Sozialismus, tiefgefroren

Warum Kim Jong Il weniger mächtiger ist, als der Westen glaubt

1. November 2007 - 0:00 | von Thomas Gutschker

Internationale Politik 11, November 2007, S.72 - 81.

Kategorie: Politisches System, Politische Kultur, Staat und Gesellschaft, Nordkorea, Asien

Diszipliniert und durchorganisiert wirkt die Volksrepublik Korea auf den flüchtigen Betrachter, stromlinienförmiger, als die DDR je gewesen ist. Doch der zweite Blick offenbart Risse in der Fassade: Inseln der Marktwirtschaft, interne Konkurrenzkämpfe, und selbst der „Geliebte Führer“ schwächelt. Kim Jong II hat seine Nachfolge noch immer nicht geklärt. Denn jeder Kandidat dürfte Widerstand provozieren. Ansichten aus einem verschlossenen Land.

Andächtige Stille, niemand spricht  mehr. Aus unsichtbaren Lautsprechern setzt getragene Musik ein. Dann gibt der Wärter den Weg frei. Gruppenweise schreiten die Menschen nach vorne und stellen sich auf zu Füßen ihres Großen Führers: Pioniere mit weißen Hemden und roten Halstüchern, Soldaten in olivfarbenen Uniformen, Frauen in leuchtenden Seidengewändern. Sie legen Blumen nieder, vor allem lachsfarbene Orchideen der Sorte „Kimilsungia“, und beugen zum Abschied das Haupt. Gegen Mitternacht, als die Letzten ihren Heimweg antreten, steht die 22 Meter hohe Bronzestatue Kim Il Sungs in einem Blütenmeer, hell leuchtend in den schwarzen Nachthimmel über Pjöngjang. „Kommunistische Staaten ersetzen die alten Götter durch neue. Aber bis dato hat allein Nordkorea das Stadium des Monotheismus erreicht“, schrieb der amerikanische Religionsforscher Bamber Gascoigne vor 30 Jahren. Wer heute einen nationalen Feiertag wie den Gründungstag der Republik am 9. September erlebt, spürt, dass sich daran nichts geändert hat.

Zwar ist Kim Il Sung seit 1994 tot, aber die Menschen verehren den Staatsgründer immer noch wie einen Gott, der unter ihnen weilt. Die Verfassung hat ihn 1998 gar zum „ewigen Präsidenten“ erhoben. Seither ist Nordkorea der einzige Staat der Welt, der offiziell von einem Toten regiert wird.

Traumhafte Verhältnisse für ein diktatorisches Regime, möchte man meinen: Götter sind unantastbar, ihre Macht dem irdischen Wandel überlegen. Aber für Kim Jong Il, den Sohn und Nachfolger des Großen Führers, ist der Personenkult ebenso Segen wie Fluch. Einerseits strahlt der Glanz des Vaters auf den Sohn ab. Zusammen mit seiner Mutter Kim Jong Suk bilden sie die „heilige Familie“ Nord-koreas. Andererseits ist der Sprössling das schwächste Glied dieser Trias: Der Mann, der sich „Geliebter Führer“ nennen lässt, steht auch mit 65 Jahren noch im Schatten seiner Eltern. Er darf dem großen Vater die Aktentasche ins Büro tragen oder seinen Weisungen lauschen – so wird der kleine Kim auf den Wandbildern dargestellt, die in jedem öffentlichen Gebäude hängen und jeden öffentlichen Platz schmücken.

Mit dem Bild, das sich der Westen von Kim Jong Il macht, passt das schlecht zusammen. Da ist er vorzugsweise der totale Herrscher mit unbeschränkter Macht, exzentrischem Lebensstil und unberechenbarem Auftreten – der „Irre mit der Bombe“ eben. Diese Charakterisierungen sind nicht völlig falsch, stammen sie doch von Personen aus seinem Umfeld, die nach ihrer Flucht anschauliche Er-lebnisberichte geschrieben haben. Gleichwohl ist Kims Macht begrenzter und das staatliche Zwangssystem weniger homogen, als es auf den ersten Blick erscheint.

