Eine Plattform für Iran und Syrien

Der Libanon wird erneut zum Epizentrum des Nahost-Konflikts

1. August 2006 - 0:00 | von Maximilian Felsch

Internationale Politik 8, August 2006, S. 73‑78

Kategorie: Konflikte und Strategien, Bilaterale Konflikte, Terrorismus, Sicherheitspolitik, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika, Libanon, Israel, Syrien, Iran, Westliche Welt

Im März 2005 zog sich die syrische Armee nach drei Jahrzehnten aus dem Libanon zurück – Folge der Zedernrevolution. Dennoch übt Syrien weiterhin Einfluss aus. Gemeinsam mit dem Iran nutzt Damaskus das Land nach wie vor als Plattform für den Kampf gegen Israel. Gegen die Eskalationsstrategie der Hisbollah war die Regierung machtlos.

Der Libanon war schon immer ein Barometer für Spannungen in der Nahost-Region. Als das Land während des Bürgerkriegs (1975–1991) zerfiel, machten es Syrien, die PLO, Israel und der Iran zum Austragungsort ihrer Konflikte. Auch nach der Beendigung der Kämpfe, für die die kriegsmüden Libanesen 1991 den Preis der syrischen Hegemonie zu zahlen hatten, blieb der Libanon eine Geisel im Nahost-Konflikt. Nun gerät das Land wieder unter Beschuss – wegen eines Konflikts, den der Drusenführer Walid Dschumblatt kürzlich als iranisch-syrischen Kampf gegen Israel bezeichnete. Ein Land, dessen Gesellschaft in 18 semiautonome Konfessionsgemeinschaften gespalten ist und in dem sich nie eine belastbare nationale Integrität entwickelt hat, ist naturgemäß anfällig für Interventionen von außen.

Es war daher mehr als bloße Symbolik, als im März letzten Jahres hunderttausende Libanesen unter Zedernfahnen, dem libanesischen Nationalsymbol, an antisyrischen Massendemonstrationen teilnahmen, nachdem der ehemalige Ministerpräsident Rafik Hariri einem politischen Attentat zum Opfer gefallen war. Geeint waren die christlichen und muslimischen Demonstranten in ihrer Forderung nach einem Ende des syrischen Einflusses und nach mehr Demokratie. Sie alle waren überzeugt, dass der Libanon nur als gefestigter Nationalstaat in der Krisenregion Nahost überleben könne. Die Zedernrevolution war allerdings kein Aufstand aller Libanesen, wie verschiedene Tageszeitungen eilig behaupteten. Die größte Gemeinschaft des Libanon, die schiitische, zeigte sich nämlich solidarisch mit Syrien, da das Assad-Regime aus ihrer Sicht den „Widerstand“ gegen Israel vom Libanon aus gewährleistete. Auch befürchteten die Schiiten, ein großer Umsturz könne sich als Nachteil für ihre Gemeinschaft erweisen. Verlöre nämlich die Hisbollah im Rahmen eines Nation-Building-Prozesses ihre Waffen und ihre ausländischen Protektoren, bedeutete das die Entmachtung jener Partei, die sich jahrzehntelang für den physischen und sozialen Schutz der Schiiten eingesetzt hatte. Aus diesem Grund folgten Hunderttausende dem Aufruf der Hisbollah und beteiligten sich an prosyrischen Gegendemonstrationen. Die Polarisierung zwischen pro- und antisyrischem Lager spaltet seither die libanesische Gesellschaft und blockiert den Reformprozess.

Dennoch konnten die Zedernrevolutionäre zunächst für sich beanspruchen, Historisches bewirkt zu haben: den Abzug der syrischen Armee nach 30 Jahren kontinuierlicher Präsenz und die ersten freien Parlamentswahlen ohne syrische Beeinflussung seit 1972. Die Opposition um Saad Hariri und Walid Dschumblatt konnte einen überwältigenden Wahlsieg feiern; sie holte die schiitischen Parteien mit ins Boot. Die Hisbollah stellt daher seit 2005 erstmals zwei Minister in einem libanesischen Kabinett. In diesem Jahr rief der Führer der schiitischen Amal-Partei und langjährige Parlamentspräsident Nabih Berri den „Nationalen Dialog“ ins Leben: Darin sollen 14 ausschließlich libanesische Persönlichkeiten verschiedener Parteien und Konfessionen die „heißen Eisen“ der libanesischen Politik diskutieren, etwa das Schicksal des immer noch amtierenden syrientreuen Präsidenten Emile Lahoud, die Entwaffnung der Hisbollah und die Klärung des Status der Schebaa-Farmen.1

