Mythos Integration

Über "negative Anpassung", Islam, Terror und Vorstadtkrawalle

1. March 2006 - 0:00 | von Robert S. Leiken

Internationale Politik 3, März 2006, S. 22 - 27.

Kategorie: Migration, Integration, Kultur, Religion, Staat und Gesellschaft, Terrorismus, Innere Sicherheit

Warum revoltieren französische Jugendliche? Warum töten scheinbar gut integrierte Marokkaner oder Pakistanis der zweiten Generation niederländische Filmemacher oder legen Bomben in der Londoner U-Bahn? Und was hat das alles mit dem Islam zu tun? Die europäischen Gesellschaften täten gut daran, sich mit den Problemen ihrer Immigranten näher zu befassen – und sich zu fragen, welche sie selbst zu verantworten haben.

Es ist zum Gemeinplatz geworden, von der Existenz „wütender Muslime“ in Europa zu sprechen und als Allheilmittel die „Integration“ zu empfehlen. In diesem Zusammenhang werden dann gerne die Auseinandersetzung über die in einer dänischen Zeitung erschienenen Mohammed-Karikaturen angeführt, die Aufstände in Frankreichs Banlieues vom vergangenen Herbst, die Terrorattentate in London vom Juli letzten Jahres, die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo Van Gogh, die Attentate von Madrid und sogar die Angriffe auf das World Trade Center, die von Mohammed Atta und dessen Hamburger Schläferzelle ausgeführt wurden.

Aber nicht alle französischen Aufständischen waren Muslime, und die Unruhen gingen eher auf das Konto von Straßenbanden als von islamischen Organisationen. Letztere versuchten sogar, die Situation zu entspannen und zu verhandeln. Dass es ihnen nicht gelungen ist, zeigt, dass der Einfluss dieser Organisationen in den unruhigen Vorstädten viel geringer ist, als von denjenigen vermutet wurde, die den Gewaltausbruch gleich als eine „französische Intifada“ bezeichnen wollten. Für einen angesehenen Experten besaßen die französischen Aufstände unter dem Kennzeichen eines „sozial motivierten Terrorismus“ sogar den gleichen Charakter wie der politisch motivierte Terrorismus.1 Nach Angaben des französischen Geheimdiensts jedoch nahmen an den Gewaltakten keine Dschihadisten teil.2

Aufstände sind spontan, planlos, öffentlich und größtenteils nicht zielgerichtet. Sie werden von relativ großen Gruppen ausgeführt (und entsprächen so dem von Elias Canetti definierten Begriff der„Masse“). Im Gegensatz dazu ist Terror organisiert, geplant, geheim und präzise gesteuert. Er wird von Kleingruppen durchgeführt. Aufstände brechen blindlings aus, Terror verbreitet eine Botschaft.

Die meisten Dschihadisten stammen nicht aus den Banlieues. Vergangenen Sommer befragte ich Mitarbeiter der Geheimdienste in Belgien, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und Spanien nach dem Anteil sozialer Auf- bzw. Absteiger unter den von ihnen überwachten Dschihadisten. Von allen erhielt ich die gleiche Antwort: Zwei Drittel seien soziale Aufsteiger, ein Drittel soziale Absteiger. Zwei Drittel seien „erfolgreich“ und integriert, wie der Mörder von Van Gogh, Mohammed Bouyeri, oder der Anführer der Londoner Bombenanschläge, Mohammed Siddique Kahn. Nach den meisten Indizien für eine gelungene Integration – Kleidung, Sprache, berufliche Perspektiven und soziale Bindungen – waren diese Männer assimiliert.

Das stellt uns vor die Frage, was uns Integration als Erklärung oder Heilmittel eigentlich bringt? Und wie kommt es, dass zwei Drittel der Dschihadisten und Terrorverdächtigen scheinbar gut integriert oder assimiliert sind? (Entgegen den akademischen Gepflogenheiten benutze ich diese beiden Bezeichnungen als Synonyme.)

Anpassung, wie Milton Gordon 1964 feststellte, ist multidimensional.3 Man kann sich demnach kulturell assimilieren – die Vorliebe für bestimmte Sportarten, Kleidungsstil, Konsumverhalten, Traditionen und Alltagsgewohnheiten mit der Mehrheit des Gastlands teilen – ohne sich strukturell zu assimilieren, also den sozialen Netzwerken und Institutionen der Gastgesellschaft anzugehören oder sich mit dem Gastland zu identifizieren und ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. (Gordon nennt dies „identificational assimilation“.)

