Freidenker leben gefährlich

Wer den Koran wissenschaftlich analysiert, setzt sein Leben aufs Spiel

1. September 2007 - 0:00 | von Fakhri Saleh

Internationale Politik 9, September 2007, S. 30 - 35.

Kategorie: Religion, Forschung, Arabische Länder

Der Koran kann als ein Code, als Stück Geschichte oder als literarisches Werk verstanden werden. Immer mehr arabische Forscher analysieren die heilige Schrift der Muslime mit wissenschaftlichen Methoden. Doch an arabischen Hochschulen kommen sie nicht zu Wort – einige von ihnen erhalten sogar Todesdrohungen.

Die Auslegung des Korans war über alle Zeitalter des Islams hinweg eine strittige Angelegenheit. Die Interpretation der heiligen Schrift diente während der letzten 15 islamischen Jahrhunderte immer auch politischen Interessen und Machtbestrebungen. Heute halten vor allem die dem politischen Islam nahestehenden Fundamentalisten die wörtliche Bedeutung des Korans für die einzig wahre. Sie verwerfen damit das gesamte Werk der Religionsgelehrten und deren Versuche, die unzähligen Bedeutungen der heiligen Schrift zu erfassen. Sie derartig einzuengen und damit letztlich auszuhöhlen begrenzt das Studium des Korans ebenso wie das kulturelle Leben in der arabisch-islamischen Welt.

Vor diesem Hintergrund entzündete sich im letzten Jahr in der arabischen Welt eine hitzige Diskussion. Der Philosophieprofessor Hasan Hanafi von der Universität Kairo, bekannt als Verfechter der islamischen linken Theorie, sorgte mit einem Vortrag an der Bibliothek von Alexandria in den ägyptischen und arabischen Medien für Aufruhr und wurde der Blasphemie angeklagt. Bei der in der Bibliothek veranstalteten Tagung, bei der es um die intellektuelle Freiheit in Ägypten gehen sollte, wurde Hanafi mit den folgenden Worten zitiert: „Einige Koranverse sind widersprüchlich, besonders die, in denen es um Toleranz geht, und die, in denen zum Dschihad aufgerufen wird.“ Er bezeichnete den Koran zudem als „Supermarkt“, aus dem sich jeder nehmen könne, was er brauche. Die muslimischen Religionsgelehrten sollten aus dem Koran auswählen und sich dabei nicht auf seine wörtliche Bedeutung beschränken, so Hanafi. Er forderte in seinem Vortrag, Gott mit den Attributen der Toleranz, Wohltätigkeit, Gnade und Segnung zu versehen, anstatt ihn als mächtig, unwiderstehlich, gewaltig und erhaben zu beschreiben. Hanafi betonte, Allah mit eben letzteren „berüchtigten“ Attributen zu belegen, reduziere Gott den Schöpfer auf die Miniatur eines ungerechten Diktators. Diese revolutionäre Interpretation des Korans stellte eine Reaktion auf den 11. September 2001 dar und entsprach der Absicht, den Islam und die Muslime von dem hässlichen Bild der Intoleranz, des Despotismus und des religiös motivierten Hasses zu befreien.

Es gibt in der arabischen Welt eine wachsende Anzahl von Studien, die auf ähnliche Art versuchen, die islamische Geschichte zu analysieren und die verschiedenen, oft widersprüchlichen Interpretationen der heiligen islamischen Schriften in ihren jeweiligen historischen Kontext einzuordnen. Dabei berücksichtigen sie die politischen und ideologischen Bedingungen, die bei der Exegese des Korans in der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrtausends vorherrschten. Nach dem Tod des Propheten und seiner ersten Nachfolger, der vier rechtgeleiteten Kalifen, diente die Auslegung des Korans als Instrument im politisch-ideologischen Kampf um die weitere Nachfolge Mohammeds.

Diese Uneinigkeit der verschiedenen Rechtsschulen führte zu einem hermeneutischen Dilemma hinsichtlich der Geschichte des Islams. Zu Lebzeiten des Propheten und sogar nach seinem Tod, während der Herrschaft der rechtgeleiteten Kalifen, gab es verschiedene Lesarten der heiligen Schrift. Bekannt ist, dass einige oder alle heiligen Äußerungen zu Lebzeiten des Propheten Mohammed niedergeschrieben wurden, dass aber jeder der vier rechtgeleiteten Kalifen eigenständig die Sammlung der Texte vorantrieb. In der Zeit des Kalifen Uthman (644–656 n.Chr.) erreichte die Standardisierung des Korans ihren Höhepunkt. Die mannigfaltigen Lesarten wurden abgeschafft und auf sieben reduziert, wobei jede dieser sieben als gleichermaßen gültig angesehen wird. Die Abweichungen zwischen diesen sieben Lesarten sind nur phonetischer Art und haben nichts mit der Bedeutung und Auslegung der Koranverse zu tun. Es ist also verwirrend nachzuvollziehen, unter welchen Umständen die Offenbarung sowie die Sammlung und Niederschrift der Koranverse stattfand. Hinzu kommt, dass die arabische Schrift zu Lebzeiten des Propheten und seiner Kalifen keine diakritischen Punkte hatte, um gleich aussehende Konsonanten voneinander zu unterscheiden. Durch die mündliche Überlieferung war damals die jeweils richtige Bedeutung bekannt, heute können die gleich aussehenden, aber nicht gleich klingenden Konsonanten Verwirrung auslösen. Deswegen sind die heutigen reformistischen arabischen Interpreten des Korans sowohl hinsichtlich der Bedeutung als auch der Auslegung der heiligen Schrift verunsichert. Im Mittelpunkt der heutigen Neuauslegung der heiligen islamischen Schrift steht daher nicht nur die erneute Prüfung der historischen Umstände der Offenbarung, sondern vor allem die Rezeptionsgeschichte des Textes zu Lebzeiten Mohammeds.

