Cry for me, Palästina

Nach ihrem Wahlsieg betreibt Hamas eine radikale Islamisierung

1. March 2006 - 0:00 | von Pierre Heumann

Internationale Politik 3, März 2006, S. 86 - 89.

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Bilaterale Konflikte, Sicherheitspolitik, Palästinensische Selbstverwaltungsgebiete, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika

Bei den Parlamentswahlen von Ende Januar verhalfen die Palästinenser den Islamisten der Hamas zu einem Erdrutschsieg. Nun stellen sie mit Schrecken fest, dass die neue Regierung ein Taliban-Regime in der Westbank und Gaza installieren könnte. Deshalb behilft man sich mit schwarzem Humor. Und hofft auf Neuwahlen in nicht allzu ferner Zukunft.

Der Erdrutschsieg der Hamas sorgt für Unruhe und Verwirrung. Nicht nur Israel, der Westen und arabische Regime haben ihre Mühe, sich mit der neuen radikal-islamischen Regierung abzufinden. Paradoxerweise ist auch die Hamas selbst von ihrem Sieg bei den palästinensischen Parlamentswahlen überrascht worden. Denn eigentlich hatte sie in ihrem Wahlkampf gar keine absolute Mehrheit gewinnen wollen, sondern nur die Rolle einer starken Opposition im Parlament angestrebt. Sie wollte die korrupten Politiker der Fatah entlarven und vor Gericht stellen, ohne selbst Regierungsverantwortung tragen zu müssen.

Einige palästinensische Intellektuelle debattieren jetzt darüber, wie sich die Hamas in ihrer Funktion als staatstragende Partei verhalten werde. Khaled Duzdar vom Israel/Palestine Center for Research and Information (IPCRI), der sich seit Jahren für einen Ausgleich mit Israel einsetzt, sieht schwarz für die Zukunft. Hamas wolle ein „heiliges Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer“. Er bezweifelt, dass sie jemals ihren Anspruch auf „ganz“ Palästina aufgeben werde. Zudem gehöre ein Gottesstaat zur Strategie der Hamas. Duzdar kann bei der Hamas keine Kompromissbereitschaft erkennen. „Die Hamas zu ändern ist so wahrscheinlich, wie einen Muslim dazu zu bringen, eine Sure im Heiligen Koran zu ändern“, meint er zynisch.

Weniger apokalyptisch – aber immer noch reichlich pessimistisch – gibt sich Mustafa Abu Sway vom Islamischen Forschungsinstitut der Al-Kuds-Universität in Jerusalem. Der Philosoph und Professor für islamische Studien  erwartet, dass die Hamas langsam „in die Mitte rutschen“ werde – nicht geradlinig allerdings, sondern mit Irrungen und Wirrungen, deren Kosten von Israelis wie Palästinensern zu zahlen sein würden. Die Hamas werde versuchen, der Bevölkerung Scharia-Gesetze aufzuzwingen und die Lehrpläne dem islamischen Gesetz anzupassen, befürchtet Abu Sways. Um die Rechte von Frauen und Christen, glaubt er, stünde es dann schlecht.

Die meisten Intellektuellen jedoch schrecken davor zurück, sich in die Debatte einzuschalten, bedauert der palästinensische Politologieprofessor Munter Dadschani. „Sie haben Angst“, meint er, „sich auf der falschen Seite zu exponieren.“

Um so klarer bezieht der Volksmund Stellung. Kaum stand der Sieg der Hamas fest, zirkulierten bereits die ersten Witze, in denen die Palästinenser ihrem Schock über den Wahlsieg Ausdruck verliehen. Ad-hoc enstanden und flugs per SMS weiter geschickt, macht man sich in solchen Witzen über ein Leben in einem Schariastaat lustig. Dabei spielt die grüne Farbe der Islamisten eine wichtige Rolle: Verkehrsampeln würden fortan nicht mehr auf rot – gelb – grün schalten, sondern nur noch grün anzeigen. Das habe auch Vorteile, lacht man. Alle kommen früher zur Arbeit. Wer sein Auto falsch parkt, heißt es auch, bekomme fortan keine Buße aufgebrummt, sondern müsse zwei Rakahs (islamische Gebetseinheiten) sprechen. Auch über die Gesellschaftsmoral unter der Fuchtel der Islamisten macht man sich keine Illusionen. Wer sich ein Video der populären Sängerin Nancy Adschram ansieht, die auch als Sexsymbol gilt, werde mit 80 Peitschenhieben bestraft.

