderten. Es begann völlig unspektakulär: Kaum war sein Tod am 15. April 1989 öffentlich bekannt geworden, legten Studenten der Universität Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens an der Gedenksäule für die Märtyrer der Revolution Blumen und Kränze nieder. Die Jugend Chinas wagte es, in aller Öffentlichkeit ihre Unterstützung für die Reformwilligen an der Spitze der Partei zu signalisieren. „Demokratie und Freiheit“ lautete wenig später die Parole der Studenten. Und dieses Signal wurde verstanden: Bald drängten sich die Menschen zu Hunderttausenden auf den Plätzen Pekings und anderer großer Städte. Die Straßen verwandelten sich in ein Meer von Spruchbändern und Fahnen, allerorten wurde lebhaft diskutiert, die Parteiführung war in der Defensive und westliche Reporter reisten scharenweise nach Peking, um live darüber zu berichten.

Doch die Hoffnungen, die in den Wochen seit dem Tod Hu Yaobangs gewachsen waren, wurden buchstäblich über Nacht zunichte gemacht. Als die „Göttin der Demokratie“ fiel – von Studenten erbaut und in den frühen Morgenstunden des 4. Juni 1989 von Panzern niedergewalzt – schien es, als hätten die Machthaber der Kommunistischen Partei dem Spuk ein grausames, aber gründliches Ende bereitet. Sie hatten allerdings nicht mit der Macht der Medien gerechnet. Die weltweite Resonanz auf den Militäreinsatz gegen friedliche Studenten war dramatisch; niemand hatte zum damaligen Zeitpunkt ein solches Echo für möglich gehalten. Am allerwenigsten die regierenden kommunistischen Parteiführer in Mittel- und Osteuropa. Die westlichen Beobachter internationaler Politik ebensowenig.

In der allgemeinen Aufregung übersahen sie einen weiteren, winzigen Vorfall, der massive Folgen haben sollte. Fernab von Peking, in einem kleinen Bundesland des damals noch geteilten Deutschlands, konnte man die Auswirkung der Ereignisse in Peking erstmals spüren: Als Egon Krenz, der designierte Nachfolger von Erich Honecker, am 5. Juni während eines Besuchs beim saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine gefragt wurde, was er von den Ereignissen in Peking hielte, platzte ihm der Kragen: „Ich weiß gar nicht, was Sie wollen,“ schnauzte er vor laufenden Kameras. „Schauen Sie doch hin! In Peking ist nichts anderes geschehen als die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung.“ Die Menschen in der DDR wussten, was sie von diesen Sätzen zu halten hatten. Kurz darauf skandierten sie auf den Straßen von Leipzig: „Wer Peking lobt, kann hier nicht wenden.“

Plötzlich war nichts in der internationalen Weltordnung mehr so, wie es vier Jahrzehnte lang gewesen war. Politiker überall mussten lernen, mit Überraschungen zu leben. Praktisch alles, was zwei Generationen als unverrückbare Grundlagen der Weltpolitik betrachtet hatten, geriet in Bewegung.

Allerdings gilt es, einen wesentlichen historischen Unterschied zu beachten: Nach den großen und katastrophalen Einschnitten des 20. Jahrhunderts hat es immer wieder Versuche zur fundamentalen Neuordnung der interna-tionalen Politik gegeben, auch wenn diesen Versuchen höchst unterschied- licher Erfolg beschieden war. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es die Versailler Friedenskonferenz und die Geburt des Völkerbundes, nach dem Zweiten Weltkrieg die Konferenz von Potsdam und die Gründung der Vereinten Nationen. Nach der Wendezeit von 1989 hat es einen solchen Versuch nicht gegeben. Und geradezu zwangsläufig hat sich internationale Politik auf der Grundlage alter, gewachsener, aber schon in der Vergangenheit nur begrenzt leistungsfähiger Strukturen in eine völlig neue Zeit bewegt. Die Schwierigkeiten waren mit dem Geburtsfehler vorprogrammiert.

