Neues Betriebssystem für Al-Qaida

Sie haust nicht mehr in Höhlen. Sondern im virtuellen Raum

1. November 2005 - 0:00 | von Yassin Musharbash

Internationale Politik 11, November 2005, S. 22 - 27

Kategorie: Sicherheitspolitik, Terrorismus, Medien/Information, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika, Weltweit

Das Terrornetzwerk Al-Qaida ist längst in der virtuellen Gegenwart angekommen und nutzt das Internet höchst effektiv zur Verbreitung von Know-how und Ideologie. Das World Wide Web ist das Medium, mit dessen Hilfe die totalitären Islamisten den Sprung von der militärischen Kader-Organisation zur global agierenden Bewegung vorbereiten.

Wer ist Abu Maysara al-Iraqi? Glaubt man der „Organisation Al-Qaida im Zweistromland“, handelt es sich bei diesem geheimnisvollen Mann um ihren offiziellen Sprecher. Westliche Terrorforschungsinstitute wie zum Beispiel SITE1 und Zeitungen wie USA Today2 haben bereits damit begonnen, diese Behauptung der irakischen Al-Qaida-Filiale für bare Münze zu nehmen. Dabei weiß in Wahrheit niemand irgendetwas über diesen Mann. Nur eines ist bekannt: Jedes Statement und Bekennerschreiben des irakischen Al-Qaida-Statthalters Abu Musab az-Zarqawi trägt die elektronische Signatur Abu Maysaras. Al-Qaida hat mehrfach beteuert, dass nur Bulletins mit dessen Unterschrift authentisch seien.

Doch muss Abu Maysara deshalb eine reale Person sein? Keinesfalls! Im Gegenteil: Einiges spricht dafür, dass es sich nur um eine virtuelle Identität handelt – zum Beispiel der Zeitpunkt, ab dem Abu Maysara eine Rolle zu spielen begann. In den ersten Monaten seiner Terrorkampagne, die unmittelbar nach dem Fall Bagdads im Frühjahr 2003 einsetzte, unterhielt az-Zarqawi noch seine eigene Website – ohne jeden Hinweis auf Abu Maysara. Hier erschienen erstmals jene Videos von Geiselenthauptungen, über die noch zu sprechen sein wird. Abu Maysara hingegen tauchte erst auf, als diese Website immer seltener gepflegt wurde und verfiel, weil sich die großen, arabischsprachigen und vor allem von Islamisten frequentierten Internet-Diskussionsforen als effektivere Plattformen für die terroristische Öffentlichkeitsarbeit etablierten – so etwa die mittlerweile abgestellten Foren „al-Qal’a“ (Die Festung) oder „al-Ma’sada“ (Die Löwenhöhle).3

Diese Foren sind schwarzen Brettern vergleichbar. Jeder kann nach Belieben veröffentlichen. Sie verzeichnen wesentlich mehr Besucher als die eigenen Homepages der Terroristen. Aus Sicht der Terroristen aber haben sie den Nachteil, dass die Authentizität der Postings schwerer zu belegen ist. Dass Abu Maysara gerade zu jenem Zeitpunkt auftauchte, als die Veröffentlichung der Bulletins in die Foren verlagert wurde, lässt sich also sinnvoll mit einem gewachsenen Bedarf an Glaubwürdigkeit erklären.

Letzen Endes ist es unerheblich, ob Abu Maysara eine reale oder fiktive Person ist; entscheidend aber ist in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass Al-Qaida das Internet mittlerweile effektiv und professionell nutzt, während westliche Medien und Geheimdienste zunehmend vor dem Problem stehen, die damit verbundenen Entwicklungen einzuschätzen. Es scheint, dass ausgerechnet das offenste, liberalste und gewissermaßen westlichste aller Medien den Terrornetzwerken in die Hände spielt. 

