Konsumgier frisst Freiheit

Wenn wir nur noch über Marken nachdenken, verkümmert das Gemeinwohl

1. February 2008 - 0:00 | von Benjamin R. Barber

Internationale Politik 2, Februar 2008, S. 116 - 125

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Politisches System, Staat und Gesellschaft, Politische Kultur, Globalisierung, Globale Fragen, Europa, Nordamerika, Asien, Mitteleuropa

Der Kapitalismus ist auch nicht mehr das, was er mal war: Regulierte früher das protestantische Ethos die Gier der Bürger, sind diese heute beschränkt auf einen kindlichen Reflex: Haben wollen! Trotz hoher Moralvorstellung handeln die modernen Konsumenten vor allem nach ihren privaten Verbraucherwünschen. Analyse einer Schizophrenie.

Freiheit ist, wenn sie als vollkommen privat aufgefasst wird, nicht nur unergiebig, sie wirkt geradezu destruktiv. Woran liegt das?

Eine solche Freiheit ist Bestandteil eines beunruhigenden Paradoxons: Sie fördert eine Art bürgerlicher Schizophrenie, die das wählende Ich aufspaltet in gegensätzliche Fragmente, und spricht jenem Fragment, das wir als „staatsbürgerlich“ oder „öffentlich“ begreifen – dem Ich, das wir mit unserer Fähigkeit verbinden, öffentliche Freiheit auszuüben, letztlich die Legitimität ab. Der Privatisierungsideologie zufolge ist jeder Wahlakt grundsätzlich privater Natur; danach wird nicht in gemeinsamen Beratungen festgelegt, „wir sollten“ dies oder jenes tun (eine Art „Gemeinwille“, der durch demokratische Interaktion von Staatsbürgern hervorgebracht wird), sondern es werden nur all jene „ich will“ aufgezählt und zusammengerechnet, die wir als private Verbraucher und Geschöpfe aufgrund persönlicher Wünsche haben. Doch private Entscheidungen haben unvermeidlich soziale Folgen und öffentliche Ergebnisse. Entspringen diese rein persönlichen Präferenzen, sind die Resultate oft gesellschaftlich irrational und unbeabsichtigt. Sie entsprechen jedenfalls ganz und gar nicht jener Art von Gesellschaft, zu der wir uns möglicherweise auf dem Wege gemeinsamer Beratung und demokratischer Entscheidungsfindung entschließen würden.

Sie drücken zwar genau die privaten Bedürfnisse und Wünsche aus – das, was die Philosophen „Wünsche erster Stufe“ nennen –, aber sie sind ganz und gar dysfunktional im Hinblick auf unsere gemeinsamen Werte und Normen (die sich in dem äußern, was die Philosophen „Wünsche zweiter Stufe“ nennen und worin sich widerspiegelt, ob wir unsere Wünsche erster Stufe wirklich für wünschenswert halten). Die Privatisierung macht aus dem privaten, impulsiven Ich, das in mir verborgen ist, einen ungewollten Feind des öffentlichen, gemeinsam beratenden Wir, das auch ein Teil von mir ist. Das private Ich schreit: „Ich will!“ Die Privatisierungsperspektive legitimiert diesen Schrei, lässt zu, dass er das leise „wir brauchen“ übertönt, das die Stimme des öffentlichen Ich ist, an dem ich teilhabe und das ebenfalls ein Aspekt meiner Interessen als Mensch ist. So bestimmen schließlich all die Entscheidungen, die wir Stück für Stück treffen, gesellschaftliche Ergebnisse, die wir erdulden müssen, für die wir uns aber nie gemeinsam direkt entschieden haben.

