Heißzeit – Eiszeit

Technologie

1. January 2006 - 0:00 | von Tom Schimmeck

Internationale Politik 1, Januar 2006, S. 122 - 123.

Kategorie: Klima und Umwelt, Technologie und Forschung, Umwelttechnologie, Weltweit

Von Europas stotternder Zentralheizung, Hitzewallungen und Klima-Hooligans in Montreal

Stellen Sie sich vor, Ihr Vermieter schreibt Ihnen einen freundlichen Brief: „Sehr geehrte Frau Ahnungslos, mit Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Zentralheizung Ihrer Wohnung in wenigen Wochen abgeschaltet wird. Mit einer Wiederinbetriebnahme ist nicht vor dem nächsten Jahrhundert zu rechnen.“ Eine ähnlich kühle Mitteilung bekamen wir lieben Mieter Westeuropas im November zugestellt, getarnt als Forschungsbericht der Zeitschrift Nature. Professor Harry Bryden und Kollegen teilten uns mit, dass unser aller Zentralheizung bedrohlich schwächelt. Der Golfstrom, jene gigantische Umwälzpumpe, die warmes Oberflächenwasser aus den Tropen gen Norden verfrachtet und kaltes Tiefenwasser gen Süden, stockt. Die Auswertung der Daten von 22 Testbojen im Atlantik verriet: Der Strom transportiert schon jetzt rund sechs Millionen Tonnen Wasser pro Sekunde weniger. Seit 1957, errechneten die Forscher des National Oceanography Centre der Universität Southampton, habe sich die „nordatlantische thermohaline Zirkulation“ um fast ein Drittel abgeschwächt.

Das ist dramatisch, schaufelt dieser Strom doch die Energie von etwa einer Million Kraftwerken in unsere kühleren Gefilde, sorgt so dafür, dass wir Nordwesteuropäer es 5–10 Grad wärmer haben als unsere Breitengrad-Genossen anderswo. Dass etwa Edinburgh deutlich angenehmer temperiert ist als das auf gleicher Höhe liegende Nowosibirsk oder Neufundland. Ohne Golfstrom wäre es in Hamburg so kalt wie in Nordkanada. „Wir wollen nicht behaupten, dass die Zirkulation zum Stillstand kommen wird“, meinte Professor Bryden. „Aber unsere Ergebnisse machen uns nervös. Sie waren eine ziemliche Überraschung.“

Wer die große Vorsicht der Naturforscher kennt, weiß: Das bedeutet Alarm. Wohl hatten viele Szenarien des globalen Klimawandels eine Verlangsamung des Golfstroms bereits vorhergesagt. Denn schmelzende Gletscher und immer stärkere Niederschläge reduzieren den Salzgehalt im Nordatlantik. Weniger salziges Wasser sinkt langsamer, folglich verlangsamt sich auch die Zirkulation. Dass aber der Motor schon heftig stottert, hätten selbst Pessimisten kaum erwartet. Und wir sind verwirrt: Erderwärmung? Kältesturz? Wie geht das zusammen? Eiszeit hier? Heißzeit dort?

Es traf sich gut, dass die Welt gleich darauf in Montreal zusammenkam, um zu debattieren, was nach dem Kyoto-Übereinkommen kommen muss. Wir erinnern uns: Kyoto-Ziel ist es, bis 2012 den Ausstoß von Treibhausgasen rund 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Ein Anfang. Wäre die Ratio des menschlichen Überlebens Leitschnur, müsste deutlich schneller deutlich mehr geschehen. Ziel, sagen die Experten, müsse es sein, einen Temperaturanstieg um mehr als zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu vereiteln. Derzeit beträgt er 0,6 Grad. Eigentlich wäre eine Drosselung des Welt-CO2-Ausstoßes um 70 bis 80 Prozent vonnöten, um die Atmosphäre stabil zu halten. Die Wissenschaft hält ein deutlich schärferes Kyoto II für zwingend. Die grobe Rechnung lautet: Insgesamt sollten wir Menschen in diesem Jahrhundert nicht mehr als 600 Milliarden Tonnen CO2 freisetzen. Doch unter aktuellen Bedingungen werden es bereits 2030 etwa 400 Milliarden Tonnen sein.

