Zwischen My Lai und Marshall-Plan

Warum Amerikas "Operation Iraqi Freedom" scheitert

1. January 2006 - 0:00 | von Christoph Reuter

Internationale Politik 1, Januar 2006, S. 36 - 43.

Kategorie: Konflikte und Strategien, Krieg/Kriegführung, Vereinigte Staaten von Amerika, Irak, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika, Nordamerika

Gigantische Kosten, enormer Truppeneinsatz – und dennoch sieht die US-Armee täglich mehr wie der Verlierer des Irak-Kriegs aus. Was läuft falsch? Christoph Reuter hat als „embedded“ Reporter bei den amerikanischen wie den britischen Verbänden den Kriegsalltag erlebt. Er beschreibt, dass die Amerikaner sich täglich neue Feinde machen, die Briten dagegen nicht. Aber ein Erfolgsrezept haben sie auch nicht.

Es war im Oktober 2005, in der relativen Sicherheit jenes Areals, in dem US-Diplomaten und Militärs in Bagdad ihr Hauptquartier eingerichtet und das sie „Green Zone“ getauft haben. Ich fragte einen amerikanischen Soldaten nach dem Weg zur Ausgabestelle der Passierscheine für Pressekonferenzen, und der Mann wies mir nicht nur den Weg. Er erklärte ihn in allen Details und wünschte mir noch einen wunderbaren Tag, mit jener Liebenswürdigkeit, wie man sie in Kleinstädten Neuenglands erwarten würde – aber nicht im Ruheraum der Hölle, in jenem kleinen Areal der „Green Zone“ inmitten der riesigen, feindseligen „Red Zone“ des restlichen Iraks.

Wäre ich ihm dort mit einer Frage begegnet, hätte er nach aller Erfahrung schon aus 30 Metern seine Waffe auf mich gerichtet und gebrüllt, ich solle die Hände heben. Aber ich hätte ihn ohnehin nicht angesprochen, zu groß wäre die Gefahr eines Missverständnisses gewesen.

Die Höflichkeit war irritierend. Bewegt man sich längere Zeit im Irak, begegnet einem unter US-Soldaten wie Offizieren, unter amerikanischen Militärs wie Zivilangestellten immer wieder dieselbe Haltung eines unbedingten Wohlwollens gegenüber den ja schließlich befreiten Irakern – die im Falle der Enttäuschung umschlägt in eine ebenso unbedingte Wut auf die „Hadschis“, deren Niederschlag sich findet in den Bildern und Berichten aus Abu Ghraib sowie zig anderen Fällen außerordentlicher Brutalität.

Vieles ist herangezogen worden, um den abgestuften Zustand der Auflösung aller Ordnung und den dramatischen Anstieg der Gewalt im Irak zu erklären: die Haltung der Regierungen Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, die Ideologie von Al-Qaida, die fragile Struktur des Iraks mit seinen verschiedenen Ethnien und Konfessionen, die Abwesenheit demokratischer Traditionen.

Doch ein Bereich ist selten beschrieben worden: Wie, jenseits wechselnder strategischer Ansätze der Oberkommandierenden, dieser Krieg von den Besatzungssoldaten geführt wird im Alltag; welche Eigendynamik entsteht jenseits von Plänen und manchmal auch von Befehlen; warum der Krieg in manchen Landesteilen eskaliert und in anderen nicht. Die Eigenheiten einer Armee, ihre Mentalität und Reflexe lassen sich am besten erkennen im Vergleich mit anderen Armeen. Insofern ergibt es eine halbwegs fundierte Beobachtungslage, seit Sommer 2003 insgesamt sieben Mal für Tage und Wochen sowohl mit amerikanischen als auch mit britischen Truppen „embedded“ gewesen zu sein, in Tikrit, Samarra, Beidschi, Al-Qaim, an der saudisch-irakischen Grenze und in Basra. Wie reagiert die US-Armee auf kollektive Ablehnung, auf einzelne Akte der Feindseligkeit, wie werden Handlungsoptionen abgewogen? Und wie tun dies die Briten?

