Fukuyama am Scheideweg

Der Autor von „Das Ende der Geschichte“ will nach dem Irak-Krieg kein Neokonservativer mehr sein

1. August 2006 - 0:00 | von Michael Kimmage

Internationale Politik 8, August 2006, S. 128-132

Kategorie: Politische Kultur, Konflikte und Strategien, Internationale Politik/Beziehungen, Vereinigte Staaten von Amerika, Nordamerika

Francis Fukuyama hat sich im Streit über die US-Außenpolitik von den Neokonservativen verabschiedet. Rückblickend erzählt er, nicht ohne Sympathie, die Geschichte der neokonservativen Denkschule und macht Vorschläge, wie deren freiheitsbewusstes Erbe für eine neue, multilateral orientierte Außenpolitik nutzbar gemacht werden kann.

Francis Fukuyamas neues Buch „Scheitert Amerika? Supermacht am Scheideweg“ hat eigentlich zwei Themen: das Ende des Kalten Krieges und den Beginn des Irak-Krieges. Der Krieg gegen den Irak hat seinen offensicht-lichen Grund in den Anschlägen vom 11. September, die eine Revision der bisherigen amerikanischen Außenpolitik zur Folge hatten. Präemptive Militärschläge wurden für rechtmäßig erklärt und bestimmte informelle Traditionen der Zurückhaltung und der Zusammenarbeit aufgegeben. Nach dem 11. September war tatsächlich nichts mehr wie zuvor. Fukuyama hält dieses geflügelte Wort allerdings für irreführend. Denn die geistigen Wurzeln dieser neuen amerikanischen Außenpolitik reichen ihm zufolge bis in die neunziger Jahre, ja bis in die Zeit des Kalten Krieges zurück. Die Fehler der amerikanischen Außenpolitik seit dem 11. September hätten ebenfalls ihre Wurzeln im Kalten Krieg beziehungsweise in den falschen Lehren, die aus ihm gezogen wurden.

„Scheitert Amerika?“ beschäftigt sich mit den außenpolitischen Fehlern der USA, vor allem mit dem Irak-Krieg. Im letzten Kapitel „Eine andere US-Außenpolitik“ bringt Fukuyama die begründete Hoffnung auf eine bessere Außenpolitik zum Ausdruck. Außer Ratschlägen und Zukunftsszenarien findet sich hier ein Plädoyer für ein besseres historisches Verständnis des Kalten Krieges. Ohne Geschichtsverständnis gäbe es auch keine politische Vernunft.

Francis Fukuyama, Professor für Politische Ökonomie an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University, hat immer schon gedankliche Synthesen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft angestellt. In „Das Ende der Geschichte“ (1992) dachte er über die philosophische Bedeutung des Zusammenbruchs des Kommunismus nach. War die Geschichte, eine Abfolge ideologischer Konflikte, mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes an ihrem Ziel angekommen? War der Triumph der liberalen Demokratie, für die die Amerikaner und andere gekämpft hatten, ein Zeichen für den Tod des Letzten Menschen, der alsbald durch postmoderne Automaten ersetzt werden würde, die in seelenloser Harmonie mit dem liberaldemokratischen Status quo existieren würden? Das waren keine rein philosophischen Fragen. Fukuyama bewegt sich zwischen Universitäten, Think-Tanks und der US-Regierung. Eine der wichtigsten Fragen in „Das Ende der Geschichte“ dreht sich darum, wie die amerikanische Regierung sich auf eine Welt nach dem Kalten Krieg einstellen soll. Der Wunsch, die Zukunft vorauszusagen, ist den meisten politischen Denkern eigen. Was Fukuyama 1992 auszeichnete, war allein das Ausmaß seines diesbezüglichen intellektuellen Ehrgeizes.

Mit „Das Ende der Geschichte“ begann Fukuyamas Laufbahn jedoch erst. In den späten neunziger Jahren war er Mitglied des Project for a New American Century, einem Versuch vorwiegend konservativer Intellektueller, den „posthistorischen“ Kurs Amerikas festzulegen. In den Titeln seiner folgenden Bücher spiegeln sich sozialwissenschaftliche Zukunftsszenarien: „Der große Aufbruch. Wie unsere Gesellschaft eine neue Ordnung erfindet“ (1999), „Das Ende des Menschen“ (2002) und „Staaten bauen. Die neue Herausforderung internationaler Politik“ (2004). Auch seine Essays im Vorfeld von „Scheitert Amerika?“ behandeln die Spannungen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Im Sommer 2004 veröffentlichte Fukuyama im National Interest einen Essay mit dem Titel „The Neoconservative Moment“, in dem er andeutete, dass dieser bereits vorbei sei. Im Februar 2006 stellte er diesen Punkt in einem Essay für das New York Times Magazine, „After Neoconservatism“, noch deutlicher heraus. Die Frage war nun nicht mehr, ob die Zeit des Neokonservatismus vorbei sei, sondern warum und was an seine Stelle treten könnte.

