Globalisierung, Proletariat und Prekariat

Ökonomie

1. January 2006 - 0:00 | von Helmut Reisen

Internationale Politik 1, Januar 2006, S. 112 - 113.

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Weltweit

Das alte Verhältnis von Kapital und Arbeit kehrt wieder – aber erst in 30 Jahren

Die deutschen Volkswirte, man trifft sich im Verein für Socialpolitik, haben auf ihrer Jahrestagung 2005 mit keiner einzigen Sitzung das große weltwirtschaftliche Ereignis unserer Zeit gewürdigt: die Integration Chinas und Indiens in die Weltwirtschaft. Ein unterbelichtetes Merkmal dieser Integration ist die Verdoppelung des Arbeitskräftepotenzials, das in die marktwirtschaftlich organisierte Welt eingebunden sein will. China bringt 750 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter ein, Indien 450. Zählen wir noch den früheren „Ostblock“ hinzu, errechnen sich 1,5 Milliarden zusätzliche Arbeitskräfte. Dieses neue Proletariat verlangt nur einen Bruchteil der Löhne, die wir im entwickelten Westen gewohnt sind. Und solange dessen Integration in die moderne Arbeitswelt andauert, wird bei uns ein neues Prekariat geschaffen: Menschen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen als Folge von Outsourcing, Offshoring, globaler Konkurrenz.

Chinas proletarische Reservearmee wandert vom Hinterland, wo die Beschäftigung wenig produktiv und meist nur saisonal ist, in den produktiven städtischen Bereich. Dieser Wanderungsstrom wird ergänzt durch diejenigen, die aus den unprofitablen Staatsbetrieben entlassen werden. Dauer und Umfang dieser Wanderung werden entscheidend auf unseren Wohlstand einwirken. Das chinesische Landwirtschaftsministerium schätzt den Überschuss an unproduktiver Arbeit auf 150 Millionen Menschen; addieren wir noch die Arbeitslosen dazu, etwa weitere 100 Millionen. Aus der Differenz des Wachstums des Sozialprodukts und der Arbeitsproduktivität ergibt sich die grobe Schätzung, dass in China die Anzahl der im modernen Sektor Beschäftigten nur um ein Prozent pro Jahr wächst, also etwa um acht Millionen. Nach Adam Riese kann es also 30 Jahre brauchen, bis Chinas proletarische Reservearmee absorbiert ist.

Ein duales Arbeitsmarktmodell aus den fünfziger Jahren, das wir dem Nobelpreisträger Arthur Lewis schulden, verdeutlicht die Konsequenzen. Besonders beunruhigend: Solange der Überschuss an unproduktiver Arbeit im ländlichen Raum nicht weggeschmolzen ist, bleibt der Druck auf die Reallöhne bestehen. Dies hält die Gewinne im produktiven Sektor hoch – ein Anreiz, dort zu reinvestieren. Entweder erschöpfen sich die Gewinnpotenziale im modernen Sektor, bevor die Überschussarbeit absorbiert wurde; oder, umgekehrt, das rurale Arbeitsangebot wird voll in den modernen Sektor weitergeleitet; dann würden endlich wieder Knappheitspreise für Arbeit gezahlt, die Löhne würden steigen.

Wie exportieren China, Indien und Co. den Lohndruck in unsere Breitengrade? Zunächst die gute Nachricht: über geringere Produktpreise und höhere Kaufkraft unserer Einkommen. Nehmen wir einmal an, der deutsche Angestellte sei produktiver als der indische oder chinesische Kollege, egal ob er im Bereich von Lowtech, Mediumtech oder Hightech arbeitet. Wo globaler Wettbewerb herrscht (z.B. im Mediumtech), entsprechen die Lohn- den Produktivitätsrelationen; dort sind die Lohnstückkosten identisch. Dass heißt: Wir bleiben dort wettbewerbsfähig (Hightech), wo unser Produktivitätsvorsprung höher ist als unser Lohnvorsprung (Hightech). Erzielen nun die Chinesen oder Inder Produktivitätsfortschritte im Lowtechbereich (in dem wir wegen zu hoher Lohnstückkosten nicht wettbewerbsfähig sind), kommt uns das durch fallende Verbraucherpreise zugute: Unsere Kaufkraft steigt. Solange Chinas und Indiens „terms of trade“, also das Verhältnis von Export- zu Importpreisen, sinken, profitieren wir davon.