In einer drückend heißen Spätsommernacht 2003 nahe Saddams Heimatort Tikrit – die Angriffe auf US-Truppen hatten bereits begonnen – führte Colonel James A. Hickey von der 1. Brigade der IV. Infanterie-Division ein Razzienkommando zum Quartier mutmaßlicher Widerständler. Bradley-Schützenpanzer brachen in voller Fahrt durch die Grundstücksmauern, Dutzende Soldaten stürmten in Kampfmontur die Häuser, Türen wurden aufgesprengt, Befehle gebrüllt. Ein stämmiger Iraker schrie nach seiner Mama, was keiner der Amerikaner verstand, die ihn auf Englisch anbrüllten, er solle die Hände hinter dem Kopf verschränken, was wiederum er nicht verstand. Woraufhin die Soldaten ihn mit Klebeband zum Verstummen brachten. Ein Sergeant wandte sich an uns, immer noch brüllend: „Und was machen Sie hier?“

Wir sind embedded bei Ihnen, Journalisten aus Deutschland.

„Oh, cool! Deutschland! I love Schnitzel! Pleasure to meet you!“ Er sei wirklich erfreut uns zu sehen und würde gern länger plaudern. Aber, ein Wink mit dem Daumen nach hinten, er habe noch zu tun, müsse leider los, die Gefangenen zum Lastwagen wuchten. 60 Männer wurden in dieser Nacht in einem Dorf verhaftet, obwohl weder Waffen, noch Sprengstoff, noch Dollarbündel zu finden waren. Es ging und geht bei den Razzien nicht allein darum, die Gesuchten direkt zu finden. Sondern um einen Handel: Bei jeder Operation werden Männer festgenommen, mal fünf, mal fünfzig. Zum Verhör, vor allem aber, um ihnen einen Deal vorschlagen zu können: Redet, und ihr seid wieder frei. Und wer einmal geredet hat, ist erpressbar, also redet er immer wieder. Colonel Hickey und seine Männer wollen nur die „bad boys“ kriegen, tot oder lebendig. Aber sie schaffen immer neue bad boys.

Ob in Tikrit, Beidschi oder acht Monate später in Samarra – es ist immer dasselbe Muster, das zu einer hohen fünfstelligen Zahl von Kurzzeit-Festnahmen und rund 17 000 „Sicherheits-Internierten“1 führt. In Samarra, bei der (B)ravo-Kompanie des 8. Infanterie-Regiments, IV. Infanterie-Division, hat deren Kommandeur Captain Todd Brown im März 2004 eine präzise Vorstellung von den Auswirkungen seines Handelns. Hatten seine Männer anfangs noch damit zu tun, die von George W. Bush ausgemachten „Überreste der Saddam-Sympathisanten“ umzubringen oder gefangen zu nehmen, so sind sie bald fast nur noch mit dem vielfachen Echo ihrer Aktivitäten beschäftigt. Brown nennt es die „arabische Regel der Fünf: Was immer du in dieser Stammeswelt einem antust, es werden fünf seiner Clanverwandten kommen und ihn rächen“. Die Gewalt ist ein sich selbst replizierender Virus, eine Eigendynamik, die mit noch mehr Razzien nur an Tempo gewinnt.

In Positionspapieren beschreibt Brown das Scheitern des Kampfes – und setzt ihn selber unvermindert fort. „Wir haben Befehle. Diese Befehle lauten: Beendet den Widerstand! Also tun wir das“, sagt er mit regloser Miene. Im Kleinen wie im Großen dreht sich ab Sommer 2003 die Spirale der Eskalation zwischen US-Truppen und Irakern, äschern die Operationen der US-Armee im Tagesgeschäft ein, was zu ermöglichen sie doch angetreten war: einen freien, freundlichen und den USA wohlgesonnenen Irak. Die Logik der Eskalation macht jeden Schritt plausibel. Aber am Ende richtet sie sich gegen die Intention des Beginns. „Wir müssen unbedingt gefälschte Granaten in den lokalen Schwarzmarkt für Waffen schmuggeln“, schreibt Todd kurz vor Ende seines Einsatzes, „solche, die beim Abfeuern explodieren. Wir haben das in Vietnam gemacht, und wir können es hier tun. Samarra wird euch nie lieben, also muss es euch fürchten!“

Wann immer US-Truppen Furcht verbreiten – am Ende haben sie weit mehr Feinde als am Anfang. Da die Armee aber nicht genügend Truppen hat, um jede Stadt, jede Ortschaft permanent in Schach halten zu können, fallen die Städte nach jedem Abzug wieder in die Hand Aufständischer – was allein in Samarra mehrmals geschieht. Die Alternativlösung ist in Falludscha praktiziert worden nach dem Mord an vier „Sicherheitskräften“ der Söldnerfirma Blackwater, die am 31. März 2004 in Falludscha getötet, verbrannt und als halbverstümmelte Leichen an einer Brücke aufgehängt wurden.