Tatsächlich lässt sich an der Art und Weise, in der Al-Qaida das Internet nutzt, der tiefgreifende Wandel ablesen, den das Terrornetzwerk nach dem 11. September 2001 aus eigener Einsicht eingeleitet hat. Al-Qaida ist heute keine militärische Kader-Organisation mehr, sondern auf dem Sprung zur Bewegung; das Netzwerk ist eine lernende Organisation, die in der Lage ist, sich veränderten Bedingungen anzupassen. 

Al-Qaidas Öffnung

Der entscheidende Schritt, den Al-Qaida nach 9/11 unternommen hat, ist die Öffnung gegenüber der diffusen Sympathisantenszene. Die weitgehende militärische Zerschlagung der Urorganisation vor Augen, ist das Ziel dieses Schrittes, Al-Qaida in eine neue Phase herüberzuretten – das Netzwerk will zu einer Bewegung werden, der sich jeder Sympathisant an jedem Ort der Welt anschließen kann.4 Dazu ist es notwendig, angesammeltes Know-how und eine vereinigende Ideologie möglichst effektiv zu verbreiten. 

Wie Al-Qaida diese Strategie umsetzt, lässt sich besonders anschaulich am Umgang der Organisation mit ihrem eigenen Schulungsmaterial verdeutlichen. „Bitte nicht entfernen, Eigentum des Gästehauses“, stand noch in den Buchdecken der Bände der „Enzyklopädie des Dschihad“, auf deren Grundlage Al-Qaida in den Trainingscamps in Afghanistan bis 2001 seinen Nachwuchs ausbildete. Mehrere tausend Seiten umfasst diese Enzyklopädie; sie enthält Kapitel zur Rekrutierung, Waffenhandhabung, Spionage und Gegenspionage, Sprengstoffkunde und etliches mehr.

Dieses von Al-Qaida ehemals geheim gehaltene Material wird heute – von Al-Qaida selbst – massiv im Internet verbreitet. Es sei nun nicht mehr nötig, „in die großen Militärcamps“ zu reisen, begrüßte im Sommer 2003 enthusiastisch der Chef der saudischen Al-Qaida-Filiale, Abu Hadschir al-Mukrin, diese Entwicklung. „Mit der Erlaubnis Gottes ist es dir auch möglich, für dich allein, in deinem Zuhause oder gemeinsam mit deinen Geschwistern in Gott mit der Durchführung dieses Programms zu beginnen.“5 Er selbst veröffentlichte fortan zweiwöchentlich Artikel in einem Online-Magazin auf der Grundlage der „Enzyklopädie des Dschihad“ und rief die saudi-arabischen Sympathisanten im Netz zur Bildung von Zellen auf – nicht ohne zu erklären, wie man das macht. 

Mittlerweile wird die Lehrbuchsammlung laufend auf den neuesten Stand gebracht und ergänzt; ob von Sympathisanten oder erfahrenen Al-Qaida-Kadern, ist längst nicht mehr zu rekonstruieren. Tatsache ist: Heute findet man im Netz Anleitungen zum Bombenbau mit Einkaufslisten für die benötigten Chemikalien. Die Öffnung der Al-Qaida, die zugleich eine enorme Ausweitung des Pools potenzieller Attentäter darstellt, ist geglückt. Schon die Attentäter von Madrid, die im März 2003 191 Menschen umbrachten, griffen auf Anleitungen zum Bombenbau aus dem Internet zurück.6

Das Material wird auf vielfältige Weise verbreitet. Deutliche Trends haben sich aber in den vergangenen zwei Jahren verfestigt. Unterhielten die verschiedenen Al-Qaida-Filialen noch bis Mitte 2004 fast ausnahmslos eigene Websites, gehört dieses Modell mittlerweile der Vergangenheit an. Nur az-Zarqawi und kleinere irakische Terrororganisationen besitzen noch eine eigene Internet-Adresse, deren Seiten aber kaum noch erneuert werden. Die täglich bis zu einem Dutzend Bulletins von az-Zarqawis Organisation laufen stattdessen entweder in den bereits erwähnten Foren ein oder – sortiert und von unauthentischem Material geschieden – auf einer Internetseite namens „Bayanat“ (Veröffentlichungen), die auf Bekennerschreiben aus dem Irak spezialisiert ist und bei der sich nicht mehr sagen lässt, ob sie von Al-Qaida oder von Sympathisanten mit entsprechenden Verbindungen betrieben wird.

