Menschlichkeit durch Globalisierung

Buchkritik

1. March 2005 - 0:00 | von Stephan Bierling

Internationale Politik 3, März 2005, S. 124 - 125.

Kategorie: Globalisierung, Staat und Gesellschaft, Weltweit

„Braucht die Welt ein weiteres Buch über die Globalisierung?“ So fragt Jagdish Bhagwati im Vorwort seines neuen Buches. Ja, möchte man ihm nach der Lektüre zurufen, wenn es so klar und überzeugend, so anschaulich und kenntnisreich geschrieben ist wie von dem Professor der Columbia University in New York. Sein zentrales Argument lautet: Die populäre Feststellung, die Globalisierung benötige ein menschliches Gesicht, ist falsch. Denn die Globalisierung hat ein menschliches Gesicht.

Bhagwati sollte es wissen. Er ist nicht nur einer der führenden Vertreter der internationalen Wirtschaftslehre in der Welt, sondern war auch Sonderberater der Vereinten Nation für Globalisierungsfragen. Sein Buch gliedert er in vier Teile: Im ersten widmet er sich den Hintergründen und weltanschaulichen Wurzeln der Antiglobalisierungsbewegung, im zweiten und dritten den sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Globalisierung und im vierten zeigt er, wie ihre positiven Folgen durch institutionelle Reformen noch verstärkt werden können.

Dabei stellt er zunächst fest, dass die Antiglobalisierungsbewegung und ihre NGOs in den reichen Ländern des Nordens viel verbreiteter sind als in den armen des Südens. Auch kommen die schärfsten Kritiker aus den Sprach- und Soziologieinstituten der Universitäten, nicht aus den wirtschaftswissenschaftlichen. Die Folge: Ihre Ablehnung der Globalisierung entspringt einem Amalgam antikapitalistischer, kommunitaristischer und antiamerikanischer Stereotypen und entbehrt jeder Kenntnis der realen Verhältnisse und ökonomischen Zusammenhänge. Die zentralen Argumente der Antiglobalisierungsbewegung beruhen deshalb auf Anekdoten und sind allesamt widerlegbar: Länder, die sich internationalem Handel und Direktinvestitionen öffnen, wachsen nachweisbar schneller als jene, die sich der Globalisierung verweigern, und sie bekämpfen auch die Armut erfolgreicher. Allein in China fiel die Armutsquote deshalb in den Jahren 1978 bis 1999 von 28 auf 9 Prozent. Die Globalisierung reduziert Ungleichheit, Kinderarbeit und Umweltverschmutzung, fördert die Emanzipation der Frau und die demokratische Entwicklung, erhöht Löhne und verbessert Arbeitsbedingungen, kurz: Sie löst „a race to the top“, nicht „a race to the bottom“ aus. Alles das belegt Bhagwati mit Statistiken, Beispielen und ökonomischen Plausibilitätsüberlegungen.

Dabei verliert der Verfasser aber nie sein Differenzierungsvermögen und seinen kritischen Geist: So müsse man zwischen Freihandel und freiem Kapitalverkehr unterscheiden. Ersterer sei uneingeschränkt positiv. Die asiatische Finanzkrise von 1997 zeige allerdings, dass rasch wachsende Entwicklungs- und Schwellenländer ihre Kapitalmärkte nicht übereilt und unkontrolliert liberalisieren sollten. Um die Globalisierung noch sozial- und vor allem politikverträglicher zu machen, fordert Bhagwati Anpassungshilfen für Arbeiter, die wegen der verschärften Importkonkurrenz ihre Jobs verlieren. Während die reichen Länder bereits über solche Programme verfügen, müssten sie auch in den armen Staaten mit Hilfe der interna-tionalen Entwicklungsorganisationen aufgebaut werden. Vor allem sollten die Regierungen der reichen Länder jedoch nicht Lobbygruppen aus Industrie und Gewerkschaften nachgeben, die Sozial- und Umweltstandards für die Produktion in armen Staaten festschreiben, aber sich damit nur lästige Konkurrenz vom Leib halten wollen.

Jagdish Bhagwati: In Defense of Globalization. Oxford University Press, Oxford/New York 2004. 308 Seiten, 20 Dollar. 

 
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