Häufig stammen Extremisten aus höheren Gesellschaftsschichten. Dies war der Fall bei den Anarchisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, bei vielen Kommunistenführern und den meisten europäischen Terroristen der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Wer die Möglichkeit eines Studiums genoss, konnte sich auch radikalisieren, zumal wenn die Möglichkeit existierte, die individuelle Entfremdung in einen größeren politischen Kontext hineinzustellen wie während der russischen Revolution, des Vietnam-Kriegs oder der muslimischen Revolte.

„Post-Migranten“, die eine Universität besuchen, könnten sich der dort vorherrschenden Mode einer antiwestlichen Kulturkritik anpassen und genau wie ihre Kommilitonen über das Elend des „Orientalismus“ philosophieren oder jeweils anderen Ideologien anhängen, die die Dritte Welt glorifizieren und den westlichen Imperialismus attackieren. Eine solche Erfahrung könnte sogar den Weg zum Dschihad ebnen.

Soziale Aufsteiger könnten den Schmerz der Diskriminierung genau dann erfahren, wenn sie versuchen, sich zu integrieren. Sie stellen fest, dass Einheimische mit gleicher Ausbildung bessere Stellen bekommen. Vielleicht finden sie keine geeignete Wohnung in einer bürgerlichen Gegend. Da sie intensiveren Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft pflegen, sind sie auch häufiger rassistischen Äußerungen ausgesetzt. Schließlich entwickeln Radikale mit einem Hintergrund als soziale Aufsteiger oft Schuldgefühle, weil es vielen ihrer Landsleute schlechter geht als ihnen. Radikalisierung sucht die Schuld bei der Gesellschaft oder bei Apostaten, also denen, die angeblich nicht glaubensfest genug sind. Radikale Taten lindern ein solches Schuldgefühl.

Natürlich kennen wir das Phänomen der „negativen Anpassung“ auch unter sozialen Absteigern. Die Jugendlichen und Halbstarken unter den Post-Migranten, denen ich begegnete, empfinden sich in Paris ebenso als Fremde wie in Algerien. In Paris erfahren sie Diskriminierung und fühlen sich zurückgestoßen. Beim Besuch der Verwandten in Algerien behandelt man sie wiederum wie Touristen – wobei diese Besucher ihrer „Heimatländer“ keineswegs daran denken, unter den Bedingungen eines Dritte-Welt-Landes zu leben, denn im Vergleich dazu wirkt noch jede Behausung in einem „cité-ghetto“ wie ein Herrenhaus des Rive Droite. Gleich ob in Paris, Brüssel oder Rotterdam, in den angesagten Nachtclubs europäischer Hauptstädte sind die „Beurs“ nicht willkommen. Fremde in Algerien, erniedrigt und ausgegrenzt in Paris, entwickeln viele keine nationale Identität. Deshalb schafft es die islamistische Umma als Gemeinschaft der Gläubigen wohl auch, einige dieser jungen Männer für sich zu begeistern.

Die Ebenbilder der französischen Aufständischen kann man in jeder westlichen Großstadt beobachten: Sie tragen Kapuzenpullover und verkehrt herum aufgesetzte Baseballkappen, sie besitzen Mobiltelefone und MP3-Player. Sexuell aggressive junge Männer, die westliche Frauen als Freiwild betrachten, sind für Angestellte wie Besitzer von Nachtclubs problematisch. Ihre Attitüde ähnelt eher urbanen Halbstarken oder jugendlichen Straftätern. Mit Immigration und Islam hingegen scheint sie wenig gemein zu haben.

Diese Lebensstile symbolisieren eine gewisse Akkulturation und Anpassung, wenn auch in negativer Form. Gangsta Rap und Kapuzenpullover sind keineswegs Importe aus dem Nahen Osten. Sie stammen nicht aus der „Außenwelt“. Sie sind Zeichen eines gewissen „Insidertums“, einer Integration in die westlichen Unterschichten. Sie sprechen Bände über Inhalt, Gestalt und Form von Integration der Einwandererunterschicht in Europa.