Auch hier hatte die Eskalation weit früher begonnen. Monatelang war es vergleichsweise ruhig geblieben in der Stadt, die sich 2003 bereits zu einem der Zentren des Widerstands gegen die US-Armee im Land entwickelt hatte – nachdem deren Soldaten kurz nach Kriegsende dort 17 Demonstranten erschossen hatten, die lediglich dagegen protestierten, dass die Truppen mitten in einem Wohnviertel Quartier in einer Schule bezogen. Doch dann ersetzten im März 2004 Truppen der US-Marines die rund um Falludscha stationierten Verbände der 82. Airborne Division – und gingen mit groß angelegten Razzien daran, vermutete Widerstandsnester auszuheben.2 Nach dem Mord an den vier Söldnern befahl George W. Bush persönlich die Vergeltungsaktion.

Am 4. April 2004 begannen die Angriffe von mehr als 1200 Marines auf die Stadt – und mit ihnen die Mechanik der Rache, sich gegenseitig im Töten zu überbieten. Oder, wie es ein US-Regierungsbeamter der Los Angeles Times gegenüber sagte: „Wir haben mehr Männer, mehr Macht, mehr Geld, wir werden siegen!“ Dass die Dinge sich im Folgenden nicht nach Plan entwickelten, lag am Plan. Den beschrieb ein Marines-Leutnant, der ungenannt bleiben wollte, nach einer Woche der Kämpfe: „Kurz gesagt ist die Situation eskaliert, seit wir hier reingegangen sind. Zuerst bestand unser Plan darin, „handshakes“ mit der Bevölkerung auszutauschen und die Feinde anzugreifen, wo wir sie finden. Aber als wir hierher kamen, haben wir nur Feinde getroffen.“3 Nach einem mehrwöchigen Patt wird ein Waffenstillstand geschlossen, der bis November hält – als eine US-Armada zum Endkampf gegen Falludscha ansetzt und weite Teile der Stadt in Trümmer legt. Während der Kämpfe erklärt Oberstleutnant Gareth Brandl von den Marines gegenüber Journalisten, wem sie hier gegenüber stünden: „Der Feind hier hat ein Gesicht. Er ist Satan. Er ist in Falludscha. Und wir werden ihn vernichten!“4 Tage später gibt die US-Armee bekannt, dass mehrere Millionen Dollar zum Wiederaufbau Falludschas bereitstünden.

Getreu dem Diktum aus dem Vietnam-Krieg, dass man manchmal Städte zerstören müsse, um sie zu retten, wiederfährt im September 2005 den Ortschaften rund um das von Briten erbaute Fort von Tell Afar westlich von Mosul das gleiche Schicksal. Es ist ein wiederkehrendes Muster, beim einzelnen Soldaten wie bei den Befehlsspitzen: Gibt es im politischen Handlungsspektrum einzig und allein die Option des „Sieges“, so entwickelt sich bei den Einheiten eine Dynamik persönlicher Vergeltung für gefallene Kameraden und des Achtungsverlusts für Iraker im Allgemeinen. Sei es, dass an Straßensperren im Zweifelsfall sofort auf die Insassen suspekter Fahrzeuge geschossen wird, dass die MG-Schützen von Konvois das Feuer auf Fahrer eröffnen, die zu nahe kommen, sei es die Misshandlung Gefangener. Und zwischendurch wird bekanntgegeben, dass weitere Millionen Dollar US-Steuergelder zum Bau von Schulen, Sportplätzen und Kläranlagen bereitgestellt wurden. 

Im manichäischen Schwanken zwischen Marshall-Plan und My Lai, zwischen Gutwillen und Grausamkeit treibt der Krieg voran, als hätten die Amerikaner im Irak den Titel des vor 30 Jahren erschienenen Buches von Oriana Fallaci über den Vietnam-Krieg zum Motto erkoren: „Wir, Engel und Bestien“.

