Wie ich Putin fürchten lernte

Weicher Händedruck, harte Hand: Zu Empfang bei Russlands Präsidenten

1. February 2008 - 0:00 | von Sachar Prilepin

Internationale Politik 2, Februar 2008, S. 38 - 43

Kategorie: Politische Kultur, Staat und Gesellschaft, Politische Partizipation, Korruption, Medien/Information, Russische Föderation, Osteuropa, Mittel- und osteuropäische Länder

Unser Treffen galt nicht der Politik, und doch wurde es eine politische Lehrstunde. Zusammen mit anderen Künstlern wurde ich vom Führer unseres Landes eingeladen, als Schriftsteller, nicht Oppositioneller. Wladimir Putin stellte Fragen, ich gab Antworten – die falschen. Seitdem werde ich verfolgt, verhört, verhaftet. Noch bin ich auf freiem Fuß. Wie lange noch?

Ich erinnere mich schon nicht mehr, wie oft ich in den letzten Monaten festgenommen wurde, wie oft eingesperrt, wie viele Protokolle ich unterschreiben musste, wie viele Bußgelder zahlen. Sie fingen mich in Restaurants, auf der Straße, im Hof, in dem ich wohne, am häufigsten aber in Treppenhäusern. Besonders lebhaft sind mir die Festnahmen im Nachtzug nach Moskau vor Augen: Die Milizionäre kommen um fünf Uhr morgens herein, schalten im Abteil das Licht an, zerren mich halbnackt von meiner Pritsche herunter. Die Frau im Bett unter mir zieht die Decke hoch, betrachtet mich entsetzt und fragt sich, ob ich Triebtäter, Mörder oder Betrüger bin. Alles geht düster, ernsthaft vonstatten, Leute aus dem ganzen Waggon schauen zu, erfüllt von der Tragik der Situation. Auf dem Bahnsteig erwarten uns noch mehr Milizionäre. Ohne Scham fragen sie ihre Kollegen, die mich aus dem Waggon geholt haben: „Na, alles in Ordnung? Wir haben den ganzen Bahnhof auf den Kopf gestellt! Kommt ihr mit dem klar? Was ist das überhaupt für ein wichtiger Typ?“ Vor gut einem Jahr hatte ich noch Gelegenheit, mit dem Führer unseres Landes zu reden. Ich wurde allerdings nicht als Oppositioneller zum Präsidenten eingeladen, sondern als Schriftsteller, als Autor mehrerer Romane, zusammen mit anderen jungen Literaten.

Putin kam herein und gab jedem die Hand, auch den jungen Frauen. Er hat einen weichen, ruhigen Händedruck, versucht nicht, einem beim Händeschütteln alle Fingerknochen zu brechen. Sein Lächeln ist ebenfalls ruhig und weich. Ich bin der Meinung, ich hätte zurückgelächelt, aber ich bestehe nicht darauf. Alle, die mich im Fernsehen sahen, berichteten hinterher, ich hätte ein finsteres, unfreundliches Gesicht gemacht.

Wir nahmen Platz an einem ovalen Tisch in einem der Räume in Putins Residenz Nowo-Ogarjowo. Zur Rechten des Präsidenten saß ein Berater, zur Linken eine bezaubernde Frau, die junge Dramaturgin Anastasija Tschechowskaja. Wladimir Putin hielt eine kurze Begrüßungsrede, wobei er erklärte, ein Buch sei „ein stabiler Informationsträger, über dem man ohne Eile sitzen kann, nachdenken und reflektieren“. Außerdem sagte er: „160 Nationalitäten sprechen russisch, völlig unterschiedliche Menschen. Das heißt, die russische Literatur, die russische Sprache ist ein staatsbildender Faktor.“ Einige Jungschriftsteller redeten in ihren Antworten davon, man müsse die Literatur, die Literaten und die Literaturzeitschriften unterstützen. Putin stimmte allen zu und gebrauchte dabei dreimal das Wort „subventionieren“ und mindestens genauso oft das Wort „Staatsauftrag“.

Der Präsident war umgänglich und unkompliziert, er schaute den Leuten in die Augen, sein Blick war direkt und ruhig – die Schule eines professionellen Geheimdienstlers. Die Dramaturgin Anastasija Tschechowskaja unterbrach Putin mehrmals, sprang mit Worten ein, wenn er für einen kurzen Moment verstummte und eine treffendere Formulierung suchte. Er nahm ihre spontane Hilfe ohne das geringste Zeichen von Ärger an. Nach einer Minute bemerkte ich mit Entsetzen, dass Anastasija – wie mir schien – das Bein des Präsidenten streichelte. Aber dann tauchten unter dem Tisch schwarze Schlappohren auf, ich begriff erleichtert, dass Putins Hund unbemerkt hereingekommen war und den Kopf zwischen die Beine des Präsidenten und der Dramaturgin gesteckt hatte. Anastasija Tschechowskaja streichelte den Kopf des Hundes. Der offizielle Teil war vorbei, der Sicherheitsdienst bemerkte es an unsichtbaren Zeichen und bat die Journalisten hinaus. Die begannen noch 25-mal schneller zu fotografieren und verschwanden nach und nach.

