Globale Gotteskrieger? Kenner, Deuter und Spinner: Literatur über islamischen Terrorismus

Buchkritik

1. November 2005 - 0:00 | von Thomas Hauschild

Internationale Politik 11, November 2005, S. 130 - 133

Kategorie: Terrorismus, Religion, Sicherheitspolitik, Weltweit

Endlich erscheinen die Bücher, die wir lesen wollen – und einige andere. In der Zusammenschau von Detailforschern und Theoretikern wird der Terror allmählich begreifbar. Am wenigsten wissen wir über die Motive.

„Der langfristige Erfolg im Krieg gegen den Terror hängt davon ab, ob man der wachsenden Sympathie für die Militanten etwas entgegenzusetzen hat.“ Es spricht Jason Burke, der Autor der gegenwärtig umfassendsten, transparentesten und bestinformierten Darstellung der Terrornetzwerke, die gemeinhin unter dem Begriff Al-Qaida zusammengefasst werden (S. 347). Die Übersetzung ist gelungen, das Werk des britischen Starjournalisten beruht auf jahrelangen Erfahrungen im vorderasiatischen Feld und auf umfangreichen Recherchen. Es ist systematisch aufgebaut, d.h. es versucht eine Typologie von radikalen Denkern, Militanten, Suchenden, von Heimat, Flucht und Kampf.

Aus der Genese von Al-Qaida aus kleinsten lokalen Ursprüngen erklärt es den Übergang zur Kriegspartei in Afghanistan und dann zur Zentrale der Inspiration und Anleitung weltweiten islamistischen Terrors – nicht aber zu dessen straffer Lenkung, wie heute noch gern vermutet wird. Ein Glossar, ein Verzeichnis militanter Ideologen und ein Register machen das Buch zum Standardwerk, in dem man sich immer wieder neu orientieren kann, wenn man den Faden im Gewirr der Namen, Organisationen, Parolen und Attentate verloren zu haben glaubt. Besonders sorgfältig hat Burke immer wieder den Zusammenhang zwischen den globalen und den lokalen Aspekten der Aktivitäten von Sympathisanten, von ideologischen Hetzern und mörderischen Akteuren geflochten. Burke vermittelt zumindest einen äußeren Eindruck von den inneren Wandlungen, die die Attentäter und Massenmörder bereits durchgemacht haben müssen, wenn sie aktiv werden. Überzeugend, wenn auch nicht ausreichend dicht mit Material aus Beobachtung und Interview verknüpft, wird ein „Modell der Erwartung, Enttäuschung, (des) empfundenen Unrechts“ (S. 336) konstruiert, das wenigstens Grundlinien der Motivation von Attentätern und Bürgerkriegern sichtbar werden lässt.

Diesem Band kann man die Studie des französischen Agenten und Detektivs Charles Brisard zur Seite stellen, der, was bei Burke auf systematische Begriffe verteilt ist, in einer Biographie zusammengezogen hat. Der Hang zum Biographischen mag durch Brisards Rolle als privater Ermittler im Namen von Zivilgeschädigten bedingt sein, aber die Recherche ist auf hohem Niveau durchgeführt, und das Argument entgleitet niemals ins Anklägerische. Im Falle des jordanischen und irakischen Warlords wird deutlich, dass eine Triebkraft bei der Entwicklung zum Terroristen die Herkunft aus einer widerständigen, tribalen oder wie auch immer dem Staat leicht entzogenen Region sein kann. Dem klassischen mediterranen Streithahn aus dem jordanischen Sarka, der sich nach seiner Heimat az-Zarkawi nennen wird, bieten sich mit dem Afghanistan-Krieg und dem Irak-Krieg nacheinander riesige, staatlich unkontrollierte Felder der Expansion seines Tuns an. Der Provinzler wird auf diese Weise zum Konkurrenten, weitgehend eigenständigen Gefolgsmann und möglichen Nachfolger von Osama Bin Laden. Jenseits der Frage nach der Schuld und dem Handeln tut sich aber ein leerer Raum auf, in dem kulturwissenschaftliche Vokabeln verwendet werden, ohne sie zu spezifizieren und weitergehend in westliche Kategorien zu übersetzen: „Der Dschihad ist eindeutig die grundlegende Triebkraft der islamistischen Terroristengruppen afghanischer Inspiration. Ohne diese ideologische und militärische Grundlage würden sie ihr eigentliches religiöses Fundament verlieren und damit ihre Glaubwürdigkeit und ihre neuen Mitglieder.“ (S. 265) Das wirft die Frage auf, wie diese Glaubwürdigkeit hergestellt wurde, was der hier beschworene „Nährboden des Dschihads“ konkret sein soll.

