Deutschland ohne „Wallenstein“

Das politische Theater in Deutschland ist nur an der Oberfläche politisch

1. November 2006 - 0:00 | von Lorenz Jäger

Internationale Politik 11, November 2006, S.98-99

Kategorie: Kultur, Geschichte, Deutschland, Europa

Ein Drama: Hierzulande wird seit Jahren versäumt, mit neuen Inszenierungen des Schiller-Stückes großes politisches Theater zu geben.

Der Dreißigjährige Krieg war die größte Krise Deutschlands vor den Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Schlimmer als die Niederlage gegen Napoleon; verheerender, auf die biologische Substanz durchschlagend, das Reich in manchen Regionen geradezu entvölkernd. Unter Beteiligung ganz Europas geführt, mit Schweden und Spaniern, schottischen und kroatischen Offizieren, mit dem französischen König und den renitenten Bayern. Und durch einen Mann ging der Riss mitten hindurch: durch Wallenstein, den protestantisch getauften, katholisch gewordenen Feldherrn, der am Ende wieder mit den Protestanten liebäugelte und in einen tödlichen Gegensatz zum Wiener Kaiserhaus geriet: ein militärisches Genie, zugleich ein Mann der weit ausgreifenden Entwürfe für die Gestaltung einer Friedensordnung. Nun hatte man hoffen können, dass dieser elementar politische Stoff auch aufs Theater zurückkehren würde. Anlässlich des Schiller-Jahres 2005 wurde man jedoch enttäuscht. Wir haben in Deutschland das willkürlich politisierte, aber nicht das große politische Theater – und von den beiden angekündigten Inszenierungen von Schillers „Wallenstein“ durch Andrea Breth am Wiener Burgtheater und durch Peter Stein am Berliner Ensemble ist zu allem Unglück derzeit wenig sicher, ob sie denn je auf die Bühne kommen werden. Zwei Chancen, verspielt? Das Stück, vielmehr die drei, aus denen es besteht – „Wallensteins Lager“, „Die Piccolomini“ und „Wallensteins Tod“ – es braucht einen langen Atem und einen überschauenden Blick. Was Wagners „Ring“ für die Oper, ist der „Wallenstein“ für das Theater: Zunächst, im „Lager“, wird ja das Kommende nur angedeutet, erschlossen aus der Sprache des Volkes, der Soldaten und Marketenderinnen – und doch ist schon absehbar, dass die Lage auf eine Entscheidung drängt.

Schillers Stück ist ein Drama, an dem man den höchsten Begriff des „Werkes“ entwickeln könnte: So sehr bildet es nicht nur einen bedeutenden Stoff, sondern gibt ihm zugleich die subtilste, vielfältigste, in immer neuen Spiegelungen sich erhellende innere Organisation. Die Enttäuschung über das, was uns nunmehr entgehen mag, nimmt Wolfgang Schwiedrzik zum Anlass, auf die „Wallenstein“-Inszenierungen der Nachkriegszeit einen teils nostalgischen, teils kritischen Blick zu werfen; sein schöner Vortrag ist in der Reihe der „Imshäuser Texte“ erschienen. Im Schiller-Jahr 1959 inszenierte man das Stück am Wiener Burgtheater gleichsam als Antwort auf Brechts „Mutter Courage“: als Antikriegsstück. In Stuttgart sah man Gustaf Gründgens in der Titelrolle als einen Wallenstein, der sich in edler Melancholie als Bruder Hamlets erwies. Später warf man Gründgens vor, die „dekadente Gefühlswelt einer untergehenden Schicht“ ins Zentrum des Interesses gestellt zu haben. Bei der DDR-Inszenierung berief man sich auf die Deutung des marxistischen Kulturpolitikers Franz Mehring und hob die „progressiven politischen Ziele“ des Generalissimus hervor. Damit setzte sich paradoxerweise gerade auf der Linken die positive Sicht Rankes durch; dieser widersprach am entschiedendsten Alfred Döblins Wallenstein-Roman, der den Feldherrn als apokalyptischen Drachen vom gütigen Kaiser absetzte. Schwiedrzik ist einer der bedeutendsten Kenner der deutschen Theatergeschichte und hat die Wiener Fassung in seinem Verlag „Mnemosyne“ kürzlich als Hörbuch herausgebracht. „Retter des Reiches oder Hochverräter?“ Auf diese Alternative bringt er die historiographische Diskussion.

Aber wir haben nicht nur Schiller. Leopold von Rankes „Geschichte Wallensteins“, rund 150 Jahre alt, hat den unschätzbaren Vorteil, dass sie in die kaum überschaubare Kräftekonstellation den Gesichtspunkt der Notwendigkeit einführt – nirgendwo sonst erfährt man so viel nicht nur über die Parteiungen, sondern vor allem über die Konsequenz im Fortgang des Konflikts. Aber auch dieses Buch ist seit langem vergriffen, wer das schwache Gedächtnis der Deutschen tadeln wollte, käme so schnell zu keinem Ende. Warum, so fragt Ranke, wurde aus dem Feldherrn kein Diktator wie Cromwell, wie später Napoleon? Weil er die monarchische Autorität, die für diese schon beseitigt war, noch in voller Kraft vorfand. Auch das von keinem Geringeren als Kepler gestellte Horoskop Wallensteins nimmt Ranke ernster als mancher seiner Nachfolger in der Geschichtswissenschaft. Jupiter und Saturn standen im Ersten Haus. Das ist eine mythenpolitisch hochbedeutende Konstellation: zwischen Jupiter und Saturn fällt die Entscheidung im Kampf der Titanen gegen die Olympier, zwischen dem künftig herrschenden und dem ausgeschlossenen Prinzip.

Und hier ist Golo Mann, so schätzenswert im Erzählerischen sein umfangreiches Buch von 1971 sein mag, der unhistorischste aller Wallenstein-Biographen, der an den Schicksalsglauben der Frühen Neuzeit nicht viel Gedanken verschwenden will. Nennen wir schließlich noch Hellmut Diwald, ein großer Erzähler auch er, der Golo Mann mit „Wallenstein. Eine Biographie“ (1969) vorausgegangen war. Ihm verdanken wir die schöne Formel: „Das Glänzende und Verhängnisvolle seines Lebens, Hinfälligkeit und Macht, Größe und Verworfenheit, Sicherheit und Widerspruch, Maßlosigkeit und Trauer – das Düstere der Andeutung machen aus dem Herzog von Friedland diejenige Hieroglyphe unserer Vergangenheit, die um so geheimnisvoller ist, als sie jeder zu verstehen glaubt.“ An den Theatern wäre es, uns diese Hieroglyphe zu entschlüsseln.

Dr. LORENZ JÄGER, geb. 1951, Diplom-Soziologe und Germanist, unterrichtet an japanischen und amerikanischen Universitäten und ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zuletzt erschien von ihm „Adorno. Eine politische Biographie“ (2003).

 
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