Ernste Gespräche

Wir blieben ohne Beobachter zurück, zusammen mit dem Hund und dem Sicherheitsdienst. Die Zeit für ernste Gespräche war gekommen: Einer der Schriftsteller sprach den Präsidenten auf die nationale Idee an. Genauer, mein Kollege schlug vor, eine solche Idee gar nicht erst zu suchen – um sich nicht selbst einzuschränken, sondern vollkommen frei zu leben und sich hinterher nicht für falsche Ziele verantworten zu müssen.

„Wissen Sie, ich habe wirklich viel über dieses Thema nachgedacht“, antwortete der Präsident. „Und bisher ist mir nichts Gutes eingefallen.“ Gleichwohl äußerte Putin seine Sicht einer nationalen Idee: „Hauptaufgabe ist es, konkurrenzfähig zu sein. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Wirtschaft und in der Kultur.“

An dieser Stelle griff ich in die Unterhaltung ein. Ich muss dazu sagen, dass eine halbe Stunde vor Beginn des Treffens Leute aus der Präsidialverwaltung an mich herangetreten waren. Sie hatten mich gebeten, im Gespräch keine politischen Fragen anzuschneiden. Ich versprach es, hielt aber mein Wort nicht.

Ich sagte Wladimir Putin, es gäbe den Mythos vom inneren Verlangen der Russen nach einer harten Herrscherhand, nach Despotie und Tyrannei. Aber, so fuhr ich fort, erinnerten und schätzten die russischen Menschen das gute Herz eines Regierenden nicht weniger als Macht und Aggression. „Deshalb wünsche ich mir, dass Russland ein freies Land bleibt, in dem sich alle möglichen politischen Kräfte mit Politik beschäftigen können, ganz egal, ob sie links oder rechts stehen“, forderte ich. „Und vor allem ist es nötig, Wladimir Wladimirowitsch, alle Menschen zu amnestieren, die jetzt aus politischen Gründen in russischen Gefängnissen sitzen.“

Schon damals saßen über 20 meiner Kameraden, Anhänger der Nationalbolschewistischen Partei, in Haft, in der Regel aus nichtigen Anlässen. So gerieten einige junge Leute hinter Gitter, nachdem sie an einem Gebäude in Moskau ein riesiges Plakat aufgehängt hatten, auf dem stand: „Putin, geh selbst!“

„Glauben Sie, ich amnestiere niemanden?“, antwortete mir der Präsident ausweichend. „Manchmal sitze ich bis spät abends und lese Begnadigungsgesuche. Und unterschreibe sie, ohne sie zu Ende gelesen zu haben.“

„Dann erst recht“, beharrte ich. Obwohl ich wusste, dass die Anzahl der Begnadigungen in den letzten Jahren rückläufig war.

„Es wäre schön, wenn sich die russische Staatsmacht korrekt verhielte. Und sich niemand Ausdrücke wie etwa Wladislaw Surkow (stellv. Leiter der Kreml-Präsidialverwaltung, Anm. d. Red.) erlaubt, der gesagt hat, man müsse in Russland „die Äpfel über einen Kamm mit den Zitronen“ scheren. Damit meinte Surkow Grigorij Jawlinskijs Partei Jabloko (zu Deutsch: Apfel) und die Anhänger der Nationalbolschewistischen Partei Eduard Limonows, die als Limonowzy (zu Deutsch: Zitronen) bezeichnet werden.

„Ernsthaft?“ Der Präsident lachte gequält. „Surkow wird sie persönlich scheren? Das wusste ich nicht.“

„Ja, so hat er sich geäußert“.

„Und Sie sind einer der Vertreter dieser …“

„Ja ich gehöre zu den genannten Früchten.“

Putin nickte. Mit Ihnen ist alles klar, sagte sein Gesichtsausdruck.

„Wissen Sie, ich habe mich niemals mit Vertretern Ihrer Organisation getroffen“, sagte der Präsident. „Mit Jawlinskij habe ich geredet, aber mit Ihnen nicht. Und ich weiß bis jetzt nicht, was Sie wollen. Was Sie?“

„Wir wollen auf dem Feld realer Politik mitspielen. Dort, wo die Behörden jeder mehr oder weniger oppositionellen Organisation Probleme bereiten.“

„Nein, das stimmt nicht. Was wollen Sie konkret?“, insistierte Putin, während er sich vorbeugte und mir in die Augen schaute.