Diszipliniert und durchorganisiert

Der erste Blick: Das sind jene am Abend immer längeren Schlangen an den Bushaltestellen, in die sich die heimkehrenden Staatsbürger mit eiserner Disziplin einreihen. Oder die Schulklassen, die im Kollektiv durch die betongrauen Straßenschluchten von Pjöngjang hasten. Und natürlich die Verkehrspolizistinnen, die wie Roboter auf den Kreuzungen stehen und Kommandos geben, auch wenn kein Auto vorbeikommt. Diszipliniert und durchorganisiert wirkt die Volksrepublik, stromlinienförmiger, als die DDR je gewesen ist – der Sozialismus, tiefgefroren für alle Zeiten.

Doch dann sind da noch die provisorischen Verkaufsstände am Straßenrand. Unter blauen Planen verkaufen Frauen Obst und Gemüse, ein warmes Mittagessen, kleine Gebrauchsgegenstände. Wöchentlich kommen neue hinzu, berichten Ausländer, die schon länger in der Hauptstadt leben. Am liebsten versorgen sie sich auf dem Tongil-Markt, denn da gibt es nicht nur mehr Auswahl als in den wenigen staatlichen Kaufhäusern. Es entfällt auch der Zwang, in Euro zu zahlen – und damit der festgelegte Wechselkurs. Auf dem Schwarzmarkt wird ein Euro zu 4500 Won getauscht, offiziell ist er bloß 170 Won wert. 4500 Won, so viel verdient ein leitender Arzt im Monat. Auf dem Tongil-Markt sind sie schnell wieder ausgegeben. Die Preise bilden sich frei, ein Kilogramm Gurken kostet 800 Won, mehr als eine Monatsmiete.

Der Staat hat diese Inseln der Marktwirtschaft nicht gewollt, sie entstanden nach den schweren Überschwemmungen 1995. Das öffentliche Verteilungssystem hatte nicht mehr viel zu verteilen, weil die Felder zerstört waren. Bis zu zwei Millionen Menschen, zehn Prozent der Bevölkerung, sollen in der Folge verhungert sein. Noch 2004 stellte UNICEF fest, dass die Hälfte aller Kinder unter sieben Jahren an chronischer oder akuter Mangelernährung leiden. Zunächst auf dem Land, später in der Stadt wurden Lebensmittel getauscht. Das war effizienter als die staatliche Ausgabe über Lebensmittelkarten. Erst als klar war, dass die neuen Märkte nicht mehr verschwinden würden, zog der Staat nach, gab die Preise frei und hob die Löhne an.

Die Staatsorgane tricksen einander aus

Aber wer ist dieser Staat? Ist es der reine Wille Kim Jong Ils, vermittelt über jene drei Organe, denen er vorsteht: der Koreanischen Arbeiterpartei, der Nationalen Verteidigungskommission und den Streitkräften? So schreibt es die Theorie vor, die den Kindern von der ersten Klasse an eingetrichtert wird. Die Praxis aber erleben Geschäftsleute, die in Nordkorea investieren wollen. „Manche reisen viermal an und reden bei jedem Besuch mit einem neuen Partner“, wird im abgeschirmten Botschaftsviertel der Hauptstadt erzählt. Wenn es um Devisen gehe, „tricksen sich die Staatsorgane gegenseitig aus“. Partei, Staatsbürokratie und Armee besäßen jeweils eigene Konglomerate, die Geld erfolgreich verdienten, aber gut verschleiert seien.

Als klassisches Beispiel dafür gilt die Sonderwirtschafts-zone Kaesong. Direkt an der Grenze entsteht seit 2002 mit südkoreanischen Investitionen ein hochmoderner Produktionsstandort. Bis 2020 sollen dort 2000 Unternehmen angesiedelt werden, die für den Markt im Süden produzieren. Wie das Geschäftsmodell funktioniert, offenbaren die wenigen, die schon dort sind: Die Arbeiter schuften zu Minilöhnen, deren größerer Teil in Pjöngjang wieder einkassiert wird – so viel Sozialismus muss sein. „Kaesong ist ein gemeinsames Projekt der Armee im Norden und von Großunternehmen im Süden zur Ausbeutung der nordkoreanischen Bevölkerung“, behauptet ein Diplomat.

