Terror – Europas internes Problem

Muslime aus der europäischen Diaspora haben sich die Ziele von Al-Qaida zu eigen gemacht. Sie agieren unabhängig

1. November 2005 - 0:00 | von Guido Steinberg

Internationale Politik 11, November 2005, S. 14 - 21

Kategorie: Sicherheitspolitik, Terrorismus, Politische Kultur, Krieg/Kriegführung, Europa

Islamistische Anschläge in Europa nehmen zu. Hier aufgewachsene Muslime spielen eine immer wichtigere Rolle und werden zu den eigentlichen Vertretern der internationalistischen Ideologie von Al-Qaida. Die neue Terrorgeneration ist Bin Laden nur lose verbunden und ergreift ohne Einsatzbefehl selbst die Initiative. Aus dem Irak zurückkehrende Kämpfer werden die Bedrohungslage hierzulande noch verschärfen.

Mit den Angriffen der Antiterrorkoalition gegen Al-Qaida und die Taliban in Afghanistan im Oktober 2001 begann die Zerschlagung der Terrororganisation. Bis dahin hatte sie davon profitiert, dass die Taliban ihr bei der Planung terroristischer Aktiviäten und der Ausbildung von Tausenden von Rekruten freie Hand gelassen hatten. Nach dem Verlust der quasistaatlichen Unterstützung zerfiel auch die Organisation, die Osama Bin Laden und der Ägypter Aiman az-Zawahiri seit 1996 mühsam aufgebaut hatten. Die meisten Kämpfer flohen zunächst in die Berge der afghanisch-pakistanischen Grenzregion und von dort nach Pakistan. Bin Laden und Zawahiri werden bis heute in Bergverstecken in diesem Gebiet vermutet.

Die Al-Qaida-Führung verlor in den folgenden Monaten schrittweise die Fähigkeit, die Aktivitäten der Terroristen, die bis 2001 in ihren Lagern ausgebildet worden waren, zu koordinieren. Dennoch gelang es ihr zunächst, von Pakistan aus einige Anschläge zu organisieren: Operateure aus der zweiten Reihe hatten sich in die großen Städte des Landes abgesetzt und führten Anschlagsplanungen fort. So war der Kuwaiti Khalid Shaikh Muhammad, der Chefplaner des 11. September, auch für das Attentat auf der tunesischen Fe-rieninsel Djerba verantwortlich, bei dem im April 2002 21 Menschen starben, unter ihnen 14 Deutsche. In den folgenden Monaten gelang es den pakistanischen Sicherheitskräften jedoch, die meisten dieser Al-Qaida-Operateure zu verhaften. Ihr größter Erfolg war die Gefangennahme von Shaikh Muhammad im März 2003. Seitdem ist die Organisation entscheidend geschwächt, und obwohl belegt ist, dass sie weiterhin Anschläge in der west-lichen Welt plante, gelang es ihr nicht, diese in die Tat umzusetzen.

Nach der Zerschlagung der Al-Qaida traten Gruppen auf den Plan, die bisher zu ihrem näheren Umfeld gehört hatten, nun aber zunehmend eigenständig agierten. Dabei waren drei Entwicklungstendenzen zu beobachten:

Erstens die Dezentralisierung der Al-Qaida, die einher ging mit einer „Regionalisierung“, bei der Gruppen von zurückgekehrten Afghanistan-Veteranen in ihren Heimatländern terroristische Anschläge verübten. Da sie bis 2001 aus deutlich identifizierbaren „Landsmannschaften“, wie beispielsweise den Ägyptern und Saudis, bestanden hatte, die nie spannungsfrei zusammenarbeiteten, hatten sich die Teilgruppierungen trotz ihres Anschlusses an Al-Qaida eigene logistische Fähigkeiten bewahrt. Nach 2001 gelang es ihnen deshalb, auch ohne Unterstützung zu agieren. Vor allem in Saudi-Arabien setzte im Mai 2003 eine Anschlagsserie ein, die bis heute anhält.