Dass die Kaufkraft unserer Einkommen von der Integration Chinas und Indiens in die Weltwirtschaft profitiert, tröstet nicht über den Lohndruck hinweg, den diese Länder nun auf einfache und mittlere Arbeit entfalten. Welcher Effekt überwiegt? Konsultieren wir eine einfache Produktionsfunktion, in der das Kapital ein Drittel zum Einkommen beiträgt (der Rest wird von der ungelernten Arbeit und dem Know-how geleistet). Da die Verdoppelung des globalen Arbeitsangebots das Verhältnis von Kapital zu Arbeit halbiert, wird die Produktivität der ungelernten Arbeit geringer – und zwar um gut 16 Prozent. Um denselben Prozentsatz sinken die Gleichgewichtslöhne, die den Arbeitsmarkt räumen. Wo – wie etwa in den USA – der Arbeitsmarkt flexibel ist, schlägt sich dies in Lohndruck nieder; bei uns in Europa, wo die damit einhergehende Lohnspreizung zwischen einfacher und gutbezahlter Arbeit nicht hingenommen wird, zahlen wir mit vermehrter Arbeitslosigkeit.

Wie lange wird der Anpassungsvorgang dauern? Konsultieren wir noch einmal unsere Produktionsfunktion. Sie gibt uns in etwa dieselbe Antwort wie die Analyse des chinesischen Arbeitsmarkts. Insbesondere die hohe chinesische Kapitalakkumulation wird dafür sorgen, dass das alte Verhältnis von Kapital zu Arbeit wieder hergestellt wird – allerdings erst in etwa 30 Jahren.

Auch die Außenhandelstheorie und ihr zentrales Globalisierungstheorem (Stolper-Samuelson) verheißen Prekarität und Prekariat: Die Senkung der Preise für lohnintensive Güter bewirkt schmalere Löhne (für einfache Arbeit) und fettere Profite. Dort, wo China besonders präsent ist, ist der Preis- und Lohndruck besonders ausgeprägt. Die Wucht von Outsourcing und Offshoring, stärker als die sturste Gewerkschaft, sorgt hier für ein neues Prekariat. Dennoch: Das Globalisierungsrad können und sollten wir nicht zurückdrehen. Unsere Einkommen werden nicht ins Bodenlose fallen.

•  Die Integration von armen und reichen Ländern, auch wenn sie sich mit weit größeren Friktionen vollzieht als die Integration unter Seinesgleichen, schafft weltweite Spezialisierungsgewinne, die sich in steigenden Einkünften niederschlagen; wie diese sich verteilen, steht auf einem anderen Blatt.

•  Wo wie bei uns die Löhne hoch sind, reflektieren diese zum guten Teil Erträge nicht nur von roher Arbeitskraft, sondern von Know-how, das so schnell nicht kopiert werden kann; allerdings lernen Inder und Chinesen begierig.

•  Der Konkurrenzdruck aus den Niedriglohnstaaten sollte uns in der globalen Wertschöpfungskette nach vorne peitschen. Wer protektionistisch mit Abschottung auf die globale Konkurrenz reagiert, hat schon verloren: denn offene Länder wachsen rascher als abgeschottete Länder.

Unsere Volkswirte haben auf die Herausforderung der Integration der asiatischen Giganten kaum überzeugende Antworten angeboten, da sie zur Verniedlichung der Globalisierungsfriktionen neigen. Wer nachhaltig überzeugen möchte, der sollte nicht durch Halbwahrheiten auffallen, sondern mit schonungsloser Analyse. Das Proletariat in Asien und das Prekariat in Europa werden keine Ruhe lassen.

Prof. Dr. HELMUT REISEN, geb. 1950, arbeitet als Counsellor am Entwicklungszentrum der OECD in Paris und ist Titularprofessor an der Universität Basel. Er publiziert vor allem zu Fragen der Entwicklungs- und Währungspolitik
sowie zur Globalisierung.

 
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