Europa oder Kaczyński?

Polens Intellektuelle definieren die Wertegrundlagen für Europa und die eigene Nation

1. November 2006 - 0:00 | von Basil Kerski

Internationale Politik 11, November 2006, S.124‑127

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Politische Partizipation, Politische Kultur, Europäische Union, Europa, Polen

Stolz verweisen Polen auf ihre jahrhundertealte staatliche Tradition, sehen sich als eine der ältesten Nationen Europas. Doch in den Grenzen und der ethnischen Zusammensetzung von heute ist Polen eine neue Nation. Ein Blick in die Zeit vor 1939 macht dies deutlich: Traditionell war Polen eine Vielvölkernation; etwa zwei Drittel der Bevölkerung waren katholisch, das Land war Hauptsiedlungsgebiet des europäischen Judentums, allein in Warschau lebten vor dem Krieg fast genauso viele Juden wie in der gesamten Weimarer Republik. Deutsches Bürgertum war Bestandteil der polnischen Städte. Eine große ukrainische Minderheit kämpfte im Südosten des Landes um ihre Autonomie. Erst Hitlers Vernichtungskrieg, Stalins Imperialpolitik und die alliierte Neuordnung des Kontinents machten Polen zu einer monoethnischen, katholischen Nation. Über diese substanziellen Veränderungen können Polen erst seit 1989 frei diskutieren. Seit dem NATO- und EU-Beitritt sind die polnischen Debatten um die Identität der Nation und ihre Geschichte sowie über die Zukunft der europäischen Integration intensiver geworden. Was sind die Gründe für diese Konjunktur?

Es ist beachtlich, wie sehr sich in den letzten Jahren die polnische Medienlandschaft erweitert hat. Zu den drei staatlichen Fernsehprogrammen sind zahlreiche private Sender hinzugekommen, die nicht nur mit Seifenopern, sondern auch mit politischen Debatten Zuschauer an sich binden wollen. Eine ähnliche Erweiterung hat der Printmedienmarkt erfahren; besonders spektakulär war die Gründung der seriösen Springer-Tageszeitung Dziennik im vergangenen Jahr. Historische, kulturelle und europäische Themen erfahren heute eine viel stärkere Verbreitung als noch am Beginn des Transformationsprozesses.

Zwei andere Gründe sind jedoch für die neue Konjunktur polnischer Geschichts- und Identitätsdebatten von größerer Bedeutung. Mit der Entscheidung Jaroslaw Kaczynskis, eine Koalitionsregierung mit der postkommunistischen Bauernbewegung „Samoobrona“ und der nationalistischen „Liga polnischer Familien“ einzugehen, ist das politische Lager der ehemaligen Solidarnosc-Kämpfer endgültig gespalten. Die Solidarnosc-Politiker der Mitte, die zum Teil in Donald Tusks „Bürgerplattform“ versammelt sind, haben sich noch nicht entschieden, ob sie Kaczynskis Tabubruch einer Koalition mit den alten kommunistischen Eliten kopieren und eine strategische Partnerschaft mit den gewendeten Sozialdemokraten anstreben sollen.

In den letzten Monaten ist auch erkennbar geworden, wie sehr die polnische Gesellschaft und die politische Klasse auf das Ziel des EU-Beitritts fixiert waren, wie sehr allein die EU-Ambitionen identitätsstiftend für die junge polnische Demokratie waren. Erst jetzt, nach dem vollzogenen Beitritt, stellt man sich so fundamentale Fragen wie: Was wollen wir neben der finanziellen Hilfe in und von der EU? Wie stehen wir zur künftigen Integration? Wie können wir den Demokratisierungsprozess in der Ukraine und Georgien unterstützen?

Zudem verarbeitet man auch die Erfahrungen des kulturellen Dialogs (oder der Missverständnisse) mit den europäischen Partnern: Haben wir das gleiche Bild vom totalitären Zeitalter? Denken wir an die gleichen Werte wie Deutsche und Franzosen? Eine neue Bedeutung bekommen diese Debatten zusätzlich durch den Verlust wichtiger integrierender Autoritäten wie Jacek Kuron, Stanislaw Lem oder Czeslaw Milosz.