Gewachsene Bedeutung der Sympathisanten

Auch die offiziösen Internetseiten der Al-Qaida-Mutterorganisation gibt es nicht mehr.7 Bis Frühjahr 2004 war ein deutliches Indiz für die Echtheit eines Dokuments, dass es von der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Al-Qaida, der Global Islamic Media Front (GIMF), veröffentlicht wurde. Die GIMF nutzte dafür vornehmlich das Format von Newsgroups des US-Anbieters yahoo.8 An die Stelle der „alten“ GIMF ist in den vergangenen Monaten eine „neue“ GIMF getreten, die erkennbar von der Mitarbeit Freiwilliger aus der Sympathisantenszene gekennzeichnet ist. Entsprechende Aufrufe im Internet, sich an der PR für Al-Qaida zu beteiligen, gingen dem Relaunch voraus. Die neue GIMF brüstet sich gar mit verschiedenen Ressorts, etwa für Online-Veröffentlichungen oder Bildmaterial. Ihr letzter Coup: eine „Nachrichtensendung“ namens „Die Stimme des Kalifats“, die wöchentlich erscheinen soll und das Weltgeschehen aus Sicht von Al-Qaida & Co. darstellt. Zwei Folgen sind bis Anfang Oktober 2005 erschienen; ein vermummter Sprecher, mit Koran und Gewehr auf dem Schreibtisch, verliest darin Nachrichten, die von Redeauszügen az-Zarqawis und Einspielfilmchen unterbrochen werden. Die Sendungen enthalten aber kaum Material, das nicht auf den anderen Webseiten zusammengeklaubt worden sein könnte. Ein Beleg für eine belastbare Verbindung der Redaktion zum kämpfenden Kern der Al-Qaida steht aus.

Doch was ist Al-Qaida heute überhaupt – wer ist Mitglied und wer nur Anhänger? Diese Verwirrung ist nicht zuletzt das Ergebnis des Öffnungsprozesses, den Al-Qaida eingeleitet hat. Um ein noch deutlicheres Beispiel zu geben: Als im Sommer 2004 az-Zarqawi im Irak und al-Muqrin in Saudi-Arabien westliche Geiseln enthaupteten und die grausamen Akte per Video festhielten, lösten sie international eine Schockwelle aus. Ein Messer und eine Kamera – mehr brauchten sie nicht für ihre punktgenaue Umsetzung der „goldenen Regel“ des Terrors, nach der man maximale Folgen mit minimalem Aufwand erzielen muss. Die Enthauptungen hatten bei wenig Risiko und Planungsaufwand für die Mörder einen Effekt, der mit dem eines mittelgroßen, aber weitaus aufwändigeren Anschlags vergleichbar ist.

Dieser Effekt wäre jedoch nie eingetreten, wenn Sympathisanten nicht für die Verbreitung des Bildmaterials gesorgt hätten. Denn die Videos erschienen zunächst auf den wenig bekannten „eigenen“ Homepages der Al-Qaida-Filialen. Dass sie auf die großen Foren kopiert wurden, wo tausendfach höhere Zugriffs- und Downloadzahlen garantiert waren, verhalf dem Terrorakt erst zum Durchbruch. Die Verbreitung durch Sympathisanten war einkalkuliert, sie gehörte zum Akt zwingend dazu. Wenn aber jemand ein solches Video kopiert und verlinkt, um damit die beabsichtigte Aufmerksamkeit auch wirklich zu erregen – ist er dann noch Anhänger oder schon Mittäter?

Information und Desinformation

Wir können heute jedenfalls feststellen, dass Al-Qaida auf der Klaviatur der internationalen Aufmerksamkeitsökonomie virtuos spielt – und dabei auf dem Weg von der Organisation zur Bewegung auch noch profitiert.