Zweitens entstanden neue terroristische Netzwerke mit nur losen Verbindungen zur Al-Qaida, die meist vor 2001 schon existiert hatten, ab 2002 jedoch – und besonders im Irak seit 2003 – an Zulauf gewannen. Dabei handelte es sich vor allem um die Gruppe des jordanischen Terroristen Abu Musab az-Zarqawi und die kurdisch-irakische Organisation Ansar al-Islam (Helfer des Islams).1 Obwohl Zarqawi sich im Oktober 2004 der Al-Qaida mit einem Gefolgschaftseid anschloss und seine Organisation fortan Qaidat al-Jihad fi Bilad ar-Rafidain (Qaidat al-Jihad im Zweistromland)2 nannte, gab er seine Eigenständigkeit nicht auf. Vielmehr versucht er, Osama Bin Laden und Aiman az-Zawahiri in der Führung des internationalen Dschihads abzulösen.

Drittens, und für die Entwicklung in Europa noch entscheidender, entwickelte sich Al-Qaida zu einer ideologischen Leitstelle. Während ihre Führungsspitze nach 2001 immer weniger in konkrete Anschlagsplanungen eingebunden war, gewann die von ihr verbreitete Ideologie an Bedeutung. Seit dem Beginn der Kämpfe Anfang Oktober 2001 haben Bin Laden und Zawahiri in unregelmäßigen Abständen Audio- und Videobotschaften veröffentlicht. So untermauerten sie ihren Anspruch auf die Führungsposition und dokumentierten, dass sie sich trotz der militärischen Überlegenheit ihrer Feinde deren Zugriff entzogen. Dies stärkte die Motiva-tion ihrer Anhänger und erleichterte lokalen Gruppierungen die Rekrutierung. Gleichzeitig wurden in diesen Botschaften Zielvorgaben gegeben, die in mehreren Fällen Anschläge auslösten. So sagte Bin Laden in einer Audiobotschaft vom Februar 2003: „Die für eine Befreiung am besten geeigneten Staaten sind Jordanien, Marokko, Nigeria, Pakistan, Saudi-Arabien und Jemen.“ Tatsächlich folgten im Mai 2003 Anschläge in Riad, Casablanca und Karatschi.

Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als habe Al-Qaida hier den Einsatzbefehl gegeben, ist vollkommen unklar, ob die Organisation zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch Kontakt zu ihren Operateuren in den genannten Ländern hatte. Vielmehr scheint es so, als gäben die Botschaften nur noch die strategische Ausrichtung vor und autonom operierende Gruppen nähmen diese auf und versuchten dann, im Sinne Bin Ladens zu handeln. Dabei gingen Al-Qaida, die Zarqawi-Gruppe und die anderen im Irak operierenden Organisationen verstärkt dazu über, neue Medien zur Mobilisierung zu nutzen, allen voran das Internet.3 Die neuen Netzwerke verfolgen dabei eine Strategie, die der amerikanische Rechtsextremist Louis Beam einmal „führerlosen Widerstand“ nannte: Er hatte beobachtet, dass hierarchisch strukturierte militante Organisationen mit genau identifizierbaren Kommunikationssträngen zu leicht von Sicherheitskräften zerschlagen werden konnten. Deshalb sollten einzelne Zellen ganz ohne organisatorische Verbindung zu einer zentralen Führung agieren, unabhängig, aber im Einklang mit der handlungsleitenden Ideologie. Und alle Terrorakte zusammen könnten dann die Revolution auslösen.

Die Entwicklung der Al-Qaida von einer Organisation zu einer ideologischen Leitstelle macht sich insbesondere unter Muslimen in der europäischen Diaspora bemerkbar. Sie erweisen sich als empfänglicher für die internationalistische Ideologie, weil sie sich bereits von ihrem Heimatland gelöst haben, in der Aufnahmegesellschaft hingegen nicht angekommen sind. Während die Ursachen der Radikalisierung von Muslimen in Europa umstritten sind, ist unzweifelhaft ein Trend hin zu vermehrten terroristischen Aktivitäten zu beobachten.

Bis zum 11. September 2001 war dies anders: Europa galt hauptsächlich als Rückzugsraum für islamistische Terroristen, wo viele Flüchtlinge der bewaffneten Auseinandersetzungen in der arabischen Welt Asyl fanden. Die einzige nennenswerte Ausnahme waren Anschläge der algerischen Bewaffneten Islamischen Gruppe (Groupe Islamique Armé, GIA) in Frankreich zwischen 1994 und 1996, die teils von bereits länger in Frankreich lebenden Algeriern und algerischstämmigen Franzosen verübt wurden. Die GIA griff französische Ziele an, um Paris zu zwingen, die Unterstützung des algerischen Regimes in dem seit 1992 andauernden Bürgerkrieg gegen die Islamisten aufzugeben. Damals zeigte sich bereits, dass Auseinandersetzungen in den Heimatländern der europäischen Muslime auch Auswirkungen in den Aufnahmeländern haben würden. Während der regionale Bezug – d.h. der auf die Herkunfts-länder in der islamischen Welt – der terroristischen Gruppierungen in Europa heute immer schwächer wird, zeigt sich, dass die Militanten seit 2001 ihre Aufnahmeländer selbst angreifen. Damit wird der islamistische Terrorismus in Europa immer mehr zu einem internen Problem.