 Wenn sich Immigration als problematisch erwies, dann im Zusammenhang mit der Revolte der zweiten Generation von Einwanderern.4 Die Immigranten der ersten Generation assimilieren sich meistens nicht, rebellieren aber auch nicht. Osteuropäer kommen heute häufig nur deshalb nach Westeuropa, um dort Geld zu verdienen und dann nach Hause zurückzukehren. Sie leben in Enklaven, in denen die Sprache ihres Herkunftslands gesprochen wird. Milton Gordon nennt diese Enklaven „Dekompressionskammern“, in denen der Immigrant, der im Land bleibt, eine gewisse Angleichung an die neue Gesellschaft erfährt.5

Ob in Birmingham oder Brüssel, dem heutigen Los Angeles oder in der Lower East Side Manhattans des beginnenden 20. Jahrhunderts: Der typische Einwanderer der ersten Generation verhält sich generell ruhig und gefügig. Er spricht seine Muttersprache. Ähnlich wie viele andere Einwanderer der ersten Generation hat sich auch die erste Generation muslimischer Gastarbeiter in Europa (fast ausschließlich Nordafrikaner und Südasiaten) unauffällig verhalten. Man forderte nicht den Bau von Moscheen – jedenfalls nicht, bis auch die Familie nachzog. Man machte Überstunden und schickte den Großteil seines Lohnes in die Heimat. In dieser Generation waren es gewöhnlich die Studenten aus dem arabischen Nahen Osten und damit die sozialen Aufsteiger, die Gefallen an politischen Ideologien wie Nationalismus, Panarabismus, Sozialismus oder dem politischen Islam fanden.

Die erste Generation ist transnational – besonders in unserer Zeit der günstigen Reisen und der Internet-Kommunikation. Der Student bleibt in Verbindung mit seinem Heimatland, er ist politisch an ihm interessiert. Der Arbeiter geht davon aus, zurückzukehren und schickt seiner Familie Geld. Und es gibt sicherlich auch besser ausgebildete soziale Aufsteiger der ersten Generation, die die Sprache erlernen und sich assimilieren. Doch vollzieht sich der Prozess der Assimilation gewöhnlich in der zweiten Generation und in den öffentlichen Schulen.

Staatliche Schulen waren historisch gesehen der wirkliche Schmelztiegel von Einwanderungsländern wie den Vereingten Staaten oder sogar Frankreich. Kinder aus verschiedenen Kulturen trafen dort aufeinander, wurden in die Kultur des Gastlands eingeführt und erlernten dessen Sprache. Das führte oft zu Konflikten zwischen den sich assimilierenden Nachkommen und deren Eltern: Welche Sprache sollte vor Gästen gesprochen werden? Darf außerhalb der Gemeinschaft geheiratet werden? Und so weiter. Assimilation, auch unter günstigsten Bedingungen, ist ein Prozess voller Spannungen, Schuld- und Schamgefühlen.

In den überfüllten und finanziell schlecht ausgestatteten Schulen französischer Vorstädte kann sich der Anpassungsprozess in einen Kampf um Hegemonie innerhalb ethnischer Gruppen entwickeln, der im Klassenzimmer und in der gesamten Schule ausgetragen wird. Dass man es geschafft hatte, einen Kopftuchzwang für die muslimischen Schwestern durchzusetzen, empfanden viele Jugendliche als Sieg im Kampf zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppierungen, der zugleich auch ein Krieg gegen Schulleitung und Lehrer ist. Die Schule beginnt langsam, ihrer Umgebung, nämlich den Cité-Ghettos zu ähneln und damit einem rechtlosen Raum, in dem der Lehrer nur gelegentlich toleriert wird.

Genau wie in den umliegenden Ghettos ringen an den Schulen drei Kräfte miteinander: Banden, islamistische Gruppen und staatliche Autoritäten in Form der Lehrer. Hier findet eine Konfrontation zwischen Unterwelt, Überwelt und der gegenwärtigen, diesseitigen Welt statt, in der letztere aber so schwach oder so abwesend ist wie in den „No-go-Zonen“ einiger Großstädte. Es ist gerade die Schwäche der öffentlichen Autorität in Gestalt des Lehrers, Polizisten oder eines nationalen Ethos, die die Entwicklung eines Patriotismus als positive Selbstvergewisserung so dringend nötig macht – noch dringlicher als die problematische Aufgabe der Integration.

