Naher Osten

Joseph Croitoru über 40 Jahre Sechs-Tage-Krieg

1. October 2007 - 0:00 | von Joseph Croitoru

Internationale Politik 10, Oktober 2007, S. 148 - 150.

Kategorie: Bilaterale Konflikte, Krieg/Kriegführung, Sicherheitspolitik, Naher und Mittlerer Osten/Nordafrika, Arabischer Osten/Israel

Besprochen werden "1967. Israels zweite Geburt", "The Israeli Military and the Origins of the 1967 War" und "Nasser at War: Arab Images of the Enemy"

1967. Israels zweite Geburt

Tom Segev | Siedler 2007, 796 Seiten.

40 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 steht die historische Aufarbeitung dieses Krieges noch am Anfang. Während man in Israel bis heute den Mythos des Selbstverteidigungskriegs pflegt, wird auf arabischer Seite konsequent jegliche Schuld am Kriegsausbruch bestritten. Anders jedoch als in den arabischen Ländern, wo die einschlägigen Archive bis heute unter Verschluss gehalten werden, konnten Forscher in Israel in den letzten Jahren Archivmaterial studieren. So auch der israelische Journalist und Sachbuchautor Tom Segev, dessen 2005 in Israel erschienenes Buch über den Krieg von 1967 jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Es schildert weniger die Kriegshandlungen selbst als vielmehr die Stimmung und das Verhalten der Israelis sowie das Vorgehen ihrer militärischen und politischen Führung. Das ambitionierte Werk versammelt auffallend viele und zum Teil allzu ausführliche Zitate aus Tagebüchern und Protokollen von Regierungssitzungen, die der Öffentlichkeit hier erstmals zugänglich gemacht werden. Dabei soll die streckenweise fast ermüdende Ausführlichkeit wohl auch den Umstand kompensieren, dass, wie der Autor im Nachwort bedauert, das wirklich brisante Material, etwa zur Atomfrage oder auch zu den israelischen Inlands- und Auslandsgeheimdiensten, noch immer strenger Geheimhaltung unterliegt. Dessen ungeachtet ist Segev ein beeindruckendes Panorama der israelischen Befindlichkeit und ihres Umschlagens vom Stimmungstief zur Siegeseuphorie gelungen. Der zionistische Traum schien ausgeträumt: Das Vertrauen sowohl in die ältere Führung als auch in die für zu individualistisch gehaltene Jugend war im Schwinden begriffen. Der Autor zeigt wenig Verständnis für die damalige Gemütslage seiner Landsleute. Für ihn scheint die Krise größtenteils herbeigeredet, gleichwohl sie im Kern aus der nachvollziehbaren existenziellen Angst vor einem gesamtarabischen Angriff resultiert haben dürfte – gerade dieser Aspekt kommt in Segevs Buch entschieden zu kurz. Segev spielt die größeren und kleineren arabischen Überfälle auf Israel sowie die arabische Vernichtungspropaganda herunter, die dem Krieg vorausgingen. Ohne Kenntnis dieser Vorgeschichte erscheint die relativ junge israelische Militärführung als eine Gruppe aktionistischer Kriegsbegeisterter, die sich gegen eine ältere und besonnene politische Führung durchsetzte. Das große Verdienst von Segev ist es, den Sechs-Tage-Krieg auch als eine Kompensation für die – aus israelischer Sicht – militärischen Versäumnisse im israelisch-arabischen Krieg von 1948 zu erklären. Denn jetzt schien für viele ältere Israelis die alte territoriale „Normalität“ der britischen Mandatszeit wieder hergestellt, einschließlich des freien Zugangs zu Ostjerusalem und zur Westbank. Diese These hätte Segev durchaus noch prägnanter formulieren können, liefert sie doch neben der geradezu messianischen Begeisterung über die Rückkehr zu den Gebieten des biblischen Erez Israel eine neue Erklärung für die Selbstverständlichkeit und den Eifer, mit denen die Israelis in die Rolle der Besatzer drängten. So wurde denn auch die Okkupation der Palästinensergebiete in nur wenigen Monaten von einer rein militärischen zu einer immer stärker politischen Angelegenheit.

The Israeli Military and the Origins of the 1967 War: Government, Armed Forces and Defence Policy, 1963–1967

Ami Gluska | Routledge 2007, 352 Seiten.