Klare Antworten

Es wurde klar, dass ich um eine Erklärung nicht herum kam. Zehn Minuten lang antwortete ich nach besten Kräften auf die Fragen des russischen Präsidenten. Ich sagte ihm, unser außenpolitischer Kurs lasse zu wünschen übrig, besonders was das aggressive Verhältnis zu Georgien, der Ukraine und Weißrussland angehe. Ich sagte ihm, dass ich die Position jener teile, die die Lage in Tschetschenien beunruhige. Das Leben dort habe sich bis heute nicht normalisiert, die trügerische Stabilität stütze sich ganz auf die Bajonette der föderalen Truppen. Die faktische Ernennung Ramsan Kadyrows zum Oberhaupt Tschetscheniens empfänden vor allem die Tschetschenen selbst als zutiefst unangenehm – schließlich sei er nicht gerade der demokratischste Herrscher. Viele unabhängige Journalisten beschuldigten Kadyrow einer Vielzahl von Verbrechen gegen die Bürger seines Landes.

Ich sagte, das Tempo, mit dem die Einkommen der Russen wüchsen, sei traurig wie früher. Begriffe wie Armut und Elend blieben weiter aktuell, was sich nicht nur in der demographischen Situation niederschlage, sondern auch im Zustand der Gesellschaft im Ganzen, ihrer Kultur.

Ich sagte, die Hilfe für junge Eltern, vor allem die Mütter, bliebe weiter mangelhaft. Als Vater dreier Kinder spürte ich selbst kaum ein Interesse des Staates daran, dass eben diese Kinder zur Welt kämen und zu gesunden, gebildeten Menschen aufwüchsen.

Ich sagte, die von den Behörden angepriesenen „nationalen Projekte“ taugten nicht als Allheilmittel zur Lösung der russischen Probleme. So sei das Nationalprojekt im Agrarsektor kollabiert, die Landwirtschaft bleibe außerstande, die Lebensmittelversorgung des Landes zu sichern. Die Verwirklichung eines anderen Projekts mit dem Namen „Erschwinglicher Wohnraum“ habe gar dazu geführt, dass sich die Mieten drastisch verteuerten, Wohnen erst recht unerschwinglich wurde. Ich könnte noch lange reden, schloss ich, doch sei ich gekommen, um meinem Staatsoberhaupt zuzuhören. Solange ich sprach, notierte sich Putin zu meinen Ausführungen Stichworte in einen kleinen Notizblock. Dann nickte er und begann, seinen Standpunkt darzulegen, wobei er immer wieder auf seinen Notizblock sah. Er verwarf alles, was ich gesagt hatte.

Der Präsident stellte klar, dass an den schwierigen Beziehungen zwischen Georgien, der Ukraine und Weißrussland in erster Linie die Führung jener Länder schuld sei. Und dass das tschetschenische Volk selbst Ramsan Kadyrow unterstütze, Russland kein Recht habe, den Willen der Tschetschenen zu missachten. Beide Aussagen erschienen mir zumindest fragwürdig, aber ich begann deshalb keinen Streit. Und was die Sozialversorgung der Bürger angehe, täten die Behörden nach Meinung Putins ebenfalls alles, was in ihren Kräften stehe.

„Bei uns wachsen die Löhne um elf bis zwölf Prozent jährlich, so ein Tempo gibt es in keinem anderen Land der Welt“, sagte er, ohne freilich zu erwähnen, dass das Tempo der Inflation in Russland genauso hoch ist. „Die Ausgaben des Haushalts können nicht schneller wachsen als die Wirtschaft. Aber bei uns wachsen die Ausgaben schneller als die Einnahmen“, erläuterte der Präsident. „Selbst, wenn wir die Stabilitätsreserven Russlands auf alle Einwohner verteilen, reicht das nicht für ein einziges Mal.“ Es lasse sich eben nicht ändern, dass Millionen von Menschen in Russland am Rande oder unterhalb des Existenzminimums lebten. Nachdem er fertig war, hatte Wladimir Putin alles säuberlich durchgestrichen, was er zuvor in seinem Notizblock notiert hatte.

Nun hielt es mein Freund Denis Guzko nicht länger aus, der Schriftsteller sprach sein Lieblingsthema an: die Gefahr des Nationalismus und die Notwendigkeit, die Skinheads einzusperren.

Der Präsident sah währenddessen mit Wohlgefallen auf mein kahles Haupt.

„Einsperren und dann amnestieren?“, fragte er Guzko.

„Wieso?“, lachte Guzko.

„Beraten Sie sich mit Prilepin und kommen Sie zu einer konsolidierten Meinung“, antwortete Putin.