Die Fachwelt weiß: Internationales politisches Gegensteuern ist dringlicher denn je. Das Weltklima ist hochkomplex, selbst die größten Supercomputer ächzen, wenn sie globale Treibhaus- (Kühlschrank-?) Effekte kalkulieren. Die Trends aber sind eindeutig, Und die Forscher mühen sich wirklich. Sie haben Baumringe, Eiskerne, Korallenriffe studiert, Berge von Daten angeschleppt über sich wandelnde Tier- und Pflanzenwelten, über Stürme, Fluten, Hitzewellen und Feuersbrünste, über die Eisschmelze in der Arktis und den Alpen. Wem dies alles noch nicht anschaulich genug war, der durfte im Kino „The Day after tomorrow“ bestaunen – mit einem deftigen Plot, der just das Aussetzen des Golfstroms und eine plötzlich einsetzende Eiszeit zum Thema hat. Der ignorante Film-Vizepräsident erinnerte übrigens stark an Dick Cheney.

Nein, die politische Sphäre ist nicht tatenlos. Allmählich begreift die Welt, dass Klima keine Kompromisse kennt und sich mit Gasen furchtbar schlecht verhandeln lässt. Kyoto I aber war bislang bestenfalls ein Teilerfolg. Europa hat sich zumindest bemüht. Die Kyoto-Verweigerer USA und Australien sündigen weiter. Und können genüsslich darauf verweisen, dass Kanada, Japan und viele EU-Staaten das gesetzte Ziel verfehlen dürften. Kanada, Gastgeber der Montreal-Konferenz, steigerte seine Emissionen seit 1990 um 24 Prozent. Aufstrebende Giganten wie China und Indien – in Kyoto noch gar nicht eingebunden – blasen fast doppelt so viel Kohlendioxid in die Luft wie vor 15 Jahren. So wuchs der CO2-Ausstoß der Welt 2004 auf 27,5 Milliarden Tonnen – 26 Prozent mehr als 1990. Die CO2-Supermacht USA steuerte 5,8 Milliarden Tonnen bei.

Doch zum Auftakt von Montreal befand James Connaughton, Umweltberater des Weißen Hauses: „Wir brauchen keine bindenden Ziele“. Angesichts des Auftritts der US-Vertreter stockte selbst abgebrühten Diplomaten der Atem. Unter Einsatz aller Ellenbogen suchte die Delegation aus Washington gar einen Auftritt von Expräsident Clinton zu vereiteln. Der Vertreter des deutschen BUND fühlte sich an seine Jugendjahre erinnert: „Beleidigungen, Verzögerungstaktiken und Türen schlagen kennt man sonst eher aus dem Studentenparlament.“ Platz zwei auf der Hooligan-Skala nahm übrigens Russland ein.

Nur keine bindenden Ziele zu akzeptieren bleibt das Credo der Kyoto-Abstinenzler. Schon im Sommer schlossen Australien und die USA gemeinsam mit China, Indien, Südkorea und Japan die „Asia-Pacific Partnership for Clean Development and Climate“ – eine Art Anti-Kyoto-Wohlfühlpakt, in dem jeder seine Ziele selber setzen darf, ohne Strafen. Der australische Premier John Howard fand das “fairer”. Jennifer Morgan vom WWF hatte einen hübschen Vergleich parat: „Das ist wie ein Friedensabkommen, bei dem alle schießen dürfen.“

Dennoch wurde Montreal kein glatter Fehlschlag. Die 40 Kyoto-Staaten wollen immerhin nun rigorosere Sparziele zumindest ins Auge fassen. Und auch die anderen anwesenden Staaten – über 120 – werden, wie es am Ende windelweich hieß, in den „Dialog“ eintreten. Neue Größen zeigen Einsicht. China scheint verstanden zu haben, das es an seinem Wachstum bald ersticken könnte. Brasilien ist zu Konzessionen bereit. Vor allem aber der neue Emissionshandel könnte die Entwicklung positiv vorantreiben. Er macht das Dreckschleudern teuer. Und das schmerzt.


TOM SCHIMMECK, geb. 1959, schreibt als Journalist über politische und Wissenschaftsthemen für DIE ZEIT, die Süddeutsche Zeitung, das österreichische Magazin Profil und die schweizerische Zeitschrift Facts.
 

 
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