Vom definierten Sieg entfernen sich die USA immer mehr. Regionen wie Mosul oder Tell Afar sind zu „no-go-zones“ geworden, in die sich nur noch schwere Truppenverbände trauen – während man als Ausländer zuvor noch ungefährdet allein hinfahren konnte. Auch die neu aufgestellten irakischen Verbände erweisen sich nicht als Erfüllungsgehilfen amerikanischer Pläne, sondern kämpfen entweder für die Interessen ihrer jeweiligen kurdischen oder schiitischen Kommandeure – oder gehen im Ernstfall massenhaft von der Fahne, wie die sunnitischen Einheiten, die sich vielfach geweigert haben, gegen Sunniten zu kämpfen. Dass dies nicht am mangelnden Training liegt, führen die Aufständischen tagtäglich vor, die, obschon technisch unterlegen und gänzlich untrainiert, den US-Truppen weiterhin Verluste beibringen.

Bei den Briten in Basra

Der Süden, unter britischer Kontrolle, ist ruhiger. Wofür die britischen Truppen nicht allein verantwortlich sind. Vor die Frage gestellt, welchen Teil des Iraks sie besetzen und verwalten sollten, war rasch klar, dass die Amerikaner Bagdad und die Zentralprovinzen nähmen und für die Briten am ehesten der Süden in Frage käme. Eine nahe liegende, aber ebenso eine kluge Wahl: Saddam und die sunnitische Elite in Bagdad hatten alles zu verlieren in diesem Krieg. Die Schiiten im Südirak hatten nicht mehr viel zu verlieren, aber umso mehr zu gewinnen. Nach dem gescheiterten Aufstand der Schiiten 1991 ließ Saddam Hussein den Süden und insbesondere Basra planvoll verelenden. Während die Infrastruktur der Hauptstadt bereits Monate nach dem Krieg 1991 wieder hergestellt war, lagen die Schiffswracks vor Basra noch beim nächsten Krieg 2003 in der Fahrrinne des Schatt al-Arab. Systematisch hatte Saddams Regime Schiiten aus allen höheren Funktionen in Armee und Regierung gedrängt, hatte der Stadt die Mittel zur Sanierung und den Schiiten lukrative Geschäftsfelder vorenthalten. Im November 2002, wenige Monate vor Kriegsbeginn, war das Leitungswasser in der zweitgrößten irakischen Stadt derart ungenießbar, dass selbst die ärmsten ihrer Bewohner Wasser in Kanistern kaufen mussten.

Insofern waren die Startbedingungen für die 8500 britischen Soldaten ungleich besser – was nichts daran änderte, dass schon am 24. Juni 2003 sechs von ihnen in der Stadt Amara, nördlich von Basra, regelrecht hingerichtet wurden und es im April 2004 zu einem ersten Aufstand der „Messias-Armee“ unter Führung des radikalen Muqtada al-Sadr kam. Binnen Tagen wurden die Polizeistationen und Regierungsgebäude in den drei großen Städten des Südens gestürmt, wurden irakische Polizisten ebenso wie britische Soldaten beschossen. Doch es gelang, die Rebellion einzudämmen und auslaufen zu lassen. Ebenso im August 2004, als die Briten in Basra allein 180 Angriffe mit Mörsern und Panzerfäusten zählten. Im November waren es nur noch 13 Angriffe. Die Gründe dafür lassen sich erzählen, aber es gibt eine Szene, die sie punktgenau illustriert: Während meines „Embed“ im britischen Hauptquartier am Flughafen von Basra im November 2004 waren fast zwei Wochen lang allnächtlich Leuchtspuren am Nachthimmel zu sehen, die von links und rechts über die Steppe jagten, untermalt vom Wummern abgefeuerter Mörser. Die britischen Soldaten schauten zu. Es war Krieg, aber nicht ihrer. Sondern eine Fehde zwischen zwei Stämmen, den al-Garamschi und den al-Af. „Solange die das untereinander ausmachen, mischen wir uns nicht ein“, beschied Major Henry Ricketts die besorgte Nachfrage.

