Meister Proper

Amsterdam: Wie ein Marokkaner seinen Landsleuten westliche Werte eintrichtert

1. September 2007 - 0:00 | von Kerstin Schweighöfer

Internationale Politik 9, September 2007, S. 16 - 23.

Kategorie: Integration, Religion, Kultur, Staat und Gesellschaft, Niederlande, Europa

Ghettobildung, Verwahrlosung, Hass auf die fremde Heimat: Der Amsterdamer Stadttteil Slotervaart spiegelte exemplarisch das Scheitern einer Politik, die von den Einwanderern nichts fordert und alles erlaubt. Doch die Niederlande sind aufgewacht: Keiner steht besser für den Kurswechsel als Bürgermeister Marcouch, der als „Superbulle“ Null-Toleranz predigt.

Manchmal fühlt sie sich wie eine Fremde in der eigenen Stadt. „Alles hier ist anders geworden“, klagt Jo Lebregt. Die 85 Jahre alte Niederländerin wohnt seit mehr als 50 Jahren in Amsterdam-Slotervaart. Beim türkischen Gemüsehändler auf dem August-Allebé-Platz kauft sie gerade frisches Obst. Islamische Frauen in langen Gewändern hasten an ihr vorbei und verschwinden in grauen Mietskasernen. Die Fassaden sind übersät mit Satellitenschüsseln, auf den Balkonen flattert Wäsche im Wind. Als grüne Vorstadt mit viel Wasser war Slotervaart am westlichen Stadtrand von Amsterdam einst gebaut worden, für junge Familien aus der Stadt wie die Lebregts, die mehr Luft und Raum suchten. „Aber jetzt sind wir Einheimischen eine Minderheit“, sagt die alte Dame.

Die meisten der 45 000 Einwohner sind Zuwanderer, die übergroße Mehrheit stammt aus Marokko. Kriminalität und Arbeitslosigkeit sind hoch. In den Seitenstraßen verfallen ganze Häuserzüge, eingeschlagene Fensterscheiben, an den Wänden Graffiti. Ein harter Kern muslimischer Jugendlicher lieferte sich in den letzten zehn Jahren immer wieder Schlägereien mit der Polizei.

Mit den Problemvierteln anderer europäischer Metropolen wie etwa den Pariser Banlieues lässt sich Slotervaart dennoch nicht vergleichen. Dazu ist es zu normal, zu unauffällig. Reporter aus dem Ausland ziehen regelmäßig enttäuscht wieder ab, weil sie nicht die erwartete „No-go-area“ vorfinden. Dennoch ist das Viertel als Keimzelle des Bösen in Verruf geraten: Hier wuchs Mohammed Bouyeri auf, der Mörder des Amsterdamer Regisseurs Theo van Gogh. Und gleich mehrere Mitglieder der islamistischen Terrorgruppe Hofstadgroep.

„Man darf nicht alle über einen Kamm scheren!“, meint Jo Lebregt. Ahmed Marcouch sei dafür das beste Beispiel: „Der ist selbst ein Muslim, aber der greift konsequent durch!“ Seit er in Slotervaart aufräumt, habe sich bereits einiges gebessert. Auf den Straßen liege weniger Müll, sicherer sei es auch geworden: „Unser Bürgermeister knöpft sich auch die muslimischen Jugendlichen vor. Die nehmen sich seitdem nicht mehr so viel heraus“, erzählt sie mit einem vielsagenden Blick auf eine Gruppe lärmender junger Marokkaner, die vor dem Gemüseladen ihre Schulpause verbringen.

Die sind alles andere als gut auf ihren neuen Bürgermeister zu sprechen: „Ahmed Marcouch? Natürlich kennen wir den!“ Ein gebürtiger Marokkaner, der wie ihre Eltern irgendwann in die Niederlande eingewandert ist: „Der hat sich auf uns eingeschossen“, schimpfen die Jungen. Und versuche, seine eigenen Landsleute anzuschwärzen: „Er ist ja gar kein richtiger Marokkaner mehr.“ Ihr Niederländisch ist perfekt, doch ansonsten wollen sie von Integration nichts wissen: „Einmal Marokkaner, immer Marokkaner“, klingt es im Chor. Und: „Marcouch ist ein Verräter!“