Denn auf der einen Seite gelingt es Al-Qaida, durch quasi vertrauensbildende Maßnahmen wie die verlässliche Wiederkehr des eingangs erwähnten Abu Maysara al-Iraqi ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit bei den westlichen und arabischen Medien zu wahren. Dies ist ein zentrales Anliegen für die Terroristen, denn wenn niemand sicher sein kann, wer den Anschlag ausgeführt hat, ist er ein Fehlschlag. Auf der anderen Seite aber nutzt Al-Qaida das Internet auch zur geschickten Irreführung und zum Verbreiten von Angst und Schrecken. Hier sind das beste Beispiel die „Brigaden des Abu Hafs al-Masri“, einer Organisation, die von sich selbst behauptet, die Europa-Filiale Al-Qaidas zu sein. In Abständen von einigen Monaten drohen sie mit gigantischen Anschlagsse-rien im Westen. Obwohl niemand etwas über sie weiß, führen die Ankündigungen der Brigaden regelmäßig zu erhöhten Alarmstufen in Dänemark, Italien oder Ländern, die die Brigaden gerade angeblich ins Visier genommen haben. Dass sie sich mehrfach zu Anschlägen bekannten, die nicht auf ihr Konto gingen, erhöhte ihre Glaubwürdigkeit zwar nicht gerade; es ist eben nicht bewiesen, dass die Brigaden eine rein virtuelle Organisation sind. Aber die Behörden müssen reagieren, und so erreichen die Autoren der Drohschreiben ihr Ziel: die Verbreitung von Angst vor dem Terror. „Gründet immer mehr Organisationen mit immer neuen Namen, um die westlichen Geheimdienste und Medien zu verwirren“, wurde 2004 von der saudischen Al-Qaida-Filiale im Internet als Parole ausgegeben. Al-Qaida beherrscht auch die Desinformation. Jedoch achtet sie sorgfältig darauf, dabei nicht ihre ebenso gewissenhaft verteidigte Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen.

Schließlich gibt es noch zwei weitere Felder, auf denen das Internet eine zentrale Rolle für das Terrornetzwerk spielt: Zum einen das „operative Geschäft“, also das Identifizieren lohnender Anschlagsobjekte und die Entwicklung einer gemeinsamen Strategie. Zum anderen die ideologische, theologische und weltanschauliche Schulung und Indoktrination der Anhängerschaft.

Neue analytische Tiefe

Auch in diesen Bereichen hat Al-Qaida sich spürbar professionalisiert. Besonders augenscheinlich war dies an einem im Dezember 2003 über die GIMF verbreiteten Strategiepapier mit dem Titel „Der Dschihad im Irak – Hoffnungen und Risiken“ abzulesen.9 Das Papier gelangte auch im Westen zu Berühmtheit, weil es die Anschläge von Madrid vorwegzunehmen schien. Die Grundannahme der (wohl saudi-arabischen) Autoren war, dass die USA militärisch nicht zu besiegen seien – angesichts der bis dato bekannten Endsiegrhetorik der Al-Qaida ein echter analytischer Fortschritt, zumal in dem 42-Seiten-Papier eine detaillierte Untersuchung der innenpolitischen Konstellationen aller wichtigen Länder der Irak-Kriegskoalition vorgelegt wurde. Nur wenn man die Alliierten der USA, einen nach dem anderen, durch große Anschläge zum Abzug zwinge, könne es am Ende auch gelingen, die USA zu verunsichern, beschrieben die Verfasser ihre „Domino-Theorie“.

In diesem Zusammenhang kamen sie auch zu jenem Schluss, der später als Blaupause für den Madrid-Anschlag verstanden wurde, obwohl er sich auf Angriffe auf spanische Soldaten im Irak selbst bezog: „Wir glauben, dass die spanische Regierung nicht mehr als zwei, maximal drei Schläge aushalten kann, bis es wegen des großen Druckes aus der Bevölkerung zum Abzug aus dem Irak kommt.“ Am besten solle man vor den Wahlen zuschlagen, rieten die Verfasser, weil dann die Sozialisten an die Macht kämen – eine Prophezeiung, die sich bestätigte.

