Anmaßende Schwäche

Buchkritik

1. December 2008 - 0:00 | von Jan Techau

Internationale Politik 12, Dezember 2008, S. 108 - 109

Kategorie: Deutsche Außenpolitik, Humanitäre Intervention, Internationale Politik/Beziehungen, Europa, Deutschland

Gleich drei Dinge liefert Peter Sloterdijk der deutschen außenpolitischen Elite: das Attest der Unbedenklichkeit, das Vokabular für aufrichtige Beiträge zur Militär- und Sicherheitsdebatte und das Rückgrat, um einer skeptischen Bevölkerung die bitteren Wahrheiten über eine harte Welt und die daraus folgenden politischen Imperative nahezubringen.

Die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland ist in beklagenswertem Zustand. Aus dem Geflecht der Gründe hierfür ragt einer heraus: Deutschland ist zu einer realistischen Bedrohungswahrnehmung kaum in der Lage, weil es die größte Bedrohung nach 1945 in sich selbst sah. Diese Ausformung des Schuldkomplexes verstellt den Blick auf die Gefahren, die in der freien Wildbahn des internationalen Systems lauern. Mit dieser Strategie fuhr das Land gut, solange es nicht voll souverän war. Mittlerweile aber fordern nicht nur Amerikaner, sondern auch Briten und Niederländer mehr deutsches Militär an entscheidender Stelle, wird Deutschland auch in Fragen der harten Diplomatie mehr Phantasie und Standkraft abverlangt. Während ein Teil der Eliten das begreift, hinkt die Öffentlichkeit, und mit ihr ein Großteil des deutschen Parlaments, der Weltlage mental hinterher.

Nur gut, dass gerade jetzt der wichtigste öffentliche Philosoph Deutschlands seinem Land ein sprachmächtiges Normalisierungszeugnis ausstellt. Mit seiner „Theorie der Nachkriegszeiten“ legt Peter Sloterdijk eine Geschichtsinterpretation vor, die Deutschland den Erfolg seiner „Selbstregulierung der eigenen Kultur“ bescheinigt, aber anmerkt, dass in der Außenpolitik die Konsequenz aus dieser Normalisierung noch nicht gezogen wurde.

Anlass für den Essay war eine Rede Sloterdijks bei den Deutsch-Französischen Kulturgesprächen in Freiburg 2007. Sloterdijk zeigt, wie unterschiedlich die beiden Länder die Nachkriegszeit zur Neuausrichtung genutzt haben. Während in Frankreich aufgrund des ambivalenten Kriegsergebnisses zwei rivalisierende Bewältigungsstrategien erwuchsen, war aufgrund der Eindeutigkeit der Niederlage hierzulande die Sache klarer. Nach einer Phase des Schweigens folgte eine der harten und gelegentlich masochistisch-lustvollen Selbstanalyse. So weit sei diese „Metanoia“ gediehen, dass Deutschland nunmehr „in eine Phase eingetreten ist, in der es anfangen darf, die Früchte seiner metanoetischen Anstrengungen zu ernten“. Es handelt sich um „nichts anderes als den seit längerem absehbaren Eintritt Deutschlands ins manifeste Stadium seiner Normalisierung“. Aus einem permanenten Ausnahmezustand des An-sich-Arbeitens könnten nun „gewöhnliche alltagspatriotische Verhältnisse“ treten.

Ein Schlussstrich also. Sascha Lehnartz hat in der FAZ darauf hingewiesen, dass sich das Zutreffen der Slotderdijkschen Schlüsse möglicherweise auch daran zeigt, dass es noch keinen Aufschrei der Warn- und Bewältigungsprofis gegeben habe. Vielleicht haben diese aber auch nicht bis zum Ende gelesen, denn der Sprengstoff des Buches steckt in seinen außenpolitischen Aussagen. Hier ist die „Tiefenerholung der deutschen Nachkriegszivilisation“ noch nicht abgeschlossen. Zwar seien die Zeiten zu Ende, „in denen schon die Wendung ‚deutsche Interessen‘ als ein Rückfall in Denkformen der NS-Zeit galt“. Man erwarte im Ausland von Deutschland, dass es sich zu einem „gewöhnlichen politischen Egoisten“ entwickele, da „man sich im Feld der Politik auf den berechenbaren Egoismus“ aller Mitspieler verlassen können will. Doch in sicherheitspolitischen Fragen habe Deutschland aus der „Wahrhaftigkeit seiner Metanoia“ eine Lüge gemacht. Anders als Frankreich sei Deutschland stolz darauf, in Sachen Verteidigung uneigenständig zu sein. Es trage „seine totale Abhängigkeit von der militärischen Schutzfunktion anderer wie eine moralische Leistung vor sich her. Die Deutschen neigen zu der Überzeugung, sie hätten aufgrund ihrer vergangenen Verbrechen einen höheren Anspruch darauf erworben, in einer Welt zu leben, in der es keine Kriege gibt. Hieraus ist ein Syndrom der anmaßenden Schwäche entstanden, das kommenden Prüfungen nicht standhalten wird.“

Mit seiner präzisen Analyse und traumwandlerischen Treffsicherheit in der Begriffsfindung liefert Sloterdijk der deutschen außenpolitischen Elite gleich drei Dinge: erstens das Attest der eigenen Unbedenklichkeit durch einen unverdächtigen Intellektuellen, zweitens das Vokabular für aufrichtige Beiträge zur deutschen Militär- und Sicherheitsdebatte, und drittens stellvertretend das Rückgrat, um einer skeptischen Bevölkerung die bitteren Wahrheiten über eine harte Welt und die daraus folgenden politischen Imperative nahezubringen. Denn die Moral der Sloterdijkschen Herleitungen lautet, dass die Durcharbeitung der eigenen Kultur hilflos bleiben muss, wenn sie nicht auch im Handeln die richtigen Schlüsse ziehe: „Es gehört zu den Besonderheiten des kulturellen Klimas in Deutschland, dass viele Akteure auf dem Feld der veröffentlichten Meinung große Mühe damit haben, sich zu den Möglichkeiten und Wirklichkeiten der neu erarbeiteten deutschen Integrität in ein anerkennendes Verhältnis zu setzen.“ Kein Gestaltungsanspruch, nirgends.

Vielleicht ist es ein bisschen viel auf einmal, dem gerade an sich selbst genesenen Land auch noch den Willen zur Macht abzuverlangen. Aber letztlich geht es Sloterdijk genau darum. Darum, sich seiner eigenen Relevanz gewärtig zu werden und die daraus entstehende Verantwortung wahrzunehmen. Etwa, indem man den Beitrag zur eigenen Sicherheit ernst nimmt. Davon hätten nicht nur die Deutschen selbst etwas, sondern auch Afghanen, Briten, Niederländer, Kanadier und Amerikaner.

Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten. Sonderdruck der edition suhrkamp, Frankfurt a.M. 2008, 72 Seiten, 7,00


JAN TECHAU leitet das Alfred von Oppenheim-Zentrum für Europäische Zukunftsfragen im Forschungsinstitut der DGAP.

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