Träume, Hoffnungen, Irrtümer

In vielen Köpfen hatte sich nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des kommunistischen Lagers die Überzeugung gebildet: Wir haben den Kalten Krieg gewonnen und jetzt ist der Friede sicherer. Jetzt werden wir weniger Kriege haben. Von Friedensdividenden wurde geredet. Heute wissen wir: Das war nur einer von vielen Irrtümern. Für einen kurzen historischen Moment träumte die Menschheit von mehr Sicherheit. Schon ein oberflächlicher Blick auf die Welt von heute zeigt aber, dass das genaue Gegenteil eingetreten ist: Wir haben nicht weniger Kriege bekommen – sondern mehr. Und wir haben festgestellt, dass der Ost-West-Konflikt in weiten Teilen der Welt mäßigende Wirkung auf viele Regionalkonflikte hatte. Manches, was seither an kriegerischen Ausbrüchen in Afrika, Asien und sogar Europa aufgeflammt ist und Hunderttausende von Menschenleben gekostet hat, wäre zu Zeiten des Kalten Krieges so nicht möglich gewesen.

Nach 1989 hat die Welt daran geglaubt, dass die goldenen Zeiten von Globalisierung und Wohlstand anbrechen würden, weil sich Demokratie und Marktwirtschaft überall durchgesetzt hätten. Auch das ein Irrtum, weil sich bald zeigte, dass die Schere zwischen Arm und Reich nun noch weiter und noch schneller aufging als zuvor.

Und schließlich hofften viele, dass multilaterale Zusammenarbeit die Welt nach der großen bipolaren Konfrontation prägen würde. Dass die Multilateralität in den letzten 15 Jahren sehr viel effizienter geworden sei, lässt sich nach den Debatten um den Irak-Krieg allerdings kaum noch behaupten. Die Leistungsfähigkeit der Vereinten Nationen hat ebenfalls nicht wirklich zugenommen. Und die Bereitschaft großer Nationalstaaten zur Zusammenarbeit – ob es um das Kyoto-Protokoll geht oder um den Internationalen Strafgerichtshof, um Währungsstandards, Kooperation im Welthandel, Bekämpfung des Welthungers oder nachhaltigen Umweltschutz – nichts funktioniert in der Praxis so multilateral, wie es sich die Weltgemeinschaft in der Theorie zurechtgelegt hatte.

Die Welt von gestern war dominiert durch zwei alles beherrschende Themen. Sicherheit stand ganz im Vordergrund, und zwar in einem multidimensionalen Verständnis: Sicherheit als nationalstaatliche Sicherheit gegen Angriffe von außen, aber auch Sicherheit im Inneren – soziale Sicherheit, Sicherheit von Arbeitsplätzen, Sicherheit von Zukunftsperspektiven. Das zweite große Thema war Wohlstand – ebenfalls in einer internationalen und einer nationalen Perspektive: Wohlstandsgefälle zwischen Nationen, zwischen Nord und Süd, und Wohlstandserzeugung innerhalb von Nationen. Wie schafft man Wohlstand und Entwicklung? Wie verteidigt man ihn? Und wie geht man mit den Problemen um, die sich aus dem zum Teil dramatischen Wohlstandsgefälle ergeben?

Aus welcher dieser beiden Perspektiven auch immer man heute die Welt betrachtet: Außenpolitik ist nicht mehr Außen-Politik. Was in anderen Regionen passiert, hat unmittelbare und erhebliche Auswirkungen auf unsere innere Sicherheit, unsere Arbeitsmärkte, unser Konsumverhalten, unser Klima. Außenpolitik betrifft jeden von uns, jeden Tag. Und sie bleibt längst nicht mehr nur einer kleinen Gruppe von Diplomaten und Spezialisten überlassen. Dennoch sind unsere außenpolitischen Debatten immer noch geprägt von zwei geradezu übermächtigen Trends: Von gehetzten Reaktionen auf überraschende Ereignisse und von der Fortschreibung überkommener Denkmuster zu ihrer Erklärung und Bewältigung.

Undenkbares und Unerwartetes

Überraschungen bestehen immer aus zwei Elementen: aus Undenkbarem und Unerwartetem. Überrascht sind wir, wenn Dinge geschehen, die wir für undenkbar gehalten hatten. Überrascht war Charles Darwin, als er auf den Galapagos-Inseln mit Einsichten über die Evolution konfrontiert wurde, die in seiner bis dahin geltenden Wissenschaftswelt undenkbar waren. Überrascht waren auch wir, als die Berliner Mauer fiel, weil es im Jahr 1989 schlicht undenkbar war, dass die DDR von der politischen Landkarte verschwinden und ihr die Weltmacht UdSSR zwei Jahre später folgen würde.

