Abendland im Morgengrauen

Buchkritik

1. February 2006 - 0:00 | von Undine Ruge

Internationale Politik 2, Februar 2006, S. 133 - 134

Kategorie: Europäische Union, Institutionen der EU, Politische Kultur, Europa, Deutschland

Wie es dazu kam, was die Deutschen heute über Europa denken

Die gegenwärtige Krise Europas macht einmal mehr den Bedarf nach europäischer Selbstverständigung über Ziele und Grenzen der Europäischen Union deutlich. Sie offenbart zugleich eine fundamentale Kluft zwischen politischen Eliten und europäischer Bevölkerung. Hier ist auch die Europa-Forschung gefragt. Ausgangspunkt der jüngst erschienenen, breit angelegten Untersuchung von Vanessa Conze ist die Feststellung, dass für die Deutschen Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Westen liege. Unschwer lässt sich hieran erkennen, dass ihre Dissertation im Kontext der Tübinger historischen Westernisierungsforschung entstanden ist.

„Das Europa der Deutschen“, so auch der Titel ihrer Studie, existiere als gesamtgesellschaftlich dominierendes, demokratisch-freiheitliches Europa- Verständnis erst seit den siebziger Jahren. Anders als die ihrer Meinung nach einseitige gängige Eu ropa-Forschung untersucht Conze nun nicht ausschließlich die Wurzeln jenes liberalen, „westlichen“ Europa-Verständnisses am Beispiel der „Europa- Union“, sondern sie analysiert parallel anhand der „Abendländischen Bewegung“ die traditionellen bzw. konservativen „deutschen“ Europa-Ideen – Abendland, Reich, Mitteleuropa –, die zum Teil bis in die sechziger Jahre als antiwestliche Konkurrenzentwürfe zu „Westeuropa“ in der deutschen Öffentlichkeit präsent waren. Ihren Untersuchungszeitraum spannt sie dabei beeindruckend weit, von 1920 bis 1970, um die Kontinuitäten und Brüche der jeweiligen Europa-Ideen über die Schwelle von 1933 bzw. 1945 hinweg herausarbeiten zu können. Die Autorin nimmt dabei nicht nur die Europa-Ideen und deren Vorläufer in der Zwischenkriegszeit in den Blick. Sie kann auch die organisatorischen Kontinuitäten beider Europa-Gruppen von der Weimarer Republik bis in die fünfziger Jahre nachweisen. Neben Ideen und Organisationen werden biographische Prägungen und Erfahrungen einiger Protagonisten dargestellt, wobei allerdings allzu häufig auf Selbstzeugnisse zurückgegriffen wird. Vielleicht ist es dieser Quellengattung geschuldet, dass Conze einigen Mitgliedern der „Abendländischen Bewegung“ zwar bescheinigt, sich in den dreißiger und vierziger Jahren als „Brückenbauer“ zum Nationalsozialismus betätigt zu haben, diese aber nicht dem Nationalsozialismus zurechnen möchte, selbst wenn sie – wie Emil Franzel – die „Entjudung“ des Volksbildungsinstituts „Urania“ in Prag organisiert oder – wie Georg Stadtmüller – als Volkshistoriker und Ostforscher an der Legitimierung territorialer Ansprüche des NS-Regimes mitgewirkt haben.

Conze ergänzt die Europa-Forschung um eine quellengesättigte Übersicht über zwei in den fünfziger Jahren wirkungsmächtige Europa-Organisationen, ihre Ideen und Träger. Dabei zeigt sich, dass die in katholischer Tradition stehende, ständische und antiliberale Elemente im Europa- Bild des „Abendlands“ verbindende „Abendländische Bewegung“ elitäre Organisationsformen wählte, während die „Europa-Union“, die auf die Schaffung einer freiheitlichen, demokratisch organisierten europäischen Gesellschaft zielte, im ganzen Bundesgebiet zahlreiche Mitglieder hatte und dezidiert in der Öffentlichkeit wirken wollte. Geschichte und Entwicklungder mit diesen Europa-Organisationen verbundenen Konzepte werden detail- und kenntnisreich rekonstruiert. Die Autorin belegt dabei einmal mehr, dass die deutschen Ideen für eine europäische Ordnung zugleich auch Ideen für eine Ordnung Deutschlands (gewesen) sind.