Die Attentate des 11. September wiesen bereits auf die zunehmende Bedeutung von in Europa lebenden Aktivisten hin. Dennoch stammte die überwiegende Mehrheit der Täter -– 15 von 19 – aus Saudi-Arabien; regionale Zielsetzungen im Vorderen Orient standen im Vordergrund. Bin Laden selbst sagte Ende 2004 über zwei von ihnen, die aus Mekka stammten, sie hätten das World Trade Center und das Pentagon zerstört, „um Mekka und seine Umgebung zu verteidigen“. Der Al-Qaida-Führer machte deutlich, dass es ihm und seinen saudi-arabischen Gefolgsleuten vor allem um den Rückzug der USA aus Saudi-Arabien ging.

Ohne die „Hamburger Zelle“ jedoch, d.h. die in Deutschland lebenden Studenten Muhamed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziyad Jarrah, wäre die Aktion wahrscheinlich gar nicht durchführbar gewesen. Ursprünglich war nämlich ein fast ausschließlich aus Jemeniten und Saudis zusammengesetztes Team für die Anschläge ausgesucht worden. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese Personen (mit Ausnahme des bereits ausgebildeten saudischen Piloten Hani Hanjour) nicht über die technischen Kenntnisse und den Ausbildungsstand verfügten, um eine derart anspruchsvolle Operation einschließlich des Flugtrainings in den USA zu absolvieren. Es scheint nicht einmal möglich gewesen zu sein, den von der Arabischen Halbinsel stammenden Freiwilligen in einer akzeptablen Zeit genügend Sprachkenntnisse zu vermitteln. Die Hamburger Studenten hingegen sprachen fließend Englisch, hatten mehrere Jahre in Deutschland gelebt und waren in technischen Studiengängen eingeschrieben.4 Als sie 1999 in Afghanistan eintrafen, wurden sie schnell für die Operation rekrutiert. Nach dem Bericht der Untersuchungskommission des US-Kongresses zum 11. September fiel es Al-Qaida sehr schwer, geeignete Kandidaten für die Angriffe zu finden. Erst das „Diaspora-Element“ führte Al-Qaida zum Erfolg.

Der Terror kommt nach Europa: Madrid

In den Jahren nach dem 11. September häuften sich die Hinweise auf terroristische Aktivitäten europäischer Muslime. In mehreren europäischen Staaten wurden in den Jahren 2002 und 2003 Planungen für terroristische Anschläge aufgedeckt und vereitelt. Ein erster Höhepunkt dieses Trends waren die Anschläge von Madrid am 11. März 2004, genau zweieinhalb Jahre nach dem 11. September. Während des morgendlichen Berufsverkehrs explodierten in vier Vorortzügen auf 13 Waggons verteilte Bomben, die in Taschen und Rucksäcken versteckt waren. Die Attentäter hatten sie dort deponiert und waren anschließend geflüchtet. 191 Menschen starben.

Der Anschlag erwies sich als einer der erfolgreichsten in der Geschichte des Terrorismus. Die konservative spanische Regierung von José María Aznar hielt – selbst nachdem sich die Hinweise auf islamistische Täter verdichtet hatten –, an ihrer Version fest, wonach die baskische ETA hinter den Anschlägen stehe. Viele Spanier werteten dies als Versuch zu verschleiern, dass es sich um einen Anschlag wegen des spanischen Engagements im Irak handele – 1300 Soldaten waren dorthin entsandt worden –, um so eine Niederlage bei den Parlamentswahlen am 14. März zu vermeiden. Die katastrophale Informationspolitik der Regierung führte tatsächlich zu einem eher unerwarteten Wahlsieg der oppositionellen Sozialisten um José Luís Rodríguez Zapatero. Dieser hielt sich an ein schon im März 2003 gegebenes Wahlversprechen und zog alle spanischen Truppen bis zum 30. Juni 2004 aus dem Irak zurück.

