Weltläufig werden

Buchkritik

1. February 2008 - 0:00 | von Simon Renaud

Internationale Politik 2, Februar 2008, S. 138 - 139

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Sicherheitspolitik, Deutsche Außenpolitik, Internationale Politik/Beziehungen, Globalisierung, Welthandel, Deutschland, Weltweit, Mitteleuropa

Globalisierung hin, Globalisierung her: Wer sich politisch oder wirtschaftlich international engagiert, ist gut beraten, die Strukturen und Gepflogenheiten einzelner Länder und Regionen zu kennen. Ein Postulat, das insbesondere von der Wirtschaft bislang nur allzu selten erfüllt wird, so die Autoren eines neu erschienenen Bandes.

Wieder ein Buch zum allgegenwärtigen Modethema „Globalisierung“? Der etwas irreführende Titel des Buches von Susanne Weiss, das eine Vielzahl von Beiträgen und Interviews anderer Publizisten und Wissenschaftler enthält, lässt eine Untersuchung der Frage erwarten, wie die Globalisierung Wirtschaft und Wissenschaft verändert. Tatsächlich aber will man sich dem Problem annehmen, dass es wissenschaftlichen Analysen und Entscheidungsträgern in der Wirtschaft oft an „Weltläufigkeit“ fehle. Erkenntnisse von Regionalstudien über den Nahen Osten, Asien, Afrika und Amerika, also fächerübergreifender Länderanalysen, bilden den Rahmen des Buches. Solche Regionalstudien, mahnen die Autoren, spielten in Deutschland noch eine zu geringe Rolle. Daneben stellen die Autoren die Frage, wie Wirtschaft und Wissenschaft besser zusammenarbeiten können, um die Herausforderungen der Globalisierung zu bewältigen.

Was etwa Afrika angeht, so wird beklagt, dass zu häufig über den Kontinent als Ganzes geurteilt würde. Das Hauptproblem etwa der Entwicklungshilfe bestehe darin, dass man versuche, Patentrezepte ohne Rücksicht auf lokale Gegebenheiten anzuwenden und ein europäisches Idealbild auf die afrikanischen Staaten zu übertragen. Tatsächlich handele es sich um eine ausgesprochen hetero-gene Region mit unterschiedlichen Erfolgsgeschichten und Problemen. Pauschal von genereller Armut zu sprechen sei zu einfach, da vielerorts eine gut funktionierende Subsistenzwirtschaft existiere. Der Staat habe eine weitaus geringere Bedeutung als in Europa, an seiner Stelle spielten Reziprozität, Ältestenräte und ähnliche Institutionen eine größere Rolle.

Oder der Nahe Osten: Er werde häufig mit dem Problem „des“ Islams in Verbindung gebracht, obwohl auch diese Region natürlich keineswegs homogen sei. Mehr noch als in Afrika seien Staaten hier künstliche Konstrukte aus kolonialen Zeiten und dementsprechend oft instabil. Auch und gerade in den ölreichen Staaten existierten gravierende Probleme wie etwa die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Saudi-Arabien; hier entspanne sich allerdings, der verstärkten Integra-tion in den Welthandel sei Dank, die Lage derzeit.

Bei den asiatischen Staaten wiederum sei in der Betrachtung des Westens oft Angst-, wenn nicht gar Panikmache zu beobachten. Der Blick habe sich dabei weg von Japan und hin zu Indien und insbesondere China gerichtet. Zu kurz komme die extreme Heterogenität in Sachen Religion und ethischer Basis, die zu völlig unterschiedlichen Sichtweisen etwa bei Themen wie Biotechnologie führe. Anders als im Westen aufgrund der überkommenen Klischees vielfach geglaubt, sei auch China heute ökonomisch gesehen kein übermäßig zentral gesteuerter Staat, und mit Mythen wie der legendären japanischen Arbeitswut sowie der garantierten lebenslangen Beschäftigung in einem Unternehmen sei es auch nicht mehr allzu weit her.

Bei der Betrachtung aller Regionen wird immer wieder betont, dass ökonomische und politische Theorien versagten, wenn man kulturelle und soziale Aspekte vernachlässige. Leider ist die Analyse hier ebenso pauschal wie man es an anderer Stelle selbst kritisiert, da es nicht „die“ ökonomische oder politische Theorie gibt. Wo und warum Erklärungen und Politikempfehlungen versagen, bleibt vage, ebenso die Frage nach Verbesserungsmöglichkeiten durch Regionalstudien. Möglicherweise hängen die Defizite des Buches auch damit zusammen, dass sehr viele Regionen und Länder betrachtet werden, aber jeweils nur wenige Experten zu Wort kommen. Die schwierige Frage nach einer -besseren Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft lässt sich nach der Lektüre mit der wenig befriedigenden Erkenntnis zusammenfassen, dass beide eine gemeinsame „Sprache“ finden müssten.

Trotz der genannten Schwächen bleibt ein gut lesbares, vielseitiges und aufgrund der Erfahrungsberichte unterhaltsames Buch mit der wichtigen Erkenntnis, dass eindimensionale, pauschale Schlussfolgerungen und Empfehlungen den Problemen der Regionen nicht gerecht werden. Dem Plädoyer für mehr Zusammenarbeit zwischen den Fachgebieten und fächerübergreifenden Studien kann man nur zustimmen.

Susanne Weiss u.a.: Wissenschaft und Wirtschaft in der Globalisierung – Regionalstudien in Deutschland. Weiss von Richthofen Verlag 2007, 196 Seiten, 39,95 € (Halbleinen), 32,95 € (Broschur)

SIMON RENAUD, geb. 1976, ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik an der Universität Jena.

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