„Scheitert Amerika?“ erzählt zunächst die Geschichte der neokonservativen Bewegung. „Tatsache ist, dass die wesentlichen Prinzipien der Neokonservativen ... tief in einer Vielzahl amerikanischer Traditionen verankert sind. Sie entstammen einem kohärenten Ensemble von Ideen, Argumenten und Schlussfolgerungen“ und haben liberale wie konservative Wurzeln. Der Neokonservatismus entstand in den vierziger Jahren aus Gegnerschaft zum Kommunismus. Er wollte die amerikanische Demokratie auffrischen und demokratische Werte auch nach außen verbreiten, insbesondere dorthin, wo der Kommunismus herrschte. Dieser demokratische Idealismus wurde ausbalanciert durch die „Opposition gegen eine utopische Sozialtechnologie, die das dauerhafteste Element in der Geschichte dieser Bewegung ist“, eine generelle Skepsis gegenüber Utopien sowie den konservativen Respekt gegenüber Grenzen und Traditionen. Neokonservative Denker befassten sich ausgiebig mit der kommunistischen Bedrohung. Der Fall der Berliner Mauer „gab den vermeintlichen Träumern recht und bestätigte ihr Selbstvertrauen beträchtlich“. Fukuyama spielt den antikommunistischen Eifer der Neokonservativen während des Kalten Krieges etwas herunter. Das muss er auch tun, weil er das Bild eines gemäßigten Neokonservatismus gegen die heutigen Eiferer absetzen möchte.

Die Welt stellt sich für Fukuyama nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als eine moderne griechische Tragödie dar. Hybris sei der Sündenfall der Helden des Kalten Krieges, der Sieg mache sie blind für die Realitäten. Hinzu komme bei den Neokonservativen ihr Selbstbild als „verachtete Minderheit“, die die Besserwissereien ihrer Kritiker aushalten und sich von den Europäern „als moralistische Träumer ..., als draufgängerische Cowboys oder Schlimmeres“ bezeichnen lassen mussten. In den neunziger Jahren, während der Amtszeit Clintons, habe eine intellektuelle Verflachung des Neokonservatismus eingesetzt: Anstatt sich den immer größer werdenden Problemen der Weltwirtschaft und der Entwicklungspolitik zu stellen, hätten sich Neokonservative wie William Kristol und Robert Kagan in einer „exorbitante(n) Betonung der Rolle der Macht“ ergangen. Indem sie die Ideen von gestern auf die Probleme von morgen anwandten, hätten sie die Gefahren einer globalisierten Welt übersehen. So hätten sie das immer stärker werdende Grollen des Antiamerikanismus unter der Oberfläche der behaglichen neunziger Jahre nicht mitbekommen.

Die Verliebtheit in die heilsame Wirkung amerikanischer Macht sei kein gutes Analyseinstrument für die Anschläge vom 11. September gewesen. Sie habe Neokonservative wie Charles Krauthammer dazu verführt, den Terrorismus bzw. Dschihadismus (wie Fukuyama ihn nennt) als unmittelbare und existenzielle Gefahr zu bezeichnen, die sofortige und radikale Gegenmaßnahmen erfordere. An dieser Stelle beruft sich Fukuyama auf die Islamwissenschaftler Olivier Roy und Gilles Kepel, um zu belegen, dass der Terrorismus hauptsächlich ein Problem „in Mitteleuropa und im Nahen Osten“ sei und es nur zu vereinzelten Anschlägen käme. Der Dschihadismus sei vor allem eine Bedrohung innerhalb reicher, globalisierter Länder, vor allem in Europa. In der Panik nach dem 11. September hätten die Neokonservativen aber ganz woanders nach den Ursachen des Dschihadismus gesucht und sie im Irak vermeintlich gefunden. Damit hätten sie „das fast zwanghafte Beharren der Bush-Regierung auf einem Regimewechsel im Irak“ unterstützt.

