Ein Vordenker des 21. Jahrhunderts

Zum Tode des großen „idealistischen Realisten“ John H. Herz

1. February 2006 - 0:00 | von Christian Hacke

Internationale Politik 2, Februar 2006, S. 95 - 97

Kategorie: Forschung, Politisches System, Bildung, Internationale Politik/Beziehungen, Vereinigte Staaten von Amerika

Am 26. Dezember 2005 verstarb in Scarsdale, New York, im Alter von 97 Jahren einer der berühmtesten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Internationalen Politik, Professor Dr. John H. Herz. Mit seinen Arbeiten nahm Herz maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des „Außenpolitischen Realismus“, der die Wissenschaft von der Internationalen Politik, aber auch führende Politiker in aller Welt nachhaltig beeinflusst hat.

Hans Hermann Herz, am 23. September 1908 in Düsseldorf geboren, studierte u.a. in Freiburg, Berlin, Köln und Bonn. Nach der Promotion 1931 zum Dr. jur. wurde Herz 1933 wegen seines jüdischen Glaubens aus dem Staatsdienst entlassen und musste emigrieren. Sein Doktorvater Hans Kelsen verhalf ihm zu einem Forschungsaufenthalt in Genf, wo Herz unter dem Pseudonym Eduard Bristler sein erstes Buch über die „Völkerrechtslehre des Nationalsozialismus“ verfasste – eine treffsichere Abrechnung mit den internationalen Ordnungsvorstellungen des Nationalsozialismus.

1938 wanderte der 30-jährige Herz in die USA aus und verbrachte bis  1941 drei glückliche Jahre am Institute for Advanced Studies in Princeton, wo er Tür an Tür mit Albert Einstein wohnte. Die USA wurden seitdem seine geistig-politische Heimat, er blieb jedoch zeitlebens mit Deutschland in engem Kontakt. Schon nach Kriegsende reiste er im Auftrag des amerikanischen State Departments, für das er von 1945 bis 1948 arbeitete, nach Nürnberg, um dort den amerikanischen Anklagevertreter rechtlich zu beraten. Seit den fünfziger Jahren bereiste Herz mehrfach die Bundesrepublik und lehrte als Gastprofessor u.a. an der FU Berlin und in Marburg. In den USA lehrte er ab 1941 und dann wieder ab 1948 an der schwarzen Eliteuniversität Howard University in Washington DC. Von 1952 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1977 lehrte er am City College und an der City University of New York.

Seine zentrale Leistung bestand darin, dass er zwei Geistesströmungen bzw. intellektuelle Schulen zu verbinden wusste, die oft in radikalen Gegensatz gestellt werden: Realismus und Idealismus. In seinem Buch mit dem gleichnamigen Titel von 1951 analysiert er diese beiden Grundtypen politischen Verhaltens und sucht eine Synthese im so genannten „Realliberalismus“ oder „idealistischen Realismus“, der, „ohne der Utopie zu verfallen, in der Außenpolitik nach Wegen des Ausgleichs und der Entspannung sucht“. Herz verknüpfte realistische Einsichten mit idealistischer Zielsetzung, ja er entwickelte eine wissenschaftlich-artistische Kunst, sich zwischen den extremen Polen von starrem Realismus und utopischem Idealismus auf das realisierbare Ideal zu konzentrieren. Damit grenzte er sich auch von Hans J. Morgenthau ab, der seinen Außenpolitischen Realismus sehr viel stärker auf Konfrontation, auf den Freund-Feind-Gegensatz im Sinne von Carl Schmitt abstellte.

Doch erlag Herz niemals utopischem Wunschdenken: „Eins vor allem aber muss man sich bei der Kombination von realistischen Einsichten und idealistischer Zielsetzung vor Augen halten: Man kann nicht einfach eins zum anderen addieren, sondern muss sich, angesichts der „natürlich“ vorhandenen Kraft der realistischen Gegebenheiten, das Paradoxe, in gewissem Sinne Un- oder sogar Wider-Natürliche einer sie überwindenden Haltung und Politik bewusst bleiben. Tut man das nicht, so verfällt man dem überoptimistischen Idealismus der utopischen Bewegungen.“ Im Spannungsfeld zwischen Realismus und Idealismus verstand er sich selbst als Korrektiv. So kritisierte er realistisch den übertriebenen Missionsgedanken in der amerikanischen Außenpolitik oder kritisierte umgekehrt im idealistischen Sinne, wenn Washington zu offensichtlich nackte Machtambitionen verfolgte.

Auch für Herz steht das Machtproblem im Zentrum der Internationalen Beziehungen, das er aber im Gegensatz zu Hans J. Morgenthau nicht anthropologisch, sondern vielmehr mit dem so genannten „Sicherheitsdilemma“ begründete: Im Streben nach Sicherheit sucht der Mensch und sucht der Staat seine Macht ständig zu erweitern. Die Rivalen reagieren mit entsprechenden Maßnahmen, die dann zum Teufelskreis von Machtkonkurrenz, Wettrüsten und Krieg führen. Der wachsende Gegensatz zwischen Sicherheitsbedürfnis und Machtanhäufung bewirkt dieses Sicherheitsdilemma, das keiner so anschaulich für das Nuklearzeitalter analysiert hat wie John Herz.