Der größte Verlust ist natürlich der des polnischen Papstes. Mit seiner Bedeutung für die polnische Demokratie und der großen Lücke, die er hinterlassen hat, beschäftigt sich die neueste Ausgabe des von Marek Cichocki und Dariusz Karlowicz herausgegebenen philosophischen Jahrbuchs Teologia Polityczna. Dieses Jahrbuch besticht nicht nur durch die hohe Qualität des Diskurses, der an die große Tradition des kritischen intellektuellen Katholizismus in Polen anknüpft, sondern auch dadurch, dass der Kirche fernstehende Publizisten zu Wort kommen. Dariusz Karlowicz bezeichnet den Tod Wojtylas als den Verlust der wichtigsten Legitimierungsbasis für die polnische Nation. Der postkommunistische polnische Staat sei von einer pragmatischen und ökonomischen Logik durchdrungen, der Theologe Wojtyla aber habe der neuen Freiheit eine höhere ethische Legitimität vermittelt, auf deren Grundlage ein Gefühl der kollektiven Identität entstehen konnte. Beachtlich ist die in dieser Ausgabe des Jahrbuchs formulierte Kritik der jungen polnischen Konservativen an der politischen Strategie von Jaroslaw Kaczynski. Dessen Bündnis mit dem Populisten Lepper, so Karlowicz, vermindere die Glaubwürdigkeit von Demokraten und sei ähnlich zu bewerten wie die Anbiederung von antikommunistischen Oppositionellen an General Czeslaw Kiszczak, dem Vertrauten General Jaruzelskis. Der liberale Politikwissenschaftler Edmund Wnuk-Lipinski erinnert an die Elemente des politischen Erbes Johannes Paul II., die gerade von katholischen polnischen Politikern und erzkonservativen kirchlichen Kreisen missachtet würden, nämlich die deutliche Unterstützung des europäischen Integrationsprozesses und der aktiven Teilnahme Polens an diesem Prozess. Wnuk-Lipinski erinnert auch daran, wie breit Wojtyla das europäische Erbe definiert hat. Er hatte nicht nur das antike griechisch-römische Erbe, sondern auch die kulturellen Errungenschaften der Aufklärung im Blick. Seine Definition der christlichen Gemeinschaft umfasste auch die Ostkirchen. Die polnische Politik, vor allem die Europa-Politik, bezeichnet Wnuk-Lipinski als resistent gegenüber der Lehre des Papstes. Den meisten Äußerungen katholischer Politiker fehle die Perspektive eines „großen Europa der geistigen Einheit“.

Wie weit Teile des polnischen Katholizismus vom Populismus von Radio Maryja entfernt sind, wie ökumenisch und liberal viele Gläubige sein können, zeigt die Lektüre der angesehenen katholischen Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny. Das Krakauer Blatt erinnerte in einer umfangreichen Sonderbeilage an eine andere im Jahr 2000 verstorbene polnische Autorität: den Chefredakteur der polnischen Exilzeitschrift Kultura, Jerzy Giedroyc. Der 1906 im weißrussischen Minsk geborene Giedroyc stand der polnischen katholischen Kirche zeitlebens kritisch gegenüber. Er kritisierte die mangelnde Bereitschaft der meisten Bischöfe zur klaren Abgrenzung von antisemitischen Haltungen und ihre Distanz zum ökumenischen Dialog. Die Beilage des Tygodnik Powszechny liest sich wie eine Kritik an der politischen Passivität der meisten polnischen Bürger sowie an der Außenpolitik Kaczynskis. In seinem Essay erinnert der in Brüssel lebende Philosoph und Ideenhistoriker Krzysztof Pomian an die Grundlinien des politischen Denkens von Giedroyc.  Er zitiert dessen Warnung, dass die polnische Demokratie sehr zerbrechlich sei, denn Demokratie sei kein Geschenk und auch kein Selbstläufer--Mechanismus, sondern eine Form von politischer Kultur, die entwickelt und gepflegt werden müsse. Er habe den Eindruck, so Pomian, dass in den meisten postkommunistischen Gesellschaften, so auch in Polen, die Demokratie zu einem leeren Ritual verkomme. Große Sorgen mache ihm die außenpolitische Kultur des heutigen Polen.

