Ein Sieger, mit dem keiner rechnete

Paradoxerweise ist der größte Gewinner des Irak-Kriegs der Iran

1. June 2006 - 0:00 | von Khaled Hroub

Internationale Politik 6, Juni 2006, S. 28‑33

Kategorie: Sicherheitspolitik, Konflikte und Strategien, Internationale Politik/Beziehungen, Vereinigte Staaten von Amerika, Iran, Irak, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika

Auf regionaler Ebene entwickelt sich Teheran immer mehr zum größten Nutznießer der amerikanischen Invasion im Irak. Das Regime arbeitet daran, die dominante Regionalmacht im Mittleren Osten zu werden. Dabei ist es die treibende Kraft eines schiitischen „Widerstandsbogens“, der Staaten und Bewegungen mit einer antiamerikanischen Haltung verbindet. Nicht nur Amerikaner und Israelis betrachten den wachsenden Einfluss des Irans mit Sorge. Auch in arabischen Staaten wächst die Skepsis.

Der Iran steigt derzeit schnell zur wichtigsten mittelöstlichen Regionalmacht auf; den Vereinigten Staaten und dem Westen fehlen scheinbar die Mittel, um dies zu verhindern. Teheran verfolgt mit großer Beharrlichkeit sein Atomprogramm und trotzt damit den Wünschen und Interessen der Amerikaner, Europäer, Israelis und vieler arabischer Staaten. Dank eigenem Know-how hat man es geschafft, den nuklearen „point of no return“ zu erreichen: Mit der erfolgreichen Urananreicherung wurde eine Schwelle überschritten, von der es nicht mehr weit ist bis zum Bau einer Atombombe.

Der iranische Trotz ruht auf starken Fundamenten, die jedoch vielleicht nicht dauerhaft Bestand haben werden. Ironischerweise wurden diese Fundamente durch die Politik gelegt, die der Westen, und dabei insbesondere die Amerikaner, in den vergangenen 15 Jahren verfolgt haben. Von aktuellerer Bedeutung ist allerdings der Irak-Krieg. Seit Beginn der neunziger Jahre war es ein Hauptanliegen Washingtons, den Irak zu schwächen. Die Bush-Regierung mobilisierte internationale Unterstützung für ein Embargo gegen -Saddam Husseins – nach der Niederlage im zweiten Golf-Krieg 1991 schon geschwächtes – Regime, sorgte für dessen weltweite Isolierung und entschloss sich dann 2003 zur militärischen Invasion des Iraks. Was den Iran anging, hatten die Amerikaner und der Westen gehofft, dass moderate Regierungen wie die Mohammed Khatamis sich durchsetzen und radikale Tendenzen eindämmen würden. Das war aber nicht der Fall. In Wahrheit, und parallel zur westlichen und amerikanischen Beschäftigung mit dem Irak, arbeiteten die iranischen Nachbarn intensiv daran, ihre militärischen und politischen Ambitionen voranzubringen.

Die Invasion des Iraks und die Vernichtung von Saddam Husseins Regime erwiesen sich für den Iran als Gottesgeschenk. Erstens gelang den Amerikanern, was dem Iran in dem blutigen, teuren Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988 nicht gelungen war: der Sturz des Erzfeindes in Bagdad. Zweitens befreite die Invasion die Iraner nicht nur von ihrem schlimmsten Gegner; sie ersetzte ihn zudem durch den bestmöglichen Alliierten – eine schiitisch kontrollierte irakische Regierung. Dank des amerikanischen Krieges ist ein bis dahin unvorstellbarer Traum des Irans Wirklichkeit geworden: Sein regionaler Einfluss und sein Prestige haben sich vervielfacht. Drittens hat die äußerst unpopuläre Invasion die ohnehin starke antiamerikanische Stimmung in der Region weiter angeheizt und dem Iran so die Chance eröffnet, Unterstützung für seine konfrontative Politik gegenüber den USA zu mobilisieren. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Invasion die radikalen Trends in der Region gestärkt hat, deren Akteure Teheran ohnehin sehr nahe stehen. Viertens haben die Versäumnisse und unkalkulierten Konsequenzen der Invasion dem Konstrukt des „präventiven Krieges“ schweren Schaden zugefügt, das die Bush-Regierung als militärische Begründung für den Krieg gegen den Irak benutzt hatte. Diese Fehler haben das ganze Konzept, das ja auch die „logische Rechtfertigung“ eines Feldzugs gegen den Iran gewesen wäre, diskreditiert.