Erst als ein Geschoss eine Überlandleitung traf und Basras Stromversorgung zum Kollaps brachte, vermittelten britische Unterhändler – die Wut der zwei Millionen Einwohner Basras hinter sich – einen Waffenstillstand. Tage später, auf dem Dach des ebenfalls von der britischen Armee okkupierten Hotels Schatt al-Arab, einem 1952 eröffneten, schwer heruntergekommenen Art Deco-Prachtbau, erzählte ein Soldat, dass die Wachhabenden dort unlängst beschossen worden seien. „Unsere Reaktion? Er ist sofort weggerannt. Da haben wir ihn laufen lassen.“ Was er nicht sagte, ist, dass die britischen Einheiten sehr wohl ein eng geknüpftes, aber diskretes Netz an Informanten aufgebaut haben. Nur eben nicht mit Massenverhaftungen.

Herausgekommen ist dabei ein sehr viel kleineres Netz als bei den Amerikanern, aber es produziert auch weit weniger Feinde und damit weniger Anschläge. Captain Phil Smith vom „Duke of Wellington“-Regiment nennt es die „soft-knock-policy“: selbst bei Irakern, von denen vermutet wird oder bekannt ist, dass sie Attacken auf britische Soldaten planen, nicht die Tür einzutreten und jeden männlichen Hausbewohner über 14 mitzuschleifen, sondern die Nachricht zu hinterlassen, dass man im Bilde sei. Und wiederkäme, falls nötig. Zum Jahreswechsel 2004/05 kann der befehlshabende General John Riley die irakischen Gefangenen in Basra nach eigenen Angaben an den Fingern zweier Hände abzählen. Als im Juni 2003 die sechs britischen Soldaten in Amara eingekesselt und erschossen wurden, „überlegten wir uns, was wir tun könnten“, erklärt ein zur Armee abgeordneter Geheimdienstmann: „Aber das ganze Hinterland von Amara sind Sümpfe, die hat nicht mal Saddam kontrolliert, und wir hätten es mit Gewalt erst recht nicht geschafft. Vergeltung hätte die ganze Provinz unregierbar werden lassen. Also sind wir gegangen. Und nach einer Weile wiedergekommen.“

Es ist ein schmaler Grat, auf dem die 8500 Briten inmitten mehrerer Millionen Iraker unterwegs sind: Setzen sie sich mit zu großer Härte durch, bringen sie umso mehr Menschen gegen sich auf. Halten sie sich zurück, wird ihnen dies leicht als Schwäche ausgelegt. Aber zumindest wissen sie um ihre Gratwanderung. „Wir haben alles falsch gemacht“, setzt Phil Smith an: „in Nordirland. Wir versuchen, aus den Fehlern zu lernen. Wir haben es in 30 Jahren nicht geschafft, Nord-irland vollständig zu kontrollieren. Warum sollte uns das in Basra gelingen, in viel kürzerer Zeit?“

Schon auf den alten Regimentsflaggen der in Basra stationierten Einheiten finden sich zig Kriegsschauplätze, an denen die Truppen ihrer Majestät gelernt haben, wie man Feldzüge führt – und oft genug verliert. Als hätte es die Mentalität quer durch die Dienstgrade geprägt, trifft man überall auf dieselbe Erkenntnis der eigenen Grenzen. „Wie lange noch sollen wertvolle Menschenleben geopfert werden beim vergeblichen Versuch, einer arabischen Bevölkerung eine ausgefeilte und teure Ordnung aufzuzwingen, nach der sie nie gefragt hat?“, schrieb The Times of London – schon 1920, als ein Aufstand die britischen Besatzer im Irak an den Rand der Niederlage brachte.5