Absurdes Treiben

Nach dem Treffen hegte ich für einige Monate die Illusion, der Präsident habe wenigstens meine Bitte, die politischen Häftlinge zu amnestieren, nicht aus seinem Notizblock gestrichen. Doch inzwischen ist mehr als ein Jahr vergangen und nicht einer meiner Kameraden wurde begnadigt. Im Gegenteil, je näher die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen rückten, umso aggressiver wurde die Staatsmacht. Auch wenn ich nicht daran geglaubt habe, dass mein Treffen mit dem Staatsoberhaupt für mich als Aktivisten der russischen Opposition ein Freibrief sein würde – was mir danach passierte, ist zum Teil einfach absurd.

Die Miliz hat mich immer wieder aus dem Nachtzug geholt. In letzter Zeit erwarten die Beamten mich allerdings gleich auf dem Bahnsteig, wobei sie die Pässe aller Reisenden kontrollieren. Ich rufe ihnen schon von weitem zu: „Ich bin hier, ja hier, Platz 15, Prilepin.“ Dann lassen sie die übrigen Passagiere in Ruhe und warten, bis ich ausgestiegen bin. Sie bringen mich auf die Wache und fragen mich, was ich in Moskau gemacht habe (wenn ich aus Moskau nach Nischnij Nowgorod zurückgekehrt bin) oder warum ich nach Moskau gekommen bin (wenn ich dorthin gefahren bin). Ab und an kommen Polizeibeamte zu mir nach Hause oder meine Frau wird angerufen und bedroht („Dein Mann landet im Gefängnis, hast du das verstanden?“). Das Internet wird mir abgeklemmt, man greift mich an jedem beliebigen Ort in der Stadt auf. Ich bin mir seit langem sicher, dass mein Telefon abgehört wird, doch offenbar werde ich auch beschattet. Kurz gesagt, mich überkommt von Zeit zu Zeit das Gefühl, ich lebe in irgendeinem afrikanischen Land. Meine

Gesinnungsgenossen traf es noch viel schlimmer. Einem Jungen brachen die Milizionäre das Rückgrat, weil er mit einer Fahne auf das Dach von McDonalds in Nischnij Nowgorod kletterte. Er wird sein Leben lang querschnittsgelähmt sein. Dabei haben wir nichts Schlechtes getan. Wir vertreten lediglich Ansichten zur Lage im Land, die um einiges von den Ansichten der Leute abweichen, die an der Macht sind – und rufen nicht einmal dazu auf, ihnen diese Macht mit Gewalt zu entreißen.

Zum Glück bin ich noch auf freiem Fuß, wie die meisten meiner Mitstreiter. Offenbar schulden wir der Staatsmacht allein dafür äußersten Dank. Dass wir noch nicht einmal die Möglichkeit haben, viele unserer Bürgerrechte in Anspruch zu nehmen, von der Versammlungsfreiheit bis zum Wahlrecht, das scheint nicht mehr wichtig zu sein. Und so hoffe ich auch nicht mehr, dass man mich noch einmal zu einem Treffen mit unserem Staatsoberhaupt einlädt, bei dem ich fragen könnte, was er mit einer solchen Einstellung gegenüber den Bürgern seines Landes erreichen will. Ich habe nicht die geringste Lust auf solch ein Treffen – meine Fragen werden dort ohnehin unbeantwortet bleiben.

Im Grunde beantwortet der Staat mit seinem Verhalten all unsere Fragen: Er betrachtet sich als einziges Subjekt der Politik, der Ideologie, der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens. Die Meinung seiner Bürger ist entweder zweitrangig oder wird vollkommen missachtet.

Ich habe nicht das Gefühl, dass ein Land lange existieren kann, in dem die Grundvorstellungen von Wahrheit, Freiheit und Ehre so unterschiedlich sind. Ich habe Angst um meine Heimat. Dabei stellt Wladimir Putin als Person keinen Faktor dar, der die Situation wesentlich bestimmt. Bald wird er sein Amt als Präsident abgeben, ein anderer wird kommen. Es ist offensichtlich, dass das politische System Russlands auf die Unterdrückung Andersdenkender baut, auf totale Korruption und die Privatisierung nationaler Reichtümer. Und deshalb nicht lebensfähig ist.

Übersetzung: Stefan Scholl

 
SACHAR PRILEPIN, geb. 1975, ist Schriftsteller und Publizist. Er gehört zu den lokalen Führern der verbotenen linksradikalen Nationalbolschewistischen Partei in Nischnij Nowgorod und ist dort Herausgeber und Chefredakteur der oppositionellen Nowaja Gaseta. Sein jüngster Roman: „Grech“.

 
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