Dieser eingeleitete Prozess zur Wiedergewinnung staatlicher Souveränität bedeutete jedoch den drohenden Machtverlust all jener Mächte, die zuvor im Libanon mehr oder weniger ungehindert ihren strategischen Interessen nachgehen konnten. Am meisten zu verlieren hatte Syrien. Seine Libanon-Politik war nämlich bislang eine beispiellose Erfolgsstory. Syrien konnte 1991 im Libanon nach 16 Jahren Krieg und Chaos wieder Stabilität und administrative Autorität errichten, einen Zerfall des Landes verhindern und damit zugleich seine eigene Stellung im Nahost-Konflikt verbessern. Syriens Gegenspieler Israel dagegen konnte auf der Erfolgsseite seiner Libanon-Politik lediglich die Vertreibung der PLO-Führung 1982 verbuchen.

Zum zweiten Verlierer der Zedernrevolution drohte der Iran zu werden. Dem iranischen Regime gelang es in den achtziger Jahren, nachdem Arafat aus dem Libanon ausgewiesen worden war, die islamistische Hisbollah als antiisraelische und antiwestliche „Widerstandsbewegung“ aufzubauen. Der Guerillakampf der Hisbollah gegen die Israelis im Südlibanon verursachte der israelischen Armee so hohe Kosten, dass sie sich im Jahr 2000 gezwungen sah, aus dem Libanon vollständig und bedingungslos abzuziehen. Dieser Rückzug war nicht nur der bisher größte Erfolg des schiitischen Widerstands, sondern auch des iranischen Revolutionsexports.

Der Zugang des Iran zur schiitischen Gemeinschaft des Libanon wäre aber ohne die Kooperation mit der syrischen Hegemonialmacht nicht möglich gewesen. Das syrisch-iranische Bündnis ist schon seit dem iranisch-irakischen Krieg (1980–1988) eine Konstante des Nahost-Konflikts. Die Kooperation richtet sich in erster Linie gegen Israel und proisraelische Kräfte im Libanon. Der Iran lieferte radikalen Kräften wie der Hisbollah Waffen und Geld und bildete ihre Milizen aus, während Syrien als logistische Drehscheibe fungierte. Syrien erlaubte dem Iran auch die Stationierung seiner Pasdaran, der Revolutionsgarden. Nachdem die syrisch-israelischen Friedensverhandlungen von Madrid 1991 gescheitert waren, versuchte Syrien durch vermehrte Hinwendung zum Iran und durch die Unterstützung der Hisbollah eine stärkere Verhandlungsposition gegenüber Israel zu gewinnen. Syrien profitiert von der Allianz mit dem Iran schließlich auch dadurch, dass diese ihm die Gunst der schiitischen Gemeinschaft des Libanon verschaffte. Daher verwarf Syrien auch nach dem israelischen Abzug aus dem Libanon die Aussicht auf eine Entwaffnung der Hisbollah. Syrien setzte im Gegenteil sogar durch, dass die libanesische Armee nicht in der bis  zum Jahr 2000 israelisch kontrollierten Sicherheitszone im Süden Libanons stationiert wurde, um Israel jegliche Sicherheitsgarantien für seine Nordgrenze zu verwehren.

Iran und Syrien im Libanon: eine islamistisch-baathistische Allianz

Die syrisch-iranischen Aktionen im Libanon sind allerdings nicht nur geostrategischer Natur. Ein Zwang zur Aufrechterhaltung der Konfliktsituation ergibt sich auch aus den jeweiligen außenpolitisch orientierten Legitimationsstrategien der Herrschaftseliten beider Länder. Beide bedienen sich nämlich antizionistischer Losungen und berufen sich auf transnationale (nämlich panarabische bzw. islamische) Identitäten. In Syrien regiert seit Jahrzehnten eine alawitische Kaste, die ständig latent Gefahr läuft, von der sunnitischen Mehrheit, vom islamischen Fundamentalismus oder auch von der kurdischen Minderheit herausgefordert zu werden.2 In Anbetracht dieser strukturellen Spannungen legitimiert sich das Regime ideologisch mit dem baathistischen Panarabismus.

