Und was macht die "Generation Golf"?

Werkstatt Deutschland

1. May 2007 - 0:00 | von Franz Walter

Internationale Politik 5, Mai 2007, S. 82 - 83.

Kategorie: Politische Kultur, Staat und Gesellschaft, Politisches System, Deutschland, Mitteleuropa

Die neoliberalen „Yuppies“ der Neunziger wollen heute Sicherheit statt radikalem Markt – das zwingt die FDP dazu, sich neu zu positionieren

Irgendwann in der zweiten Hälfte der Neunziger veränderte sich die Kultur der jugendlichen bundesdeutschen Trendsetter ziemlich grundlegend. Der 68er Mainstream lief aus. Zu Ende ging es mit Schlabberlook, Anti-AKW--Stickern, sozialistischen Klassikern, Betroffenheitspathos und Frank-Zappa-Musik. Die neuen Kohorten lasen Tempo statt Konkret, trugen Blazer statt Latzhosen. Sie wuchsen auf mit Internet, Privatfernsehen, Mobiltelefonen und Boris Becker. Für die neuen Jahrgänge bürgerten sich im Laufe der achtziger und neunziger Jahre allerhand Kollektivbegriffe ein: Zunächst sprach man von „Yuppies“, dann kamen die Bezeichnungen „DINKs“, „Dotcoms“ und „Yetties“ auf. In Deutschland wurde Florian Illies’ Metapher „Generation Golf“ so populär wie umstritten, auch von „ICHlingen“ war die Rede. Dergleichen Sprachartistik hat viel Spott hervorgerufen. Die Generationskonstruktionen galten als rein spekulativ, modisch, als Geschöpfe beliebiger Feuilletonmoden. Indes: Selbst die härtesten Empiriker in der Werteforschung diagnostizierten mit Hilfe ihrer seriellen Daten, dass an der Formel von der „Generation Golf“ überraschend viel dran war. Und auch die quantifizierende Wahlforschung stellte fest, dass sich die Jahrgänge 1966 bis 1975 – eben jene, die man der „Generation Golf“ zurechnete – vom Wahlverhalten her deutlich von den Altersgruppen zuvor unterschieden.

Kurzum: Die „Generation Golf“ hatte sich in der Tat von den postmaterialistischen Einstellungen und ökoalternativen Habitusformen der älteren Geschwister gelöst. Und sie wählte nicht mehr mehrheitlich rot-grün, sondern „bürgerlich“. Vor allem die Freien Demokraten haben ihren Aufschwung der letzten Jahre unzweifelhaft dieser Post-68er-Kohorte zu verdanken.

Insofern durfte sich vor allem Guido Westerwelle nach langen Jahren bitterer Niederlagen, Erosionen und hämischer Reaktionen letztendlich bestätigt sehen. Seit 1983 – damals führte er die „Jungen Liberalen“ an – hatte er sich unverdrossen als Protagonist einer veränderten Generations- und Einstellungskultur neu herangewachsener, leistungsorientierter, optimistischer, fortschrittsbejahender, marktorientierter Individuen präsentiert. Der Liberalismus, den er anstrebte, sollte diese Gruppe als Fundament und Avantgarde nutzen: Erfolg hatte er mit dieser strategischen Option allerdings erst im Jahr 2000, als die CDU tief im Schlamassel des Spendenskandals steckte. Seit dieser Zeit ist die FDP nicht mehr in erster Linie altmittelständisch und honoratiorenhaft, sondern auch sozialstrukturell neoliberal, da sie nun die Gruppe der „Startups“ und der jungen Experten aus den Sektoren Marketing und Multimedia zu ihren neuen Wählern zählen konnte.

Doch kommen in der Politik die Prozesse oft genug erst dann an, wenn sie sich gesellschaftlich bereits drehen und neu konfigurieren. Die FDP wurde neoliberal, als bei den Schrittmachern des Neuliberalismus der Enthusiasmus eben dafür allmählich verebbte. Das Jahr 2001 markierte auch hier die Zäsur. Der Crash auf den Aktienmärkten, die Einbrüche in der New Economy hatten etliche der „modernen Performer“ – wie das Heidelberger Sinus-Institut diese Gruppe in ihren scharfsinnigen Studien kategorisiert – ins Straucheln gebracht, ihres Vermögens und oft auch ihres Arbeitsplatzes beraubt. Diese Erfahrung sorgte für beträchtliche Ernüchterung, schuf einen neuen Realitätssinn. Überhaupt ist die Kohorte allmählich ins mittlere Alter gekommen und vor allem in die Familienphase eingetreten. Bis dahin waren die Zugehörigen dieser hochmobilen und dynamischen Gruppe jeder für sich fieberhaft unterwegs, häufig auf Reisen, immer auf Ausschau nach neuen Experimenten, Projekten und Ideen, nicht zuletzt: nach den Grenzen der eigenen Leistungskraft und Belastungsfähigkeit.

Mittlerweile sind Ermüdungs- und Erschöpfungszustände unverkennbar. Die einst radikalindividualistischen Performer sind stärker auf der Suche nach Geborgenheiten, festen Partnern, sicheren Häfen für Einkehr und Regeneration. Den früheren grundsätzlichen Optimismus trüben jetzt mehr und mehr skeptische Reflexionen. Die „Generation Golf “ wirkt infolgedessen im Jahr 2007 geerdeter, wünscht sich nun ebenfalls kalkulierbare Rahmenbedingungen, vor allem Planungssicherheiten für Familie und Beruf. Als „Regrounding“ wird dies zuweilen bezeichnet.

Es mag mit diesen nichtneoliberalen Bedürfnissen nach Verwurzelung zu tun haben, dass die FDP seit ihrer Hausse vom Sommer 2006 sukzessive an Prozenten bei den regelmäßigen Sonntagsfragen der demoskopischen Institute eingebüßt hat. Aber die veränderte Mentalität in der Gruppe moderner Performer kann den Freien Demokraten auch nutzen. Schließlich möchte es auch deren Klientel heute nicht mehr gar so marktradikal haben. Das schiebt die Westerwelle-Partei wieder stärker in die Mitte, erleichtert ihr die Koalitionsmöglichkeiten – selbst mit den Sozialdemokraten. Doch die stärksten Sympathien im neubürgerlichen Milieu der Entrepreneurs dürften einer Jamaika-Koalition gelten. Das wäre ein ganz neues Projekt, innovativ und riskant zugleich, hätte Charme und Erotik. Mit solchen Zuschreibungen kann man die „Generation Golf-Westerwelle-Performer“ – Ernüchterung hin, Regrounding her – wohl immer noch mit der größten Aussicht auf Erfolg in das politische Boot holen.

Prof. Dr. FRANZ WALTER, geb. 1956, lehrt Parteienforschung an der Universität Göttingen. Zuletzt erschien von ihm „Die ziellose Republik. Gezeitenwechsel in Gesellschaft und Politik“ (2006).

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