Überraschungen entstehen aber auch dann, wenn Unerwartetes eintritt: Ereignisse, die wir zwar für möglich, aber doch nicht für wirklich wahrscheinlich halten. Wie der 9. November 1989 das eigentlich Undenkbare symbolisiert, so steht der 11. September 2001 für das Unerwartete. Vor terroristischen Bedrohungen war gewarnt worden. In dieser Weise erwartet hatte sie niemand. Beide Ereignisse vermitteln jeweils eigene und einfache Lektionen. Die Lektion aus dem Fall der Mauer lautet: Supermächte, die sich allein auf militärische Überlegenheit stützen, werden es auf Dauer schwer haben, ihren Supermachtstatus zu behaupten. Ob die derzeitige amerikanische Administration diese Lektion verstanden hat, mag bezweifelt werden. Und die Lektion aus dem 11. September 2001 lautet: Wir müssen viel grundsätzlicher umdenken, als wir es bislang für möglich gehalten haben. Wenn Undenkbares und Unerwartetes zusammentreffen, entstehen allzu leicht tief greifende Krisen. Außenpolitik steckt mitten in einer solchen Krise. Alle Denkmuster, an die wir gewöhnt sind und mit denen wir internationale Politik beschrieben, erklärt und gemacht haben, stehen auf dem Prüfstand.

Verstehen wir also noch die Welt, in der wir leben? Innerhalb weniger Monate sind alle gewohnten Bezugspunkte verloren gegangen. Im Kalten Krieg wussten wir genau, was Gut und Böse war, wo in der Welt sich unser Platz befand, woher die Bedrohungen kamen und wer unsere Freunde und Alliierten waren. Feinde hatten Gesichter, Namen und Adressen. Bedrohlich empfanden wir die Welt von gestern schon, aber in den Rahmenbedingungen für unser eigenes Denken dennoch vertraut. Heute erscheint uns diese Zeit trotz ihrer Gefahren und der immer vorhandenen Drohung eines Atomkriegs zwischen Ost und West als geradezu märchenhaft verlässlich.

Die meisten Leser werden wohl ohne zu zögern zustimmen, dass das Doppelereignis des 9. November 1989 und des 11. September 2001 – Eleven-Nine und Nine-Eleven, wie die Amerikaner sagen – eine Zeitenwende markiert. Aber vielleicht ist diese Wahrnehmung ungenau: Die Zeitenwende liegt nicht hinter, sie liegt noch vor uns! Sie wird zwar begleitet von einschneidenden, die Aufmerksamkeit absorbierenden Einzelereignissen, aber sie verläuft schleichend und eben deshalb wirkungsmächtiger, als die hektische tägliche Medienberichterstattung es suggeriert. Und sie fragt nicht nach der alten Logik von Machtpolitik, sondern nach den neuen Logiken von Globalisierung, Beschleunigung und Vernetzung.

Hier liegt die eigentliche Herausforderung. Die Welt hat sich fundamental verändert, aber die Denkmuster zu ihrer Erklärung sind die gleichen geblieben. Die großen Themen internationaler Nachrichten, die Schlagzeilen der Weltpresse sind lediglich Oberflächenphänomene. Dahinter verbergen sich Tiefenstrukturen, deren Veränderung viel wesentlicher – und viel weniger beachtet –, aber deshalb umso wichtiger ist. Schwierige Situationen werden erst durch entsprechende Wahrnehmung zu Krisen. Sie können zur Not medial schön geredet werden. Wirklich gefährlich sind jedoch Situationen, die effektiv kritisch sind, aber als solche nicht wahrgenommen werden.

