Deutsch-polnische Wunschlandschaften

Kultur

1. September 2007 - 0:00 | von Lorenz Jäger

Internationale Politik 9, September 2007, S. 114 - 115.

Kategorie: Geschichte, Kultur, Europa, Deutschland, Polen

In welcher Sprache reden Deutsche und Polen übereinander? Vielleicht am besten in der Sprache der Dichter: Über das Buch „Czerwonka“

Dass Deutschland und Polen in der allerschwierigsten Nachbarschaft leben und dass die Geschichte jederzeit für aktuelle Interessen instrumentalisiert werden kann, hat sich in den vergangenen Monaten gezeigt. Wer, der noch die Persönlichkeiten von Tadeusz Mazowiecki und Bronis¸aw Geremek vor Augen hat, hätte die derzeitige Gereiztheit für möglich gehalten? Ein rechthaberischer Ton indes ziemt sich auch in der Politik nicht. Der grundsätzlich unrechthaberische aber, eine deutsche Spezialität, ist vielleicht noch absurder. Wir erinnern uns an Gesine Schwan, die, als in Frankreich über die EU-Verfassung abgestimmt werden sollte, gemeinsam mit anderen deutschen Intellektuellen am 3. Mai 2005 ein Manifest in Le Monde veröffentlichte, das ihre französischen Freunde zum „Ja“ ermuntern sollte – und zwar mit dem merkwürdigen Argument, Frankreich dürfe Polen in seiner traditionell schwierigen Lage zwischen dem nun wiedervereinigten Deutschland und dem wiedererstarkenden Russland „nicht allein lassen“. Man ermesse, was uns vor drei Jahren mit der erfolglos gebliebenen Kandidatur von Gesine Schwan für das Amt der Bundespräsidentin entgangen ist: Wir wären weltweit das einzige Land gewesen, dessen oberster Repräsentant die Nachbarstaaten vor der Nation warnt, als deren Staatsoberhaupt er amtiert. Immerhin haben wir uns auch so ein wenig von der deutschen Unrechthaberei bewahrt. Denn just Gesine Schwan, die Frankreich aufrief, Polen vor Deutschland zu schützen, ist: die Polen-Peauftragte der Bundesregierung. Es gibt Dinge, die macht uns keiner nach.

Die Sprache des politischen Diskurses scheint vernutzt, wenn man über Polen und Deutsche reden will. Geschichtsrevisionismus verbietet sich von selbst und leistet nur als Kinderschreck noch gute Dienste. Hohl geworden ist auch die offizielle Versöhnungssprache. In dieser Zeitschrift konnte man vor einigen Jahren von kritischen polnischen Stimmen hören, die ein „Versöhnungsbusiness“ heraufziehen sahen. Gibt es noch eine andere Sprache? Ja. Es ist die der Dichter, deren Amt es seit jeher ist, die Sprache der Herrscher mit einer Gegengeschichte zu konfrontieren. Der Dichter Gerald Zschorsch, aufgewachsen in der DDR, und der deutsch-polnische Erzähler Arthur Becker haben zusammen ein Buch geschrieben, es heißt „Czerwonka“ (Suhrkamp 2006). Es handelt von der Erfahrung des Reisens in einer Gegend, die zu den unbekanntesten Europas zählt – wenn man die Vogelparadiese der Masuren ausnimmt, die auch das Fernsehen gerne zeigt. Und hier findet man eine legitime, ja vielleicht die einzig mögliche Sprache, die zwischen Deutschen und Polen wirklich taugt. Eine Karte ist den Texten vorangestellt, die Liste der Orte erweckt die Vergangenheit, bis auf die Ritter des Deutschen Ordens zurückgehend, aufs Neue: Allenstein/Olsztyn, Marienburg/Malbork, Nidden/Nida, Preußisch-Eylau/Ilawa Pruska. An den ersten Teil, eine viersätzige, sehr verdichtete Kunstprosa von Zschorsch, schließt sich die Schilderung Beckers von den äußeren Abläufen an, die zur gemeinsamen Reise führten – wie er am Dadajsee aufwuchs, wie er Zschorsch im Krakauer Café Europejska kennenlernte, wie sie im Auto aufbrachen, um das Land zu suchen, in dem damals noch Beckers Großmutter lebte. Czerwonka, „ein Tausendseelendorf“, liegt im Ermland. „Nicht Polen und auch nicht Masuren oder Ostpreußen, sondern Warmia – das Wurmland – ist meine Heimat, das Land der Regenwürmer, sagen die Einheimischen.“ Sie entdecken eine Region, wie man politisch sagen würde – aber eher eine von der Geschichte glücklich vergessene Landschaft: „Keinerlei Industrie und wenige, brüchige Straßen bringen einen Zustand hervor, der an Naturschutzgebiete denken lässt.“ Einen Wunschraum sieht Zschorsch. Und zwar einen, in dem sich die Natur zu rauschhafter Pracht erhebt, die schiere Aufzählung wird übergangslos zum Gesang: „Wiesen, die seit Tausenden von Tagen nicht gemäht wurden. Wasser voller Fische: Zander, Hecht, Aal, Maräne. Vögel: Graureiher, Kormoran, Graugans, Bussard, Milan, Storch.“

Nicht dass dies der reine Stillstand wäre. Eher wird der Widerspruch ausgefaltet, der zwischen dem Straßenverkehr der Lastwagen litauischer, ukrainischer und weißrussischer Herkunft und der wenige Meter entfernten Unberührtheit sich auftut. Ein fast metaphysischer Gedanke grundiert diese Prosagedichte. Es ist der Widerstreit von Raum und Zeit, den Zschorsch erlebt: „Der Raum ist das Bild der Macht. In ihm breiten sich die großen Reiche aus. Die Zeit ist ein Bild der Ohnmacht. Denn in ihr findet alles ein Ende.“ Was die östliche Landschaft ihm schenkt, ist die erlebte Hegemonie des weiten Raumes über die Zeit. Das bedeutet nun nicht, dass die historischen Narben ausgeblendet würden. „Russischer Beton“, so lesen wir im letzten Stück, über die Kurische Nehrung, „verbreitet Trostlosigkeit. Die überschaubare Dauer eines halben Jahrhunderts slawischer Diktatur ergibt in der Siedlungsgeschichte dieser Geographie wenig Sinn, und doch plazierte sie ihr die tiefsten Schmisse auf.“ Als der Jurist Ludwig Passarge im 19. Jahrhundert die Kurische Nehrung beschrieb, schloss er mit den Worten: „Ein reiches Fruchtland ringsum bedroht von Unholden, die in dem glühenden Nebelduft verschleiert, verschwommen daliegen. Die nächste Nähe wird zur Ferne.“ Bei Zschorsch liest man über die gleiche Landschaft: „Nie war eine Gegend so nahe, und nie war eine Ferne so unter der Haut. Schauer und Glück zugleich.“

Dr. LORENZ JÄGER, geb. 1951, Diplom-Soziologe und Germanist, unterrichtet an japanischen und amerikanischen Universitäten und ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zuletzt erschien von ihm „Das Hakenkreuz – Zeichen im Weltbürgerkrieg. Eine Kulturgeschichte“ (2006).

 
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