Die Terroristen, die im Idealfall eine solche Entwicklung bezweckt hatten, konnten von nun an glaubhaft machen, dass der Anschlag von Madrid zum Rückzug der Truppen aus dem Irak geführt habe. In islamistischen Kreisen erweckte dieser außerordentliche Erfolg den Eindruck, dass Terror in Europa einen Keil zwischen die USA und ihre europäischen Verbündeten treiben könne. So erklärt sich auch, dass Osama Bin Laden in einer Audiobotschaft vom 15. April 2004 allen europäischen Staaten einen Waffenstillstand anbot, wenn diese sich verpflichteten, aus der islamischen Welt abzuziehen.

Die Anschläge von Madrid richteten sich jedoch ebenso gegen Spanien selbst. Der deutlichste Beleg hierfür war, dass die Terroristen versuchten, weitere Anschläge zu verüben. Anfang April 2004 entschärften Sicherheitskräfte einen Sprengsatz an den Gleisen einer Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Madrid und Sevilla und verhinderten so eine Katastrophe. Die Attentäter folgten also einer allgemeinen antispanischen Ausrichtung, die unter im Lande lebenden Nordafrikanern, vor allem aber unter Marokkanern in Marokko selbst sehr populär ist, wobei die Gründe für diese Haltung eher diffus zu sein scheinen. Unter marokkanischen Islamisten ist beispielsweise die Vorstellung verbreitet, dass „al-Andalus“ – das arabische Wort für das muslimische Spanien – als ehemals muslimisches Territorium in einem Dschihad befreit werden müsse. Bin Laden hatte diesen Gedanken mehrfach in seinen Botschaften aufgegriffen. Da die meisten Attentäter Marokkaner waren, weisen die Anschläge auch auf den unter ihnen verbreiteten Hass auf den mächtigen nördlichen Nachbarn hin.

Vor diesem Hintergrund musste insbesondere die Beobachtung, dass die meisten Täter bereits seit einigen Jahren in Spanien lebten, Besorgnis erregen. Sie waren kaum integriert, und die Finanzierung des Anschlags wurde teilweise über kleinkriminelle Aktivitäten abgewickelt. Auch wenn die Gruppe weiterhin enge Beziehungen nach Marokko unterhielt, zeigte sich, dass ihre Radikalisierung auf Probleme zwischen nord-afrikanischen Einwanderern und der spanischen Mehrheitsgesellschaft hinwies und nordafrikanische Migranten in Europa zu einem immer größeren Sicherheitsproblem werden. Ebenso Besorgnis erregend war es, dass die spanischen Sicherheitsbehörden keine Verbindung zwischen den Attentätern und einer Struktur im Hintergrund, die Planung und Organisation übernahm, herstellen konnten. Zwar kursierten verschiedene Hinweise auf Hintermänner aus dem Umfeld der Al-Qaida, doch schienen sie alle nicht wirklich stichhaltig zu sein. So lange nicht bewiesen werden kann, dass Planer im Hintergrund agierten, müssen die Anschläge von Madrid als Ergebnis einer unabhängigen Initiative der Attentäter gelten. So waren sie der erste deutliche Hinweis darauf, dass eine Strategie des „führerlosen Widerstands“islamistischer Terroristen in Europa funktionieren könnte.

Die Mörder Theo van Goghs und die Attentäter von London

Bei den Attentaten auf den niederländischen Filmemacher van Gogh und auf die Londoner U-Bahn vom Juli 2005 waren die Täter entweder in den Niederlanden und Großbritannien geboren oder hatten seit ihrer Geburt dort gelebt. Mit diesen Ereignissen wurde der islamistische Terrorismus endgültig zu einem internen Problem Europas. Diese Täter waren zwar noch von Ereignissen in der islamischen Welt beeinflusst, attackierten jedoch gezielt ihr Aufnahmeland. Der Irak-Krieg war hier meist nur der Anlass, die Lebenssituation und das subjektive Lebensgefühl in der europäischen Gesellschaft die Ursache.

Der Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh am 2. November 2004 war zunächst einmal eine taktische Neuerung, zumindest für islamistische Terroristen in Europa. In der islamischen Welt haben von Islamisten verübte Mordanschläge auf säkulare oder liberale Intellektuelle bereits eine lange Tradition: Das bisher prominenteste Opfer war der ägyptische Intellektuelle Farag Foda, der im Juni 1992 von Angehörigen der Jama’a al-Islamiya ermordet wurde, weil er einer der schärfsten Kritiker der islamistischen Ideologie war. Van Gogh wurde zum Opfer, weil er mehrfach Muslime öffentlich beschimpft hatte und sich in seinem letzten Kurzfilm „Submission“ mit häuslicher Gewalt gegen muslimische Frauen befasste.