Diese Staatsideologie entstand als antiwestliche und populär-säkulare Bewegung in den vierziger Jahren und richtete sich gegen die Teilung der „arabischen Nation“ in verschiedene Nationalstaaten und – später – gegen die Existenz Israels. Seit seiner Machtergreifung 1971 versuchte Hafez Al-Assad, Syrien als Speerspitze des Arabismus und sich selbst als einen Führer der „arabischen Nation” zu profilieren. Syrien versuchte sich als Anwalt des arabischen Interesses zu etablieren und behauptete deshalb, direkt vom israelisch-palästinensischen Konflikt betroffen zu sein. Die syrische Besatzung des Libanon wurde als „Schutz des kleinen Bruders“ propagiert. Hafez Al-Assad erklärte, warum Syriens Präsenz im Libanon keine Besatzung sei: „Geschichtlich sind Syrien und der Libanon immer ein Land und ein Volk gewesen.“3

Auch die islamistische Legitimationsideologie des Regimes im Iran ist nach außen gerichtet und antizionistisch. Als Aktionsraum wird die gesamte islamische Welt gesehen, in der der Iran versucht, sich als „Kernstaat“ zu etablieren. Teheran beansprucht auch, nicht im nationalen Interesse, sondern im Namen der gesamten islamischen Welt zu agieren; es unterstützt islamistische Bewegungen, wo immer sie zu finden sind (außer in Syrien), und versäumt es auch nicht, soziale Dienste für Bedürftige bereitzustellen. Vom Libanon aus versucht der Iran, den israelisch-arabischen Konflikt zu „islamisieren“. Auch sein Streben nach Atomtechnik und seine radikale Rhetorik sind Mittel im Kampf um die islamische Führerschaft. Da weitere islamische Revolutionen jedoch ausblieben und die USA nach dem Golf-Krieg 1991 ihre Truppen dauerhaft in der Golf-Region stationierten und den Golf-Staaten Sicherheitsgarantien gaben, blieb der Iran politisch weitgehend isoliert. Daher ist die Allianz mit Syrien für Teheran so wichtig.

Der Libanon wurde auf diese Weise zum bedeutendsten Aktionsfeld des Revolutionsexports und die Hisbollah zu seinem Schwert. Das Engagement des Iran geht aber über Waffenlieferungen und militärische Ausbildung hinaus: Mit iranischem Geld wurden im Libanon Schulen, Krankenhäuser und wohltätige Einrichtungen aufgebaut, eine Stiftung kümmert sich um die Hinterbliebenen von Selbstmordattentätern. Damit erkauft sich der Iran die Akzeptanz der sich im Libanon benachteiligt fühlenden schiitischen Gemeinschaft. Um seinen Einfluss auszubauen, finanziert er auch die von der Hisbollah durchgeführte Ausbildung der palästinensischen Milizen von Hamas und Islamischem Dschihad und sehr wahrscheinlich auch den Waffenschmuggel in die palästinensischen Gebiete.

Mit dieser Politik gerieten Syrien wie der Iran nach dem 11. September 2001 noch stärker in Konflikt mit den USA. Erneut schweißte ein gemeinsamer Gegner die beiden im Grunde sehr unterschiedlichen Staaten zusammen. Syrien erklärte sich zwar bereit, die USA im Kampf gegen Al-Qaida zu unterstützen, baute aber zugleich seine Beziehungen zu den Staaten der „Achse des Bösen“ aus und ließ zu, dass während des letzten Irak-Kriegs Waffen und freiwillige Kämpfer über die syrische Grenze in den Irak einsickerten. Auch werden in Syrien sehr wahrscheinlich weiterhin terroristische Aktionen von palästinensischen Gruppierungen gegen Israel geplant. Im Oktober 2003 verabschiedeten das amerikanische Repräsentantenhaus und der Senat daher den „Syria Accountability and Lebanese Restoration Act“, der Syrien unter anderem dazu auffordert, die Unterstützung terroristischer Gruppen einzustellen und seine Truppen aus dem Libanon abzuziehen. Zu den terroristischen Organisationen zählt Washington dabei, im Gegensatz zur EU, auch die Hisbollah. Um die USA davon zu überzeugen, dass die syrische Kontrolle über den Libanon auch im amerikanischen Interesse sein könne, ließ Syrien die schiitischen Parteien Hisbollah und Amal bei den libanesischen Regionalwahlen 2004 erstmals gegeneinander antreten. Wie von Syrien kalkuliert, konnte sich die Hisbollah bei diesen Wahlen klar durchsetzen. Den USA sollte dies verdeutlichen, dass die Alternative zur regionalen Ordnungsmacht Syrien ein von der terroristischen Hisbollah gelenkter Libanon sein könnte. Dieser taktische Schachzug hat Syrien bisher zwar wenig geholfen. Doch nun könnte die erneute Gewalteskalation Syrien aufgrund seines Einflusses auf die Hisbollah sogar letztlich wieder die Rolle eines regionalen Stabilisators zuweisen.