Obwohl arabische Wissenschaftler wie Mohammed Arkoun, Nasr Hamid Abu Zaid und Sayyid Mahmud al-Qimni nicht beabsichtigen, die Tatsache der Offenbarung des Korans infrage zu stellen, sehen doch Islamisten und Fundamentalisten ihren Versuch, die Koranverse sprachwissenschaftlich und historisch zu untersuchen, als eine Bedrohung an. Sie glauben, der Koran dürfe nur auf die traditionelle Art gelesen und ausgelegt werden, auf die sich die muslimischen Religionsgelehrten während des goldenen Zeitalters des Islams, der Zeit der Kalifen, geeinigt hatten.

Arabische Historiker diskutierten Fragen der Koranexegese schon in der Vergangenheit kontrovers. Aber seit mehr als 50 Jahren behindert die traditionelle und rückwärtsgewandte Atmosphäre in der arabischen Wissenschaft und in intellektuellen Kreisen die Neuauslegung der heiligen Schrift. Der Umgang westlicher Wissenschaftler mit der Bibel, wie zum Beispiel in Northrop Fryes Buch „The great code“, ist in der muslimischen Glaubenslehre und der Lehre der Hadithe des Propheten ein Tabu.

Der Algerier Mohammed Arkoun befürwortet eine Neuauslegung der heiligen Schrift und eine Untersuchung des Korans aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive. Seine säkulare Herangehensweise an den Koran brachte ihm von vielen traditionellen islamischen Denkern und muslimischen Fundamentalisten Vorwürfe der Häresie und der Blasphemie ein. In seinem Buch „The Quran: from the inherited exegesis to the analysis of religious discourse“ (2001) fordert er eine Untersuchung des Korandiskurses nach westlichen, sprachwissenschaftlichen und semantischen Methoden. Er zieht die Analyse der linguistischen und semantischen Strukturen der heiligen Schrift den traditionellen theologischen Koranstudien vor, die an islamischen Hochschulen und in der islamischen Rechtsprechung vorherrschend sind. Arkoun sieht in der traditionellen theologischen Auslegungsmethode des Korans ein Machtinstrument für Auseinandersetzungen zwischen politischen und sozialen Interessengruppen in der islamischen Welt. Sie alle versuchen, ihre eigene Interpretation der heiligen Schrift durchzusetzen. Arkoun fordert die Muslime auf, der Vernunft der europäischen Aufklärung zu folgen, wenn sie den Weg in die Welt der Moderne, der Toleranz und des bürgerlichen Friedens finden wollen.

Islamischen Theologen (Fuqaha, eigentlich Rechtsgelehrte) wirft Arkoun vor, sie schränkten die Bedeutung der Offenbarung ein, ließen wissenschaftliche Argumente außen vor und ignorierten philosophische und theologische Debatten, die im Laufe der islamischen Geschichte stattgefunden hätten. So kritisiert er den berühmten Historiker, Juristen und Exegeten des Korans, Mohammd Ibn Jarir at-Tabari (839–923), dem sich viele islamische Rechtsgelehrte, Theologen und Philosophen anschlossen. Denn in seiner umfassenden Erläuterung zum Koran analysiert at-Tabari zwar Satz für Satz die heilige Schrift, indem er für gewöhnlich mit einer sprachwissenschaftlichen Lesart des Verses beginnt und dann nacheinander alle sich auf diesen Vers beziehenden Hadithe des Propheten auflistet, die er finden konnte. Arkouns Hauptkritik an at-Tabari und seinen Anhängern besteht jedoch darin, dass der arabische Historiker unkritisch gegenüber seinem Material gewesen sei. Die Überlieferungen, die er zusammentrug, waren oft widersprüchlich; trotzdem sah er davon ab, sie unterschiedlich zu gewichten. Doch was Arkoun in at-Tabaris Werk kritisiert, könnte auch fruchtbarer Boden für eine Neuauslegung der Offenbarung und ihrer historischen Umstände sein. At-Tabari könnte für konservative Fundamentalisten ein Wächter des Korans, seiner Auslegung und der Überlieferungen des Propheten sein – und gleichzeitig Kompilator eines Werkes von widersprüchlichen, paradoxen und sogar unglaubwürdigen Gedanken, Ideen und Ereignissen im Leben des Propheten.