So erklärt es sich, wie eine Gesellschaft ohne Schurken und Verschwörer, die aus lauter gutwilligen, aber egoistischen Individuen besteht, eine radikal kommerzielle Kultur hervorbringen kann, die von vielen der nämlichen Individuen verachtet wird und für die niemand direkt verantwortlich ist, obwohl man von mehr als nur einer Handvoll sagen kann, sie hätten zu ihrer Entstehung beigetragen. Der Konsumkapitalismus funktioniert nicht so, dass er bewusste Verfechter der Doppelzüngigkeit produziert, die das Bewusstsein verfälschen, indem sie andere dazu bringen, eine ungerechte Gesellschaft zu schaffen, die sie eigentlich nicht wollen. Er erzeugt vielmehr ein Ethos der Schizophrenie, das dazu beiträgt, jene Einstellungen und Verhaltensweisen zu programmieren, die er für sein Überleben braucht. Er fördert das „Ich“-Denken nach dem Muster des narzisstischen Kindes und entmutigt das „Wir“-Denken, das von gemeinsam beratenden erwachsenen Bürgern als weise anerkannt wird. (...) Wenn sich herausstellt, dass die resultierenden Einstellungen und Verhaltensweisen wichtige kulturelle Werte untergraben, die jedoch, mögen sie für das moralische und geistige System und die Gestaltung einer vorbildlichen öffentlichen Kultur auch noch so wichtig sein, den Anliegen des Kapitalismus fremd sind – Pech gehabt.

Das infantilistische Ethos

Freud stößt in „Das Unbehagen in der Kultur“ auf eine Spielart dieses Paradoxons, wenn er feststellt, dass das erwachsene Ich, das normalerweise von dem reifen Über-Ich als dem Wächter der Zivilisation vor dem impulsiven Es beaufsichtigt und reguliert wird, einem Rückzugsgefecht des regressiven Es ausgesetzt ist. Freud postuliert einen „Gegensatz zwischen Kultur und Sexualität“, der zur Folge hat, dass „die Kulturgesellschaft beständig vom Zerfall bedroht [ist]“.1„Aber dies erklärt sich aus der ursprünglichen infantilen Stufe des Gewissens, die also nach der Introjektion ins Über-Ich nicht verlassen wird, sondern neben und hinter ihr fortbesteht.“2 Das Es ist durch sein Streben nach privatisierter oder persönlicher Freiheit gezwungen, gegen die Zivilität und damit gegen die Zivilisation zu agieren. In unserer Ära des späten Konsumkapitalismus wirkt das infantilisierende Ethos in genau diesem Sinne: Das zivilisatorisch Bedeutsame wird aufgehoben, das gemeinschaftliche Ich wird durch eine Spielart des gemeinschaftlichen Es ersetzt, und wo sich früher die Bürger zu gemeinsamen Beratungen trafen, wird ein anarchischer kommerzieller Tummelplatz errichtet.

Nicht, dass das Ethos die Zivilisation verachten würde – sie ist ihm schlicht gleichgültig. Es dient ausschließlich dem Konsumkapitalismus und ermuntert vom Es getriebene Individuen zu einem Verhalten, das, so sehr es auch der Zivilisation schaden mag, dem Konsumismus nützt. Die Regression wird zu einem notwendigen Mittel der Pflicht zum Konsum, die Infantilisierung zu einer Bedingung für den Erfolg des Kapitalismus. Dafür kann niemand verantwortlich gemacht werden. Es gibt kein „falsches Bewusstsein“. Das System platzt an den Rissen, die sich aufgetan haben zwischen den Forderungen des Ich und des Wir, des Es und des [Freudschen] Ich, seines wirtschaftlichen Auftrags und seines zivilisatorischen Wertesystems. In unserer Gesellschaft wurden diese Gegensätze einst beurteilt und versöhnt von einem protestantischen Ethos, das zivilisatorische Normen unterstützte, die für die Kultur ebenso nützlich waren wie für den Kapitalismus – das war der Vorzug des Puritanismus als Ethos.