Politische Witze sind immer ein verlässlicher Stimmungsbarometer. „Das schnelle und spontane Auftauchen der Witze zeigt den immensen Schock, den das Resultat für alle Palästinenser hatte“, meint der Ethnologe Scharif Kanaana von der Bir Zeit-Universität. Die Witze helfen, die Angst vor einer Diktatur der radikal-islamischen Hamas zu verarbeiten.

Auch wenn sich viele Palästinenser zutiefst vor dem puritanischen Islamismus fürchten, schimmert in den Witzen die Hoffnung durch, dass sich die Hamas, einmal an der Macht, pragmatisch verhalten werde. Weshalb, fragt man sich in Ramallah zum Beispiel augenzwinkernd, hat die Organisation schon Monate vor den Wahlen keine Selbstmordattentäter mehr geschickt? Weil jede Stimme zählte.

Die Verunsicherung der säkularen Bürger ist verständlich, denn die zwangsweise Umsetzung religiöser Gesetze ist für die Hamas wesentlich mehr als ein Lippenbekenntnis. Das mussten bereits die Bewohner der Westbankstadt Kalkilia erfahren. Im vergangenen Sommer hatten sie die Fundamentalisten in die Kommunalverwaltung gewählt. Dort machten diese sich sofort daran, der Stadt ihre Moralvorstellungen aufzuzwingen. Aus „religiösen Gründen“ untersagten sie ein Stadtfest, weil dort Männer und Frauen zusammen getanzt hätten. Sie weigerten sich, den Fußballplatz als Ort der Feier zur Verfügung zu stellen, obwohl zu dieser Gelegenheit Hunderte Besucher aus den umliegenden Dörfern anreisten und den lokalen Geschäftsleuten zu guten Einnahmen verhalfen. Die Bürger seiner Stadt seien zwar traditionell, meint Journalist Naim Sweilem aus Kalkilia. Aber die Entscheidung war unpopulär. „Bei früheren Festen ist ja nichts Schlimmes passiert“, fasst Sweilem den Ärger der Leute zusammen, und „ein bisschen Spaß muss doch auch sein“. Doch die Hamas ließ sich nicht umstimmen: „Die Bürger haben uns gewählt, um Tradition und Religionsgesetze durchzusetzen“, begründete Mustafa Sabri, der Sprecher der Stadtverwaltung, das Verbot.

Auf dem Weg zum Gottesstaat

Aus ihrem langfristigen Ziel machen die Islamisten kein Geheimnis. Achmed Abdel-Asis Mubarek, einer der neu gewählten Parlamentarier der Hamas aus Ramallah, schwärmt von seiner Vision eines islamischen Staates. „Wir werden in den nächsten Jahrzehnten daran arbeiten, unser Land in unserem Sinn zu verändern“, meint er. „Als erstes werden wir im Parlament die Scharia zur Verfassung erheben“, verkündet auch die Nummer Zwei auf der Hamas-Liste, Mohammed Abu-Tur, „die Scharia hat eine Seele, und sie ist für alle Lebenslagen gut“. Zunächst werde man bei der Umsetzung ihrer Ideologie vom Gottesstaat die Lehrpläne und Unterrichtsformen in den Schulen verändern, um die Grundlage für eine Rückkehr zur Religion zu legen, meint ein der Fatah nahe stehender Politiker. Die vor zehn Jahren abgeschaffte Geschlechtertrennung dürfte dann schnell wieder eingeführt werden.