Nicht nur in Frankreichs Banlieues, sondern überall in Europa und in vielen amerikanischen Städten erfüllen die Schulen nicht mehr die integrierende Mission, die ihnen im 19. Jahrhundert übertragen wurde, als Bildung als kostenloses Allgemeingut zur Verfügung gestellt wurde. Außerdem fällt diesen ohnehin nicht besonders gut ausgestatteten Schulen in den Zeiten einer allgemeinen Krise der Familien obendrein die Aufgabe zu, Autorität zu etablieren und damit eine Rolle zu übernehmen, die einst die Familie zu erfüllen hatte. Unter diesen Umständen (und wenn man zusätzlich die hohe Jugendarbeitslosigkeit berücksichtigt), kann Integration durchaus bedeuten, sich einer Gang anzuschließen – und damit eine Form negativer Anpassung zu wählen.

Neben dem Absinken in Bandenwesen und Kleinkriminalität, die allerdings eher Ladendiebstahl, Taschendiebstahl und das Ausplündern von Parkuhren umfasst als Drogenhandel, gibt es noch eine andere Art „negativer Anpassung“: den Islam. Nicht der Islam der Großeltern, also der Einwanderergeneration, die ihre Religion im Allgemeinen in einer milden, besonnenen, nicht besonders strenggläubigen Form praktizierten, wie man ihn in den ländlichen Gegenden Marokkos und Algeriens findet: als selbstverständliche Identität, die institutionell – von der Familie über die Moschee bis hin zu den Behörden – eingebettet ist. In den europäischen Vorstädten gibt es diese selbstverständliche Identität nicht, sondern einen Islam in der Identitätskrise: einen Islam, der nicht selbstverständlich praktiziert, sondern als Lebensform gewählt wird. Es geht dann mehr um Islamismus als um Islam, um Inbrunst statt Religiosität, und um Fundamentalismus – einen Islam mit Schleierzwang. Der Islam wird kodifiziert und, wie der Islamwissenschaftler Olivier Roy betont, „deterritorialisiert“ , als eine Ansammlung von Regeln, die von Territorium, Tradition und Kultur losgelöst ist. In einem gewissen Sinn ist das überhaupt nicht nahöstlich oder traditionell, sondern, nach Olivier Roy, ein „globalisierter“ Islam. Geht es nach den Islamisten, so hat sich jeder dessen Regelwerk zu unterwerfen – daher kommt das Verbot der „Darstellung des Propheten“ und der Aufschrei wegen der dänischen Karikaturen.

Die zwei auffälligsten Formen einer negativen Anpassung in Europas muslimischen Slums sind Bandenkultur und Islamismus. Sie sind nicht gleich. Manchmal überlappen sie, wie im Fall desillusionierter Dschihadisten, die aus dem Debakel des Irak-Kriegs zurückkehren und sich als Kleinkriminelle betätigen. Aber im Normalfall haben sie nichts miteinander zu tun, und noch weniger wären sie Alliierte. Im Gegenteil pflegen sie miteinander rivalisierende Lebensstile oder kulturelle Identitäten und gehorchen anderen Verhaltens- und Benimmregeln. Bei Persönlichkeiten wie Bouyeri und Kahn ist eine „identifizierende Anpassung“ nicht vorhanden oder vielfach gebrochen. Diese jungen Männer entwickelten kein Gefühl der Zugehörigkeit zu den Ländern, in denen sie geboren sind. Diesen Mangel – man mag es Sehnsucht nennen – empfanden meiner Meinung nach viele französische Aufständische, aber auch die Angehörigen der zweiten Generation marokkanischer Einwanderer in Belgien und den Niederlanden. Im Fall der Dschihadisten stillte die Zugehörigkeit zur Umma diese Sehnsucht.

Aber dass Identitäten fehlen oder nur in gebrochener Form entwickelt werden, ist nicht nur den Immigranten zuzuschreiben, sondern auch den jeweiligen Gastländern. Denn während die meisten Migranten nur ein instrumentelles Verhältnis zum Gastland pflegen, gilt das oft auch für die privilegierten einheimischen Eliten. Auch für sie hat es an Zauber verloren. Unter ihnen gilt es als reaktionär, chauvinistisch, rassistisch, imperialistisch und politisch inkorrekt, sich mit der eigenen Nation zu identifizieren.