Zusammengenommen machen diese Faktoren den Iran zu dem beinahe einzigen Sieger im irakischen Chaos. Doch die Bedingungen, die zu dieser Entwicklung geführt haben, könnten sich schon bald ändern. Deshalb haben es die Iraner so eilig, Nuklearmacht zu werden und so eine neue Realität zu schaffen. Es ist dem populistischen Regime in Teheran dabei gelungen, die gesamte iranische Nation hinter diesem Ziel zu versammeln. Das Atomprogramm ist zu einer Frage des nationalen Stolzes geworden, zusätzlich aufgeladen mit nostalgischen Sehnsüchten nach einer Wiederbelebung der glorreichen Vergangenheit Persiens.

Iranische Realitäten im Irak

Die Sackgasse, in der die Amerikaner im Irak stecken, ist Irans Trumpfkarte für seine günstige neue strategische Position. Auf militärischer Ebene sehen sich die amerikanischen Truppen mit wachsendem Widerstand und täglich steigenden Opferzahlen konfrontiert. Auf politischer Ebene wirkt das Modell vom „demokratischen, vereinten und funktionierenden Irak“ längst wie eine realitätsferne Leerformel. Das Land versinkt Tag für Tag weiter in einem konfessionell grundierten Bürgerkrieg. Aus strategischer Sicht stellen irantreue Schiiten die bedeutendsten politischen Parteien und Milizen. Bislang haben sie sich den Amerikanern gegenüber kooperativ verhalten und versucht, ein funktionierendes politisches Gerüst zu errichten. Sollte sich die Situation zwischen den USA und dem Iran zuspitzen, könnten die Schiiten jedoch über Nacht ihre Waffen gegen die Amerikaner richten. Der gesunde Menschenverstand legt nahe, dass ein Feldzug gegen den Iran desaströse Folgen haben würde, solange sich amerikanische Truppen im Irak befinden. Zumindest derzeit scheint eine solche Option vom Tisch zu sein. Eine weniger verheerende Option wäre es, den Iran nach dem Abzug amerikanischer Truppen anzugreifen oder diese in den Norden des Iraks – und damit weg von den iranischen Hochburgen im schiitischen Süden – zu verlegen.

Bräche eine militärische Konfrontation zwischen dem Iran und den USA aus, wäre die Loyalität der irakischen Schiiten auf Seiten Teherans. Sie stellen das weitaus größte Segment der Bevölkerung und die gesellschaftlich stärkste Gruppe im Irak, verglichen mit sunnitischen Arabern oder Kurden. Der Einfluss des Irans reicht von der obersten Hierarchie der regierenden Schiiten-Parteien bis hinunter in die umfassenden Netzwerke der Moscheen und Graswurzel-Strukturen.

Die Amerikaner haben bereits offiziell gegenüber dieser „iranischen Realität“ im Irak kapituliert: Washington hat Teheran Gespräche in Bagdad über die Eindämmung der Zustände vor Ort und über zukünftige Schritte vorgeschlagen. Dies signalisierte einerseits eine verblüffende Anerkennung der stetig wachsenden iranischen Macht, andererseits war das Gesprächsangebot ein klares Zeichen amerikanischer Irritation über den Umgang mit dieser Entwicklung. Im Bewusstsein der eigenen Machtposition im Irak zeigte der Iran sich denn auch dezidiert desinteressiert am Angebot der USA. „Es besteht wahrlich kein Grund für solche Gespräche!“, kommentierte der iranische Präsident Machmud Achmadinedschad.

Arabische Besorgnis über den iranischen Einfluss im Irak wurde häufig formuliert, wenngleich in gemäßigten Tönen. Mittlerweile zeichnet sich jedoch auch hier ein deutlich besorgterer Diskurs ab. Der saudische Außenminister Prinz Saud al-Faisal erklärte im September 2005 in ungewöhnlicher Offenheit, der Iran habe die Früchte der amerikanischen Invasion in Form von Macht und Einfluss geerntet, obwohl er nach wie vor der größte Feind der USA in der Region sei.1 Indirekt gab er der US-Politik im Irak die Schuld für diesen Verlauf der Ereignisse.

Der Iran im Club der Atommächte?