Einen Block entfernt im Slotervaarter Stadhuis. Ein moderner Backsteinbau, zwischen Beeten und Sträuchern verschönern Skulpturen den Innenhof; die Büros sind hell und freundlich eingerichtet. Geht es nach Marcouch, sieht ganz Slotervaart bald so aus: „Ich will diesen heruntergekommenen Ort wieder lebenswert machen“, verkündet der Marokkaner, als er aus der ersten Sitzung des Tages kommt. Die nächste wartet schon, wie immer ist er in Zeitnot. Doch über sein Lieblingsthema redet er gern und vergisst darüber fast sämtliche Termine: „Wir müssen verhindern, dass wir hier Zustände wie in Paris bekommen! Es ist fünf vor 12!“

Einer von ihnen

Dynamisches Aufreten, fester Händedruck, forscher Blick aus prüfenden, dunklen Augen: Marcouch ist ein Mann mit einer Mission. Gerade hat er mit dem so genannten„Antiradikalisierungsexperten“ gesprochen: Der soll verhindern, dass junge Muslime in den Fängen radikaler Fundamentalisten landen. Am Nachmittag trifft er sich mit Vertretern von Wohnungsbaugesellschaften; es geht um aufwendige Stadtsanierungsprogramme. Jetzt warten die „Streetcoaches“, um eine erste Bilanz zu ziehen: „Die patrouillieren täglich bis tief in die Nacht hinein auf dem Rad durch Slotervaart, um jugendlichen Unruhestiftern ins Gewissen zu reden“, erklärt er. „Und wenn sie nicht spuren, statten wir den Eltern einen Besuch ab!“

Der 41-jährige Sozialdemokrat gilt als Vorzeigeimmigrant: Er jobbte als Krankenpfleger, Zimmermann und Fabrikarbeiter, bevor er die Polizeischule absolvierte, um sich dann als Streifenpolizist zehn Jahre lang intensiv jungen marokkanischen Kriminellen zu widmen, die Amsterdams Straßen unsicher machten. Zusammen mit sechs anderen muslimischen Polizisten war er extra angestellt worden, um den Kontakt zur muslimischen Bevölkerung wieder herzustellen, den seine alteingesessenen Kollegen total verloren hatten. Bereits in dieser Zeit knöpfte sich Marcouch nicht nur viele dieser Jugendlichen persönlich vor, sondern auch deren Eltern.

Jetzt versucht sich der „Superbulle“ in der Politik: Bei den Kommunalwahlen im März 2006 hatten die Zuwanderer in Slotervaart dafür gesorgt, dass die Sozialdemokraten 11 der 20 Sitze im Stadtrat eroberten. Seitdem sorgt Marcouch dort für Schlagzeilen – landesweit. Sein offizieller Titel ist „Stadtteilvorsitzender“, doch in den Zeitungen taucht er immer wieder als erster muslimischer Bürgermeister der Niederlande auf.

„Marcouch beweist, dass wir in Sachen Integrationspolitik auf dem Weg zu einem neuen Gleichgewicht sind“, sagt der Amsterdamer Kulturphilosoph Ad Verbrugge. „Letztendlich haben die Entwicklungen seit dem Attentat auf Theo van Gogh doch noch zu etwas Positivem geführt.“ Viel zu lange habe die Muslimgemeinschaft sich passiv verhalten: „Jetzt erkennen immer mehr, dass auch sie einen Beitrag zur Integration leisten müssen“, so Verbrugge. „Und Marcouch ist einer von ihnen.“ Nur so könne die Kluft überbrückt werden, die sich seit den New Yorker Terroranschlägen und dem Aufstieg des rechtspopulistischen Politikers Pim Fortuyn zwischen Einheimischen und Zuwanderern aufgetan hatte.

Doch auch wenn Soziologen und Philosophen begrüßen, dass sich ein muslimischer Immigrant als Bürgermeister für die Lebensqualität eines Viertels einsetzen kann: Es gibt auch Einheimische, die Marcouch als Bedrohung sehen. Das gilt vor allem für die Wähler der islamfeindlichen Partei PVV von Geert Wilders, welche die Muslime am liebsten aus sämtlichen Ämtern jagen würden. Davon jedoch lässt sich Marcouch ebensowenig aus dem Konzept bringen wie von jenen Jugendlichen, die ihm auf der Straße die schlimmsten Krankheiten wünschen oder „Verräter!“ hinterherrufen: „Viele Muslime sind stolz auf mich – ich gebe ihnen das Gefühl, dazu zu gehören!“