Die eigentliche Überraschung bleibt jedoch die analytische Tiefe dieses Papiers. Gestützt auf eine Auswertung der amerikanischen Presse folgerten die Terrorstrategen, dass die USA vor allem über das Hochtreiben der Kosten für die Besatzung des Iraks zum Abzug zu bringen sein könnten. Ein solches Eingehen auf das Denken des Feindes stellte etwas komplett Neues für Al-Qaida dar. Mittlerweile gibt es zahlreiche Papiere, in denen die religiöse Erlösungsrhetorik kaum eine Rolle mehr spielt, sondern das Machbare im Vordergrund steht.10

Zu dieser Kategorie von Texten, die vornehmlich über das Internet publiziert werden und für den Eigengebrauch, nicht für die Propaganda gedacht sind, zählt auch ein Dokument vom Sommer 2005, in dem Ratschläge für die Einreise Dschihad-Williger in den Irak erteilt werden.11 Am besten, heißt es darin, wähle man die Route über Syrien, unauffällig als Geschäftsmann getarnt, oder in Jeans und mit westlicher Musik im Walkman, um den Verdacht der Behörden zu zerstreuen, man habe sich auf den Weg zum Schlachtfeld gemacht.

Viel Energie steckt Al-Qaida unterdessen auch in die ideologische Unterrichtung der Sympathisanten und die religiös-theologische Rechtfertigung der Anschläge. Letzteres spielt, entgegen der immer wiederkehrenden Mär von der rein nihilistischen, amoralischen und allein aufs Morden versessenen Terrororganisation Al-Qaida, eine entscheidende Rolle für die Sympathisanten, wie an den Diskussionen in den Internetforen deutlich abzulesen ist.12 Jedes islamistische Terrornetzwerk unterhält heute ein Scharia-Komitee. Sowohl zur Legitimation von Geiselenthauptungen als auch zur Delegitimation der demokratischen Wahlen im Irak erschienen lange, sorgfältig mit Zitaten aus religiösen Quellen untermauerte Rechtsgutachten.13

Neue Spielart des Terrors? 

Medien für die Verbreitung des Welt- und Geschichtsbilds und der Ideologie sind im World Wide Web vor allem Online-Magazine wie Die Stimme des Dschihad14 oder Der Gipfel des Islam, in denen Reden von Osama Bin Laden abgedruckt werden und Heldengeschichten aus der islamischen Frühzeit sowie Märtyrerlebensläufe den Kampfwillen anspornen sollen. Hier werden ebenfalls Möglichkeiten der Kontaktaufnahme zum Zweck der Anschlagsplanung angeboten. Auch der Austausch in den Foren spielt eine Rolle bei der Verbreitung des Gedankenguts. 

Die Anschläge in London vom Juli 2005 geben Anlass zu der Vermutung, dass eine neue Spielart des islamistischen Terrorismus aus dieser Streuung der Propaganda von Al-Qaida & Co. erwachsen kann. Die vier Attentäter vom 7. Juli, die in keinem Al-Qaida-Camp ausgebildet wurden und keine langfristige Beziehung zu Al-Qaida-Kadern hatten,15 haben in dieser Ideologie offenbar einen Weg erkannt, ihre als sinnlos empfundene Existenz mit Bedeutung aufzuladen – und sei es dadurch, sich selbst, im Tausch für die Zusage einer Heilsgewissheit, inmitten der nunmehr als Feinde identifizierten Mitbürger in die Luft zu sprengen. 

