Hindu-Nationalismus und Wissensrevolution

Buchmessen-Nachlese: Zwei neue Bücher über Indiens Wirtschaft und Gesellschaft

1. November 2006 - 0:00 | von Klaus Julian Voll

Internationale Politik 11, November 2006, S.128-135

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Religion, Sozialpolitik, Wirtschaft & Finanzen, Indien, Ostasien

Das Porträt der indischen Gesellschaft von Sudhir und Katharina Kakar ist vor allem ein Porträt der hinduistischen Mittelschicht, das zahlreiche Aspekte der Realität Indiens ausblendet. Das Buch von Oliver Müller über die „Wirtschaftsmacht Indien“ hingegen zeigt, dass auch Ökonomen soziale Probleme mit Empathie schildern können.

Das Umschlagbild zeigt einen Mann aus dem Volk, mit ländlichem Kopfschmuck, ebensolcher Kleidung und buntem Schal zwischen zwei Motor-Rikschas, seinen Rücken dem Betrachter zugewandt. Ein silberner Trishul (Dreizack), das politische Wahrzeichen des aggressiven hindu-nationalistischen Fundamentalismus, ziert die Rikscha. Das Buch trägt einen anspruchsvollen Titel, den die Autoren bezeichnenderweise jedoch gleich zu Beginn relativieren: „Es ist anzunehmen, dass Hindus der mittleren und oberen Kasten ein Porträt mit vielen ihnen vertrauten Gesichtszügen entdecken, während andere, die mehr an den Rändern der Hindu-Gesellschaft stehen (beispielsweise Stammesangehörige und Dalits oder Christen und Muslime) sich nur flüchtig gespiegelt sehen.“ Selbst wenn man die zahlenmäßig größte Schicht der Hindus, die Shudras, also die Angehörigen der (abgesehen von den Parias, den Unberührbaren) untersten Kaste, außer Acht lässt, blenden die Autoren mehr als ein Drittel der indischen Bevölkerung einfach aus bzw. erwähnen es nur am Rande. Dahinter stecken sowohl Methode als auch eine unzureichende politologische und soziologische Kenntnis, was sich zum Beispiel darin äußert, dass die Arbeiten führender indischer Politologen (etwa Yogendra Yadaw) und Soziologen (M. N. Srinivas, T. K. Oommen, André Béteille) nicht verarbeitet werden.

Sudhir Kakar, ein international renommierter Psychoanalytiker mit zahlreichen Veröffentlichungen, und seine Frau Katharina, geborene Poggendorf und unter diesem Namen mit Veröffentlichungen über asiatische Religionen hervorgetreten, legen ein durchaus lesenswertes Buch vor, das vielfältige Einblicke gewährt, obwohl berufsbedingt vor allem psychoanalytische und tiefenpsychologische, in geringerem Maße religionswissenschaftliche Interpretationen gesellschaftlicher Strukturen dominieren.

Die acht Kapitel des Buches handeln vom „hierarchischen Menschen“, sehr knapp vom „Kastenwesen“ und der „indischen Frau“ – eigentlich jedoch nur jener aus den Mittelschichten und oberen Kasten – zwischen Tradition und Moderne. Ein sehr differenziertes und mehr als ein Drittel des Buches ausmachendes Kapitel zur Sexualität, das von „Sex und städtischem Leben im 3. Jahrhundert“ über eine ausführliche Darstellung des weltberühmten „Kama Sutra“ (S. Kakar selbst ist Herausgeber einer vorzüglichen Ausgabe mit moderner Interpretation dieses altindischen Standardwerks erotischer Weltliteratur) bis in die Gegenwart reicht, wird von Ausführungen über „Gesundheit und Heilung“, in dem ausführlich auf das medizinische System des Ayurveda eingegangen wird, ergänzt.

Im anschließenden Kapitel „Religion und Spiritualität“ werden die Begriffe „Hindu-Nationalist“ und „flexibler Hindu“ eingeführt – letzterer wird vor allem auf die aufstrebenden und zahlenmäßig beträchtlichen Mittelschichten hinduistischen Glaubens, aber auch auf die weltweit circa 15 Millionen Non-Resident Indians (NRIs) bezogen, die ebenso wie die Mittelschichten soziologisch überwiegend aus dem Milieu der oberen Kasten kommen. Hier wird auch dem mit Indien nicht so vertrauten Leser deutlich, wo die Sympathien der Autoren liegen.

