Am Anfang war die Stadt

Ausgerechnet die wachsenden Megastädte bedeuten den Niedergang urbaner Kultur

1. November 2006 - 0:00 | von Wolfgang Nowak

Internationale Politik 11, November 2006, S. 6-8

Kategorie: Migration, Urbanization, Government and Society

Manche Städte und manche Stadtteile wirken schon heute wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen eines Niedergangs der Stadt in immer größer werdenden Agglomerationen. Deshalb gilt es, die Stadt des 21. Jahrhunderts neu zu erfinden – damit sie der Motor der menschlichen Entwicklung bleibt und nicht zu ihrem Endpunkt wird.

Wir wissen nicht, wann der Überschuss der landwirtschaftlichen Produktion erstmals eine arbeitsteilige Gesellschaft in einer gut ausgestatteten und organisierten Ansiedlung ermöglicht hat. Sobald sich dazu eine soziale Schichtung und ein mit Privilegien ausgestattetes Machtzentrum herausgebildet hatte, sprechen wir von einer Stadt. Wir wissen nicht, wann die erste Stadt entstand. Das liegt im Dunkel der Beginnlosigkeit. Die von Archäologen entdeckten Städte sind bereits voll entwickelt. Sie unterscheiden sich, was ihre Probleme anbelangt, kaum von den heutigen: Müllentsorgung, Trinkwasserversorgung, Seuchen, Verkehrslärm, Straßenkrawalle nach Sportveranstaltungen, Umweltverschmutzung … Das alte Rom war von weitem an seiner Dunstglocke zu erkennen.

Die Stadt ist Ausdruck des Menschlichen, so wie Schrift und Religion. In ihr entstanden Rechtsordnung, Demokratie und Wissenschaft. In Städten wurden die Grundlagen für moderne Staaten gelegt. Nationalstaaten sind gegenüber Städten vergleichsweise junge Unternehmungen, die ihre Überlebensfähigkeit erst noch beweisen müssen.

Städte waren und sind verlockend. Schon früh mussten sie sich mit Mauern umgeben. Das heutige Schanghai hat zwar keine Mauern, dafür aber drastische Einwanderungsbeschränkungen. Wer nicht in Schanghai wohnen darf, fühlt sich als Bürger zweiter Klasse. Das war schon im alten Rom so; um das Bürgerrecht wurden sogar Kriege geführt. Auch heute gibt es viele Städte als abgeschottete Sonderzonen in vielen Nationalstaaten. Sie bieten ihren Bürgern mehr Freiheit als denen, die noch nicht in Städten wohnen.

Seit über 4000 Jahren ist es üblich, Städte für alle Fehlleistungen, Irrtümer und Verderbnisse der Menschen verantwortlich zu machen. Wer mochte schon Babylon oder das alte Rom? Sodom und Gomorrha wurden zerstört, und heutzutage gibt es sie überall auf der Welt. Sie haben sich als Negativmodell der Stadtentwicklung trotz biblischer Verfluchung erfolgreich bis in die Gegenwart behauptet. Aber seit 4000 Jahren strömen die Menschen auch in die Städte, weil sie sich dort die Erlösung von ihren Problemen und eine bessere Zukunft erhoffen.

New York, Schanghai, Paris, London und Madrid sind zum Heilsversprechen für viele Menschen geworden. Sie sind Orte der Hoffnung für Millionen, die niemand aufhalten kann. In 50 Jahren werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Dann werden die nationalen Regierungen in den Hauptstädten nicht mehr sicher vor der Stadtbevölkerung sein, wenn sie die Verheißungen der Stadt nicht erfüllen können.

Demonstrationen und brennende Barrikaden in Paris haben sich seit Jahrzehnten als wirkungsvoller erwiesen als die in einem demokratischen Verfahren zustande gekommenen Entscheidungen der Nationalversammlung. Demonstrationen können einen Bürgermeister schnell zum machtvollen Gegenspieler der Regierung machen. Allein deshalb haben die britische und französische Regierung lange gezögert, London und Paris einen eigenen Oberbürgermeister zu erlauben. Dahinter mag sich die unausgesprochene Befürchtung verbergen, dass, wer die größte Stadt beherrscht, auch das Land beherrscht.