Ami Gluska, ein ehemaliger hoher israelischer Militäroffizier und Regierungsberater, hatte kurz vor Segev 2004 in Israel eine Studie über das Verhalten der israelischen Militärs und Politiker im Vorfeld des Sechs-Tage-Kriegs vorgelegt, die in diesem Jahr auf Englisch erschienen ist. Wie heikel das Thema Nukleartechnik für das israelische Militär auch heute noch ist, zeigt sich daran, dass sowohl Segevs als auch Gluskas Buch diesbezüglich einer Zensur unterzogen wurden. So bleibt die Frage, wie weit der Entwicklungsstand auf diesem Gebiet anno 1967 war, unbeantwortet. Gluskas Studie wurde ursprünglich im Auftrag der militärgeschichtlichen Forschungsabteilung der israelischen Armee durchgeführt und als Dissertation zugelassen, die in der Originalversion allerdings nicht zugänglich ist; bei dem Buch handelt es sich um eine zensierte Version. Gluska durfte Protokolle der israelischen Generalstabssitzungen einsehen und kommt, was das Verhalten der Militärführung anbelangt, zu einem etwas anderen Ergebnis als Segev.

Es mag etwas apologetisch klingen, doch Gluskas Forschungen veranschaulichen, dass Israel aus Sicht seiner Militärs Anfang Juni 1967 militärisch mit dem Rücken zur Wand stand. Die Militäraufklärung, die davon ausgegangen war, dass die Verstrickung der ägyptischen Armee im jemenitischen Bürgerkrieg Ägyptens Präsident Nasser davon abhalten würde, Israel militärisch zu bedrohen, hatte sich gründlich geirrt. Ende Mai 1967 war ein Großteil der ägyptischen Bodentruppen – mit Ausnahme der im Jemen stationierten – in den Sinai und somit auch an die Grenze zu Israel verlegt worden. Zu diesem Truppenaufmarsch kamen noch die Schließung der Meerenge von Tiran sowie die immer radikaleren Kriegsparolen Nassers und schließlich der ägyptische Verteidigungspakt mit Jordanien. In dieser Konstellation musste die israelische Generalität von einem drohenden Krieg ausgehen, bei dem Israel mit seinem im zentralen Küstengebiet stellenweise sehr schmalen Staatsterritorium und den großen Ballungszentren hohe Verluste hätte hinnehmen müssen – erst recht, wenn der Gegner zum Erstschlag ausgeholt hätte. Was die Generäle umtrieb, so Gluska, war keineswegs Kriegslust, sondern eine tiefe Sorge um die Existenz ihres Landes, weshalb sie schon Wochen vor Kriegsausbruch für einen Präventivschlag plädierten. Die politische Führung, die bis auf Arbeitsminister und Exmilitär Igal Allon auf militärischem Gebiet kaum Erfahrung hatte, erkannte die Gefahr erst relativ spät. Die Nominierung von Exgeneralstabschef Mosche Dayan am 2. Juni sollte dieses Versäumnis wieder gutmachen – und nur drei Tage später griffen die Israelis an. Nicht nur Segev ist der Auffassung, die israelische Militärführung sei sich der Überlegenheit ihrer Truppen stets sicher gewesen, auch Gluska sieht das so. Wie das freilich mit der These von der tiefen Besorgnis der Generäle zu vereinbaren ist, darauf gibt der Autor keine Antwort.

Nasser at War: Arab Images of the Enemy

Laura M. James | Palgrave 2006, 256 Seiten.

Auch die ägyptischen Militärs waren sich ihres Sieges sicher, so Laura M. James. Nur war diese Selbsteinschätzung, im Gegensatz zur israelischen, völlig unrealistisch. Die Autorin, die mit den wenigen noch lebenden ägyptischen Akteuren von 1967 gesprochen und Nassers Äußerungen und Reden studiert hat, führt diese Selbstüberschätzung vor allem auf fachliche Inkompetenz zurück, aber auch auf die Neigung zum Verschwörungsdenken, das unter Nasser und seiner Generalität weit verbreitet war. Obendrein berichtete letztere ihrem Präsidenten häufig hauptsächlich das, was er hören wollte. Im Falle der Zusicherung, die ägyptische Armee sei für eine Konfrontation mit der israelischen bestens gerüstet, hatte das Verhalten der Generäle fatale Folgen. Denn diese Fehlinformation verleitete Nasser zu immer größeren Provokationen gegenüber Israel und ließ ihn davon ausgehen, er würde auf jeden Fall, politisch oder militärisch, einen Sieg davontragen. Als allerdings Nasser seine Militärs vorausahnend am 2. Juni, als Dayan zum Verteidigungsminister ernannt wurde, warnte, in spätestens drei Tagen werde ein israelischer Angriff erfolgen, stieß das auf taube Ohren. Ob Nasser den Krieg damals wirklich wollte, darauf findet die Autorin keine eindeutige Antwort. Dass er bei seinen Provokationen die Rolle des starken Mannes spielte, um seinen ins Wanken geratenen Führungsanspruch in der arabischen Welt geltend zu machen, gilt hingegen als sicher.

Dr. Joseph Croitoru, geb. 1960, ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit den Schwerpunkten Naher Osten und Osteuropa. Jüngste Veröffentlichung: „Hamas. Der islamische Kampf um Palästina“ (C. H. Beck 2007).

 
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