So interessant die biographischen Studien zu einzelnen Protagonisten der beiden Europa-Bewegungen sind, um neben ideellen auch personelle Kontinuitäten zu belegen, so unklar bleibt der methodische Status des biographischen Ansatzes. Conzes Anspruch, für das jeweilige Europa-Engagement „typische“ biographische Prägungen zu identifizieren, muss so lange uneingelöst bleiben, wie nicht verdeutlicht wird, nach welchen Kriterien die Fallauswahl getroffen wurde. Der Hinweis, dass die Personen ausgewählt wurden, weil ihre Biographien Beispielcharakter haben, hilft da nicht weiter. In jedem Fall ist es aber das Verdienst von Vanessa Conze, genau nachzuzeichnen, wie antiwestliche Konzepte von Europa in den fünfziger und sechziger Jahren ihre Prägekraft verloren. Dabei gelingt ihr die Einbettung in den politikund sozialhistorischen Kontext der Zeit besonders überzeugend. Wenn Conze am Schluss ihrer Arbeit betont, dass es neben der Europäisierung der Geschichtsschreibung auch nötig sei, Europa in der Nationalgeschichtsschreibung seinen Raum zu geben, macht sie damit deutlich, dass ihre „erneuerte Ideengeschichte“ vor allem eine Geschichte „deutscher“ Europa-Ideen ist. Den antimodernen und antiliberalen traditionellen „deutschen“ Ideen werden dabei die freiheitlich- demokratischen „westlichen“ Ideen gegenübergestellt. Conze übersieht aber, dass es durchaus auch in anderen europäischen Ländern, beispielsweise Frankreich, antimoderne Ideen gegeben hat, die zum Teil ebenfalls mit dem Begriff Abendland operierten. Hätte die Autorin sich zudem methodisch offener für neuere Ansätze der „intellectual history“, beispielsweise der französischen Intellektuellensoziologie oder der amerikanischen „conceptual history“, gezeigt, wäre es ihr möglich gewesen, den Stellenwert der biographischen Prägungen und intellektuellen Milieus (Zeitschriften etc.) für Entwicklung, Organisation und Wirkung der Europa-Ideen genauer zu bestimmen.

Andererseits hätte es ihr eine methodische Unterscheidung von Begriff und Konzept erleichtert, zu zeigen, dass die Idee (also das Konzept) „Abendland“ entgegen der bislang gängigen Forschungsmeinung auch nach Ende der fünfziger Jahre weiter wirkte, obwohl der Begriff kaum mehr benutzt wurde. Aber vielleicht ist es in Zeiten, in denen die meisten aktuellen Beiträge zur europäischen Konzept- und Intellektuellengeschichte einen transnationalen und interdisziplinären Ansatz wählen, schon fast wieder avantgardistisch, eine reine Nationalgeschichte der „deutschen“ Europa-Idee(n) zu schreiben. Der These, dass wir es seit den siebziger Jahren mit nur noch einer deutschen Europa-Idee zu tun haben, nämlich der einer Wertegemeinschaft, die die übernationale Verwirklichung von Demokratie, Pluralismus, Föderalismus und Menschenrechten bedeute, ist im Hinblick auf den öffentlichen Elitendiskurs unter Umständen zuzustimmen. Allerdings hat es auch über die siebziger Jahre hinaus Europa- Konzepte gegeben, die antiliberales Gedankengut transportieren (können) – man denke an das „Europa der Regionen“ oder das „Europa der Völker“. Diese Ideen werden bei Bedarf nicht nur von rechtspopulistischen Parteien reaktiviert.

Vanessa Conze: Das Europa der Deutschen. Ideen von Europa in Deutschland zwischen Reichstradition und Westorientierung (1920–1970). R. Oldenbourg Verlag, München 2005. 453 Seiten, € 64,80.

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