Schwarz und Weiß

Wenn komplexe Verhältnisse die Politik überfordern, sucht sie nach einfachen Antworten. Tunnelblick schützt vor Überlastung. Er verführt aber auch zu simplen Lösungen, die komplexen Herausforderungen nicht angemessen sind. Sechs besonders intensiv diskutierte Beispiele sollen hier illustrieren, wie diese Denkmuster wirken. Produziert werden sie im Wesentlichen von amerikanischen Trendsettern in der internationalen Debatte. Die Publika- tionsstrategie ist immer dieselbe: Als erstes muss eine Idee in einer weit verbreiteten, international renommierten Zeitschrift veröffentlicht werden und eine entsprechende Resonanz auslösen. Gelingt dieses, sollte innerhalb des darauf folgenden Jahres das entsprechende Buch mit der begleitenden Marketingstrategie erscheinen. Internationale Aufmerksamkeit und der ökonomische Erfolg einer solchermaßen platzierten Publikation sind gesichert. Alle im Folgenden beschriebenen Bücher verstehen sich als Angebote, die Welt, in der wir leben, besser zu verstehen. Alle sind Bestseller geworden. Und doch helfen sie am Ende wenig weiter.

Der erste Erklärungsversuch stammt von Francis Fukuyama1 – das „Ende der Geschichte“. Seine Argumentation lautet in einfachen Zügen wie folgt: Das Ende der Sowjetunion hat den Triumph der Demokratie unter Beweis gestellt, und damit vollendet sich, wonach die Menschheit seit 200 Jahren gestrebt hat: der Siegeszug der Demokratie. Menschen, so argumentiert Fukuyama zunächst sehr individualistisch, sehnen sich nach Selbstwertgefühl und fühlen sich nur in Gesellschaften wohl, die die Erreichung dieser Gefühle garantieren. Demokratien tun das. Sie gewähren Wahlrecht, Menschenrechte, Gleichheit vor dem Gesetz. Fukuyama nennt Demokratien entsprechend „the final form of human government“. Er sieht den Ursprung der Entwicklung in der französischen und amerikanischen Revolution, deren Kreis sich 1989 schließt. Nachdem die Demokratien Sozialismus, Kommunismus und Faschismus überwunden haben, treten sie nun in eine neue Phase ein. Es gibt natürlich noch andere Systeme – und daraus erwächst seine fundamentale Dichotomie: Demokratien auf der einen, Nichtdemokratien auf der anderen Seite. Aber wenn Demokratien am besten Frieden und Wohlstand garantieren, dann ist die nahe liegende Überlegung doch – leicht abzulesen an der Außenpolitik der Bush-Administration – dass die Welt möglichst demokratisch sein sollte. Die strategische Konsequenz lautet: Die Unterstützung von Demokratisierungsprozessen ist ureigenes Anliegen des „Westens“. Fukuyama schreibt insofern das Programmpapier einer regelrechten Industrie, die in den neunziger Jahren Hochkonjunktur hatte und mit dem Krieg gegen den Irak ihren vorläufigen Höhepunkt fand: Promoting and Protecting Democracies – Unterstützung für Demokratien von außen! Fukuyamas Denkansatz teilt die Welt in Demokratien und Nichtdemokratien.

Der zweite Denkansatz hebt auf eine völlig andere Problemebene ab, folgt aber im Prinzip demselben Denkmuster: Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“2. Huntington behauptet im Kern, dass es nicht mehr die großen ideologischen Bruchlinien der Weltpolitik seien, sondern kulturelle Bruchlinien, welche die internationale Politik bestimmen – entlang von Zivilisationen, die er höchst allgemein definiert als „the highest cultural grouping of people and the broadest level of cultural identities people have – short of what distingui-shes humans from other species.“ Huntington kann sich solche wenig filigranen Definitionen leisten. Insgesamt unterscheidet er acht große Zivilisationskreise: westlich, konfuzianisch, japanisch, islamisch, hinduistisch, slawisch-orthodox, lateinamerikanisch, afrikanisch. Huntington selbst spricht von einem „velvet curtain“, einem samtenen im Gegensatz zu einem „eisernen“ Vorhang. Seine Dichotomie ist im Grunde simpel: The West against the Rest.

Robert Kaplan3 argumentiert, dass der Globus sich künftig nach sozioökonomischen Verwerfungslinien teilen werde. Seine Dichotomie ist die älteste und einfachste überhaupt: Arm gegen Reich. Bei den Armen konstatiert er eine Bevölkerungsexplosion zu ihren Lasten, bei den Reichen eine Technologieexplosion zu ihren Gunsten. Auch Kaplan kommt zu einer strategischen Konsequenz bezüglich der Hauptaufgaben für die internationale Politik. Er entscheidet sich für Entwicklungshilfe, für technische Hilfe und Familienplanung: Bewältigt die Krise, bevor die Krise euch einholt!