Was den Beitrag der neokonservativen Denker zum Irak-Krieg betrifft, bleibt Fukuyama sehr vage. Einerseits bestreitet er eine direkte Verbindung zwischen der Bush-Regierung und den Neokonservativen, indem er darauf hinweist, dass Ronald Reagan ein viel neokonservativerer Präsident war als Bush. Schlüsselfiguren in der Bush-Regierung, wie etwa Dick Cheney und Donald Rumsfeld, könnten nicht ernsthaft als Neokonservative bezeichnet werden. Andererseits stellt Fukuyama es an manchen Stellen aber doch so dar, als ob die Neokonservativen die amerikanische Außenpolitik nach dem 11. September bestimmen würden. Für Fukuyama haben Bush und die Neokonservativen gemeinsam ein „tendenziös(es)“ („biased“) Meinungsklima geschaffen, das eine Reihe von Fehlern zur Folge gehabt habe: die Fehlwarnung vor den Massenvernichtungswaffen, die Brüskierung der wichtigsten Verbündeten von Deutschland bis zur Türkei sowie die chronische Unterschätzung der Schwierigkeiten, die ein Krieg gegen den Irak und der anschließende Wiederaufbau mit sich bringen würden. Der schleppende Wiederaufbau habe zudem gezeigt, dass die US-Regierung mit den bestehenden Soft-Power-Institutionen nicht umzugehen weiß. Wäre das Problem des Demokratieaufbaus mit der gebührenden intellektuellen Ernsthaftigkeit angegangen worden, hätten die Neokonservativen bei ihrer Zustimmung zum Irak-Krieg entweder etwas zögerlicher sein oder aber sie hätten größeres Augenmerk auf die Aufgabe des Wiederaufbaus legen müssen. Genügend Beispiele, wie schwierig so etwas ist, gebe es ja.

Im letzten Teil seines kurzen Buches macht sich Fukuyama Gedanken über eine alternative Strategie, die den Neokonservatismus ersetzen könnte. Das Buch beginnt mit einer persönlichen Frage. Bin ich, Fukuyama, noch immer ein Neokonservativer? Er fragt sich, „ob ich mich vom Neokonservatismus entfernt habe oder ob die neokonservativen Befürworter des Krieges aus den gemeinsamen Prinzipien, die wir immer noch teilen, die falschen Schlüsse gezogen haben“. Er beantwortet seine Frage, indem er den heutigen real existierenden Neokonservatismus mit der Zustimmung zum Irak-Krieg gleichsetzt, aber dennoch versucht, ein verloren gegangenes neokonservatives Ideal wiederzubeleben. Die alte Gegnerschaft zur Sozialtechnik findet sich in seinem „realistischen Wilsonianismus“ wieder. Mit diesem etwas schwerfälligen Begriff möchte er sich von Kristol, Kagan, Krauthammer und anderen unterscheiden, die der Meinung sind, dass die USA als gütiger Hegemon unipolar herrschen sollen.

Fukuyamas Aufruf zum „realistischen Wilsonianismus“ ist weit weniger präzis als seine Kritik an der Hybris der Neokonservativen. Bisweilen verfällt Fukuyama in abstrakten Politikberaterjargon, etwa wenn er vom „Multi-Multilateralismus“ schwärmt, was sich wie eine konservative Parodie auf die Demokratische Partei oder die Europäische Union liest. Auch wird nicht völlig klar, was Fukuyama sich unter einem Internationalismus jenseits der Vereinten Nationen vorstellt, der aus „eine(r) Vielfalt von Institutionen und institutionellen Formen“ bestehen soll, die „über ein breites Spektrum von Sicherheits-, wirtschaftlichen, Umwelt- und anderen Problemen ... wachen“. Die Umrisse der dschihadistischen Bedrohung – die noch für eine lange Zeit eine Priorität der amerikanischen Innen- und Außenpolitik bleiben wird – verschwimmen in solch unscharfer Rhetorik. Der schwächste Aspekt des Buches ist denn auch seine gedanklich enttäuschende und äußerst knappe Beschäftigung mit dem Dschihadismus.