Solche Absichten nimmt man in der Westbank höchst alarmiert zur Kenntnis. Noch dominieren in Ramallah oder Bethlehem westlich gekleidete Frauen das Straßenbild. In Gaza aber ist die Vision der Hamas bereits Realität geworden. Die ersten Vorboten islamischer Dominanz sind seit Jahren sichtbar. Die große Mehrheit der Frauen von Gaza-Stadt geht nur noch verschleiert auf die Straße, und der letzte Alkohol-Ausschank wurde im Dezember letzten Jahres von fanatischen Eiferern gestürmt. Der Süden des Gaza-Streifens ähnelt schon jetzt Afghanistan unter den Taliban: Die Frauen von Rafah und Khan Junis verdecken ihre Gesichter mit einem Vollschleier, und selbst im heißen Hochsommer tragen viele Handschuhe, um jedes Stückchen Haut vor männlichen Blicken zu verbergen. „Gaza hat Ramallah besiegt“, fassen deshalb viele Palästinenser das Wahlresultat zusammen.

Grüne Kaderschmiede

Die puritanische Form des Islams spielt auch an der Islamischen Universität von Gaza-Stadt eine prägende Rolle. Offiziell ist sie zwar eine unabhängige Institution. Aber die Hamas habe die Universität aufgebaut, sagt Dschamila Schanti, Professorin für Pädagogik und frisch ins Parlament gewählte Hamas-Politikerin. „Die Universität vertritt die Philosophie der Hamas.“

Allah ist dort omnipräsent: Fünf Mal am Tag werden die Jungakademiker zum Gebet aufgerufen. Jeder Student muss den Koran auswendig lernen. Männer und Frauen werden getrennt unterrichtet, was enorme Zusatzkosten verursacht, denn alle Vorlesungen werden je einmal für  weibliche und für männliche Studenten gehalten. Männer und Frauen betreten den Campus durch getrennte Tore. Frauen müssen nicht nur Schleier tragen. Aufseherinnen achten zudem peinlich genau darauf, dass sie die Kleidervorschriften einhalten und kein Haar zu sehen ist. Männer dürfen laut Hausordnung ihren Kommilitoninnen  nicht direkt in die Augen sehen. Die Cafeteria wird doppelt geführt. Wo die Potenzierung des Angebots zu teuer wird, behilft man sich mit unterschiedlichen Nutzungszeiten. Ein rigoroser Stundenplan sorgt in Bibliothek und  Forschungslaboratorien für die Geschlechtertrennung. Und dass in der  Universitätsbuchhandlung nicht nur Sachbücher und Lehrmaterial angeboten werden, sondern auch DVDs, die Selbstmordattentäter als „Märtyrer“ verherrlichen, versteht sich von selbst.

Die Islamische Universität ist eine der wichtigsten Kaderschmieden der Hamas. Die meisten radikal-islamischen Politiker besitzen ein Diplom dieser Alma Mater. 16 Fakultätsmitglieder vertreten die Hamas im Parlament – 20 Prozent der Fraktion. Zu den Absolventen oder Dozenten der Islamischen Universität gehören die mächtigsten Hamas-Politiker wie Ismail Hanije oder Machmud Sahar; Dschamila Schanti, Gründerin der Hamas-Frauensektion, arbeitete bei den Anglisten, Abdel Asis Rantisi, der vor zwei Jahren von der israelischen Armee getötet wurde, war im Rektorat der Hochschule angestellt. Zu den prominenten Studenten gehört Mohammed Deif, der in Israel besser als „Bombenmacher“ bekannt ist und seit langem auf der israelischen Liste der Top-Terroristen steht. Im Museum der Universität dokumentiert ein Glückwunschschreiben des HamasGründers Scheich Achmed Jassin die engen Beziehungen der Institution zur Hamas, die sich auch an der Zusammensetzung des Studentenrats ablesen lassen: Er wird von Hamas-Vertretern dominiert. Kamalain Schaath, der Präsident der Hochschule, sieht die enge Verknüpfung zwischen seiner Universität und den Islamisten als Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung im Gaza-Streifen. „Hamas beeinflusst unsere Gesellschaft – und dem können wir uns nicht entziehen“, so Schaath.

Trotz der engen Beziehungen zur Hamas überweist der Westen der Islamischen Universität Beträge in Millionenhöhe. Der Chiphersteller Intel spendete eine Million Dollar; die amerikanische Entwicklungshilfeagentur US-AID, die kein Geld an Terrororganisationen vergeben darf, unterstützt mehrere kleinere Projekte. Auch Eu-ropa greift der Islamischen Universität finanziell unter die Arme.