Heute aber sind Kultur und Kapitalismus entzweit durch ein infantilistisches Ethos, das in seiner Wirkung noch verstärkt wird durch das Bündnis mit einer Privatisierungsideologie, die aus eigenem Antrieb die Zivilisation untergräbt. Wir sollen uns von unserem öffentlichen Ich zurückziehen in das Sanktuarium des „ich will“, sollen uns vom öffentlichen Bereich verabschieden und uns verschanzen hinter den Mauern kleiner Privatgemeinschaften, in denen wir private Mittel einsetzen, um das, was einmal öffentliche Güter waren, wie Müllabfuhr, Schutz durch die Polizei und Schulunterricht, als private Waren zu kaufen. (...) Infolge des Widerspruchs zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, der den Kapitalismus gegen die Zivilisation in Stellung bringt, werden gemeinsame Bestrebungen durch die „Ermächtigung“ privater Wünsche zunichte gemacht. Wir verlieren die Fähigkeit, unser Leben gemeinsam zu gestalten, weil das herrschende Ethos uns einredet, Freiheit bedeute, dass wir unsere Wünsche isoliert zum Ausdruck bringen.

Was den Bildungsbereich angeht, glaubt man zum Beispiel, die Mängel des öffentlichen Schulwesens seien durch die Vorzüge privater elterlicher Entscheidungen zu heilen. (...) Ich will ein Schulsystem, in dem mein Kind das Allerbeste bekommt; Sie wollen ein Schulsystem, in dem Ihr Kind nicht durch weniger Begabte oder weniger gut Vorbereitete gebremst wird, sie will ein Schulsystem, in dem Kinder mit „benachteiligtem Hintergrund“ (oft Farbige) dem Lernerfolg ihrer Tochter nicht im Wege stehen; er (ein Farbiger) will ein Schulsystem, in dem er die maximale Freiheit hat, sein Kind aus „versagenden Schulen“ herauszunehmen und auf erfolgreiche zu schicken.3Was bekommen wir dann? Die unvollständige Befriedigung dieser privaten Wünsche durch ein zersplittertes System, in dem einzelne sich aus dem öffentlichen Bereich abmelden und dadurch das öffentliche System untergraben, das wir gemeinsam gutheißen können.

Natürlich wünscht niemand ein Land, das gekennzeichnet ist von tiefer Ungerechtigkeit der Bildungschancen, und die Preisgabe einer öffentlichen und staatsbürgerlichen Pädagogik, deren Fehlen letztlich auch auf unsere privaten Entscheidungen zurückwirken würde. Das ist es gewiss nicht, wofür wir optieren, wenn wir unsere persönlichen Wünsche bezüglich unserer eigenen Kinder äußern. Doch nimmt man unsere privaten Entscheidungen als Bildungsverbraucher zusammen, ergibt sich eine nichtegalitäre und hochgradig segmentierte Gesellschaft, in der diejenigen, die eh schon am wenigsten begünstigt sind, noch weiter benachteiligt werden, wenn die Reichen sich noch stärker aus dem öffentlichen Sektor zurückziehen. (...)

Das Ethos des Infantilismus und die Ideologie der Privatisierung privilegieren den Verbraucher in uns gegenüber dem Staatsbürger in uns. Thomas L. Friedman begreift diese, wie er sagt, „multiple Identitätsstörung“, aber da er Marktlösungen den Vorzug gibt, verwirft er unausgesprochen die Vorstellung, dass der staatsbürgerlichen Identität mit ihren öffentlichen Anliegen der Vorzug vor der Verbraucheridentität mit ihren privaten Anliegen gebührt. Daher kann er sich nur verlegen den Kopf kratzen angesichts der von den Dilemmata der Wal-Mart-Ökonomie beschworenen „vielfachen Identitäten – Verbraucher, Angestellter, Bürger, Steuerzahler, Aktionär –“, aber er ist nicht imstande, ihre politische Rangordnung zu bestimmen oder zu erkennen, dass es gerade der Sinn der politischen Souveränität ist, den Vorrang des Öffentlichen vor dem Privaten zu begründen. Friedman macht es wie so viele heutige Kommentatoren: In seiner Diskussion der modernen Märkte in einer globalisierten Welt geht er über diese entscheidenden politischen Begriffe einfach hinweg, so als sei Macht auf dem Markt bedeutungslos oder als gebe es keinen Unterschied zwischen der legitimen öffentlichen Macht und der illegitimen privaten Macht.4