Thomas Friedman4 fasst seine Dichotomie wieder anders. Für ihn ist Globalisierung die markante Trennlinie der internationalen Politik. Auf der einen Seite gibt es Staaten, die eingebunden sind in die Globalisierung, auf der anderen Seite die, die draußen bleiben. Es geht in Zukunft nicht mehr um Panzer und Raketenwerfer, sondern um PCs pro Haushalt. Es geht um Märkte und nicht mehr um Institutionen. Auch Friedman hat eine Therapie. Er spricht von sozialen Sicherheitsnetzen, von kultureller Integrität und Umweltschutz. Aber letztlich ist auch sein Denkansatz dichotomisch: Die Vernetzten gegen die Abgekoppelten.

Robert Kagans5 Dichotomie ist nicht zuletzt deshalb so oft zitiert worden, weil sie die Europäer besonders ärgert. Mars und Venus bilden für ihn die Metaphern zur Beschreibung prinzipiell unterschiedlicher Zugänge zu Lösungen der zentralen Probleme internationaler Politik. Vereinfacht lautet sein Gegensatz: Hier die USA mit ihrem hobbesianischen Realismus, dort die Europäer mit ihrem kantianischen Idealismus. Schnelle Problemlösungen wollen die einen, multilaterale Verfahren die anderen. Nicht nur der Autor, sondern auch seine Befürworter in Teilen der amerikanischen Administration erliegen dem Zauber eines geradezu verführerisch falschen mythologischen Bezugs: In der Sage gewinnt am Ende immer Venus, weil der vom Kriegshandwerk ermüdete Mars nur in ihren Armen Ruhe und Geborgenheit findet.

Weniger dramatisch in seiner Metaphorik – und mit ganz anderen Argumenten als Kagan – kommt Charles Kupchan6 zu einer ähnlichen Grundaussage: Zu einem Zeitpunkt, an dem alle Welt über das amerikanische Empire und amerikanischen Unilateralismus diskutiert, postuliert er das Ende der amerikanischen Ära. Und Europa sollte ihm dankbar sein. Er ist der einzige amerikanische Politikwissenschaftler, der in Buchlänge behauptet, dass die Europäische Union der künftige Herausforderer der USA sein wird. Im Spannungsfeld zwischen Unilateralismus und Isolationismus auf amerikanischer Seite vertritt Kupchan die These, dass die EU langfristig besser aufgestellt sei. Genau besehen landet aber auch er wieder nur bei der überaus schlichten Dichotomie „USA gegen EU“.

Lässt sich eine immer komplexer werdende Welt mit solchen Dichotomien erklären? Reicht es, in Schwarz-Weiß-Bildern zu denken, wo wir doch eigentlich in Geschwindigkeiten, in Entgrenzung und Vernetzung denken müssten? Genügt es, sich mit schnelllebigen Phänomenen an der Oberfläche der internationalen Politik zu befassen und daraus Schlussfolgerungen abzuleiten, die schon die nächste überraschende Entwicklung nicht überleben werden? Die Antwort liegt auf der Hand: Wir müssen heraus aus den Strukturen binären Denkens, wenn wir die Herausforderungen der Zukunft meistern wollen.

Zunächst ist eines sicher: Bei diesen Fragen hilft die traditionelle, normative Sozialwissenschaft mit ihren Verengungs- und Absolutierungstendenzen nicht weiter. Gesucht wird das genaue Gegenteil: Keine Sozialwissenschaft, die künftige Entwicklungspfade ex ante normativ einengt (wie es geradezu symptomatisch in der derzeitigen Transformations- und Demokratieforschung geschieht), sondern eine Wissenschaft, die das Spektrum von Handlungsoptionen erweitern hilft. Viel lässt sich dabei von Zukunftsforschern lernen, die in den etablierten Sozialwissenschaften kaum oder nur am Rande wahrgenommen werden. Eckard Minx, der Leiter des Zukunftsforschungsinstituts der DaimlerChrysler AG, formuliert in Bezug auf multidisziplinäre, systematische Zukunftsforschung: „Damit ist ein in erkenntnistheoretischer wie inhaltlicher Hinsicht komplizierter Prozess verbunden, an dessen Ende nicht ein neuer singulärer Zukunftszustand beschrieben, sondern ein Raum sinnhafter Optionen entwickelt wird. … Die umfeldbezogene Zukunftsforschung sucht nicht anzugeben, wie Realitäten aussehen sollten, sondern wie sie werden könnten.“7