Der Hindu-Nationalismus wird sehr unkritisch präsentiert. Ist es nur politische Naivität, dass der Sangh Parivaar („Familie des Bundes“, ein Netzwerk hindu-nationalistischer Kräfte) als „ein mehr oder weniger lose verknüpftes Netzwerk politischer, sozialer, kultureller und religiöser Bewegungen, die sich um den Rashtriya Sevak Sangh (RSS) gruppieren“, präsentiert wird? (Der RSS ist eine mehrere Millionen Mitglieder zählende und landesweit operierende undemokratische Kaderorganisation.) Oder dass ohne jegliche kritische Distanz maßgebliche Vertreter des extremen Hindu- Nationalismus wohlwollend zitiert werden, wie etwa K. Sudarshan, der „Führer“ des RSS, und Murli Manohar Joshi, der als Bildungsminister zwischen 1998 und 2004 die Schulbücher umschreiben ließ und in dessen Amtszeit zentrale akademische Institutionen von Hindu-Nationalisten unterwandert wurden? Wissen die Autoren nicht, dass die Hindu-Nationalisten und speziell ihr extremer Flügel zielgerichtet eine andere Republik mit einer Unterordnung religiöser Minderheiten, Muslime und Christen, anstreben?

Im vorletzten Kapitel „Konflikte zwischen Hindus und Muslimen“ leiten die Verfasser zur politischen Gegenwart über. Sie bezeichnen die genozidartigen Massaker und Verfolgungen von Muslimen 2002 in Gujarat knapp und recht wertneutral als „Ausschreitungen“, zumal noch mit sehr niedrigen Todeszahlen, um dann wieder, auf Befragungen gestützt, die Gründe für die „Grausamkeiten der Massengewalt“ ausführlich zu analysieren.

Im abschließenden Kapitel „Die indische Psyche“ wird noch einmal die „hinduistische Weltanschauung“ philosophisch und religionswissenschaftlich (Karma und Wiedergeburt) interpretiert.

Dieses Buch sollte sehr kritisch gelesen werden, denn es stellt keineswegs die für die Betroffenen oftmals sehr brutalen Rahmenbedingungen gesellschaftlicher und ökonomischer Wirklichkeiten in Indien dar. Das eigentliche und ethnisch hochgradig differenzierte „indische Volk“ – eine Summe von Teilgesellschaften und Subnationalitäten – kommt in diesem Werk eigentlich nicht bzw. kaum vor. Trotz hoher wirtschaftlicher Wachstumsraten hat Indien die Probleme Massenarbeitslosigkeit, Hunger und Unterernährung, den Überlebenskampf von Kleinbauern, landlosen Landarbeitern, Kinderarbeitern und „Schuldknechten“ (Bonded Labourers) noch lange nicht gelöst. Hier zeigt Sudhir Kakar, wie auch auf internationalen Konferenzen, seine sachliche Unkenntnis und verharmlosende Arroganz.

Die indische Wissensrevolution

Oliver Müller, Süd- und Südostasien-Korrespondent des Handelsblatts mit Sitz in Neu-Delhi, legt ein sehr anschaulich und erfrischend geschriebenes Buch vor, das in sieben Kapiteln ausführlich in die Welt der indischen Wirtschaft einführt. Er spricht von einer neuen Wirtschaftsmacht, die trotz einer „verspäteten industriellen Revolution“ durch eine „Wissensrevolu-tion“ auch auf dem Weltmarkt zunehmend erfolgreich auftrete. Müller vermeidet jedoch eine zu optimistische Betrachtung selbst angesichts konstant hoher volkswirtschaftlicher Zuwachsraten. Nach Überwindung der jahrzehntelangen „Hindu rate of growth“ von circa drei Prozent jährlich in der Zwangsjacke der staatlichen Lizenvergabe (Licence Raj) ließen die ersten Anzeichen der Liberalisierung schon in den achtziger Jahren die Wachstumsraten signifikant ansteigen. Nach dem finanziellen Offenbarungseid 1991 und der dadurch bedingten Wirtschaftsliberalisierung und graduellen Öffnung zum Weltmarkt stieg das jährliche Wachstum trotz Phasen industrieller Rezession schließlich auf sieben bis acht Prozent. Der stellvertretende Vorsitzende der indischen Planungskommission, Montek Singh Ahluwalia, ein ehemaliger Mitarbeiter der Weltbank, hält in näherer Zukunft sogar neun bis zehn Prozent für realistisch.