Diese durch die Konvergenz von Privatisierung und Infantilisierung ausgelöste Machtblindheit verfälscht geschickt den Wettstreit zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten und sorgt dafür, dass das private „Ich“ mehr zählt als die rivalisierenden öffentlichen Güter. Denn in Wirklichkeit sind die Dilemmata, die Friedman als neutral darstellt, durch das neue Ethos bereits zugunsten des privaten Sektors verzerrt; er gibt uns zu verstehen, dass die Verbraucher nicht nur bessere Verteidiger der Freiheit sind als die Staatsbürger, sondern dass sie bessere Staatsbürger sind, dass sie die Aufgabe der Staatsbürger besser erfüllen als die Staatsbürger selbst. Das war die gutgemeinte, aber gescheiterte Taktik derer, die durch Einflussnahme auf den Privatsektor die Welt verbessern wollten, von dem Verbraucherverband in den Anfängen des 20. Jahrhunderts bis zu den heutigen Verfechtern des „citizen consumer“ (kritischen Verbrauchers) und den Streitern für verantwortliche Unternehmensführung. (...)

Bürgerliche Schizophrenie

Solche gutgemeinten philanthropischen Aktionen finden natürlich Anklang, aber sie bleiben weit hinter dem zurück, was die Demokratie zu leisten vermag, und sie können nicht einmal den Kapitalismus vor dem bewahren, woran er kränkelt. Was den Kapitalismus gelähmt hat, ist der Verlust seiner Partnerschaft mit der Demokratie, und allein durch internen staatsbürgerlichen Goodwill wird er ebensowenig wieder gesunden wie durch marktorientierte Reformen. (...)

Während wir unserer bürgerlichen Schizophrenie frönen, gehen wir insgeheim davon aus, dass das, was für uns alle schlecht ist, für den Gewinn gut ist und bestens für mich, für meinen Vorteil (den Preis, den ich für Güter zahle), für mein Aktienportefeuille und für den langfristigen Wert meiner Immobilie. (...) Der Philosoph Harry Frankfurt sagt es so: „Abgesehen davon, dass Menschen wünschen und beschließen und bewegt werden, dies oder jenes zu tun, können sie auch wünschen, bestimmte Wünsche und Motive zu haben (oder nicht zu haben). Sie können wünschen, in ihren Präferenzen und Absichten anders zu sein, als sie sind.“5

Es ist die reflektierte Selbstbewertung unserer „freien Entscheidungen“, die uns wirklich frei macht. Das, was wir wollen, und das, was wir wollen wollen, spaltet uns innerlich. Was wir wollen, ist gewöhnlich privat, was wir wollen wollen, ist häufig öffentlich. John Stuart Mill verbindet die Fähigkeit, das Was-wir-wollen dem Was-wir-wollen-wollen unterzuordnen, mit dem Charakter. „Von einem Menschen, der eigene Begierden und Triebe besitzt und bei dem sie Ausdruck seiner eigenen Natur sind, entwickelt und beeinflusst durch seine eigene Kultur, sagt man, er habe Charakter. Wer keine eigenen Begierden und Triebe hat, hat keinen Charakter.“6 Charakter ist natürlich eine Funktion der Reife, und sein Fehlen ist ein Zeichen anhaltender Kindlichkeit.

Beispiele dafür, wie diese bürgerliche Schizophrenie in Verbindung mit einem infantilistischen Ethos und der Ideologie der Privatisierung das Gemeinwohl schädigen kann, gibt es zuhauf. (...) Sie möchten die beste ärztliche Versorgung, die Sie allein für sich und die Ihren kaufen können, zugleich möchten Sie in einem Land leben, in dem jeder vor Epidemien und Viren geschützt ist, weil Gesundheit ein öffentliches und nicht ein privates Gut ist, und das bedeutet, dass dort, wo einige gefährdet sind, alle gefährdet sind. Ich möchte eine Karriere im Jugend-Marketing, wo ich in der gezielten Werbung für Fünfjährige eine Nische finden kann, aber ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Kindergartenkinder Ziele der Manipulation und Ausbeutung sind, und ich möchte auf keinen Fall, dass meine Fünfjährigen gezielt umworben werden. (...)

