Außer Rand und Band

Rückblick auf 50 Jahre „Halbstarkenrepublik“ Deutschland

1. October 2006 - 0:00 | von Franz Walter

Internationale Politik 10, Oktober 2006, S. 84-85

Kategorie: Politische Partizipation, Geschichte, Kultur, Deutschland, Europa

Vor genau einem halben Jahrhundert erregte sich die junge Bundesrepublik über eine neue Jugendszene: die Halbstarken. Ohne dass es den Zeitgenossen damals bewusst war, markierte das Halbstarkentum eine sozialkulturelle Zäsur. Denn mit den Halbstarken begann eine bis heute robuste Allianz von Jugendlichen, Massenkulturen und Kommerzialität, überdies: von Medien und kalkulierten Tabubrüchen. Ein entscheidender Katalysator für die Welle von Halbstarkenauftritten war der Film „Außer Rand und Band“, der am 21. September 1956 in die deutschen Kinos kam. Der Held in diesem Film war Bill Haley; zu Hymnen der neuen Jugendkulturen avancierten „Rock Around the Clock“ und „See You Later Alligator“. Von Mannheim über Essen bis Berlin erlebte die westdeutsche Gesellschaft in diesem Herbst das immergleiche Spektakel: Männliche Jugendliche, meist im Alter von 16 oder 17 Jahren, kletterten während der Filmvorführung auf die Bestuhlung, johlten, pfiffen und schrieen, nahmen das Mobiliar auseinander, blockierten die Straßen der Innenstädte – und lieferten sich Schlachten mit der Polizei. Die nach Krisen und Kriegen immer noch ruhebedürftige bundesdeutsche Gesellschaft reagierte empört.

Doch auch jenseits musikalischer Großereignisse blieb das Halbstarkentum während der folgenden zwei Jahre ein Teil der Alltagskultur zumeist ungelernter Arbeiterjugendlicher. Diese standen mit Transistorradios an Straßenecken, verbrachten ihre Zeit auf Rummelplätzen, belästigten Mädchen mit machohaften Sprüchen, zerrten Wäsche von den Leinen, klingelten Familien aus dem Schlaf. Ihr Dresscode waren „Nietenhosen“, die Lederjacke, das oben offene Hemd und der obligatorische Plastikkamm in der Gesäßtasche. Wer es sich leisten konnte, fuhr ein knatterndes Moped. Den Körpercode charakterisierte die Art des Tanzes nach dem von Elvis Presley interpretierten Rock’n Roll, um durch kreisende Hüftbewegungen provokativ Sexualität auszudrücken.

Seit 1958 domestizierte sich das zuvor übel beleumdete Halbstarkentum, changierte zur adretten Teenagerkultur von Peter Kraus und Cornelia Froboess. Seither hat man sich daran gewöhnt, dass Protest durch die Sogkraft von Moden und Konsum umgehend gezähmt wird. Und das weltweit: 1956 wurde Rock’n-Roll-Musik noch in etlichen Ländern verboten. Einige Jahre später war die Kultur des Subproletariats dort Motor einer gigantischen Musikindustrie. Bemerkenswert war, dass die proletarischen Halbstarken und die bildungsbürgerlichen 68er der gleichen Generation zugehörten, den Geburtsjahrgängen 1940 bis 1943 – angesiedelt nur in zwei unterschiedlichen sozialen Etagen. Doch jene rebellierten zehn Jahre früher und natürlich in ganz anderen – eben körperbetonten – Formen. Die 68er schrieben Geschichte, die Halbstarken nicht. Und dies wortwörtlich: Die 68er formulierten als Akteure Tausende von Briefen, Pamphleten, Einträgen in Tagebüchern. Ihre literarische Produktion war in gutbildungs-bürgerlicher Tradition beachtlich. Die 68er Studenten schufen reichlich Quellen für ihre Geschichtsschreibung, auch für spätere Mythen und Legenden. Die halbstarken Jungarbeiter hingegen deuteten sich nicht theoretisch.

Dabei war der kulturelle Einschnitt, den die Halbstarken setzten, keineswegs gering. In Deutschland war die Jugendkultur des 20. Jahrhunderts bis dahin bündisch geprägt, mehr noch: soldatisch, zackig, gleichsam in Reih und Glied gezwängt. Mit diesem Körperhabitus, der das autoritäre politische Mehrheitsverständnis der Gesellschaft spiegelte, brachen die Halbstarken. Sie bewegten sich lässig, schlurfend, wie es damals hieß, „amerikanisch“. Mit den Halbstarken begann die Verwestlichung der Kultur, der Bruch mit dem militärisch grundierten Deutschnationalismus. Und die proletarische Musik- sowie Kleidungskultur antizipierte die Hörgewohnheiten und Jeanspassion der jungen akademischen Mittelschichten seit den Sechzigern, während zuvor doch stets ein kultureller „Sickereffekt“ sozial von oben nach unten zu konstatieren war. Überdies signalisierte der halbstarke Hedonismus im proletarischen Milieu auch das Ende des ambitionierten Weltanschauungs- und Erziehungsanspruchs der organisierten Arbeiterbewegung. Die jungen halbstarken Arbeiter lebten für den Augenblick, bereiteten sich nicht mehr asketisch im SPD-Arbeiterbildungswesen auf ein fernes sozialistisches Endziel vor. Sie nahmen damit indirekt die Godesberger Wende der SPD vorweg. Und sie indizierten die Entfremdung zwischen Unterschichten und Sozialdemokratie, die dann später in die SPD der „neuen Mitte“ führte.

Doch auch in anderer Hinsicht prädeterminierten die Halbstarken einiges von dem, was seit den späten sechziger Jahren allein mit „68“ assoziiert wurde. Die Halbstarken haben gewissermaßen die Methode der „Provokation“ entdeckt. Sie erlebten, welch große Wirkung der Tabubruch erzielen konnte – vor allem dann, wenn sich seine Rezeption medial multiplizierte. Eine ganze Politikergeneration ist in dieser Schule der Halbstarken groß geworden. Eine ganze Kohorte, von Schröder über Lafontaine und Fischer bis hin zu Trittin, hat die Methode der Regelverletzung über die mediale Verstärkung biographisch genutzt. Etliche von denen, die in den letzten Jahren Politik, Medien, Verbände und Universitäten geprägt haben, waren keineswegs 68er. Sie waren Halbstarke. Daher rührten oft die großen, aber hohlen Phrasen, die erratischen Politikausschläge der letzten Jahre. Das geht nun zu Ende. Die Halbstarken treten ab.

Prof. Dr. FRANZ WALTER, geb. 1956, lehrt Parteienforschung an der Universität Göttingen. Zuletzt erschien von ihm „Die ziellose Republik. Gezeitenwechsel in Gesellschaft und Politik“ (2006).

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