Pyrrhussiege für Palästina

Buchkritik

1. May 2007 - 0:00 | von Thomas Speckmann

Internationale Politik 5, Mai 2007, S. 132 - 133.

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Politische Kultur, Geschichte, Palästinensische Selbstverwaltungsgebiete, Palästina

Von ihren Anfängen als religiöse Splittergruppe bis zur Regierungspartei hat die Hamas einen weiten Weg zurückgelegt. Doch die militärische und politische Erfolgsbilanz der Hamas kennt nicht nur Sieger. Zu den Verlierern zählen ausgerechnet die, um deren Interessen es vorgeblich geht: die palästinensische Zivilbevölkerung.

Bisher hat sie alles richtig gemacht, zumindest aus eigener Sicht. Mit ihrem überwältigenden Sieg bei den palästinensischen Parlamentswahlen Anfang 2006 ist der radikalislamischen Hamas der Sprung an die Macht gelungen. Doch der Weg dorthin war lang. Wie lang, beschreibt Joseph Croitoru in seiner nicht nur überaus lesenswerten, sondern auch angenehm lesbaren Darstellung der Hamas-Geschichte. Croitoru, der für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt und bereits 2003 eine viel beachtete historische Studie zum Phänomen des Selbstmordattentats vorgelegt hat, bescheinigt der Hamas ein strategisch kluges und erfolgreiches Vorgehen.

Entstanden als Zweig der ägyptischen Muslimbrüder in Palästina, hat sich die Hamas als religiöse Alternative zur säkularen PLO behauptet. In der Opposition wie in der Regierung gibt sich die Hamas abseits der Terroranschläge zwar immer auch politisch pragmatisch. Ihr Ziel aber bleibt die Rückeroberung des gesamten Gebiets des historischen Palästina und die Gründung eines islamischen palästinensischen Staates. Ihr Netz von sozialen und Erziehungseinrichtungen dient daher nicht nur wohltätigen Zwecken, sondern auch der ideologischen Unterfütterung des gegen Israel geführten Dschihad. Israel seinerseits sieht in der Hamas vor allem eine Terrororganisation und schlägt mit aller Härte zurück – allerdings mit nur begrenztem Erfolg.

Denn die Hamas kann darauf verweisen, dass die Einführung jener Waffe, gegen die die Israelis mit ihren Luft- und Bodenoffensiven im Gaza-Streifen bislang nicht viel ausrichten konnten, auf ihr Konto geht: die Kurzstreckenrakete, die – wenn auch mittlerweile von verschiedenen Organisationen unter unterschiedlichen Bezeichnungen eingesetzt – als „Qassam-Rakete“ in der ganzen Welt verbreitet ist. Während inzwischen beinahe sämtliche Selbstmordattentatsversuche im israelischen Kernland vom Militär vereitelt werden, stellen die Raketen mit ihrer wachsenden Reichweite und Zerstörungskraft für Israel eine immer größere Bedrohung dar. Sie sind zur wichtigsten Offensivwaffe der militanten Palästinensergruppen geworden.

Zu Recht weist Croitoru auf eine folgenschwere Entwicklung hin: Auf längere Sicht scheint es eines der Ziele der Hamas wie der anderen palästinensischen Kampforganisationen zu sein, die Schlagkraft jener Raketen zu erreichen, mit denen die Hisbollah im Libanon-Krieg 2006 den Norden Israels in bislang ungeahntem Ausmaß terrorisiert hat. Ebenso dürfte sich die Hamas, die kontinuierlich weiter aufrüstet, den höchst effizienten Panzerabwehrkampf der Hisbollah gegen die israelischen Bodentruppen zum Vorbild nehmen.

Doch was die Hamas als gut für sich selbst ansieht, muss noch lange nicht gut für die Palästinenser sein. Denn außenpolitisch haben die Bildung der Hamas-Regierung und die Fortsetzung des bewaffneten Kampfes gegen Israel dazu geführt, dass die palästinensische Autonomiebehörde nicht mehr nur von Israel und den Vereinigten Staaten, sondern auch von der Europäischen Union boykottiert wird. Leidtragende ist die palästinensische Zivilbevölkerung.

Joseph Croitoru: Hamas. Der islamische Kampf um Palästina. München: C.H. Beck Verlag 2007, 256 Seiten, 19,90 €

Dr. Thomas Speckmann, geb. 1974, Historiker und Politikwissenschaftler, ist Referent in der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen und Lehrbeauftragter am Seminar für Politische Wissenschaft und Soziologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

 
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