Das Attentat wirkte besonders schockierend, weil der Täter, ein marokkanischstämmiger Niederländer namens Mohammed Bouyeri, van Gogh auf offener Straße in Amsterdam zunächst anschoss, mit dem Messer auf ihn einstach und ihm anschließend die Kehle durchschnitt. Dann heftete er seinem Opfer mit einem weiteren Messer einen Brief an die Brust: Er war mit „Ein offener Brief an Hirsi Ali“ überschrieben, und der Autor attackierte darin eine somalischstämmige Abgeordnete der rechtsgerichteten „Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD)“, Ayaan Hirsi Ali, die das Drehbuch für „Submission“ geschrieben hatte. In dem Brief verurteilte er ausführlich Vorschläge der VVD und Hirsi Alis für eine restriktivere Einwanderungspolitik und ihre Kritik am Islam und den Muslimen in den Niederlanden. Bouyeri wurde kurz darauf gefasst; ein bei ihm gefundener Abschiedsbrief verdeutlichte, dass er seinen eigenen Tod eingeplant hatte.

Bouyeri, in den Niederlanden geboren, schien lange Zeit ein Musterbeispiel für die gelungene Integration eines Zuwanderers der zweiten Generation zu sein. Er sprach fließend Niederländisch und hatte auch seinen Drohbrief auf Niederländisch verfasst. Dennoch gab es einen Bruch in seiner Biographie, dessen Ursache bis heute nicht geklärt ist, und er schloss sich einer Gruppe militanter marokkanischstämmiger Jugendlicher der zweiten Einwanderergenera-tion an. Diese galten ebenfalls als hinreichend integriert, unterhielten aber enge Kontakte zu Militanten in anderen Staaten Europas. Niederländische Sicherheitsbehörden nannten sie die „Hofstad-Gruppe“. Obwohl Bouyeri wohl nicht zum Kern dieser Gruppe gehört hatte, scheinen ihre Mitglieder großen Einfluss auf ihn ausgeübt zu haben. Flüchtig ist immer noch ein älterer Syrer namens Radwan al-Isa (oder al-Issar), der eine Art Mentor der Gruppe war und seit dem Attentat verschwunden ist. Bouyeris Radikalisierung scheint darüber hinaus auf seine Lektüre islamistischer Propaganda im Internet zurückzugehen. Dass er sich in seinen Äußerungen fast ausschließlich auf die niederländische Innenpolitik bezog, verdeutlichte jedoch, dass die Motive für seine Radikalisierung in den Niederlanden selbst gesucht werden müssen.

Die Terroristen, die am 7. Juli 2005 Bomben in drei Londoner U-Bahnen und einem Autobus detonieren ließen und 52 Menschen töteten, gehörten ebenfalls zur zweiten Einwanderergeneration. Drei der vier stammten aus Pakistan und waren bereits in Großbritannien zur Welt gekommen. Ein vierter war Jamaikaner und erst als Jugendlicher zum Islam konvertiert; er lebte seit seinem zweiten Lebensjahr in England. Der Irak-Krieg und die britische Beteiligung daran motivierten die Täter zu dem Anschlag auf britische Zivilisten. Mehrere waren in den Monaten vor der Tat nach Pakistan gereist, so dass vermutet wird, dass sie dort ausgebildet wurden. Dennoch gibt es auch in diesem Fall keinen hinreichenden Beleg, dass die Gruppe in irgendeiner Weise von außen gesteuert wurde. Soweit bekannt, übernahmen ihre Mitglieder selbst die Planung, Organisation und Ausführung der Anschläge. Implizit bestätigte dies auch der mutmaßliche Anführer der Gruppe, Mohammed Siddiq Khan, in einem Bekennervideo, das Al-Jazeera Anfang September 2005 ausstrahlte. Dort sagte er, bezeichnenderweise in Englisch, er sei von Osama Bin Laden, seinem Stellvertreter Aiman az-Zawahiri und dem Jordanier Abu Musab az-Zarqawi zu den Anschlägen „inspiriert worden“. Bemerkenswert war vor allem, dass nun auch pakistanischstämmige Militante ein wachsendes Interesse an den Vorgängen im Irak zeigten. Al-Qaida war bis 2001 eine fast ausschließlich arabische Organisation gewesen. Insbesondere in Großbritannien zeigte sich ein deutlicher Trend zu terroristischer Aktivität pakistanischstämmiger Zuwanderer. Schon im Frühjahr 2004 waren Planungen zu Anschlägen in London vereitelt worden.