Gegenüber diesen beiden sehr gehaltvollen und seriösen Studien fallen zwei weitere deutsche Neuveröffentlichungen zum Thema Al-Qaida massiv ab. In die Welt des Action-Journalismus führt Oliver Schröms „Al Qaida. Akteure, Strukturen, Attentate“. Hier werden Ereignisse erzählt, als habe der „preisgekrönte Fernseh- und Buchautor“ persönlich daran teilgenommen. Der in jedem kulturwissenschaftlichen Proseminar so wichtige Unterschied zwischen Diskurs und Praxis, beobachtbarer Realität und Aussage darüber scheint sich bis zu diesem Autor nicht herumgesprochen zu haben. Man muss ihm zugute halten, dass er weitgehend bei den bekannten Quellen bleibt und sie einigermaßen getreulich auswertet. Aber was die religiösen Motivationen der Attentäter angeht, werden wir nur mit Banalitäten konfrontiert: „‚Was bringt dieses Leben?’ fragt (Binalshib) an einem Nachmittag beiläufig seine Freunde. ‚Das Paradies ist viel schöner‘.“ So läuft das bei Terroristen.

Eric Laurents „9/11/01. Die Wahrheit“ dagegegen verirrt sich im Gestrüpp der Verschwörungstheorien, ohne je wieder herauszufinden, um am Ende in unfreiwillig komische und unfreiwillig postmoderne Verzweiflung zu verfallen. Da er hinter den terroristischen Ereignissen ein geheimes System vermutet, kann er die „fremde Welt“ des 11. September 2001 nur mit dem Mord an Kennedy vergleichen, ein Mysterium mit einem anderen. Es bleibt bei Plattitüden, deren rationaler Gehalt bei Burke und Brisard längst geklärt sind, wie etwa: „Welche Rolle spielt Saudi-Arabien, das über 24 Prozent der weltweiten Ölreserven verfügt?“ Von einem verschwörungstheoretischen Buch hätte ich erwartet, dass es solche Fragen nicht erst auf Seite 260 anschneidet. Dass ein seriöser Verlag wie Piper hofft, damit Erfolg zu haben, überrascht doch sehr.

Wie steht es auf der Ebene wissenschaftlicher Vertiefung? Hier ist mit den Schriften von Navid Kermani sowie von Tilman Seidensticker und Hans Kippenberg bereits erheblicher Grund gebrochen worden. Wenn nun eine junge Kultur- und Sozialwissenschaftlerin auszieht, mehr über „Die Quellen der Macht von Al Qaida“ zu lernen, und sei es – mehr ist bei einer Magisterarbeit ja auch nicht zu erwarten – „aus der Perspektive des Institutionalismus nach Robert Keohane“, so weckt das eine über das Fachpublikum hinausgehende Neugier. In der Tat wird zunächst mit Keohane eine politikwissenschaftliche These entwickelt (S. 35): Dass der Westen so leicht durch den Terrorismus verwundbar ist, ruft die terroristischen Aktivitäten gewissermaßen auf. Das Bedürfnis nach Kostenreduktion regelt das Verhalten der Angegriffenen. Dies würde in der Tat erklären, dass man „Vor-Bilder“ in Tom Clancys Thriller „Befehl von oben“ finden kann. Der islamistische Terrorismus löst sich in ein zwar komplexes, aber kontrollierbares „rational choice“-Paradigma auf. Damit kehrt von Knop zu Klassikern der Soziologie des Terrorismus zurück wie Franz Wördemanns Unterscheidung zwischen Guerilla und Terrorismus: Al-Qaida könnte demnach als terroristische Vereinigung gelten, die um ein Territorium zur Entfaltung ihrer Guerilla kämpft, um von dort aus den „Sieg im Volkskrieg“ zu erringen.