Export des Konsumwahns

Damit der globale Kapitalismus weiter in dem Tempo wächst, das für sein Überleben erforderlich ist, müssen die Hüter des kapitalistischen Ethos Amerikas kindliche Kaufwut exportieren. Lenin hatte einst behauptet, der Kapitalismus könne nur überleben, wenn er die nationalen Grenzen hinter sich lässt und seine imperialistische Herrschaft weltweit etabliert. In einer Ära der Überproduktion steht der Konsumkapitalismus vor derselben Herausforderung. Länder, die ihre Güter an die Vereinigten Staaten verkaufen, aber keine so starke Verbrauchernachfrage haben und daher von der Überproduktion amerikanischer Güter zu wenig importieren (was das ungeheure Handelsdefizit Amerikas noch mehr vergrößert), bereiten jenen, die über das Schicksal des amerikanischen Kapitalismus wachen, besondere Sorgen.

Das Finanzministerium forderte in den laufenden Handelsgesprächen mit China, dass die Chinesen nicht nur „die Privatisierung staatlicher Unternehmen einschließlich der Banken beschleunigen“, sondern dass China außerdem „die Leute dazu bewegt, mehr auszugeben und weniger zu sparen“.7Das ist natürlich genau das Mantra des Konsumkapitalismus im Niedergang: Noch nie war so deutlich, dass das protestantische Ethos dahinschwindet. Indien wird nach übereinstimmendem Urteil von Indern und Vertretern des Westens durch wachsenden Wohlstand und eine Modernisierung des Fernstraßensystems, die das Tempo des Wandels beschleunigt, „zu einer Gesellschaft in Eile und der westlichen Vorstellung unterworfen, dass Zeit Geld ist“.8

Zwar ist die Hälfte aller Kinder unter vier Jahren in Indien noch immer untergewichtig, aber dennoch gilt das Land zunehmend als die große östliche Hoffnung, die den westlichen Konsumismus retten soll. Auch wenn Indien westliche Arbeitsplätze „stiehlt“, schafft es damit doch die Grundlage für eine verstärkte Konsumnachfrage, die den westlichen Verkäufern von Infotainment, Dienstleistungen und anderen Gütern langfristig nur nützen kann.

Doch in dem Maße, wie sich der private Konsumismus in aller Welt ausbreitet, gerät die Idee, dass Freiheit ausschließlich in der privaten Wahlmöglichkeit besteht, in Konflikt mit unserer tatsächlichen Erfahrung als Verbraucher und Staatsbürger. Wir werden zu der Ansicht verleitet, das Wesen der Freiheit bestehe in dem Recht, aus einem Menü auszuwählen.

Aber die reale Macht und damit die reale Freiheit hat letztlich nur derjenige, der bestimmt, was auf das Menü kommt. Macht haben diejenigen, die die Agenda bestimmen, und nicht die, die zwischen den von ihr angebotenen Wahlmöglichkeiten wählen dürfen. Wir treffen privat unsere Wahl unter Menüpunkten, aber für ein sinnvolles Menü können wir nur durch öffentliche Entscheidungsprozesse sorgen. Wir können entscheiden, welches Auto wir fahren, aber die Entscheidung für ein privates Verkehrssystem auf der Grundlage von Fernstraßen trafen die Automobil-, Stahl-, Gummi- und Zementindustrie durch Beeinflussung des Kongresses; beseitigt wurde damit die Option für ein effizientes, egalitäres öffentliches Verkehrssystem (mit Schnellbahnverbindungen innerhalb der Großstädte und zwischen ihnen). Überdies stellt sich heraus, dass mit steigender Zahl der Wahlmöglichkeiten auf einem Menü der Nutzen sinkt, auch für die private Freiheit.