Jeder Konflikt auf der Welt erreicht in Sekunden die Städte, jede Seuche in Stunden. Dort brennen Autos, zünden Selbstmordattentäter ihre Bomben, Krankheiten verbreiten Schrecken und Tod. Dieses geschieht viel schneller, als die nationale Regierung reagieren könnte. Gegenüber diesen hereinbrechenden Problemen kann sie oft nur symbolisch Macht zeigen, die zugleich Ausdruck ihrer Ohnmacht ist. Es sind die Städte, denen Nationalstaaten ihre ungelösten Probleme aufbürden. Ihr Aktionsradius ist meist grenzüberschreitend und zeigt damit die Grenzen des Nationalstaats auf. Manche sprechen deshalb schon von einer Nationalstaatendämmerung, einer Zwischenzeit. Die Städte dagegen machen sich zu ungebremstem Wachstum auf, aber schon heute gibt es Energie und Wasser nicht mehr für alle und Sicherheit vielerorts nur noch für die Zahlungskräftigen. Schwindet die Wirtschaftskraft der Städte, wandert sie in attraktivere Städte ab, dann wird das Land arm.

Werden Städte aber unregierbar, dann bilden sich neue Nebengewalten heraus, die ein gefährlicher Zünder für einen generellen, scheinbar ziellosen Umsturz sein können. Failing Cities führen zu Failing States, und jede Stadt – auch Berlin – hat bereits kleine Failing Cities auf ihrem Stadtgebiet. Beginnen die Bürger sich innerhalb der Stadt einzuzäunen, dann ist dies ein Zeichen zerfallender staatlicher Ordnung, mag es auf den Dörfern auch noch so friedlich zugehen.

Gelingt es den nationalen Regierungen nicht, die Regierbarkeit der Städte den veränderten Verhältnissen des 21. Jahrhunderts anzupassen, so wird die urbane Kultur und mit ihr der Nationalstaat in der Wildnis der Megastädte des 21. Jahrhunderts verlöschen. Wenn wir nicht politisch korrekt wegsehen, dann wirken manche Stadtteile und manche Städte schon heute wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen eines Niedergangs der Stadt in immer größer werdenden Städten. Die phantastischen neuen chinesischen Städte sind zum Wachstum verdammt, wenn sie – und mit ihnen möglicherweise der Nationalstaat – nicht zusammenbrechen sollen. Woher sollen die Überschüsse an Energie und Nahrung kommen, um ihr Wachstum zu sichern? Wie viel Umweltzerstörung können sie aushalten; wie lange können sie sich die Gegenwart noch leisten?

Das Wachstum ist begrenzt. Bereits 1995 benötigte London (theoretisch) eine um 120-mal größere Fläche als das Stadtgebiet, um seine Einwohner zu ernähren. Bei einem Stadtgebiet von 1500 Quadratkilometern ergäbe dies 180 000 Quadratkilometer Flächenbedarf für die Ernährung seiner Bewohner. Die Grenzen des heute beherrschbaren Wachstums sind längst überschritten. Städte sind die große gemeinsame Aufgabe aller Nationalstaaten. Sie sind von Ressourcenknappheit, Umweltproblemen, neuen Krankheiten, unkontrolliertem Wachstum und Migration ebenso bedroht wie von den aus der Verzweiflung der Enttäuschten entstehenden ethnischen und religiösen Konflikten. Wir müssen die Stadt des 21. Jahrhunderts neu erfinden.

WOLFGANG NOWAK, geb. 1943, ist seit 2003 Sprecher der Geschäftsführung der Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog. Zuvor war er Leiter der Grundsatzabteilung im Bundeskanzleramt.

 
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