Strategien nach dem Abzug

Anders als der Iran, der die offene Konfrontation mit Israel und der internationalen Staatengemeinschaft sucht, hat Syrien bislang auf lautes Säbelrasseln verzichtet. Damaskus scheint auf die prosyrischen Kräfte im Libanon zu vertrauen, zu denen der Präsident Emile Lahoud, Parlamentspräsident Nabih Berri, die schiitischen Parteien Amal und Hisbollah sowie die Geheimdienste gehören. Der Reformprozess im Libanon ist derweil ohnehin ins Stocken geraten, und von der Euphorie des letzten Jahres war schon vor Beginn der israelischen Angriffe auf die zivile Infrastruktur des Landes wenig übrig geblieben. Das heißt jedoch nicht, dass sich Syrien nach seinem Abzug passiv verhalten hätte. Um zu verhindern, dass sich der Libanon zu einem stabilen, souveränen Nationalstaat entwickelt, nutzte Syrien bisher jede Möglichkeit zu verdeckten Aktionen. Mehrere bekannte antisyrische Journalisten und Politiker sind im letzten Jahr Anschlägen zum Opfer gefallen. Auch berichten libanesische Medien und syrienkritische Politiker wie Walid Dschumblatt, dass regelmäßig Waffen und palästinensische Milizen über die syrisch-libanesische Grenze ins Land geschleust würden. Und als sich der Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen weltweit ausbreitete, nutzte Syrien die Gunst der Stunde, um Anschläge auf Kirchen und ausländische Botschaften im Libanon zu dirigieren.

Es lässt sich schwer einschätzen, inwieweit Syrien auch in die Entführung der beiden israelischen Soldaten durch die Hisbollah am 12. Juli involviert war, auf die Israel dann so massiv reagierte. Die Hisbollah hat sich längst zu einer eigenständig operierenden Partei im Libanon entwickelt, der solche folgenschweren Alleingänge durchaus zuzutrauen sind. Die Entführungen könnten als Solidaritätsbeweis der Hisbollah an die Hamas gedeutet werden, die ihrerseits am 25. Juni mit der Entführung eines israelischen Soldaten Israels Wiedereinmarsch in den Gaza-Streifen provoziert hatte.

Syrien musste spätestens nach seinem militärischen Abzug aus dem Libanon im Jahr 2005 mit dem Verlust seines libanesischen Aktionsfelds rechnen. Deshalb setzte es verstärkt auf die palästinensische Karte. Extremistische palästinensische Gruppierungen verschiedener ideologischer Prägung – vor allem die Hamas, deren radikaler Exilführer Khaled Meschal in Damaskus lebt – erhalten schon länger syrische Unterstützung. Damit bestraft Syrien die PLO für die Unterzeichnung der Oslo-Verträge und zwingt Israel, Syrien wieder als unumgängliche Hürde im Friedensprozess zu betrachten. Aus Sicht des Libanon birgt die palästinensische Konfliktlinie zusätzliches Eskalationspotenzial, denn im Land leben 400 0000 palästinensische Flüchtlinge, die wegen ihrer erbärmlichen Lebensumstände frustriert, bewaffnet und zum Teil gewaltbereit sind.

Der Iran versucht derweil im gegenwärtigen Atomstreit zu beweisen, dass er nicht isoliert dasteht, sondern innerhalb einer Allianz auf Augenhöhe mit dem Westen agiert. Die neuesten Warnungen aus Teheran, israelische Angriffe auf Syrien hätten weitreichende Konsequenzen, sollten die Bündnis-treue zu Syrien unterstreichen. Auch der zweitägige Besuch Machmud Achmadinedschads in Damaskus im Januar 2006 diente diesem Zweck. Der iranische Präsident traf dabei nicht nur seinen Gastgeber Bashar Al-Assad, sondern auch den Generalsekretär der Hisbollah, Hasan Nasrallah, den libanesischen Parlamentspräsidenten Nabih Berri sowie die Führer von Hamas, Islamischem Dschihad und PFLP.