Die Lösung sieht theoretisch ganz einfach aus: Perspektiven der Analyse möglichst oft wechseln, das Undenkbare mitdenken und konzeptionell auf Überraschungen gefasst sein. Aber wie soll das funktionieren? Für den Augenblick lautet die ehrliche Antwort: Es gibt keine einfachen Lösungen, es gibt nicht die Theorie oder Strategie, die alles erklärt. Wer sie zu haben behauptet, betritt schnell den unsicheren Boden vereinfachender Ideologien. Zunächst gilt es zu lernen, mit einer ganzen Reihe von paradoxen Entwicklungen umzugehen, die bei oberflächlicher Betrachtung nicht zusammenpassen, sich aber in ihrer Wirkung überlagern und unser Denken vor völlig neue Herausforderungen stellen.

Über das Globalisierungsparadoxon ist viel geschrieben und gestritten worden. Im Kern geht es um die Frage, ob und wie sich Prozesse globalen Ausmaßes kontrollieren lassen. Und genau hier liegt ein doppeltes Paradox: Globalisierung besteht aus einer Vielzahl von Einzelprozessen, von denen jeder für sich genommen rational ist. Aber im Zusammenwirken dieser Prozesse entstehen Irrationalitäten, die sich mit hergebrachten Kontrollversuchen nicht wirklich beheben lassen. Dies gelingt weder nationalstaatlichen Eindämmungsversuchen, noch können Straßenschlachten, Streiks oder Protestmärsche diese Dynamik aufhalten. Technologischer Fortschritt hat sich immer gegen Bilderstürmer durchgesetzt. Jeder einzelne Kontrollversuch ist für sich genommen irrational und wenig effizient, weil er nach dem Motto funktioniert: Haltet die Welt an, stoppt die Zeiger der Uhr! Aber in ihrer Gesamtheit gewinnen solche Kontrollversuche trotzdem an Effizienz, weil sie helfen, ein neues Bewusstsein für globale Probleme zu entwickeln.

Dies gilt in ganz ähnlicher Weise auch für das zweite große Paradox: das Machtparadoxon von Nationalstaaten. Sie sind immer noch die wesentlichen Akteure internationaler Politik, aber sie werden durch supra- und transnationale Akteure in dieser Funktion zunehmend beschnitten. Nationalstaatliche Machtpolitik befindet sich in einer regelrechten Entmachtungsfalle, weil asymmetrische Herausforderungen immer größere Dynamik gewinnen. Dabei geht es nicht nur um materielle Asymmetrie, wie sie sich etwa im Rüstungsgefälle zwischen Staaten abbilden lässt. Es geht auch um technologische Asymmetrie, also um technologischen Fortschritt als zentrales Element des internationalen Wettbewerbs. Vor allem aber geht es um Wirkungsasymme-trien. Kleine Kapazitäten haben große Wirkungen: Hackerangriffe auf Computernetzwerke, Spam-Attacken auf Firmen, Banken, Fluglinien sind gerade deshalb so gefährlich, weil sie an nationalen Grenzen nicht Halt machen.

Verstärkt werden diese Entwicklungen durch das Zeitparadoxon von Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit: Ob man in einem Einbaum über den Kongo paddelt oder auf der Wallstreet vor einer Ampel wartet – mit den entsprechenden technischen Mitteln kann man zeitgleich erfahren, dass auf dem vierten Ring in Peking Verkehrsstau herrscht. Cui bono, könnte man fragen. Wir kommunizieren in Echtzeit und reduzieren damit unsere Entscheidungszeiträume auf Null. Aber das gilt nur für diejenigen, die teilhaben an technologischen Globalisierungsprozessen. Gleichzeitig fallen andere Teile der Welt zurück in Tribalismus, Bandenkriege und Überlebenskämpfe.