Was die Männer, die ein paar hundert Meter weiter zum Freitagsgebet eintreffen, bestätigen. In der unauffälligen, kleinen Moschee am Postjesweg hat auch Mohammed Bouyeri seine ersten Koranverse gelernt. Doch daran wollen die Männer lieber nicht erinnert werden, sie haben es satt, immer wieder darauf angesprochen zu werden. Sie sind misstrauisch und einsilbig: „Seit dem Attentat auf Theo van Gogh kann man es als Muslim hier keinem mehr Recht machen.“ Höchste Zeit, sagen sie, dass jemand wie Marcouch den alteingesessenen Niederländern das Gegenteil beweise. Doch auch von den Einheimischen begrüßen es die meisten, dass endlich ein Macher im Rathaus am Ruder ist: „Wir haben nichts gegen Marcouch!“ beteuert Wim de Lange. Der 75-Jährige wohnt seit 1961 in einem Apartmentkomplex am Delflandplein und hat sich mit seiner Nachbarin ein paar Türen weiter zu einem „Kopje Koffie“ verabredet. Auch die ist erleichtert darüber, dass nun etwas gegen die Missstände getan wird. „Aber“, druckst die 58-Jährige herum: „Ein Bürgermeister hat doch für alle da zu sein. Und Marcouch erweckt manchmal den Eindruck, dass er sich nur noch um die Muslime kümmert!“

Der kennt diesen Vorwurf, will ihn aber nicht gelten lassen: „Ich bin hier, um Probleme zu lösen – und die größten Probleme gibt es derzeit nunmal in der Muslimgemeinschaft!“ Doch auch die Einheimischen profitieren von seinen Maßnahmen: Gleich nach seinem Amtsantritt sorgte Marcouch dafür, dass die Gemeinde endlich ihre Hausaufgaben macht – neben Sanierungsmaßnahmen ganz banale Dinge wie etwa eine gut funktionierende Müllabfuhr. Auch kaputte Straßenlaternen oder Abfalleimer werden nun sofort repariert. Doch die Liste reicht weiter: „Wir brauchen anständige Schulen“, betont Marcouch. „Für Kinder aus armen Familien ist das oft die einzige Chance. Wenn die auch noch auf einer Schule landen, die zu den schlechtesten des Landes gehört, muss man sich nicht wundern, dass eine Unterschicht entsteht.“ Auch damit spricht er vielen Niederländern aus dem Herzen. „Nur so kann man den jungen Menschen in Vierteln wie Slotervaart eine Zukunft bieten“, meint Kulturphilosoph Verbrugge. „Nur so können wir den immensen sozialen Problemen dort die Stirn bieten – Probleme, mit denen ganz Europa kämpft.“

Den harten Kern von rund 80 jungen muslimischen Kriminellen, die Slotervaart seit Jahren terrorisieren, würde Marcouch am liebsten in eine Anstalt stecken und erst dann wieder auf die Gesellschaft loslassen, wenn sie erfolgreich eine Therapie plus Ausbildung abgeschlossen haben. Einwände, das sei rechtlich unmöglich, fegt er vom Tisch: „Darüber habe ich neulich erst mit Parlamentariern in Den Haag gesprochen. Die sollen halt für die nötigen Gesetze sorgen! Dafür sind sie schließlich da“, poltert er und lässt sich nur ungern von seinem Assistenten unterbrechen, der ihn an das Treffen mit den Streetcoaches erinnert.

Marcouchs Antwort auf die Gewalt der Straße: ausgebildete Sicherheitskräfte, die in Slotervaart seit Ende letzten Jahres im Einsatz sind und sich um gefährdete Jugendliche kümmern. Auf dem Rad patrouillieren sie durch das Viertel, schon von weitem erkennbar an ihren roten Sweatshirts. Sie reden den Halbstarken ins Gewissen und sorgen dafür, dass sie tagsüber die Schulbank drücken und abends rechtzeitig zuhause sind. Das soll die Zahl der Ladendiebstähle, aufgebrochener Autos und Wohnungseinbrüche verringern. „Im besten Falle werden wir zu einer Art Vertrauensperson“, sagt Patrick Bakker, der in der Zentrale an der Johan Huizingalaan gerade für die Spätschicht eingeteilt wurde und einen ganzen Berg belegter Brote in seinen Rucksack packt. Gut ein Dutzend Männer reden durcheinander, die meisten sind groß und kräftig gebaut. Doch das Prädikat „Kleiderschrank“ reiche nicht aus, betont Bakker: „Viel wichtiger ist es, Autorität auszustrahlen und die Sprache der Jugend zu sprechen.“