Assad seinerseits wollte der Welt mit diesem Treffen zeigen, dass Syrien beste Kontakte zu und somit auch Einfluss auf all die radikalen Kräfte besitzt, mit denen der Westen die größten Sicherheitsprobleme hat. Dahinter steht das Kalkül, dass Syrien als Gemäßigter unter den Radikalen zum unerlässlichen Verhandlungspartner in den Konflikten des Nahen Ostens avancieren sollte. Noch während das Gipfeltreffen stattfand, sprengte sich in Tel Aviv ein Selbstmordattentäter des islamischen Dschihad in die Luft und verletzte 30 Menschen. Schon damals war unverkennbar, dass mit der Zunahme der Spannungen im Nahen Osten auch das Risiko Libanons zunehmen würde, wieder zum Epizentrum des Nahost-Konflikts zu werden.

Die israelischen Angriffe werfen das Land nun wirtschaftlich wieder um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. Die zahlreichen Flüchtlinge stellen zudem ein soziales Problem dar. Das schlimmste anzunehmende Szenario wäre allerdings eine weitere Vertiefung der konfessionellen Gräben, was einen erneuten Bürgerkrieg auslösen könnte. Allen Appellen libanesischer Politiker zum Trotz fühlen sich Christen, Sunniten und Drusen  in einen Konflikt hineingezogen, der nicht der ihrige ist. Mit jedem Tag werden die Stimmen im Libanon lauter, die die Hisbollah – und die sie tragende schiitische Gemeinschaft – für die israelischen Raketenangriffe verantwortlich machen. Die libanesische Staatsmacht zeigt sich außerstande, ihren Bürgern Schutz zu bieten. Sie besitzt weder die Mittel, die Hisbollah zu entwaffnen, noch kann sie auf die israelischen Angriffe militärisch reagieren. Ihr bleibt nur der Hilferuf an die UN und die internationale Staatengemeinschaft.

Es ist erst ein gutes Jahr seit der Zedernrevolution vergangen, als die Mehrheit der Libanesen glaubte, die syrischen Besatzer vertreiben zu können und eine goldene Zukunft vor sich zu haben. Heute ist von dieser Revolution nicht mehr als eine blasse Erinnerung an eine längst vergangene Zeit übrig, und die Hoffnungen der Libanesen auf eine Zukunft in Frieden und Wohlstand sind zerstoben. Die historische Chance, aus dem Libanon einen modernen, souveränen Nationalstaat zu formen, wurde vertan. Obwohl der neuen politischen Elite durchaus bewusst war, dass der bewaffnete Arm der Hisbollah eine tickende Zeitbombe darstellt, misslang die Auflösung ihrer Miliz bzw. ihre Integration in die nationalen Streitkräfte. Nasrallah dagegen wusste sehr wohl, dass seine aggressive Strategie gegen Israel die neue und von ihm nicht sehr geschätzte Regierung destabilisieren würde.

Jetzt scheint es tatsächlich möglich, dass Assad mit seiner Aussage Recht behält, nur Syrien könne die Stabilität in seinem kleinen Nachbarstaat garantieren. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird Syrien spätestens nach dem Ende der israelischen Angriffe versuchen, im Libanon wieder Fuß zu fassen. Für den Libanon ist aber weiterhin ein eigenständiger libanesischer Weg die einzige Möglichkeit, nicht zum Bittsteller einer äußeren Macht zu werden. Es bleibt abzuwarten, ob die Slogans aus der Zedernrevolution eine zweite Chance bekommen werden. Auf den Bannern war damals zu lesen: „Freiheit, Souveränität, nationale Einheit“.

MAXIMILIAN FELSCH, geb. 1979, ist angehender Politikwissenschaftler an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

  • 1. Die Schebaa-Farmen sind ein 28 km2 großes Gebiet, das an Syrien, Israel und den Libanon grenzt. Die UN und Israel zählen es zu den Golanhöhen, aber Syrien und Libanon sehen es als libanesisches Gebiet an und argumentieren, dass Israel somit nicht vollständig aus dem Libanon abgezogen sei. Die Hisbollah gebraucht Schebaa als Vorwand zur Fortführung ihres bewaffneten Kampfes.
  • 2. Erst im letzten Jahr kam es nach einem Fußballspiel landesweit zu Ausschreitungen zwischen Kurden und der Staatsmacht, die zwei Wochen anhielten.
  • 3. Zitiert nach Adeed Dawisha: The Motives of Syria’s Involvement in Lebanon, The Middle East Journal, Vol. 38, Nr. 2/1984, S. 229.
 
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