Die Armee, mit 1,1 Millionen Soldaten die fünftgrößte Streitmacht der Welt, darf sich als Gewinner der Jahre unter Kim Jong Il fühlen. Nachdem er in seinen ersten Jahren mehrere Kommandeure hinrichten ließ und durch Gefolgsleute ersetzte, womöglich nach einem Putschversuch, ist die militärische Führung immer einflussreicher geworden. Songun – das Militär zuerst –, so lautet die offizielle Doktrin. Natürlich gilt sie nicht für das Fußvolk, das regelmäßig zu Ernteeinsätzen abkommandiert wird, Straßen reparieren muss und mit seinen hoffnungslos überalterten Fahrzeugen immer wieder am Fahrbahnrand liegen bleibt. Träger der Macht ist vielmehr eine kleine Clique hoher Offiziere, ihre Schaltzentrale die Nationale Verteidigungskommission.

Auch das Kabinett hat mit den Wirtschaftsreformen in den Jahren 2002 und 2003 an Spielraum gewonnen. Allerdings ist bis heute kein klarer Kurs erkennbar, manche Reformschritte wurden wieder eingeschränkt, andere nur im Verborgenen vollzogen. So enthüllte ein südkoreanischer Bericht im Juni, dass der kommunistische Nachbar Anfang 2006 stillschweigend seine erste kommerzielle Bank gegründet hatte, bei der (ausgesuchte) Einzelpersonen und Unternehmen Konten einrichten und Devisen tauschen können. Der verantwortliche Ministerpräsident Pak Pong Ju wurde jedoch später ausgetauscht – offenbar eine Warnung an das Lager der Reformer.

Der Aufstieg der Spitzen von Militär und Staatsbürokratie geht einher mit dem Bedeutungsverlust der Koreanischen Arbeiterpartei. Kim Jong Il übernahm zwar nach der dreijährigen Staatstrauer um seinen Vater 1997 ihren Vorsitz, jedoch ohne den zuständigen Parteitag einzuberufen. Das Politbüro überließ er dem natürlichen Lauf der Dinge: Von den ursprünglich 20 Mitgliedern lebt nur noch eine Handvoll, Nachfolger gibt es nicht. Ob das Zentralkomitee noch zusammenkommt, ist ungewiss. Wie groß der Zorn der Nomenklatur ist, zeigt die Rede eines Mitglieds, die kürzlich in Seoul veröffentlicht wurde. „Alle Leute sprechen nur noch über Geld und wieder über Geld. Ist das etwa Sozialismus?“, beschwert sich darin Chang Jong Sun. Weil Kim Jong Il allen drei Organen vorsteht, scheint seine eigene Macht nicht berührt zu sein, wenn sich die Gewichte zwischen ihnen verschieben. Doch in Wahrheit setzen die inneren Konkurrenzkämpfe im System eine Dynamik in Gang, die kaum zu beherrschen ist. „Die totale Kontrolle nimmt ab, das Gegeneinander der Behörden nimmt zu“, urteilt ein europäischer Botschafter in -Pjöngjang.

Das spüren nicht nur westliche Investoren, sondern auch die wenigen Hilfsorganisationen in Nordkorea. Vor zwei Jahren sollten sie über Nacht das Land verlassen, die Regierung hatte die seit 1995 geleistete Nothilfe abrupt für beendet erklärt. „Wir glauben, dass es Leute im Sicherheitsapparat gab, denen die Präsenz von Ausländern suspekt war“, meint Karin Janz, Büroleiterin der Welthungerhilfe in Pjöngjang, der einzigen deutschen und mittlerweile größten Nichtregierungsorganisation in Nordkorea. Sie verhandelte trotz des Rauswurfs weiter mit dem Außenministerium. Im Ergebnis sind die Entwicklungsprojekte heute viel ambitionierter als vorher.

Gleichwohl bleibt die Lage unberechenbar. An einem Tag dankt das Außenministerium mehreren Staaten, darunter dem Erzfeind Amerika, mit warmen Worten für ihre Hilfe nach den schweren Überschwemmungen in diesem August. Am nächsten Tag tönt das Ministerium für Staatssicherheit, es habe einen ausländischen Spionageangriff aufgedeckt. „Hinter der Fassade von Dialog und Verhandlungen nehmen Versuche der Ausforschung und des Geheimnisverrats zu“ – ein dröhnender Vorwurf, der indirekt auch die Arbeit internationaler Helfer in Frage stellt.

Wer kommt nach dem „Geliebten Führer“?