Die „Irak-Rückkehrer“

Da alle hier genannten Anschläge islamistischer Terroristen in Europa einen starken Irak-Bezug aufwiesen, ist zu erwarten, dass die Fortsetzung der Kämpfe dort auch Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Europa haben wird. Im Irak selbst gibt es keine Anzeichen, die auf eine Schwächung des Widerstands hinweisen. Vielmehr haben sich seine Aktivitäten in den letzten Monaten verstetigt; die Parlamentswahlen vom Januar und die Bildung der Regierung Jaafari im Mai 2005 haben keinerlei positive Auswirkungen auf die Sicherheitslage gehabt. Ebensowenig ist es bisher gelungen, die Führungspersönlichkeiten des Zarqawi-Netzwerks und der Ansar as-Sunna auszuschalten.

Deshalb bleibt die Gefahr von Terroranschlägen in Europa auch in den kommenden Jahren hoch, zunächst vor allem in denjenigen Ländern, die Truppen im Irak stationiert haben. Italien ist das zurzeit wichtigste Zielland, Anschläge in Mailand oder Rom scheinen nur eine Frage der Zeit zu sein. Da die Verbindung zwischen den europäischen Gruppen und der Al-Qaida allerdings immer diffuser wird, werden sie gleichzeitig immer unberechenbarer. Anschläge in Staaten, die nicht im Irak engagiert waren, sind deshalb nicht auszuschließen. Überhaupt sollte die Rolle des Irak-Kriegs für die Motivation der Attentäter nicht überbewertet werden: Er war bisher immer nur ein Motiv unter mehreren, und es ist nicht gesichert, dass eine Lösung der Konflikte im Irak ein Ende der Anschläge in Europa nach sich ziehen würde. Zunächst aber hat sich die Bedrohung insgesamt verschärft, da europäische Muslime zum Kampf in den Irak ziehen und nach ihrer Rückkehr zum Sicherheitsproblem werden könnten.

Der Irak ist seit 2003 zu einem Anziehungspunkt für arabische Glaubenskämpfer aus der arabischen Welt und Europa geworden. Bis heute ist unbekannt, wie viele europäische Muslime in den Irak gereist sind, wobei häufig zitierte Zahlen von mehreren Hundert wahrscheinlich zu hoch gegriffen sind.5 Einen Hinweis geben auf militanten Webseiten kursierende Listen von im Irak getöteten Kämpfern. In einer im September 2005 aktualisierten Liste, die rund 200 „Märtyrer“ umfasst, fanden sich drei Franzosen und ein Libanese, der zeitweilig in Dänemark lebte, also eine denkbar niedrige Zahl.

Die Franzosen hatten einer Gruppe angehört, die sich in den nördlichen Vorstädten von Paris radikalisiert hatte, ohne dass ein Kontakt zu einer größeren Organisation nachzuweisen war.6 Hier lief also der Trend zum „führerlosen Widerstand“ unter europäischen Muslimen mit dem zum Kampf im Irak zusammen. Zwei der drei arbeitslosen und aus zerrütteten Familienverhältnissen stammenden Franzosen waren erst 18 und 19 Jahre alt. Sie waren mit Freunden nach Damaskus gefahren, um dort an einer Religionsschule zu studieren. Dann reisten sie in den Irak, schlossen sich Terrorgruppen an und kamen im Jahr 2004 um, zwei von ihnen als Selbstmordattentäter. Diese Liste ist nicht repräsentativ, weil die Nationalität vieler getöteter ausländischer Kämpfer nicht bekannt ist. Dennoch kann man schlussfolgern, dass die Zahl der europäischen Muslime sehr niedrig ist. Wie die Listen im Internet zeigen, stammt die Mehrzahl der ausländischen Kämpfer weiterhin aus den Nachbarstaaten des Iraks, vor allem aus Saudi-Arabien und Syrien.

