Was wir vom Wandel wissen

Buchkritik

1. April 2008 - 0:00 | von Felix Christian Matthes

Internationale Politik 4, April 2008, S. 130 - 132

Kategorie: Klima- und Energiepolitik, Rohstoffe & Energie, Klima und Umwelt, Nicht-erneuerbare Energien, Staat und Gesellschaft, Weltweit

Die Diskussion über Klimapolitik hat 2007 eine neue Qualität erreicht. Dazu hat neben der Arbeit von Nicholas Stern zur Ökonomie des Klimawandels insbesondere der scheibchenweise erschienene vierte Sachstandsbericht des IPCC beigetragen. Nun liegt der Report komplett vor, ebenso wie vier weitere Neuerscheinungen zum Thema.

Klimapolitik ist – endlich – von einem Feld der Fachpolitiker zum Gegenstand von High Politics geworden. Der im Verlauf des Jahres nach und nach beschlossene und veröffentlichte Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) liegt nun endlich in Buchform vor und steht im Internet zum Download zur Verfügung. Die Zusammenstellung des aktuellen Wissens über den Klimawandel (Band 1), dessen Folgen (Band 2) sowie die möglichen Anpassungs- und Gegenmaßnahmen (Band 3) hat es in sich.

Vor dem Hintergrund eines Weltenergiesystems, das sich nach Ansicht der Szenarienentwickler des IPCC wahrscheinlich „fossilintensiv“ entwickeln wird, ist es hin und wieder wichtig, sich die Physik des Klimawandels vor Augen zu führen. Insbesondere die Aussage, dass sich die Verursacher und Effekte des Klimawandels höchst unterschiedlich über den Globus verteilen, ist von erheblicher Brisanz. Auch die Globalität des Klimawandels ergibt sich weniger aus gleich verteilten Ursachen oder ähnlichen Folgen, sondern vor allem aus der globalen Natur der Vermittlungsmechanismen.

Die eigentliche politische Sprengkraft des Berichts aber steckt in Band 3, der mögliche Strategien gegen den Klimawandel beschreibt. Ein kurzes Resümee: Die Potenziale sind vorhanden, die technologische Situation wird weit optimistischer gesehen als in den vorhergehenden Berichten, und auch die Kosten erscheinen im Lichte des technischen Fortschritts als beherrschbar. Maximal 0,12 Prozentpunkte des jährlichen globalen Wirtschaftswachstums sollten kein zu hoher Preis für die Begrenzung des globalen Klimaproblems sein. Aber wie bei den Verursachern und den Betroffenen liegt auch bei den Vermeidungsstrategien die Brisanz nicht in den globalen Mittelwerten, sondern in den Verteilungseffekten. Hier wird die vom IPCC skizzierte „große Transformation“ noch zu vielfältigen Konflikten führen und tiefgreifende innen- wie außenpolitische Interventionen erfordern.

Mit ähnlichem Grundton wie der IPCC-Report weist der aktuelle Bericht über die menschliche Entwicklung auf die Dringlichkeit des Klimaproblems hin, fokussiert dabei aber die verschiedenen Dimensionen des Problems und seiner Lösungen in einer ungleichen Welt. So wird neben einer illustrativen Darstellung der unterschiedlichen „CO2-Fußabdrücke“ vor allem die regionale Verletzbarkeit bei Nahrungssicherheit, Wasserversorgung, Anstieg des Meeresspiegels, Gesundheit, biologischer Vielfalt und Wetterereignissen immer wieder eindrücklich herausgestellt. Bei den Klimaschutzstrategien hebt der Bericht an vielen Stellen auf konkrete Politikbeispiele ab und zeigt Vermeidungsstrategien. Vor allem aber beschreibt er sehr anschaulich die Möglichkeiten und Grenzen von Anpassungsstrategien an den unvermeidlichen Teil des Klimawandels. Gerade dieser Teil macht den Weltentwicklungsbericht 2007/2008 zu einer wichtigen Komplementärlektüre zum aktuellen Grundlagenwerk des IPCC.