Die größte Unsicherheit aber schwebt über dem „Geliebten Führer“ selbst. Seit Jahren schon kursieren Berichte über seine labile Gesundheit. Erst soll es der Alkohol gewesen sein, dem Kim Jong Il allzu sehr zusprach, nun ist von Herzproblemen die Rede. Ärzte des Deutschen Herzzentrums in Berlin (DHZB), die im Mai nach Pjöngjang reisten, gerieten sogar unter Verdacht, sie hätten Kim Jong Il einen Bypass gelegt. Immerhin wurden zwei Professoren später mit einem Orden geehrt. Nach Darstellung des DHZB haben die Ärzte lediglich drei Arbeiter, eine Krankenschwester und einen Wissenschaftler behandelt, „den Staatschef aber nicht zu Gesicht bekommen“.

Nicht nur im Ausland, auch in den Führungszirkeln des Systems dürfte die Gesundheit des Staatschefs ein Dauerthema sein. Nur wenige Personen bekommen ihn überhaupt zu Gesicht, öffentliche Auftritte sind extrem selten. Das gemeine Volk sah Kim zuletzt am 2. Oktober, als er den südkoreanischen Präsidenten zum Gipfeltreffen empfing – da wirkte er nicht kränklich. Trotzdem lastet die Frage auf dem Land, wer ihm eigentlich nachfolgen soll.

Kim Il Sung hatte sein Volk sehr früh darauf vorbereitet, dass sein ältester Sohn einmal die Macht übernehmen würde. Seit 1979 baute ihn die Staatspropaganda zum kommenden Führer auf – in der Folge wurden jene altarähnlichen Denkmäler gebaut, die Vater und Sohn zeigen. Kim Jong Il aber hat seit seiner Machtübernahme vor 13 Jahren nichts dergleichen getan. Für ein Volk, das von Kindesbeinen an zur Unterwerfung erzogen wird – sehr erfolgreich, wie der Personenkult beweist –, muss diese Ungewissheit schwer zu ertragen sein.

Natürlich spricht niemand offen darüber, schon gar nicht mit Ausländern, was ohnehin verboten ist. Aber allein die Reaktion des offiziellen Begleiters, der dem Besucher auf Schritt und Tritt folgt, spricht Bände. Wird die Staatsführung automatisch vererbt? „Dazu habe ich keine Informationen erhalten, da müssen Sie unsere Politiker fragen“, antwortet er unsicher. Wie viele Kinder hat der Führer überhaupt? Ein noch heikleres Thema, der Mann aus dem Außenministerium errötet: „Darüber wurde keine Mitteilung gemacht.“

Vier Kinder aus vier Ehen, daneben mindestens neun weitere Sprösslinge aus nichtehelichen Verhältnissen – so schätzen westliche Kenner die Familienverhältnisse ein. Trotz der großen Nachkommenschaft kommen für eine dynastische Erbfolgeregelung jedoch nur die drei ehelichen Söhne in Frage. Zwei von ihnen sind heute erst Mitte zwanzig. Kim selbst war 56 Jahre alt, als er die Ämter seines Vaters übernahm. Deshalb dürfte sich sein ältester Sohn Jong Nam, geboren 1971, größere Hoffnungen machen. Allerdings ist er bisher vor allem durch peinliche Eskapaden aufgefallen. Vor sechs Jahren nahm ihn die japanische Polizei fest, weil er mit einem gefälschten Pass einzureisen versuchte, angeblich um das Disneyland in Tokio zu besuchen. Anschließend ließ er sich – vom Vater halb verstoßen – in Macao nieder, um ein bekanntes Gesicht in den zahlreichen Kasinos der früheren portugiesischen Kolonie zu werden.

Im Botschaftsviertel von Pjöngjang gehen deshalb noch andere Nachfolgeszenarien um. „Wenn Kim morgen stirbt, würde das Militär die Macht an sich reißen“, prophezeit ein europäischer Diplomat. Ob Kim das selbst anstrebt, ist ungewiss. Wahrscheinlich ist sein Schweigen weniger Kalkül aus Stärke als vielmehr Zeichen der Schwäche: Jeder benannte Kandidat könnte offenen Widerstand provozieren – mit unabsehbaren Folgen.

Dr. THOMAS GUTSCHKER, geb. 1971, leitet das Ressort Außenpolitik der Wochenzeitung Rheinischer Merkur. Im September 2007 konnte er eine Woche lang in Pjöngjang und mehreren Provinzen  recherchieren.

 
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