Eine Nuklearmacht Iran wird immer wahrscheinlicher. Tehe-ran hat realisiert, dass jetzt der geeignete Zeitpunkt ist, auf seinen atomaren Ambitionen zu bestehen und seinen regionalen Einfluss auszudehnen. In Washington, Tel Aviv und anderen westlichen Hauptstädten steht man der Situation ohnmächtig gegenüber. Man weiß, dass die Lage im Irak kippen würde, wenn der Konflikt mit dem Iran gewaltsam eskalierte. Damit wäre der Masterplan der USA für den Irak und die Region als Ganzes obsolet.

Der Iran hat die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) jahrelang in komplizierte Verhandlungen verwickelt, womit er sich die Zeit erkauft hat, seine Anreicherungskapazitäten und andere Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Nach Ansicht amerikanischer und westlicher Experten würde sogar eine militärische Option zum jetzigen Zeitpunkt eine Fortführung des iranischen Atomprogramms zwar verzögern, aber nicht mehr verhindern können.2 Zudem fehlte einer solchen Option die internationale Unterstützung, eine Tatsache, der sich die iranische Führung bewusst ist und die sie weidlich ausnutzt. Gekonnt spielt sie auf der Klaviatur der Großmacht-Rivalitäten und hat so eine gewisse Unterstützung von Russland und China gegen die USA und Europa gewinnen können.

Gleichwohl sind Militärschläge zur Bekämpfung der nuklearen Ziele des Irans nie ausgeschlossen worden. Sollte Washington sich doch für eine solche Option entscheiden, wären die Kosten dafür sehr hoch. Israel ist bislang als vehementer Befürworter von Militärschlägen aufgetreten und hat seine Bereitschaft erklärt, „die Mission“ eines Angriffs auf iranische Nuklearanlagen „zu übernehmen“. Die Konsequenzen wären jedoch schrecklich. Zunächst sind die Nuklearanlagen im Iran über das ganze Land verteilt. Viele dieser Anlagen wurden bewusst in dicht besiedelten Städten oder deren Umfeld errichtet, so dass die Bevölkerung dort als menschlicher Schutzschild dient. Die zu erwartenden Reaktionen des iranischen Regimes auf solche Angriffe wären weit reichend und ähnlich furchtbar. Dazu könnte der Beschuss Israels gehören, das als Hauptverschwörer hinter jeder Attacke vermutet würde. Iranische Führungspersönlichkeiten weisen außerdem darauf hin, man könne im Falle der Konfrontation „die ganze Region destabilisieren“.3 Dies gilt als deutliche Botschaft an die arabischen Golf-Nachbarn; die dortigen Ölquellen und amerikanischen Militärbasen würden zu Zielen iranischer Vergeltungsschläge. Auch die Schifffahrtswege durch die Straße von Hormuz wären betroffen, droht der Iran doch, diese für die Durchfahrt internationaler Tankerflotten gegebenenfalls zu sperren.

Hinzu kommt, dass sich ein Militärschlag gegen den Iran massiv auf den Ölfluss und die Rohstoffpreise auswirken würde. Akute Versorgungsengpässe haben zu den jetzigen Rekordpreisen geführt. Als einer der Hauptversorger hält der Iran mit seinen Öl- und Gasvorräten eine Karte in der Hand, mit der er hoch pokern kann, um die globale Energieversorgung zu beeinflussen. Tatsächlich könnte er der Wirtschaft im Westen großen Schaden zufügen, sollte das Regime in das Spiel um einen höchstmöglichen Anstieg der Ölpreise einsteigen.

Auf regionaler Ebene wären Schiiten-Aufstände in Ländern zu erwarten, in denen diese einen bedeutenden Bevölkerungsanteil stellen, wie im Libanon, in Saudi-Arabien, Bahrain oder auch in Kuwait und Oman. Angesichts der großen Unterstützung, die die iranische Politik bei der Bevölkerung in der Region genießt, würde die Solidarität im Krisenfall sicherlich über die schiitischen Gruppierungen und Bevölkerungen hinausgehen. Kürzlich berichteten mehrere Quellen von Selbstmord-Kommandos, die vom Iran für den Auslandseinsatz trainiert würden, sollte die Konfrontation eintreten. Ihre Ziele wären Einrichtungen Amerikas und des Westens inner- und außerhalb der Region.4