Wenn man sich im Zeichen der notwendigen Veränderung des Weltenergiesystems mit den anstehenden Verteilungskonflikten beschäftigt, stößt man schnell auf die aktuellen Debatten um die Energiesicherheit. Auch wenn Energiesicherheit eines der „meist übernutzten und missverstandenen Konzepte der Energiedebatte“ (Dieter Helm) ist, gehört eine Beschäftigung mit den Verteilungskonflikten zwischen Energieproduzenten und -konsumenten zum Pflichtprogramm der Analyse. Dabei krankt die Debatte häufig an einer fehlenden Differenzierung und einem mangelnden Verständnis innerer Strukturen vor allem der Produzentenländer. Wenn man die innenpolitischen Determinanten für die anstehenden energie-, klima-, außen- und sicherheitspolitischen Entwicklungen verstehen will, schließt das Buch -„Petrostaaten“ eine wichtige Lücke – auch wenn es sich nur auf die zugegebenermaßen besonders sensiblen Erdölstaaten beschränkt. Auf eine sehr instruktive Einführung aus der Feder der beiden Herausgeber folgen neun Länderstudien aus dem Mittleren Osten, Afrika, Eurasien, Lateinamerika und Norwegen. Schade nur, dass im Abschlusskapitel zu den außenpolitischen Handlungsoptionen die mittel- und langfristigen Herausforderungen, die sich aus einer ambitionierten Klimapolitik – mit einem stark zurückgehenden Ölverbrauch – gerade für die Produzentenländer ergeben, nicht einmal am Rande gestreift werden.

Einen Forderungskatalog, der für derzeitige US-Verhältnisse von hoher Brisanz ist, stellt John Deutch als einer der Autoren des Bandes „Energy Security and Climate Change“ auf: hohe Ölpreise (d.h. Steuern), strikte nationale Klimaschutzpolitik, ein multilaterales Klimaregime, die massive Einführung von CO2-Abscheidung und Ablagerung. Und natürlich – das dann für die Experten wenig überraschend – die Forderung nach einem Ausbau der Kernenergie. Die Probleme bleiben nebensächlich, die vorgeschlagenen Lösungen der Proliferationsproblematik auf hohem Abstraktionsniveau. Die meisten derjenigen Staaten, in denen Kernenergie zukünftig eine besonders große Rolle spielen könnte, zeichnen sich weder durch besonders gute Governance-Indikatoren noch durch Problemlosigkeit in Sachen Proliferation aus.

Während Deutch einen weiten Bogen spannt und auch in Sachen Kernenergie vergleichsweise differenziert argumentiert, kommt Anne Lauvergeon als Chefin des Nuklearkonzerns Areva schnell zur Sache. Ihre zentrale Aussage: Kernenergie ist erprobt, wettbewerbsfähig und sicher. Wirkliche Probleme gibt es nicht, die Schaffung von geschlossenen Brennstoffzyklen mit Wiederaufarbeitung wäre nachhaltig und würde die weltweite Akzeptanz der Kernenergie verbessern, die Proliferationsproblematik könnte durch vergleichsweise übersichtliche Strukturen gelöst werden. So einfach kann man es sich machen. Zu einfach, um einen tragfähigen Beitrag zur Lösung der komplexen Fragen von Energiesicherheit und Klimaschutz zu leisten. Dünn bleibt dann leider auch der Beitrag von Prawiraatmadja, der nahezu keine Einsichten zu den spezifischen Problemen für die Asien-Pazifik-Region bietet.

Anders der von Michael Wesley herausgegebene, höchst lesenswerte Sammelband zur Energiesicherheit im pazifischen Raum – den Vereinigten Staaten, Japan, China und Indien. Neben der Energiesicherheit aus Sicht der Verbraucherländer thematisiert der Band auch die Verbindungen mit den Versorgerregionen Australien, dem Mittleren Osten, Russland und Zentralasien. Dazu kommen Kapitel zur strategischen, wirtschaftlichen und ökologischen Dimension von -Energiesicherheit. Ein entsprechender Überblick zu Europa wäre durchaus eine Herausforderung für die hiesige wissenschaftliche Publizistik.

Intergovernmental Panel on Climate Change: Climate Change 2007. The Physical Science Basis, Impacts, Adaptation and Vulnerability, Mitigation of Climate Change. Cambridge University Press 2007 f., 1009 Seiten, 85,00 $

UNDP/DGVN: Bericht über die menschliche Entwicklung 2007/2008.UNO-Verlag 2007, 460 Seiten, 28,90 €

Enno Harks, Friedemann Müller: Petrostaaten. Außenpolitik im Zeichen von Öl. Nomos 2007, 276 Seiten, 34,00 €

J. Deutch, A. Lauvergeon, W. Prawiraatmadja: Energy Security and Climate Change. The Trilateral Commis-sion 2007, 92 Seiten, 15,00 $

Michael Wesley (Hg.): Energy Security in Asia. London: Routledge 2007, 251 Seiten, 75,00 £

Dr. FELIX CHRISTIAN MATTHES,  geb. 1962, ist Koordinator des Bereichs Energie und Klimaschutz am Öko-Institut in Berlin.

 
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