Religiöser Brückenbauer

Auf Zaungäste legen die Streetcoaches keinen Wert, um das Vertrauen nicht zu gefährden, darf niemand mitradeln. Aus Sicherheitsgründen sind die Männer immer zu zweit unterwegs: „Wir wurden schon von Jugendbanden angefallen“, erzählt Bakker. „Aber wir wissen uns zu wehren. Und wir lassen uns nicht abschütteln. Morgen sind wir wieder da, und übermorgen. Und überübermorgen.“ Das sei ihre Stärke: „Dadurch entwickeln die Jugendlichen ein Band mit uns, ob sie nun wollen oder nicht.“ Zahlen liegen zwar noch keine vor, aber Geschäftsleute und Anwohner sind mit dem Projekt so zufrieden, dass die Streetcoaches im Herbst auch in anderen Amsterdamer Vierteln eingeführt werden sollen.

Als ebenso effektiv gilt der „Antiradikalisierungsexperte“, den Slotervaart als erste Gemeinde angestellt hat. Auch er wird vor der Öffentlichkeit abgeschirmt. Als eine Art religiöser Brückenbauer dient er als Scharnier zwischen der Welt der Muslime und der holländischen Mehrheitsgesellschaft – und soll das Bedürfnis junger Muslime nach Spiritualität stillen: „Das ist ein wichtiger Pfeiler in ihrer Entwicklung“, erklärt Marcouch, der selbst zwei Kinder hat und gläubiger Muslim ist. Bei niederländischen Instituten würden diese Jugendlichen nicht auf offene Ohren stoßen, deshalb fungiert der staatliche Islamkenner nun als Ansprechpartner in Glaubensfragen. „Dann kann der Hass muslimischer Fundamentalisten sie nicht länger vergiften.“

Auf der anderen Seite klärt der Antiradikalisierungsexperte niederländische Sozialarbeiter auf, damit die jungen Marokkaner ihr Misstrauen verlieren und auch mit ihnen über ihre Probleme sprechen. Zusammen mit Marcouch hat er zudem dafür gesorgt, dass in Slotervaarts Moschee nun auf Niederländisch gepredigt wird. Seit neuestem finden dort auch Diskussionen mit jungen Muslimen statt, zu denen auch Christen eingeladen werden. „Auf diese Weise lernen die Jugendlichen selbstständiges Denken und Debattieren. Damit wachsen sie zu niederländischen Muslimen heran – womit wir einen Beitrag zum Entstehen eines europäischen Islams leisten können“, erklärt der Bürgermeister. Eines jedoch will Ahmed Marcouch vor seiner nächsten Sitzung unbedingt noch loswerden: „Meine Landsleute müssen aufhören, sich als Opfer zu sehen.“ Das sei ganz wichtig. Wer sich zuhause einschließe und immerzu klage, er bekomme keine Chancen, erreiche nichts: „Integrieren ist wie Einfädeln auf der Autobahn: Manchmal lassen dich höfliche Autofahrer rein. Doch manchmal musst du aufs Gaspedal drücken und dir selbst Platz schaffen. Aber dann bist du drin und kannst mitfahren.“

Holland in Not

Früher übertolerant, jetzt knallhart: Die Niederländer und ihre Integrationspolitik

Lange Zeit galten die Niederlande in Sachen Integration als mustergültig. Mit dem Aufstieg des rechtspopulistischen Politikers Pim Fortuyn jedoch platzte dieses Idealbild einer vermeintlichen Multi-Kulti-Idylle wie eine Seifenblase. Fortuyn, der 2002 von einem radikalen Umweltschützer erschossen wurde, hatte die Integrationspolitik der letzten 30 Jahre für gescheitert erklärt und damit ein Tabu gebrochen: Es war politisch nicht korrekt, Kritik an der multikulturellen Gesellschaft zu üben, auch wenn sie noch so berechtigt war.

Integration unter Beibehaltung der eigenen Identität lautete das Motto. Jeglicher Zwang war tabu. Neuankömmlinge wurden in Watte gepackt und bekamen nur allzuschnell einen niederländischen Pass. Ansonsten überließ man sie ihrem Schicksal. Segregation statt Integration war die Folge: Schwarze und weiße Stadtviertel entstanden, wo schwarze Immigrantenkinder in so genannte schwarze und einheimische Kinder in weiße Schulen gehen. Die Arbeitslosigkeit unter Immigranten ist noch immer dreimal höher als der Landesdurchschnitt, die wenigsten Zuwanderer sprechen Niederländisch, die meisten bleiben am liebsten unter sich und holen sich auch den Ehepartner aus dem Herkunftsland.