Der Iran im Regionalgefüge – Bildung eines „Widerstandsbogens“

Die arabischen und islamischen Bevölkerungen betrachten den radikalen Diskurs, mit dem der Iran – vor dem Hintergrund wachsender Feindseligkeit gegenüber amerikanischer und westlicher Politik in der Region – Unterstützung mobilisiert, als deutliche Antwort auf die Arroganz Washingtons und anderer westlicher Hauptstädte. Die Kritik am Umgang des Westens mit dem iranischen Atomprogramm hängt eng zusammen mit Israels Nuklearkapazitäten. Regelmäßig zu vernehmen ist der Vorwurf, der Westen verhalte sich scheinheilig, weil er die israelischen Atombomben nicht problematisiere, aber bereit sei, den Iran wegen dessen friedlicher Nutzung der Atomenergie anzugreifen. Wo sich Verzweiflung und Wut paaren, verhindern sie in der arabischen und islamischen öffentlichen Meinung die Erkenntnis, dass extremistische Diskurse nur zur Katastrophe führen, wie dies die Fälle von Saddam Hussein und Osama Bin Laden erwiesen haben. Solange Wut die öffentliche Stimmung prägt, wird jeder populistische Diskurs von der wütenden Mehrheit mit Begeisterung aufgenommen.

Der Iran selbst genießt seine führende Rolle „regionaler Militanz“ gegen amerikanische und westliche Diktate. Das Regime bemüht sich um die Konsolidierung dessen, was es als „Widerstandsbogen“ bezeichnet. Dieser Bogen beginnt in Teheran und verläuft durch Bagdad mit seiner großen Anzahl an iranischen Unterstützern, Damaskus und den Libanon mit der Hisbollah bis ins Palästina der Hamas. Gerichtet ist er gegen die als arrogant empfundene Regionalpolitik der USA und Israels.

In Wahrheit ist die Herausforderung Teherans an Washington speziell auf die Sackgasse zugeschnitten, in der sich die Amerikaner im Irak befinden. Eine große Mehrheit der irakischen Bevölkerung würde dem iranischen Regime in jedweder Konfrontation mit den USA Loyalität erweisen. Derzeit haben die Iraner die Hebel in der Hand. Tausende amerikanische Soldaten im Irak sind der iranischen Entscheidung, welchen Weg die Konfrontation nimmt, ausgeliefert. Entzögen sich die Amerikaner dagegen dem irakischen Dilemma, änderte sich die Situation, und der regionale Einfluss des Irans könnte eingehegt werden.

Arabische Sorgen über den Iran

Wie der Gipfel der Arabischen Liga in Khartum im März 2006 demonstriert hat, sind die arabischen Staatsführer durchaus verstört über das iranische Verhalten. Besonders die Herrscher der Golf-Staaten sehen die wachsende Macht des Irans verständlicherweise mit Besorgnis, andere arabische Staatschefs ebenfalls. Der Iran seinerseits betrachtet die Positionen vieler arabischer Staaten, was seine Politik und seine Regionalinteressen angeht, auch mit Argwohn. Eine Konfrontation zwischen dem Iran und den USA – möglicherweise unter Einschluss Israels – droht; die Lage der arabischen Staaten ist dabei bestenfalls prekär. Mit Sicherheit befänden sie sich im Kreuzfeuer, unter massivem Druck der USA, alle Maßnahmen gegen das Regime in Teheran zu unterstützen.

Die Reaktionen der arabischen Regime auf den wachsenden Einfluss des Irans schwanken zwischen der Forderung an Teheran, seine endgültigen Ziele offen zu legen und die Nachbarstaaten diesbezüglich rückzuversichern, und dem Vertrauen auf die USA als Kontrollmacht der Mullahs. Sie hoffen inständig, dem Dilemma der einseitigen Solidarisierung mit den USA und dem Westen im Konfrontationsfall entgehen zu können. Sollte es doch zum Krieg zwischen dem Iran und den USA kommen, stehen den Golf-Staaten schwierige Entscheidungen darüber bevor, ob sie den Amerikanern Militärbasen und andere Einrichtungen zur Nutzung überlassen.