Süchtig nach Quantität und dem Allheilmittel des Mehr, gefällt uns die Idee, die Zahl unserer Wahlmöglichkeiten zu maximieren und sie mit Freiheit gleichzusetzen. Von den Psychologen erfahren wir aber, dass die Zahl der Möglichkeiten, die wir wirklich in Erwägung ziehen können, ebenso begrenzt ist wie unsere Fähigkeit, die Vorteile alternativer Möglichkeiten abzuschätzen. (...) Zwischen öffentlichem und privatem Verkehr zu wählen ist nicht nur leichter, sondern auch überzeugender als die private Wahl zwischen unendlich vielen Automarken in einer Stadt (wie zum Beispiel Los Angeles), wo es nur die Option des privaten Verkehrs gegeben hat. (...) Und es ist natürlich ein Klischee der landläufigen Erkenntnis, dass die Auswahl der Dinge, die uns wirklich wichtig sind, oder mit anderen Worten „das meiste von dem, was die Leute sich wirklich vom Leben wünschen – Liebe, Freundschaft, Respekt, Familie, Ansehen, Spaß (…) (gar nicht) über den Markt erfolgt“.9 In Übereinstimmung mit Barry Schwartz und anderen hat die Wissenschaftlerin Sheena Iyengar von der Columbia-Universität vorgetragen, dass „mehr Auswahl schlimmer sein kann als weniger Auswahl“, denn mit zunehmender Zahl der Optionen wird die Wahl schwerer und weniger befreiend.10 (...) Schwartz kommt zu dem Schluss: „Doch wenn die Wahlmöglichkeiten ausufern, sind wir gezwungen, uns ‚wahllos‘ zu verhalten. Das heißt, wir geben uns relativ passiv mit dem zufrieden, was gerade zur Hand ist.“11

Auflösung des Gesellschaftsvertrags

Die privaten Wahlmöglichkeiten können uns überfordern. Aber auch dann, wenn sie durchaus nicht überfordert sind, treffen die Menschen empirischen Untersuchungen zufolge „unabhängig von ihrer Intelligenz“ „nicht immer eine gute Wahl“.12 Bei einem vielsagenden (und ziemlich lustigen) Test in Kalifornien durften die Befragten zwischen drei nicht namentlich benannten Portfolios zur Altersvorsorge wählen, unter denen auch, ohne dass die -Befragten davon Kenntnis hatten, das Portfolio war, das sie selbst besaßen; nur jeder Fünfte befand, dass sein eigenes Portfolio das beste für ihn sei.13 (...) Schließlich hat es den Anschein, dass mit der Maximierung der Zahl der Wahlen, die wir in privaten und segmentierten, für das menschliche Glück im Grunde nicht wichtigen Bereichen treffen, und der gleichzeitigen Minimierung der Wahlen, die wir in öffentlichen Bereichen treffen können, ein privates Marktsystem, in dem der Konsum und die mit ihm angeblich verbundene falsche Freiheit dominieren, in die Lage versetzt wird, unsere Entscheidung darüber, was uns wichtig ist und wie wir leben wollen, zu verzerren und zu korrumpieren.

Ich rede hier nicht vom falschen Bewusstsein. Das, was wir privat wählen dürfen, wollen wir tatsächlich. Gleichwohl sind wir schlechter dran und haben wir weniger Freiheit, weil diese privaten Wahlen in einem Bereich getroffen werden, in dem nicht die eigentlichen Entscheidungen fallen. Wir wollen das, was wir privat wählen, aber in noch stärkerem Maße wollen wir in die Lage versetzt sein, die öffentliche Agenda zu wählen, von der es abhängt, was wir privat wählen können. Selbst „Sophies Wahl“ – entscheide selbst, welches deiner beiden Kinder der Kommandant des NS-Konzentrationslagers töten wird – ist so etwas wie eine Wahl. Es ist aber nicht eine Wahl, die zu treffen Sophie jemals freiwillig wählen würde oder die sie gar benutzen würde, um ihre „Freiheit“ daran festzumachen oder zu definieren.