Einer der ranghöchsten britischen Vertreter in Bagdad spricht eher wie ein besorgter Psychologe über seine amerikanischen Kollegen, die „nicht viel zu wissen pflegen über Länder, in die sie einmarschieren. Die beten so viel, sind so messianisch und haben das Ethos, als gute Amerikaner den Befehlen ihres Präsidenten dienen zu wollen – auch wenn sie im Einzelgespräch ihre eigene Politik für gescheitert erklären.“ Das Kernproblem sei: Die Amerikaner müssten partout siegen. Egal, um welchen Preis. Sie, sagen die Briten, müssten nicht siegen. „Wir wollen nicht bleiben“, konstatiert General Riley: „Wir wollen eine Situation schaffen, die es uns erlaubt zu gehen.“ Dafür müsse man nicht siegreich aussehen, befindet der Oberkommandierende in Basra und erinnert sich an die Konflikte seiner Dienstzeit: „In Zypern, Anfang der Siebziger, dachten alle, wir verlören – aber wir haben genau das erreicht, was wir wollten: gehen zu können.“ Wenn man keine imperiale Langzeitstrategie der Unterwerfung habe, sollte man auch nicht so handeln, als ob. Genau das tun die US-Truppen – aus der Eigendynamik von Vergeltung und technischer Überlegenheit heraus und weil jenseits davon wenig Maximen des Handelns zu existieren scheinen. Das liegt an einem frühen Grundwiderspruch der Operation „Iraqi Freedom“, der einen kleinen Rekurs erfordert. Die Beschaffenheit von Kriegen hat sich verändert. Früher wurden sie geführt zwecks Unterwerfung eines anderen Staates und gegebenenfalls Plünderung seiner Ressourcen – einhergehend entweder mit Einverleibung als Kolonie oder mit einem Rückzug, der das unterworfene Territorium sich selbst überließ.

Diese Zeiten sind weitgehend vorbei. Kein Staat kann es mehr wagen, sich einen anderen gegen dessen Willen einzuverleiben. Im Fall von Ölreserven würde die Weltgemeinschaft militärisch intervenieren; auf jeden Fall wäre er politisch und wirtschaflich völlig isoliert, die eigene Bevölkerung würde rebellieren. Jenseits von Afrika heißen Kriege heute eher Militärinterventionen – und werden offiziell geführt zur Befreiung einer Bevölkerung, Rettung einer Minderheit vor dem Genozid.

Im Falle des Angriffs auf den Irak blieb nach der Enthüllung der gefälschten Hilfsargumente irakischer Massenvernichtungswaffen die Forderung nach Freiheit und Demokratie für die Iraker. Doch mit diesem Paradigma des Krieges beginnt ein Kernproblem seiner Führung durch die US-Armee. Denn einen Krieg zu führen, der keine Wüste, sondern ein funktionierendes, friedliches Gemeinwesen hinterlassen soll, erfordert eine Kooperation der Bevölkerung des angegriffenen Staates. Nun sind Völker aber heikle Gebilde, menschlichen Individuen nicht unähnlich, die nebst Pragmatismus auch kompromisslosen Selbstbehauptungswillen mitbringen, die kollektiven Überzeugungen und Gewohnheiten eher folgen als plausiblen Argumenten.

Die amerikanische Kriegsführung hingegen folgt einer Maxime, die sich aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt, aber die schwer berechenbare Größe der betroffenen Bevölkerung ignoriert – obwohl doch in deren Namen gekämpft wird. Da ist zum einen die anhaltende Dynamik, eine für andere Armeen unschlagbare militärische Überlegenheit auszubauen. Dann hat US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld seit 2000 die Streitkräfte umgeformt: Schnell zu verlegende, flexible Einheiten mit enormer Feuerkraft sollen einen „chirurgischen“ Krieg führen, in dem alle relevanten Ziele aus der Luft zielgenau angesteuert und vernichtet werden. Bodentruppen sollten, falls überhaupt, nur kurzfristig stationiert werden: ein Einsatztypus für Situationen, in denen eine feindliche Streitmacht zu vernichten, aber ansonsten niemand in Betracht zu ziehen ist. Während Rumsfeld schlicht desinteressiert war an allem, was nach einem errungenen Sieg mit dem besiegten Land passieren würde, trugen die Neokonservativen, allen voran Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz, zwar die Idee der Demokratisierung wie ein Banner vor sich her – aber auch sie hatten keinen Plan, wie sich diese im Irak durchsetzen ließe. Ja, sie sahen nicht mal die Notwendigkeit eines elaborierten Planes, weil sie die hochproblematische Verfasstheit des Iraks gar nicht wahrnahmen.

Also zogen die USA mit weniger Truppen in den Irak als von der Generalität gefordert. Dass deren Verweildauer anfangs mit wenigen Wochen bis Monaten angegeben wurde, war wiederum allen recht. Es gab nie einen klaren, langfristigen Plan der Gesamtstationierung. Stattdessen wurde lange Zeit für den jeweils nächsten Termin der schrittweisen Rückgabe des Iraks an die Iraker geplant, bis zur Machtübergabe, bis zu den ersten Wahlen, den zweiten, etc. – bis man sich mittlerweile ins Nebulöse verlegt hat.