Die Politik der Kostenvermeidung (und des Zeitsparens) steht gegen die Politik des Raumgreifens. Doch leider versagt die unter unzähligen Anglizismen gesponnene „sachlogische Argumentationskette“ zum „religiös motivierten Terrorismus“. (S. 66 f.) Am Ende ersetzt ein Zitat aus Waldmanns simpler Analyse von Terrorismus als Provokation der Macht jede weitere Recherche, die konkrete Schlüsse auf das Innenleben zulassen würde: „Und als Belohnung erwartet der gläubige Muslim den Einzug ins Paradies“. Leider fällt die Autorin dann noch auf eine Gruppe von Amerikanern herein, die die Entdeckung der von Jacob Moreno bereits in den zwanziger Jahren entwickelten Netzwerkanalyse für sich beanspruchen. In diesem Falle wird einmal besonders gut sichtbar, dass es sich lohnt, wissenschaftsgeschichtlich informiert zu sein. Multilevel-Kommunikation herrscht in Al-Qaida, man glaubt es gern, aber was tauschen die jungen Attentäter ein, warum geben sie ihr modernes Leben und ihren lebenden Körper gegen eine Paradieshoffnung für ihre altmodische Seele hin – oder gegen die Versorgung ihrer Eltern und Geschwister?

Wohlüberlegte Politik ist das Thema einer weiteren, überragenden wissenschaftlichen Bearbeitung des Themas, die wir dem Orientalisten und Terrorexperten Guido Steinberg verdanken. Steinberg versteht es, die unwillkürlichen Dimensionen des Wohlüberlegten ins Visier zu nehmen und einen nüchternen und trotzdem lehrreichen Blick auf Motivationsstrukturen zu werfen. Gegen den Strom der Modernisierungs- und Globalisierungstheo-rien hat er ein Bild von Al-Qaida zu bieten, das in den Schriften von Burke und Brisard angelegt, aber nicht voll entfaltet wurde. Steinbergs Ausgangsbeobachtung ist ebenso einfach wie überzeugend: „Es gibt – wenn überhaupt – nur wenige Terroristen, denen es allein um den Kampf gegen den Westen und eine islamistische Weltherrschaft geht und die jegliche Beziehung zu ihrem Herkunftsland verloren haben.“ (S. 10) Beispiel ist die Politik Bin Ladens, die, so zeigt es Steinberg immer wieder, in besonderer Weise auf die Situation in Saudi-Arabien zielt – wenn dieser etwa die Meinung vertritt, dass „Angriffe auf die saudi-arabischen Ölanlagen unterbleiben sollten, um diese nach der islamistischen Machtergreifung als Einnahmequelle nutzen zu können“ (S. 28). In der regionalen Verankerung der Terroristenführer entfaltet sich ihre internationale Aktivität. Damit besteht die Chance, dass diese sich irgendwann auch wieder auf das regionale Maß einfaltet und zurückkehrt zur ökonomisch gesteuerten Realpolitik.

Steinberg häuft mit seiner Studie über die „nahen“ und die „fernen“ Feinde der Al-Qaida umfassendes Belegmaterial für einen typischen Fall von Globalisierung, die im Lokalen wurzelt, von „Glokalisierung“ also. Bereits im Urkonflikt der Gründer der „Basis“, eines Datenbankverzeichnisses kampfbereiter Islamisten, kommt das zum Ausdruck: Defensiver Dschihad in Afghanistan, das Konzept des Gründers Azzam, steht gegen die Weltstrategie des zukünftigen „Netzes der Netzwerke“ (Burke) um Bin Laden. Der Konflikt zwischen Taliban und Al-Qaida und der gerade jetzt laufende Kampf der Terroristen um az-Zarkawi gegen die schiitische Bevölkerungsmehrheit im Irak illustrieren diesen Zusammenhang und auch den Bruch zwischen lokaler und internationaler Strategie. Steinberg verfolgt diese widerstreitenden Motive und die lokalen, geographischen Bindungen der Akteure von Al-Qaida in zwei Strängen, zum einen historisch-nacherzählend, und dann, besonders interessant, indem er die „Epizentren“ des islamistischen Terrorismus rekapituliert: Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, Jemen, Algerien und den Irak. Diese lokalen Darstellungen – brillant vor allem seine Darstellung der algerischen und jordanischen Verhältnisse – führen zu dem Thema „Islam und politische Reform“. Sind einmal die lokalen Wurzeln bloßgelegt, wird auch deutlich, welche Formen von Umsturz oder ökonomischer Umgestaltung, welche Entmilitarisierungen und lokalen Eingriffe, welche lokalen religiösen Bewegungen und Säkularisierungen jedem einzelnen dieser in Al-Qaida verknüpften Lebensläufe eine andere Richtung hätten geben können. Insofern endet diese Studie mit einem sehr viel klareren Bild möglicher Veränderungen der Lebensverhältnisse in islamischen Ländern (aber auch, was Steinberg nicht erwähnt: europäischer Muslime) und wie diese dazu führen könnten, „die verbreiteten Sympathien für die militanten Gruppen zu reduzieren und ihre Rekrutierung und Finanzierung zu erschweren“ (S. 245).