Die Drohung Israels und des Westens, einer von der Hamas geführten Regierung keine Gelder zu überweisen, nehmen die neuen Machthaber deshalb gelassen zur Kenntnis.

Schon heute fließt nämlich ein großer Teil der Hilfsgelder nicht direkt an die Palästinensische Autonomiebehörde, sondern an regierungsunabhängige Organisationen, Bildungsanstalten und in die Flüchtlingshilfe. Zudem setzt die Führung der Hamas  auf Länder wie Saudi-Arabien, Katar oder Kuwait, welche die Organisation in der Vergangenheit unterstützt haben. „Das werden sie wohl weiter tun“, sagt ein palästinensischer Botschafter. Zudem besteht in der Palästinenserregierung ein riesiges Sparpotenzial, das die Hamas nutzen will. So sollen die Gehälter der Abgeordneten gekürzt und 30 000 bis 35 000 Stellen gestrichen werden, die nur der Form halber bestehen. Hamas-Führer Machmud Sohar wirft der abgewählten Regierungspartei Fatah vor, dass in der Vergangenheit ein Großteil der Hilfsgelder in dunklen Kanälen versickert sei. Wenn die Hamas jetzt korrupte Funktionäre entlasse und neue arabische Geldquellen erschließe, könne sie die fehlende Unterstützung aus dem Westen wettmachen, meint Sahar.

Selbst wenn sich die Hamas zuversichtlich gibt, auch ohne die „satanischen Gelder der USA“ (Sahar) auskommen zu können, machen Palästinenser ihren Geldsorgen in einem Witz Luft. Sollten die EU und die USA die Palästinensische Autonomieregierung nicht weiter finanzieren,  müsse man die Angestellten demnächst eben mit Datteln entlohnen.

Dabei ist die Hamas nicht nur eine militärische Organisation und eine politische Bewegung, welche die Existenz Israels ablehnt, sondern auch einer der potentesten Wirtschaftsfaktoren in den palästinensischen Gebieten. Sie greift vielen Tausend armen Familien unter die Arme. In ihren Institutionen beschäftigt sie rund 10 000 Angestellte, die mit ihrem Einkommen etwa 50 000 Menschen versorgen. Der Bevölkerung stellt die Hamas kostenlos Schulen, medizinische Versorgung in ihren Kliniken oder Nahrungsmittel zur Verfügung, was zu ihrer Popularität beiträgt. Vor allem in den Flüchtlingslagern, wo die Mittellosen ohne Hamas-Gelder oft nicht überleben könnten, verfügt die Hamas über eine treue Anhängerschaft. Und Selbstmordattentäter können sich wenigstens in dem beruhigenden Gefühl in die Luft sprengen, dass ihre Familien von den Fundamentalisten auf Jahrzehnte alimentiert werden.

Nach dem Wahlerfolg muss die Hamas beweisen, dass sie das Vertrauen der Wähler verdient. Viele Palästinenser hoffen das, aber viele fürchten sich vor nichts mehr als der Vision der Islamisten von einem Gottesstaat. Letztere setzen darauf, dass die Hamas scheitern und dann beim nächsten Urnengang wieder abgewählt werde. So wie in Kalkilia: Die Fundamentalisten hatten ihre Versprechungen, in der Stadt für neue Wirtschaftsprojekte zu sorgen und das Leben der Bürger zu verbessern, nicht verwirklichen können. Offenbar, merkten die Einwohner Kalkilijas, können auch die Fundamentalisten keine Wunder bewirken. Weil die Hamas das Vertrauen der Wähler verspielt hatte, ging sie bei den Wahlen zum Legislativrat Ende Januar leer aus.

Dr. PIERRE HEUMANN, geb. 1951, studierte Volkswirtschaft und ist seit 1993 Nahost-Korrespondent der Weltwoche. Zuletzt veröffentlichte er zusammen mit Scharif Kanaana „Wo ist Frieden? Wo ist Demokratie? Der palästinensische Witz: Kritik, Selbstkritik und Überlebenshilfe“ (2001).

 
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