Müller liefert im fünften und sechsten Kapitel einen wirtschaftsgeschichtlichen Rückblick und legt einige Strukturschwächen offen. Die Agrarkrise erweist sich als Achillesferse der indischen Volkswirtschaft und bremst höhere BSP-Zuwachsraten. Mindestens 80 Prozent der Agrarbetriebe sind Kleinstbetriebe, die um ihr Überleben kämpfen. Etwa 40 Prozent der indischen Bauern sehen für sich keine Zukunft mehr in der im internationalen Vergleich wenig produktiven Landwirtschaft, von der jedoch die weit überwiegende Mehrzahl der Inder lebt. Ob Investitionen durch indische Großunternehmen in der Landwirtschaft wirklich eine Lösung darstellen, bleibt fraglich. Ebenso, ob sich durch die Überwindung der „digitalen Kluft“ den Bauern größere Handlungsspielräume eröffnen. Der Wirtschaftsfachmann Müller fragt, ob der informelle, kleinindustrielle Sektor – wo praktisch keine Arbeitsgesetze gelten – langfristig als Auffangbecken für die Landflüchtlinge dienen kann, denn jedes Jahr drängen mindestens sieben bis acht Millionen neue Arbeitssuchende auf den indischen Arbeitsmarkt, wo „die Zeitbombe Massenarbeitslosigkeit tickt“. Im Oktober 2006 regierungsoffiziell veröffentlichte Zahlen sprechen von einer landesweiten Arbeitslosigkeit von 58 Prozent. Entgegen beschönigenden Statistiken des Arbeitsministeriums spiegelt sich darin das ganze Ausmaß der tiefen gesellschaftspolitischen Krise Indiens wider, wobei die Arbeitslosigkeit in den Städten größer als auf dem Lande ist und unter den schulisch besser Ausgebildeten höher als unter den weniger Qualifizierten.

Der Autor streift danach in einem ausführlicheren Unterkapitel die weiteren Hindernisse für den wirtschaftlichen Aufstieg: „Bürokratie, Infrastruktur und Arbeitsrecht – Indiens drei große Bremser“. Diese Ausführungen ermöglichen einen tieferen Einblick in die politische Ökonomie des Regimes der demokratisch legitimierten Staatsklasse, dessen aus der britischen Kolonialzeit übernommener bürokratischer „Stahlrahmen“ – der höhere Verwaltungsdienst „Indian Administrative Service“ (IAS) – sich häufig angesichts multipler Zuständigkeiten und widersprüchlicher Interessen verschiedener Ministerien als dysfunktional erweist. Ebenso verhindern die im organisierten und insbesondere im nach wie vor sehr großen öffentlichen Sektor der Volkswirtschaft mächtigen zentralen Gewerkschaftsdachverbände ein flexibleres Arbeitsrecht. Die hohe interne Verschuldung des indischen Staates und insbesondere auch verschiedener Einzelstaaten, die oftmals nicht mehr in der Lage sind, die Gehälter ihrer aufgeblähten Bürokratie pünktlich (bzw. wie im Armenhaus Bihar über Monate hinweg überhaupt nicht) zu zahlen, geschweige denn Investitionen zu tätigen, führten zu einer absolut unzureichenden Infrastruktur.

Ausführungen über die „Megastädte zwischen Boom und Kollaps“ (Kapitel 7) führen dann zu den kürzeren Abschlusskapiteln über die indische Politik und Gesellschaft, den Aufstieg zum Global Player und zu einer Bewertung von Auslandsinvestitionen in Indien. Abschließend skizziert Müller die vielfältigen Auswirkungen des Aufstiegs von China und Indien und warnt davor, dass Deutschland seinen immer noch „beträchtlichen Wissensvorsprung“ gegenüber Ländern wie Indien sehr bald einbüßen könnte. Gleichzeitig betont er aber die Chancen eines verstärkten deutschen und europäischen Engagements auf dem großen indischen Wachstumsmarkt.

Dieses Buch verdient eine breite Leserschaft, zumal es zur indischen Wirtschaft im deutschsprachigen Raum wenig angemessene Literatur gibt. Müller lädt ein zu einer umfassenderen Diskussion über die indische Wirtschaft, keineswegs nur aus der Sicht multinationaler Konzerne – deren Spitzenmanager sich in Deutschland als arbeitnehmerfreundlich präsentieren und in Delhi offen erklären, dass indische Mitarbeiter an Maschinen in ihren Kalkulationen überhaupt nicht zählen –, sondern auch mit erkennbarer Empathie für das Riesenheer arbeitender und arbeitswilliger Menschen in diesem bald bevölkerungsreichsten Land der Erde.

Katharina und Sudhir Kakar: Die Inder. Porträt einer Gesellschaft. C. H. Beck, München 2006. 206 Seiten, € 19,90.

Klaus Voll leitet „India-Europe-Consultancy“ (www.in-eu-co.com) und war als Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung, als Sozialattaché an der deutschen Botschaft und als Berater beim UN-Welternährungsprogramm in Neu-Delhi tätig.

 
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