Dass die Unverbindlichkeit bei der Integrationspolitik ein großer Fehler war und die vielgepriesene Toleranz oft nur Gleichgültigkeit, das erkannten die etablierten Parteien erst, nachdem die von Fortuyn entfachte gesellschaftliche Revolte sie unsanft aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt hatte. Prompt setzten sie zu einem Aufholmanöver an, bei dem die Rechtspopulisten rechts überholt wurden: Statt Rechten hatten Zuwanderer auf einmal nur noch Pflichten. Ausländerministerin Rita Verdonk wurde zur Gallionsfigur des neuen harten Kurses. Sie setzte auf Abschreckung und machte die Niederlande zu einem Land mit den schärfsten Asyl- und Integrationsgesetzen Europas. Ohne bestandenen Einbürgerungskurs gibt es keine Aufenthaltsgenehmigung mehr. Für die Kosten müssen die Betroffenen selbst aufkommen. Bei der Familienzusammenführung wurde das Mindestalter von Braut und Bräutigam, die einwandern wollen, auf 21 Jahre heraufgesetzt. Der Partner muss mindestens 120 Prozent des gesetzlichen Mindestlohns verdienen, das sind 1140 Euro netto pro Monat. Und wer in die Niederlande einreisen will, muss zuvor in der niederländischen Botschaft seines Heimatlands ein Zulassungsexamen bestehen, in dem Grundkenntnisse der niederländischen Sprache, Geschichte und Demokratie getestet werden. Die Zahl der Anfragen sank dadurch im letzten Jahr von 3600 im Monat auf 850.

Nach dem Attentat auf Theo van Gogh im November 2004 verhärteten sich die Fronten weiter: Auf der einen Seite jugendliche Immigranten ohne Perspektiven, deren Gewaltbereitschaft stieg, auf der anderen die niederländische Gesellschaft, die immer mehr Forderungen stellte, aber keine Chancen bot. Zwar schlugen die Bürgermeister in den Großstädten immer wieder Alarm. Doch das wurde in Den Haag erst erkannt, als Verdonk den Bogen überspannte und in ihrer Prinzipientreue selbst ihrer Parteigenossin Ayan Hirsi Ali den Pass entziehen wollte. Damit entfachte sie einen Konflikt, an dem die Koalition 2006 zerbrach.

Das Bedürfnis der Wähler nach harten Maßnahmen war allerdings inzwischen gestillt, gleich nach ihrem Antritt stellt die neue Regierungskoalition für den sozialen Zusammenhalt 2,5 Milliarden Euro extra zur Verfügung, für Stadtsanierungsprogramme und zur Armutsbekämpfung. Junge Menschen unter 27 hingegen, die nicht arbeiten oder zur Schule gehen wollen, bekommen keine Sozialhilfe mehr, dreijährige Kinder, die nicht gut genug Niederländisch sprechen, können zu speziellen Sprachkursen verpflichtet werden.

„Wir haben erkannt, dass Integration in erster Linie kein religiöses, sondern ein soziales Problem unserer Großstädte ist“, so der Schriftsteller Geert Mak. Der Schaden allerdings, der in den letzten vier Jahren angerichtet wurde, sei enorm. „Vom Image der liberalen Niederlande ist nicht viel übrig geblieben. In der Muslimgemeinschaft herrscht Verbitterung. Und unter den Alteingesessenen machen sich nach wie vor Angst und Unsicherheit breit.“

Geradezu beispielhaft verlief die Diskussion, die Integrationsministerin Ella Vogelaar im Juli mit einem Interview ausgelöst hatte: Darin prophezeite sie, dass der Islam in den nächsten Jahrhunderten so wie das Juden- und Christentum Teil der niederländischen Kultur werden würde. Eine Woge der Entrüstung brach über sie herein – und zeigte, wie schwer sich die Niederländer immer noch tun, die rund eine Million Muslime in ihrem Land als Teil ihrer Gesellschaft zu akzeptieren.

KERSTIN SCHWEIGHÖFER, geb. 1960, arbeitet als freie Auslandskorrespondentin in den Niederlanden, u.a. für Focus, Art, ARD und Deutschlandfunk.

 
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