Doch wie soll es weitergehen? Auf der Jahreskonferenz des israelischen „Instituts für Terrorismusabwehr“ nahe dem Mossad-Hauptquartier in Herzliya, sozusagen unter Freunden, gab sich der pensionierte US-General Montgomery Meigs im September 2005 selbstkritisch: Vieles habe man falsch gemacht. „Wir hätten mit viel mehr Soldaten kommen sollen. Wir hätten nicht die irakische Armee einfach auflösen sollen. Wir hätten die konzentrierten Angriffe auf Falludscha besser nicht unternommen! Wir haben es mit einem Gegner zu tun, gegen den zu kämpfen wir nicht gelernt haben.“ Doch als Konsequenz bot er den Kernsatz an, den schon George Bush gebetsmühlenhaft predigt: „Failure is not an option“ – Scheitern kommt nicht in Frage.

 Woher die Sicherheit kommt, auf dem richtigen Weg zu sein, wenn jeder getane Schritt hernach als Fehler eingestanden wird, blieb Meigs’ Rätsel. Oder, wie es ein britischer General formulierte: „Sie sind sich darin einig, dass Scheitern keine Option ist – was nicht heißt, dass sie es unbedingt vermeiden werden.“

 Vergleicht man die Zahlen der Anschläge und Angriffe in den Einsatzgebieten beider Armeen, zeigt sich der Unterschied: Nach den internen Angaben des amerikanischen „Reconstruction Operation Center“, das sämtliche Attacken auf Koalitionsstreitkräfte und irakische Sicherheitskräfte erfasst, hat es in der Woche vom 28. November bis zum 5. Dezember allein in den Regionen in und um Bagdad, Mosul, Falludscha und Tikrit 695 Angriffe gegeben – darunter mehrere hundert der berüchtigten „IED“s (Sprengsätze gegen Fahrzeuge), mehrere Selbstmordanschläge, Beschuss mit Boden-Luft-Raketen, etc. Rund um Basra gab es zwei IEDs, einmal Schüsse aus einem fahrenden Auto, einmal „small arms fire“.6

 Der Preis der vergleichsweisen Nichteinmischung britischer Truppen ist die fortschreitende Verwandlung Basras in ein schiitisches Remake der Talibanherrschaft: Die letzten christlichen Alkoholhändler sind schon seit zwei Jahren tot oder geflohen, Kinos, Bars, die meisten Cafés haben geschlossen, und selbst in die Parks trauen sich viele Menschen nicht mehr aus Angst vor Schlägertrupps. Die Stadt ist fest in der Hand islamischer Milizen. Von denen selbst der Polizeichef von Basra vor einigen Monaten sagte, dass 80 Prozent der Polizisten auf ihre Befehle hören würden.7 Als Polizisten im September 2005 zwei britische SAS-Agenten in Basra festnahmen und an die „Messias-Armee“ überstellten, gaben die Briten einmal ihre „soft-knock-policy“ auf und walzten mit Panzern das Gefängnis nieder, um die beiden zu befreien – und sich seither noch mehr aus der Stadt zurückzuziehen. Der eigentlich für Frühsommer 2006 geplante Abzug von zwei Dritteln der Truppen ist offiziell verschoben worden, um ihn nicht wie eine Kapitulation aussehen zu lassen.

Doch die Grundlinie ist klar: so rasch wie möglich abzuziehen und kein Kriegsgebiet, sondern einen halbwegs stabilen Südirak zurückzulassen. Dass der dann mitnichten frei und nur sehr bedingt demokratisch sein wird, ist nicht ihre Entscheidung. Sondern die der Iraker.6

CHRISTOPH REUTER, geb. 1968, hat Islamwissenschaften studiert und den Irak als Reporter des Stern häufig besucht. Sein Buch „Café Bagdad“ (mit Susanne Fischer) erschien 2004.

  • 1. The Guardian, 13.4.2005.
  • 2. Christian Science Monitor, 30.3.2004.
  • 3. Afp, 9.4.2004.
  • 4. BBC News, 23.11.2004.
  • 5. New York Times, 15.11.2005.
  • 6. a. b. ROC-Bericht vom 5.12.2005. 7 Sunday Herald, 4.12.2005.
 
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