Zum dritten erkannte er früher und präziser als die meisten seiner Zeitgenossen die Bedeutung der neuen globalen Fragen. Das Nuklearzeitalter, aber auch Migration, Rohstofffragen und Umweltprobleme erfordern laut Herz eine neue universalistische Gesinnung, wie er in seinem großen Buch „Weltpolitik im Atomzeitalter“ (1959) darlegte: „Unsere vereinheitlichte Welt besteht aus vielen Kulturen, von denen manche, die nach außen hin verwestlicht zu sein scheinen, im tiefsten Inneren dem Universalismus vielleicht näher sind als der individualistische Westen. In der indischen Kultur und besonders im Hinduismus bestand von jeher ein Gefühl für die Einheit des Menschengeschlechts, ein Gefühl der Anteilnahme am Leben und Schicksal des Bruders. … Doch weder ein mystisches Weltgefühl noch die intimste Kenntnis des besonderen Geistes und der Einzigartigkeit der verschiedenen Weltkulturen kann allein die Weltprobleme lösen, solange nicht der Sinn für praktische Probleme und die echten Schwierigkeiten hinzutritt.“

Vor diesem Hintergrund hatte für Herz der klassische Nationalstaat seine Schutzfunktion nicht nur militärisch verloren. Sein Diktum von 1959: „Heute geht höchste Macht Hand in Hand mit äußerster Verwundbarkeit“, hat sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts bestätigt.

John Herz war der Erste, der die neue Durchlässigkeit der harten Schale des Nationalstaats erkannte und wichtige Schlussfolgerungen zog. Beeinflusst von Hans Jonas’ Buch über „Das Prinzip Verantwortung“ und von Günter Anders’ „Von der Antiquiertheit des Menschen“ forderte Herz die radikale Verwirklichung des universalistischen Gedankens: „Wenn aber das, was früher utopischer Idealismus war, heute zum gemeinsamen Interesse Aller am Überleben des Ganzen geworden ist, dann trifft das bisherige Unterscheiden von politischem Realismus und politischem Idealismus nicht mehr die aktuelle Lage. Realistisch ist nunmehr das Erkennen des Notstands, das ehemals ideale Ziel der für das Überleben notwendigen Macht und das dementsprechende Handeln.“

Realistisch erkannte Herz, dass die Zeit für eine universalistische Politik noch nicht gekommen sei. Deshalb setzte er auf eine Übergangsepoche des Stillhaltens, der Entspannung, des Ausgleichs und der Verständigung.

Bis heute weitgehend unbeachtet hat sich John Herz seit den siebziger Jahren zunehmend mit den Problemen der Beschleunigung historischer Prozesse auseinander gesetzt. Dabei kam er zu der Beobachtung, dass Gesellschafts- und Kulturprozesse zumeist zyklisch verlaufen, während sich Zivilisationsprozesse gradliniger entwickeln, also von Aufstieg und Fall weitgehend unberührt bleiben. In diesem Zusammenhang erkannte er auch schon Phänomene, die wir heute mit „Globalisierung“ umschreiben: „Der Trend zur Gleichheit und zur entsprechenden Emanzipation bisher diskriminierter Menschengruppen, wie Farbiger, Frauen, religiöser Minderheiten …, dieser Prozess läuft also in die Richtung rationaler, egalitärer Lebensgestaltung auf allen Gebieten.“

Herz war ein verantwortungsbewusster Weltenbürger, der sich um die Zukunft des Planeten zunehmend Sorgen machte. Den 11. September 2001 empfand er als tiefen Einschnitt, die Reaktion der Regierung Bush, vor allem mit Blick auf den Krieg im Irak, als Katastrophe. Wie alle Realisten kritisierte er vor allem den amerikanischen Missionsgedanken, wobei er gern Churchills Ausspruch zitierte: „Die Vereinigten Staaten tun immer das Richtige, nachdem sie alle anderen Alternativen ausgeschöpft haben.“

Die Welt ist, wie Herz in seiner Autobiographie „Vom Überleben“ 1984 feststellte, ein Universum der Kommunikation geworden: „In dem Maße, wie die Öffentlichkeit in der Außenpolitik an Gewicht gewinnt, vergrößert sich die Rolle der Imagepflege, sodass es heute in der Außenpolitik fast nichts mehr gibt, das nicht irgendeinen Propagandaaspekt hat. Ein Großteil der so genannten Machtpolitik zielt darauf ab, in der Welt in günstigem Licht zu erscheinen: bei Verbündeten, Gegnern, Neutralen und, last not least, bei den Bürgern im eigenen Lande. Eine ganze Politik wird u.U. nur um der Imagepflege willen eingeleitet oder dient dazu, dass man das Gesicht wahrt oder seine Glaubwürdigkeit aufrecht erhält.“

John Herz hat den Außenpolitischen Realismus liberalisiert und humanisiert, hat ihm eine Dimension von Wärme und selbstkritischer Nachdenklichkeit gegeben, die man bei anderen bisweilen vermisst. Herz hat frühzeitig erkannt, dass die neuen globalen Fragen mit dem klassisch realistischen Instrumentarium von Machtgleichgewicht und nationalem Interesse allein nicht mehr zu bewältigen sind. Hierin liegt seine große Leistung; deshalb ist er auch von all denjenigen, die sich heute mit dem Außenpolitischen Realismus vorwiegend kritisch auseinander setzen, nach wie vor hoch geachtet, denn sein wissenschaftliches Engagement war immer von starken moralischen Impulsen durchdrungen. Seine aufklärerische Gesinnung und seine persönliche Bescheidenheit haben ihn zu einem aufrichtigen und liebenswerten Menschen, seine Leistungen zu einem herausragenden Wissenschaftler gemacht, dessen umfassende Wirkung sich im weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts noch zeigen wird.

Prof. Dr. CHRISTIAN HACKE, geb. 1943, lehrt Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Bonn. Zuletzt erschien von ihm die aktualisierte Neuausgabe seines Buches „Zur Weltmacht verdammt. Die amerikanische Außenpolitik von J.F. Kennedy bis G.W. Bush“ (2005).
 

 
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