Noch mehr Sorgen bereitet den arabischen Staaten der Umstand, dass der Iran ihnen nicht als gewöhnlicher regionaler Akteur gilt. Seine Ansprüche und religiösen Diskurse werden von den arabischen Nachbarstaaten als souveränitätsverletzend empfunden, da sie dazu dienen, die schiitischen Bevölkerungsteile in ihren Ländern zu beeinflussen. Im April erklärte der ägyptische Präsident Hosni Mubarak rundheraus, und dabei unbedacht provokant, die Loyalität der Schiiten in arabischen Staaten läge beim Iran, nicht bei ihren Heimatstaaten,5 eine Bemerkung, die die arabischen Schiiten enorm verärgerte. Mubarak äußerte damit Befürchtungen, die viele skeptische Politiker am Golf und im Libanon in Bezug auf „ihre“ Schiiten teilen. Sie alle fürchten, der Iran könne diese gegen ihre Regime mobilisieren.

Aus iranischer Sicht verschiebt sich die Politik der arabischen Staaten gegenüber Teheran dagegen immer weiter in Richtung westlicher, vor allem amerikanischer Positionen. Faktisch folgen die Interessen der arabischen Staaten und Bevölkerungen in der Region jedoch einer gänzlich anderen Logik als jener westlicher und amerikanischer Interessen. Viele arabische Stimmen befürworten einen Dialog mit dem Iran nicht nur auf der Ebene einzelner Staaten, sondern auch auf kollektiver Ebene – Kontakte, die über reine Höflichkeit und diplomatische Beziehungen hinausgehen sollten.

Regionale Sicherheit und die Sicherheit des Persischen Golfes, die zu den wichtigsten Themen vor Ort zählen, können nach Ansicht einiger arabischer Kommentatoren nicht ohne den Iran erreicht werden. Verhandlungen und Vereinbarungen mit ihm im Bereich regionaler Sicherheit werden als wesentlich dringender empfohlen als „utopische“ Arrangements mit der NATO. Sie gelten als wichtiger als jede Form eines Sicherheits-Schutzschirms, der einen angrenzenden Staat ausklammert.

In den kommenden Monaten wird eine klarere arabische Position gegen-über dem Iran notwendiger sein als je zuvor. Denn früher als viele vermuten, wird der Westen seine Bemühungen intensivieren, das Land in die Enge zu treiben und seine Hybris zurechtzustutzen. Sogar ein militärischer Angriff ist nicht ausgeschlossen. Wenn die Araber sich dem amerikanischen Druck und eventuellen Militärschlägen gegen das Teheraner Regime anschließen, gefährden sie ihre eigenen Interessen und setzen die verbleibende fragile Stabilität der Region aufs Spiel. Es sollte daran erinnert werden, dass die politische und religiöse Führung des Irans glaubt, die natürliche Quelle der Autorität für alle Schiiten der Region, auch jene in arabischen Staaten, zu sein, obwohl diese die Logik iranischer politischer Autorität (im Gegensatz zur religiösen Autorität) ablehnen. Trotzdem wird jegliche arabische Unterstützung amerikanischer und westlicher Feindseligkeiten gegen den Iran diesen dazu verleiten, die „schiitische Karte“ zu spielen – und dies, wie auch alle anderen Karten in der Hand Teherans, in der ganzen Region.

Das wirkliche Chaos am Golf steht noch bevor. Auch wenn die Invasion des Iraks schon chaotisch genug verlief – ein Angriff auf den Iran würde die Region in wahrhaft dramatische Turbulenzen stürzen.

Dr. KHALED HROUB, geb. 1965 in Bethlehem, ist Direktor des Cambridge Arab Media Project (CAMP) am Centre of Middle Eastern and Islamic Studies (CMEIS) der Universität Cambridge. Er moderiert u.a. eine wöchentliche Büchersendung auf Al-Dschasira TV und schreibt eine Kolumne für sieben arabische Tageszeitungen.

  • 1. So der Minister in einer Rede vor dem Council on Foreign Relations in New York.
  • 2. Vgl. beispielsweise James Fallows: The Nuclear Power beside Iraq, The Atlantic Monthly, Mai 2006 oder Julian Borger u.a.: No Plan B – So could the US ever learn to live with Iran in the nuc- lear club? The Guardian, 15.4.2006.
  • 3. Haschemi Rafsandschani, der ehemalige iranische Präsident und jetzige Vorsitzende des Rates zur Feststellung des nationalen Interesses, machte am 16. April 2006 in Damaskus deutlich, jeder Angriff auf Iran wegen seines Atomprogramms würde Instabilität verursachen und "der Region und allen schaden“.
  • 4. Vgl. Sunday Times, 16.4.2006.
  • 5. So Hosni Mubarak in einem Interview mit Al-Arabiyya am 8. April 2006.

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