Im Lichte dieser neuen Entwicklungen sollte man Al-Qaida heute weniger als festgefügte Organisation betrachten, sondern eher als einen Anbieter von Schnittstellen an das sympathisierende Umfeld: Das Terrornetzwerk will, dass seine Anhänger in seinem Namen aktiv werden – und beschränkt sich selbst dabei vor allem auf die Vermittlung von Ideen, Kontakten und gelegentlich Geld. Das Internet ist das perfekte Medium dazu.

1 SITE = The Search for International Terrorist Entities, www.siteinstitute.org.

2 USA Today, 29.9.2005, S. 2A, „Female Suicide Bomber kills 6 in Iraq“.

3 „Al-Ma’sada“ war auch der Name eines der Al-Qaida-Trainingscamps in Afghanistan, weswegen einige Experten eine engere Verbindung zwischen den Betreibern der Foren und dem Kern der Al-Qaida vermuten.

4 Der jordanische Autor Fuad Hussein schreibt in seinem 2005 in Beirut erschienenen Buch „Al-Dschil al-thani l-al-Qa’ida“ (Die zweite Generation der Al-Qaida) unter Bezug auf Korres-pondenzen mit Al-Qaida-Strategen, dass dies sogar das ausdrückliche Ziel der Organisation sei.

5 So im Online-Magazin Ma’askar al-Battar, Schlusswort der 1. Ausgabe.

6 „Auf Befehl von Al Qaida“, Tagesspiegel, 10.3.2005.

7 Mindestens seit 2000 hat Al-Qaida das Internet genutzt, in der Frühzeit indes vor allem für die Veröffentlichung von Reden Osama Bin Ladens. Die einschlägig bekannten Seiten www.neda. com und www.azzam.com wurden jedoch nach dem 11. September 2001 geschlossen.

8 Der genaue Name, unter dem die Newsgroup zu finden war, wechselte dabei stets in kurzen Abständen, weswegen das Motto der „alten“ GIMF war: „Wir kehren zurück, wenn ihr zurückkehrt“ – was bedeuten sollte, dass man die neue Adresse schon finden werde. Und tatsächlich wurden die entsprechenden neuen links regelmäßig in den Diskussionsforen weitergereicht.

9 Yassin Musharbash: Die neue Qaida-Doktrin, Spiegel Online, 18.3.2004.

10 Ein weiteres Beispiel sind die im Sommer 2004 von der saudischen Al-Qaida veröffentlichten Listen mit Rangfolgen von Anschlagzielen.

11 Yassin Musharbash: Reiseführer für Terrortouristen, Spiegel Online, 25.7.2005.

12 Damit soll nicht gesagt werden, dass diese Attribute für Al-Qaida nicht alle zu einem unterschiedlichen Grad zutreffen. Aber es ist nicht zutreffend, Al-Qaida allein darauf zu reduzieren. Im Kern handelt es sich um eine beständig und umfassend religiös argumentierende und fühlende Organisation, die ohne den Bezug auf religiöse Quellen keine Anhänger hätte.

13 Yassin Musharbash: Zarkawi ruft zum Dschihad gegen alle Demokraten auf, Spiegel Online, 23.1.2005.

14 Von der Stimme des Dschihad (Sawt al-Dschihad) erschienen bis Oktober 2005 über 20 Ausgaben, seit Herbst 2004 jedoch nicht mehr regelmäßig. Das Magazin wurde offenbar in Saudi-Arabien produziert. Andere Magazine sind Ma’askar al-Battar, ebenfalls eingestellt, und mehrere aktuelle Online-Magazine verschiedener Terrorgruppen im Irak. Der Gipfel des Islam etwa stammt aus dem Umfeld az-Zarqawis.

15 Noch ist ungewiss, ob die Rädelsführer nicht vielleicht in pakistanischen Koranschulen Kontakt mit Al-Qaida-Kadern hatten. Neu ist jedoch, dass die Attentäter wohl nicht im klassischen Sinne rekrutiert wurden, sondern offenbar ein erhebliches Maß an Eigeninitiative an den Tag gelegt haben, mithin selbst den Weg zu Al-Qaida gesucht und gefunden haben düften.

 
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