Die linguistische und semantische Untersuchung, die Arkoun vornahm, betreibt der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid noch ausführlicher. In zahlreichen seiner in den letzten 20 Jahren geschriebenen Büchern hat er die Frage nach der Geschichtlichkeit des Islams vertieft und die heilige Schrift in ihre linguistischen und semantischen Strukturen zerlegt. Abu Zaid wurde wegen Unglaubens (Kafir) kraft des Hisba-Rechts, eines ethischen Gesetzeskodexes, von seiner Frau zwangsgeschieden. Er sei kein Muslim mehr, weswegen er auch nicht mit einer Muslimin verheiratet sein dürfe. Diese Strafe, die später annulliert wurde, hatte jedoch keine Auswirkungen auf den Arbeitseifer des Wissenschaftlers, der heute in den Niederlanden lebt und arbeitet. Abu Zaids Kernthese ist, dass der Koran ein linguistischer Text sei, der wie jeder andere arabische Text phonetisch, syntaktisch und semantisch untersucht werden könne. Der Aspekt der Offenbarung sollte ausgeklammert werden, stattdessen sollte die Arbeit des Philologen, des Linguisten und sogar des Literaturkritikers beginnen. Aus dieser Perspektive wird der heilige Koran als der „great code“ der arabischen Sprache betrachtet, als literarisches Werk im Wandel der Zeit (ähnlich der Bibel in Fryes Buch). Die Heiligkeit des Korans wird für den persönlichen Glauben bewahrt. Der Koran in den Analysen Abu Zaids ist ein Repertoire aus Überzeugungen, Sittenlehre, sozialer Reform, Rechtsprechung, aber gleichzeitig auch ein linguistischer Text, der anhand der modernen Sprachwissenschaft untersucht werden kann. In einer Besprechung verschiedener rationalistischer islamischer Rechtsgelehrter, Rhetoriker und Philosophen versucht Abu Zaid, den Interpretationsrahmen der heiligen Schrift zu erweitern. Er leugnet nicht die Heiligkeit des Buches, doch will er sie von den seit jeher politisch und gesellschaftlich motivierten Auslegungen trennen. Dieses Interpretationsschema provozierte unverhältnismäßige Reaktionen auf Abu Zaid. Der Grund für die heftige Resonanz aus der traditionellen, reaktionären Wissenschaft, dem Predigermilieu und dem Tagesjournalismus in der arabischen Welt ist die ahistorische Auslegung des Korans in islamistischen Kreisen.

Der Ägypter Sayyid Mahmud al-Qimni arbeitet in seinen Werken über die ersten Jahre der mohammedanischen Botschaft die historischen Fakten und politischen wie sozialen Umstände heraus, die dem muslimischen Glauben auf der Arabischen Halbinsel zum Erfolg verhalfen. Al-Qimni greift hierfür auf arabische „Archive“ zurück, auf Dichtung, die während der arabischen Tage in Mekka, Medina und anderen Städten auf der Arabischen Halbinsel verfasst wurde, sowie auf arabische Sprichwörter und Legenden. Er will damit historisieren, was in den Augen der traditionellen und reaktionären Rechtsgelehrten und der einfachen Leute in der muslimischen Welt als metaphysischer Fakt gilt. Die Zuhilfenahme von Lyrik in al-Qimnis Werken, die während der präislamischen Ära verfasst wurde, erinnert an das Werk des bedeutenden späten ägyptischen Schriftstellers und Kritikers Taha Hussein, der in seinem Buch „The Pre-Islamic Poetry“ (1927) die Authentizität der präislamischen Dichtung infrage stellte. Seine Thesen provozierten, ebenso wie die Arbeiten al-Qimnis, einen Proteststurm. Dieser führte 1932 zum Ausscheiden Taha Husseins aus dem Regierungsdienst. Al-Qimni sah sich 2005 gezwungen, sein Buch umzuschreiben und die religiösen Schlussfolgerungen herauszustreichen, die den heiligen Koran in Zweifel gezogen hatten.

Was in diesen Tagen stattfindet, ist eine Fortsetzung dessen, was im letzten Jahrhundert geschah, weil das traditionelle und reaktionäre religiöse Establishment dominiert und sogar an Macht hinzugewonnen hat. Die islamische Geistlichkeit, durch die Al-Azhar-Universität in Ägypten und verschiedene andere religiöse Autoritäten in der islamischen Welt repräsentiert, verweist nicht auf die hitzigen Debatten in der Geschichte und Tradition des Islams über die Entstehung des Korans und die Attribute Gottes. Damit sind arabisch-islamische Kreise noch nicht reif, eine Exegese des Korans und anderer heiliger Schriften des Korans auf den historischen Spuren islamischer Rationalisten zu akzeptieren. Der rationalistische Islam wird diesen Kampf nicht gewinnen, solange die islamischen Reformisten keine Plattform an arabischen Hochschulen haben und solange Moscheen vom erstarrten Gedankengut traditioneller muslimischer Prediger infiltriert sind.

FAKHRI SALEH, geb. 1957 in Jenin, leitet das Kulturressort der Tageszeitung Ad-Dustour in Amman und ist Vorsitzender der Jordanischen Kritikerassoziation. Saleh schreibt für die NZZ.

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