Dieses Spannungsverhältnis zwischen Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit findet seine Fortsetzung in dem, was sich am ehesten als Entgrenzungsparadoxon beschreiben lässt. Orte verlieren scheinbar ihre relative Bedeutung. Entscheidungen sind nicht mehr daran gebunden, dass sie an bestimmten Orten getroffen werden. Sie fallen zunehmend in virtuellen Räumen und entwickeln so ihre paradoxe Kraft: Globalisierung setzt zwar immer noch Ortsbindung voraus, aber jeder Versuch, einzelne Orte von Globalisierungseffekten abzuschotten, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Damit in unmittelbarem Zusammenhang steht das Technologieparadoxon. Technologischer Fortschritt war immer die entscheidende Triebkraft von Modernisierung. Heute entzieht sich diese Triebkraft in Anbetracht exponentieller Prozessgeschwindigkeiten immer stärker politischen Kontrollversuchen. Wesentliche Entwicklungen verlaufen in der Grauzone des technologisch bereits Machbaren, aber politisch noch nicht Geregelten. Und sie überschreiten mit Leichtigkeit Grenzen und Kontinente. Wer etwa für bestimmte biochemische Verfahren nur nach jahrelangen Prozessen in Europa eine Zulassung bekäme, verlegt die Produktion eben nach Ostasien – und kann rasch mit seinen Produkten am Markt sein. Globalisiertes Kapital kennt keine Moral!

Erst recht gelten diese Überlegungen für unser Sicherheitsparadoxon. Das traditionelle Verständnis von Sicherheit beruhte auf Gleichgewichtsmodellen. Während des Kalten Krieges – als West und Ost sich bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstanden und mit ihren Atomarsenalen die gesamte Menschheit mehrfach hätten auslöschen können – bestand der zentrale Glaubenssatz darin, Sicherheit sei nur solange garantiert, wie ein „Gleichgewicht des Schreckens“ aufrechterhalten werden könne.

Heute sind solche Gleichgewichtsvorstellungen obsolet. Die für solche Modelle notwendige Annahme, es auf der Seite des jeweiligen Gegners mit rationalen Akteuren zu tun zu haben, ist dann absurd, wenn Akteure ihre eigene Vernichtung bewusst in Kauf nehmen, um uns maximalen Schaden zuzufügen. Abschreckung funktioniert nicht gegenüber Selbstmordattentätern. Die Grundannahme von Sicherheit durch Gleichgewicht hat nur gegenüber Staaten wirklich Gültigkeit. Da die wesentlichen Bedrohungen heute von terroristischen Privatarmeen unterhalb der staatlichen Ebene ausgehen, greift selbst die Drohung mit dem Einsatz modernster Militärtechnologie nicht. Der 11. September 2001 lieferte den Beleg: Um eine Supermacht wie die USA in ihren Grundfesten zu erschüttern, braucht es heute keine Armeen und keine moderne Waffentechnologie mehr, sondern lediglich 19 Männer und ein paar Teppichmesser. Die Privatisierung des Krieges entzieht unserem traditionellen Sicherheitsverständnis jegliche Grundlage.

Die genannten Paradoxa zeigen eines in großer Eindringlichkeit: Es reicht nicht mehr, Politik in den Kategorien von gestern weiterzudenken. Und es reicht auch nicht, etwa der deutschen Außenpolitik aus der behüteten Atmosphäre akademischer Betrachtung heraus Konzeptionslosigkeit vorzuwerfen. Die Herausforderung, eine Außenpolitik zu entwickeln, die den hier genannten Problemen gerecht wird, ist erheblich größer. Außenpolitik überschreitet Grenzen – nach innen und nach außen. Es nutzt wenig, wenn wir uns untereinander versichern, gemeinsame Werte zu haben. Die wesentlichen Fragen der Auseinandersetzung mit der nichtwestlichen Welt werden uns vor eine erhebliche, neuartige Herausforderung stellen.

Im Zeitalter wachsender Globalisierung gilt nicht so sehr der „Kampf der Kulturen“, sondern der Kampf der Ideen. Siegen – und damit Sicherheit schaffen – werden in diesem Kampf nur die Ideen, für die sich Menschen begeistern können, für die sie bereit sind zu arbeiten und notfalls auch Opfer zu bringen. Das war immer so in der Geschichte – und vor allem ist dies die Geschichte des Siegeszugs der demokratischen Idee seit über 200 Jahren. Ideen politischer Ordnung lassen sich nur dann über den zeitlichen und geographischen Raum ihrer Entstehung verbreiten, wenn sie eine eigenständige Attraktivität aufweisen. Nur selten sind Ideen rein imperialistisch verbreitet worden, weil sie denen zu Eigen sind, die politische Ordnungen von außen schaffen. Dies gilt sogar für die Leistungsfähigkeit des europäischen Imperialismus und stellt eine wesentliche Ursache für den Zerfall des Sowjetimperiums dar: Sein Niedergang begann lange vor der Erosion von Politik und Wirtschaft in den Köpfen seiner Bürger.