Die immer wieder formulierte Parole, doch „Europas wütende Muslime zu integrieren“, ist ein Euphemismus. Wenn wir verlangen, dass Muslime wenigstens ein Mindestmaß an Loyalität entwickeln sollten, dass sie nicht über Terrorattentate gegen ihre Landsleute jubeln, sie nicht unterstützen oder gar selbst ausüben sollen, dann erfordert sogar dieses Minimum an identifikatorischer Anpassung eine grundlegende Veränderung der Mentalität – nicht nur unter jungen Muslimen, sondern auch unter den Meinungsführern eines Gastlands. Dann wäre es nötig, die Bedeutung des Nationalstaats für die Entwicklung eines historischen und ethischen Bewusstseins wieder zu entdecken. Sollten wir unter Integration strukturelle Anpassung verstehen, dann müssten wir uns mehr um Programme wie „affirmative action“ und um muslimische Vorbilder in den Universitäten, Medien, Regierung und der Polizei in den Vororten kümmern.

Das dürfte die Aufgabe einer ganzen Generation sein. Nach der gängigen Auffassung stellt uns der Islam vor eine langfristige und eine kurzfristige Herausforderung. Nun ist Integration ein auf lange Zeit angelegtes Projekt, das mit der Reform des westlichen Schulwesens beginnt. Doch in der Zwischenzeit könnten Dschihadisten irgendwo in unserer Nähe Videos und Stadtpläne aus dem Internet herunterladen, Chemikalien für den Bombenbau kaufen, Gebäude auskundschaften und ihre Pläne schließlich verwirklichen.

Europa ist mit enormen Problemen konfrontiert, wenn es darum geht, Dschihadisten aufzuspüren, festzunehmen, sie vor Gericht zu stellen, zu überführen und zu verurteilen. Sogar in einem Land, das erst vor kurzem einen Terroranschlag erlebte, wird Tony Blairs Antiterrorprogramm vom Anti-Antiterrorismus behindert. Womit es ihm nicht anders geht als seinen Vorgängern, die es notwendig fanden, die Aufstellung von sowjetischen Raketen zu verhindern und es dabei mit der Opposition der Anti-Antikommunisten zu tun bekamen. Antiterrorismus wird in Europa durch Bürokratie, Grenzen, Politiker, Datenschützer, Richter und geschwätzige Kommentatoren behindert. Bis Europa endlich lernt, rasch, entschieden und hart mit Terrorismus umzugehen, wird es immer wieder von integrierten Selbstmordattentätern der zweiten Einwanderungsgeneration angegriffen werden. Europa braucht dringend eine „Durchsetzungskraft der Exekutive“, wie sie Alexander Hamilton in den Federalist Papers forderte – und Parlamente, Gerichte und Medien, die der Exekutive erlauben, die wichtigste Aufgabe des Regierens wahrzunehmen: Selbsterhaltung.

Dr. ROBERT S. LEIKEN, geb. 1939, ist Direktor des Immigration and National Security Programme beim Nixon Center und Senior Fellow der Brookings Institution in Washington. Sein Text „Europe’s Angry Muslims“ erschien im Juli/August 2005 in Foreign Affairs.

  • 1. Reuven Paz: The Non-Territorial Islamic States in Europe, Meria, 28.11.2005.
  • 2. Piotr Smolar, Interview with Pascal Mailhos, Le Monde, 24.11.2005; Alexis Debat bei The News with Jim Lehrer, 7.11.2005.
  • 3. Milton M. Gordon: Assimilation in American Life: The Role of Race, Religion and National Origins, New York, Oxford University Press, 1964.
  • 4. Vor knapp 30 Jahren schrieb Michael Piore über „den Widerwillen gegen freie Stellen in Gegenden, in denen eine bestimmte Anzahl von Migranten der zweiten Generation lebt, deren sozialer Aufstieg behindert wird. Michael J. Piore: Birds of Passage: Migration, Labor and Industrial Societies, Cambridge, England, Cambridge University Press, 1979, S. 107.
  • 5. Gordon (Anm. 3), S. 36.
 
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