Der entscheidende Unterschied zwischen öffentlicher und privater Freiheit besteht ja gerade darin, dass wir durch demokratische Teilhabe und die anschließende staatliche Intervention die privaten Wahlen in der Weise regulieren, dass deren negative Seiten beschränkt werden, und dass wir uns auf die öffentlichen Dinge konzentrieren, die uns als Mitglieder einer staatsbürgerlichen (und zivilisierten) Gemeinschaft wirklich am Herzen liegen. Als privater Verbraucher können Sie sich dafür entscheiden, in der in Smog gehüllten Innenstadt von Mexico City oder Los Angeles oder Mumbai zu wohnen – oder (wenn Sie es sich leisten können) auf den Höhen der Umgebung, wo die Luft besser ist. Aber warum sollten Sie nicht auch darüber entscheiden können, dass Mexico City oder Los Angeles oder Mumbai Luftreinhaltungsmaßnahmen vorschreiben, so dass Sie gar nicht erst gezwungen sind, zwischen einer Wohnung in der Innenstadt oder auf den Berghängen zu wählen, um saubere Luft zu atmen?

Durch Beschränkung der Wahlfreiheit im privaten Sektor können wir paradoxerweise unsere real erlebte Freiheit vergrößern. Das liegt vermutlich der Wendung zugrunde, mit der Rousseau seine entscheidende Konzeption der öffentlichen Freiheit einzufangen versuchte – „dass, wer immer sich weigert, dem Gemeinwillen zu folgen, von der gesamten Körperschaft dazu gezwungen wird, was nichts anderes heißt, als dass man ihn dazu zwingt, frei zu sein“.14 Unsere wirklich entscheidenden öffentlichen Wahlen können durch Beschränkung des Bereichs unserer trivialen privaten Wahlmöglichkeiten gefördert -werden. (...)

Die Privatisierung ist so etwas wie eine Umkehrung des Gesellschaftsvertrags: Sie zerstört die Bindungen, die uns zu freien Gemeinwesen und demokratischen Republiken zusammenschließen. Sie versetzt uns in den Naturzustand zurück, in dem wir ein natürliches Recht haben, alles zu bekommen, was wir uns mit eigener Kraft beschaffen können, in dem wir aber gleichzeitig jede reale Fähigkeit verlieren, das, worauf wir Anspruch haben, zu sichern. Private Wahlakte beruhen auf individueller Macht (nackte Gewalt), persönlichem (zufällig verteiltem) Geschick und persönlichem Glück. Öffentliche Wahlakte beruhen auf staatsbürgerlichen Rechten und gemeinsamen Verantwortlichkeiten und setzen gleiche Rechte für alle voraus. Öffentliche Freiheit wird durch gemeinsames Bestreben begründet und setzt somit voraus, dass wir uns durch Entscheidung für den Gesellschaftsvertrag als öffentliche Bürger konstituiert haben. Mit der Privatisierung werden wir durch den Köder der privaten Freiheit und des partikularen Interesses in den Naturzustand zurückgelockt, aber am Ende finden wir uns in einer Welt wieder, in der die Starken über die Schwachen herrschen und letztlich die Starken wie die Schwachen der Anarchie unterliegen, die die Sicherheit beider untergräbt – und genau diesem Dilemma sollte der ursprüngliche Gesellschaftsvertrag abhelfen.


Prof. Dr. BENJAMIN R. BARBER, geb. 1939, ist Professor of Civil Society an der University of Maryland. Er war innenpolitischer Berater der Clinton-Regierung. Der vorliegende Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus seinem aktuellen Buch „Consumed. Wie der Markt die Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Bürger verschlingt“. Es erscheint am 15. Februar im Verlag C.H.Beck.