Bei den erfolgreichen Imperien war es anders, wie William Pfaff feststellt: „Wer von Rom erobert wurde, wollte römischer Bürger werden. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wollten die Eliten aus dem kolonialen Indien, aus Indochina und Afrika in Oxford oder in Paris studieren. Indonesier gingen nach Leiden und wurden zu Spezialisten für germanische Sprachen. Die Vorstellung, dass ein junger Pole oder Ungar der sechziger oder siebziger Jahre sich danach sehnt, nach Moskau zu gehen, um einen Platz unter den dortigen Dichtern und Gelehrten zu finden, sich die Sprache und den Lebensstil anzueignen, die Moden nachzuahmen, die dortige Geschichte und Literatur zu studieren, um dann diese Zivilisation in sein eigenes Land zurückzubringen, ist ganz einfach lächerlich. In dem halben Jahrhundert sowjetischer Besatzung Osteuropas gab es nichts, was Bekehrungen zu den Werten und Ideen der Sowjetunion zur Folge gehabt hätte.“8

Wer solchermaßen in den Spiegel der Geschichte schaut, wird vor einer fundamentalen Einsicht nicht Halt machen können. Es ist ein amerikanischer Autor, Thomas Barnett, der sie treffend formuliert: „Als der Kalte Krieg zu Ende ging, dachten wir, die Welt hätte sich verändert. Hat sie auch – aber ganz anders als wir dachten. Als der Kalte Krieg zu Ende ging, begann unsere eigentliche Herausforderung.“9. In den letzten eineinhalb Jahrzehnten hat sich an dieser Feststellung ganz offensichtlich nichts geändert. Wir fühlen uns immer noch wie Theaterbesucher, die es sich gerade auf ihren Sitzen bequem gemacht haben und zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie im falschen Stück sind. Das Stück heißt nicht Frieden, es heißt Risiko.

Und so schließt sich der Kreis unserer nicht einmal wirklich begonnenen Suche nach einem brauchbaren Verständnis der Welt von morgen: Am Anfang starb in Peking ein Chinese. Und am Ende hatte vielleicht meine Urgroßmutter Recht, als sie vor über 100 Jahren feststellte, dass die Welt untergehen würde, „wenn am Himmel Wagen ohne Deichsel fahren“. Die Welt der einfachen Bäuerin am Ende des 19. Jahrhunderts ist untergegangen. Aber unsere Welt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist auch untergegangen. Wir haben es zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur noch nicht gemerkt. Heute geht es nicht mehr um Fliegen ohne Deichsel. Heute geht es um Denken ohne Deichsel. Paradigmenwechsel nennt man das: Alles ist Außenpolitik!

1 Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992.

2 Samuel Huntington: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1996.

3 Robert D. Kaplan: The Coming Anarchy. Shattering the Dreams of the Post Cold War, New York 1997.

4 Thomas L. Friedman: The Lexus and the Olive Tree. Understanding Globalization, New York 1999.

5 Robert Kagan: Paradise and Power. America and Europe in the New World Order, London 2004.

6 Charles A. Kupchan: The End of the American Era. U.S. Foreign Policy and the Geopolitics of the Twenty-first Century, New York 2002.

7 Eckard Minx: Innovationsfelder und Marktchancen entdecken: Methoden und Modelle der Zukunftsforschung. 2. Johannisberger Gespräche, Frankfurt o.J.

8 William Pfaff: Die Furien des Nationalismus. Politik und Kultur am Ende des 20. Jahrhunderts, Frankfurt 1994, S. 83.

9 Thomas P.M. Barnett: The Pentagon’s New Map. War and Peace in the Twenty-first Century, New York 2004, S. 1.

  • 1. Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992.
  • 2. Samuel Huntington: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1996.
 
Aktuelle Ausgabe

IP Wirtschaft

 

ip archiv
Meistgelesen