Damit sind wir bei den großen Unbekannten der Al-Qaida-Literatur angelangt, jene von den genannten Autoren niemals zitierten Schriften, in denen exakt diese Bruch- und Angelpunkte zwischen lokalen und internationalen Bewegungen ausgelotet werden: die Studien von Hans Kippenberg und Tilman Seidensticker, von Navid Kermani und Joseph Croitoru. Denkt man sie zusammen, bekommt man ein Bild der konkreten Praktiken, durch die junge Männer dazu gebracht werden können, sich auf einen „fernen“, abstrakten Feind zu fixieren oder aber einem nahen Feind zuzuwenden und mit ihm Frieden zu finden. Die Fixierung auf das Abstrakte wird durch eine spezifische Mischung aus lokal angestauter Wut und geheimdienstlichen Praktiken der Gehirnwäsche und des körperlichen Drills bewerkstelligt (Croitoru), durchdrungen von sufistischen und anderen traditionalen und modernen islamischen Praktiken (Kippenberg und Seidensticker). Diese können zum Terror gegen das Selbst gesteigert werden, der schließlich den nihilistischen Anschlag, die Explosion gewissermaßen, als einzigen Ausweg offen lässt (Kermani).

Auf dieser Spur und mit all dem bei Burke, Brisard, Steinberg angesammelten Wissen um das Äußerlich-Faktische, Politische und Geographische im Hinterkopf, muss nun ein weiterer Schritt in die Tiefendimension von Al-Qaida und ähnlichen Netzwerken gegangen werden. Hinweise dazu kann man in Mohamed Sifaouis spannender Reportage „Brüder des Terrors“ finden oder in der Tirade des islamischen Konvertiten und Ex-Hippies Hadayattullah Hübsch gegen „fanatische Krieger im Namen Allahs“. Keine der hier rezensierten Schriften versucht, „dem Islam“ die Schuld zuzuschieben. Noch ist Europa nicht so vom Terror infiziert, dass wir uns diesem gefährlichen Gegner anverwandelt und die Welt untrennbar in gute und böse Denkformen und Praktiken aufgeteilt haben. Im Gegenteil, der Zug zur Differenzierung herrscht vor. Und genau hier, im differenzierenden Umgang mit Fremdbildern und lokalen Sachverhalten, scheint eine Chance im Kampf gegen den Terror zu liegen.

Jason Burke: Al-Qaida. Entstehung, Geschichte, Organisation. Artemis und Winkler, Düsseldorf und Zürich 2005. 414 Seiten, € 28.

Jean-Charles Brisard: Das neue Gesicht der Al-Qaida. Sarkawi und die Eskalation der Gewalt. Propyläen, Berlin 2005. 334 Seiten, € 2

Oliver Schröm: Al Qaida. Akteure, Strukturen, Attentate. Aufbau Taschenbuch, Berlin 2005. 213  Seiten, € 8,90.

Eric Laurent: 9/11/01. Die Wahrheit. Piper, München und Zürich 2005. 270 Seiten, € 18,90.

Katharina von Knop: Die Quellen der Macht von Al Qaida: Aus der Perspektive des Institutionalismus nach Robert Keohane. Peter Lang, Frankfurt am Main. 149 Seiten, € 31,80.

Guido Steinberg: Der nahe und der ferne Feind. Das Netzwerk des islamistischen Terrorismus. C.H. Beck, München 2005. 192 Seiten, € 19,90.

Joseph Croitoru: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats Hanser, München 2003. 298 Seiten, € 19,90.

Navid Kermani: Dynamit des Geistes Martyrium, Islam, Nihilismus. Wallstein, Göttingen 2002. 72 Seiten, € 14.

Hans Kippenberg und Tilman Seidensticker (Hrsg.): Terror im Dienste Gottes. Die „Geistliche Anleitung“ der Attentäter des 11. September 2001. Campus, Frankfurt am Main 2004. 128 Seiten, € 14,90.

Mohamed Sifaoui: Brüder des Terrors. Ich war Mitglied einer Al Qaida-Zelle. Ullstein, Berlin und München 2003. 174 Seiten, € 7,95.

 
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