  • 1. Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur, in: Das Unbehagen in der Kultur und andere kul-turtheoretische Schriften, Frankfurt 2001, S. 29–108, hier S. 72, 76. Freuds imposantes Systemgenießt in den Bereichen Psychologie und Psychotherapie kein großes Ansehen mehr, aber es istnach wie vor brauchbar als kulturelle Metapher für die Wirkung von Verdrängung, Schuld,Regression und Infantilisierung in der politischen Kultur; es liefert mit anderen Worten das, wasFreud eine „Pathologie der kulturellen Gemeinschaften“ nennt, die das erhellt, was ich hier dasinfantilistische Ethos nenne.
  • 2. Ebd., S. 90 f.
  • 3. Für eine populäre und polemische Diskussion der Auswirkungen der Privatisierung auf Bil-dung, Gefängnisse, Wasser und andere öffentliche Güter siehe Si Kahn und Elizabeth Minnich:The Fox in the Henhouse: How Privatization Threatens Democracy, San Francisco 2005.
  • 4. Thomas L. Friedman: Die Welt ist flach, Frankfurt a.M. 2006, S. 307. Für eine politischere Dis-kussion: Liza Featherstone: Selling Women Short: The Landmark Battle for Workers’ Rights at Wal-Mart, New York 2005.
  • 5. Harry G. Frankfurt: Freedom of the Will and the Concept of a Person, Journal of Philosophy,1/1971, S. 5–20. Frankfurt ist der Meinung, nicht unsere Wünsche erster Stufe machten uns freioder menschlich (alle Tiere haben Wünsche, die bestimmte „Wahlen“ diktieren), sondern unsereWünsche zweiter Stufe bezüglich unserer Wünsche erster Stufe.
  • 6. John Stuart Mill: Über die Freiheit, Stuttgart 2006, S. 83. Der Ökonom David George erläutertden Zusammenhang zwischen Mills Definition des Charakters und den Wünschen erster undzweiter Stufe in seinem Buch Preference Pollution: How Markets Create the Desires We Dislike, AnnArbor 2001, S. 12.
  • 7. Edmund L. Andrews: U.S. Offers Details of Plan for Open Markets in China, New York Times,16.10.2005. Die Verbraucherausgaben in China sind in letzter Zeit um rund zehn Prozent jährlichgestiegen, und auch die Immobilienkredite an Verbraucher steigen, aber das Weiße Haus findetdas unzureichend und möchte, dass Peking „die Leute dazu bringt, mehr auszugeben“.
  • 8. Amy Waldman: Mile by Mile, India Paves a Smoother Road to Its Future, New York Times,4.12.2005. Waldman verweist darauf, dass die Modernisierung des indischen Straßennetzes Handin Hand mit der Privatisierung geht: Die herkömmlichen zweispurigen Straßen „waren öffentli-che Plätze, regiert von dem folgerichtigen Chaos, das den Alltag (in Indien) weitgehend bestimmt.(...) Die modernisierte Fernstraße hat das in Frage gestellt, denn sie versucht, Grenzen und Grad-linigkeit einzuführen.“
  • 9. Gregg Easterbrook: The Progress Paradox: How Life Gets Better While People Feel Worse, NewYork 2003, zitiert von Robert J. Samuelson: The Afflictions of Affluence, Newsweek, 22.3.2004.Samuelson berichtet, dass die Amerikaner mehr essen und sich dennoch einsamer fühlen alsjemals zuvor (1957 gaben drei Prozent der Amerikaner an, sich einsam zu fühlen, heute sind es14 Prozent). Derweil werden 400 000 Todesfälle jährlich der Fettleibigkeit zugeschrieben. Sieheauch Barry Schwartz: Anleitung zur Unzufriedenheit, Berlin 2004.
  • 10. Zitiert in Eduardo Porter: Choice Is Good: Yes, No or Maybe?, New York Times, 27.3.2005.
  • 11. Schwartz (Anm. 9), S. 246.
  • 12. Porter (Anm. 10).
  • 13. Ebd.
  • 14. Rousseau wählte diese Wendung in seinem 1762 erschienenen Gesellschaftsvertrag. Viele Libe-rale, denen es allein um die private Freiheit geht, folgerten daraus, dass Rousseau entwederunlogisch war oder ein gefährlicher protototalitärer Denker jenes Schlages, wie George Orwell ihnschließlich aufspießen sollte. Sobald wir jedoch zwischen privater Auswahl (Ich brauche Stoff)und öffentlicher Auswahl (Rauschmittelgenuß vermindert meine allgemeine Fähigkeit, frei zusein) unterscheiden, wird klar, dass die Beschränkung der privaten Wahlmöglichkeit unsere realeFreiheit erweitern und so dazu beitragen kann, dass wir „gezwungen sind, frei zu sein“. Jean-Jac-ques Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts, Stuttgart 2003, S. 21.
 
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