In Europa kann auch eine geringe Zahl von Rückkehrern zu einer Gefahr werden, wenn man die Hinweise auf eine verstärkte Radikalisierung europäischer Muslime berücksichtigt. Denn schon ein kampferprobter Rückkehrer kann zum Nukleus einer neuen Terrorzelle werden, wenn es ihm gelingt, neue Rekruten zu gewinnen und sie in terroristischen Taktiken zu schulen. Je länger aber der Konflikt im Irak andauert, umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich Kämpfer nach Europa zurückziehen. Die im Irak operierenden terroristischen Gruppierungen verfügen nämlich über Unterstützernetzwerke in Europa: Schon im Jahr 2003 hoben italienische Sicherheitsbehörden eine Zelle in Mailand aus, die versuchte, Geld und Kämpfer für die Ansar al-Islam über Syrien in den Irak zu schmuggeln.7 Seit sich diese Organisation in Ansar as-Sunna umbenannt hat, haben sich ihr auch zahlreiche irakische Araber angeschlossen. Sie ist neben der Zarqawi-Gruppe, mit der sie eng zusammenarbeitet, die wichtigste Terrororganisation im Irak. Auf die Verhaftungen in Italien folgten weitere Fahndungserfolge in anderen europäischen Ländern. So wurden im Mai 2005 zwei Iraker in Schweden zu Haftstrafen verurteilt, weil sie für Ansar as-Sunna Spenden gesammelt und in den Irak transferiert hatten. In Deutschland wurde im Dezember 2003 ein irakischer Kurde unter dem Verdacht verhaftet, als Logistiker und Geldbeschaffer für die Organisation tätig gewesen zu sein. Es ist höchst wahrscheinlich, dass es in Europa zahlreiche dieser Logistikzellen gibt. Besorgnis erregend ist darüber hinaus, dass in vielen Fällen nicht nur Iraker und Kurden, sondern auch Nordafrikaner gefasst werden. Die Ansar as-Sunna könnte so wieder zur Keimzelle einer transnational operierenden Organisation werden, obwohl sie sich gegenwärtig vollständig auf den bewaffneten Kampf im Irak konzentriert.

Die am offensichtlichsten an einer Internationalisierung des irakischen Dschihads interessierte Gruppierung ist jedoch die von Zarqawi. Bereits im April 2002 wurden im Ruhrgebiet mehrere mutmaßliche Terroristen verhaftet, die sich um einen Gefolgsmann Zarqawis geschart und Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Berlin und Düsseldorf geplant hatten. Damals war Zarqawi noch ausschließlich antijordanisch und antiisraelisch ausgerichtet, so dass er seine Anhänger in Europa anwies, jüdische und israelische Ziele anzugreifen. Internationale Anschläge dieser Art sind mittlerweile zu seinem Markenzeichen geworden. So soll Zarqawi laut Presseberichten auch an der Finanzierung von Anschlägen in Istanbul im November 2003 beteiligt gewesen sein.8 Bei einem ersten Anschlag am 15. November explodierten Autobomben vor zwei Synagogen. Entsprechende Planungen wurden in den folgenden Jahren fortgeführt. Dies wurde bekannt, nachdem im August 2005 einer von Zarqawis Gefolgsleuten, der Syrer Luai Saqra, in der Türkei verhaftet worden war. Er hatte geplant, Anschläge auf israelische Kreuzfahrtschiffe an der türkischen Südküste zu verüben. Zarqawi wird weiterhin versuchen, terroristische Anschläge in Europa zu organisieren – bevorzugt gegen jüdische und israelische Einrichtungen – und er wird zu diesem Zweck Muslime in der Diaspora zu rekrutieren versuchen. Seine Erfolgsaussichten sind seit dem 11. September 2001 gestiegen.

1 Die Organisation nannte sich bei ihrer Gründung im September 2001 zunächst Jund al-Islam (Soldaten des Islams), bevor sie sich im Dezember desselben Jahres in Ansar al-Islam und im September 2003 in Ansar as-Sunna (Helfer der Sunna) umbenannte.

2 Seit Juni 2001 nannte sich Al-Qaida „Qaidat al-Jihad“, nachdem sich ihr die Dschihad-Gruppe um Zawahiri auch formell angeschlossen hatte. The 9/11 Commission Report. Final Report of the National Commission on Terrorist Attacks upon the United States, Washington 2004, S. 67, Anm. 82.

3 Vgl. hierzu den Beitrag von Yassin Musharbash in dieser Ausgabe, S. 22–27.

 
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