Gleichwohl beinhaltet „Scheitert Amerika?“ eine schlüssige Darstellung der Geschichte des Neokonservatismus und des Kurswechsels in der amerikanischen Außenpolitik. Fukuyamas „realistischer Wilsonianismus“ versucht, einen Realismus, der sich der Grenzen amerikanischer Macht bewusst ist, mit einem Idealismus à la Woodrow Wilson zu verbinden, der sich auf das Demokratisierungspotenzial amerikanischer Macht beruft. Fukuyama verortet den realistischen Wilsonianismus innerhalb des Problemgeflechts der heutigen Globalisierung und nicht in den vermeintlichen Lehren aus dem Kalten Krieg. Fukuyama schreibt, „dass eine asymmetrische, unipolare Welt, wie sie nach dem Kalten Krieg entstanden ist, starke neue antiamerikanische Strömungen geschürt hat.“ Die amerikanische Militärmacht sei heute konkurrenzlos, aber mit militärischer Macht allein ließe sich keine globale Demokratie schaffen; ein solcher Versuch würde den Antiamerikanismus wohl kaum reduzieren. Amerikanische Macht sei zwar effizient, aber ohne Einbindung in das Netz internationaler Institutionen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, sei sie auch in hohem Maße illegitim – zumindest für Nicht-US-Bürger. Die USA hätten über die Macht verfügt, das Regime Saddam Husseins zu stürzen, aber weder über die Mittel noch über den Willen, diese Invasion in den Augen der Weltöffentlichkeit als legitim erscheinen zu lassen. Fukuyama ist bereit, um größerer Legitimität willen Abstriche an der Effizienz zu machen.

Die NATO hält Fukuyama für ein Vorbild des realistischen Wilsonianismus, da deren Politik effizient sei und gleichzeitig legitimiert. In Bushs zweiter Amtszeit will er sogar bereits Anzeichen eines realistischen Wilsonianismus erkennen: Immer weniger werde die nationale Sicherheit als Kriegsgrund angegeben, mehr und mehr werde die Verbreitung von Demokratie als eigentlicher Zweck genannt. „Und es gibt wohl kaum einen Zweifel daran, dass Bush an das glaubt, was er über die Bedeutung eines Programms der Demokratieverbreitung sagt, zumindest im Prinzip.“ Doch wenig in Fukuyamas Buch weist darauf hin, dass die Bush-Regierung mit ihrer Aversion gegen multilaterale Institutionen ein Vehikel des realistischen Wilsonianismus sein kann, wie Fukuyama ihn versteht. Tatsächlich stehe ganz Amerika am Scheideweg, nicht nur die Bush-Regierung. Jetzt müssten die USA dem weltweit wachsenden Eindruck entgegenwirken, sie seien „isoliert, mit sich selbst beschäftigt und ... an den Problemen anderer Länder nur dann interessiert ..., wenn amerikanische Bürger in irgendeiner Weise davon betroffen sind.“

Die neokonservative Bewegung begann als liberaler Antikommunismus in der Demokratischen Partei von Harry Truman und John F. Kennedy. Anfang der siebziger Jahre waren Cheftheoretiker wie Irving Kristol und Norman Podhoretz zu den Republikanern übergeschwenkt. In der Geschichte der Neokonservativen gab es immer wieder dramatische politische Verschiebungen, Spaltungen und Brüche – „Breaking Ranks“, wie die Memoiren von Norman Podhoretz lauten. Mit „Scheitert Amerika?“ ist nun auch Francis Fukuyama öffentlichkeitswirksam aus den Reihen der Neokonservativen ausgebrochen. (Das heißt nun nicht, dass er alle Brücken zur Republikanischen Partei abgerissen hat; Fukuyama sitzt im Beirat des Legal Defense Trust von Scooter Libby – und Libby ist Dick Cheneys ehemaliger Stabschef.) Im Herbst 2006 und dann wieder 2008 werden die amerikanischen Wähler erneut am Scheideweg stehen, um über das richtige Verhältnis von Macht und Demokratie abzustimmen. Nicht auszuschließen, dass Fukuyamas realistischer Wilsonianismus, der sich auf das bewahrenswerte neokonservative Erbe beruft, zum Leitgedanken der Demokratischen Partei – und damit eines Tages zum Leitgedanken des Weißen Hauses wird.

Francis Fukuyama: Scheitert Amerika? Supermacht am Scheideweg. Propyläen, Berlin 2006. 220 Seiten, € 20,00.

Dr. Michael Kimmage, geb. 1972, ist Assistant Professor für amerikanische Geschichte an der Catholic University in Washington.

 
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