Jerzy Giedroyc war nicht nur der erste prominente Pole, der unmittelbar nach dem Krieg seine Landsleute dazu aufrief, für immer auf Wilna und Lemberg zu verzichten; er schlug auch den konsequenten Weg der Versöhnung mit den östlichen Nachbarn ein. Neben dem Dialog mit Russen, Ukrainern und Litauern sollte gleichzeitig auch eine Annäherung an Deutschland erfolgen. Giedroyc, so Pomian, sei Realist gewesen, der wusste, dass auch innerhalb eines integrierten Europas partikulare nationale Interessen nicht verschwinden würden; jedoch wäre eine integrierte Europäische Union der einzige Ort für Konfliktlösungen, eine Gemeinschaft, in der auch ein demokratisches, vereintes Deutschland seinen Platz finden solle. Diese ganzheitliche Sicht auf die Außenpolitik fehle den Kaczynskis vollkommen, so Pomian.

Seine Reflexionen zu den Perspektiven der europäischen Einigung hat Krzysztof Pomian auch in einem umfangreichen und lesenswerten Interview in der neuen intellektuellen Monatsbeilage Niezbednik Inteligenta der liberalen Zeitschrift Polityka vorgestellt.In Frankreich und Polen zählt Pomian zu den profilierten intellektuellen Stimmen, in Deutschland ist er dank seines Buches über den „Ursprung des Museums“ nur einer kleinen Gruppe von Kunsthistorikern bekannt. Angenehm ist der realistische und ruhige Ton seiner Analyse der Krise der EU nach dem Verfassungsdesaster. Der bekennende Atheist überrascht durch die klare Umreißung des Wertekanons der EU. Die demokratische Union profitiere nicht nur vom Erbe der Aufklärung, sondern sei ganz klar eine katholisch-protestantische Wertegemeinschaft. Pomian hat ein realistisches Bild von der Identität der europäischen Bürger. Man werde nicht als Europäer geboren, man müsse Europäer werden. Dieser Prozess besitze keine Logik und könne jederzeit scheitern. Ein großes Hindernis für den Integrationsprozess sei, dass die Geschichtsschreibung in allen europäischen Ländern von der nationalen Perspektive dominiert sei.

Dem Perspektivwechsel in der Historiographie haben sich nach 1989 zahlreiche polnische Historiker verschrieben. Ob diese neue nationalkritische Perspektive sich durchsetzen konnte oder ob sie durch die neue Geschichtspolitik der „moralischen Revolution“ Kaczynskis gefährdet ist, diskutieren führende polnische Historiker und Publizisten in den letzten Ausgaben der liberalen Danziger Zeitschrift Przeglad Polityczny. Den neuen „kritischen Patriotismus“, d.h. eine vom Mythos der Opfernation befreite realistische Analyse der polnischen Geschichte, verteidigt darin der Historiker Robert Traba. Für ihn muss die nationale Geschichtsschreibung durch die Perspektive der ethnischen Minderheiten und der Nachbarnationen erweitert werden. Er fürchtet, dass die neue polnische Geschichtspolitik, u.a. der Bau eines Museums Polnischer Geschichte, einer neuen Mythenbildung Vorschub leiste. Diese Ängste versuchen in Przeglad Polityczny der amtierende Kulturminister Kazimierz Ujazdowski sowie der Historiker Dariusz Gawin zu entschärfen. Auch sie sind der Meinung, dass der Bau neuer Gedenkorte und Museen nach wissenschaftlichen Maßstäben erfolgen und von nationalistischer Mythenbildung Abstand nehmen müsse. Jedoch bedürfe auch eine pluralistische demokratische Gesellschaft der Legitimation. Diese müsse u.a. auch aus der historischen Erfahrung einer Nation heraus entstehen. In kritischer Reflexion müssten dabei sowohl die Schattenseiten als auch die positiven Beispiele für die Tradition demokratischer Kultur in Polen herausgefiltert werden. Eine Geschichtspolitik in diesem Geiste sei keine Gefahr für den Pluralismus in Polen, sondern fördere das Bewusstsein einer demokratischen Gemeinschaft.

BASIL KERSKI, geb. 1969, ist Chefredakteur der Zeitschrift der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Dialog.

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